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„Was, du glaubst noch an Gott?“

Interview mit Professor Dr. Michael Rosenberger rund um das Thema „Wallfahrt“ – „Wir müssen damit leben, dass sich die Formen, in denen sich christlicher Glaube ausdrückt, verändern“

Würzburg/Linz (POW) Sonntags bleiben viele Kirchenbänke leer. Die traditionelle Gottesdienstform in den Kirchen erreicht die Menschen nur noch wenig. Stattdessen gehen viele Menschen auf Wallfahrt – und entdecken Gott in der Natur. Professor Dr. Michael Rosenberger erklärt im Interview die Gründe für diese Entwicklung. Vor diesem Hintergrund bewertet er auch das im Bistum Würzburg großgeschriebene Projekt „Gemeinsam Kirche sein – Pastoral der Zukunft“. Rosenberger ist Priester der Diözese Würzburg und hat den Lehrstuhl für Moraltheologie an der Katholischen Privatuniversität Linz inne. Auf der Internetseite des Wallfahrtsservices (www.wallfahrtsservice.de) in der Diözese beantwortet er Fragen rund um das Thema „Wallfahrt“.

POW: Professor Rosenberger, man gewinnt den Eindruck, Gottesdienste verlieren an Attraktivität. Die Kirchliche Statistik 2016 der Deutschen Bischofskonferenz besagt: Im Bistum Würzburg gibt es rund 755.000 Katholiken, nur mehr als 97.000 davon aber besuchen den Sonntagsgottesdienst. Wallfahrten und Pilgerreisen dagegen boomen. Woran liegt diese Entwicklung?

Professor Dr. Michael Rosenberger: Ich würde zunächst einmal sagen, Gottesdienste verlieren nicht an Attraktivität, sie werden aber weniger besucht. Das hat sicher auch damit zu tun, dass die Konkurrenz an anderen Veranstaltungen sehr hoch geworden ist. Früher war am Sonntagvormittag der Gottesdienst das Einzige, das für die Leute interessant war. Warum sind dann aber Wallfahrten so gegen den Trend? Das finde ich ganz spannend. Wallfahrten bedienen eigentlich verschiedene Bedürfnisse des modernen Menschen, die er woanders nicht befriedigen kann.

POW: Welche zum Beispiel?

Rosenberger: Zum Beispiel die große Naturnähe. Wallfahrten spielen sich draußen ab. Der Mensch ist heute aber fast nur noch in der Stadt unterwegs. Das heißt, die Menschen erleben in ihrem Alltag immer weniger Natur. Sie suchen in ihrer Freizeit nach Möglichkeiten, die Natur zu erleben. Das tun sie aber nicht nur bei einer Wallfahrt, es gibt auch andere Formen. Außerdem leben wir in einer sehr anonymisierten Gesellschaft. In der Stadt bin ich ein Nobody. Beim Pilgern spielt Geborgenheit und Ansehen aber eine große Rolle. Es gibt in Würzburg vielleicht 30 oder 40 Leute, die zu Fuß von Würzburg nach Santiago de Compostela gehen. Aber in meinem Bekanntenkreis bin ich womöglich der Einzige, dann bin ich wieder jemand.

POW: Welche Vorteile sehen Sie in dieser Entwicklung?

Rosenberger: Ich sehe es zunächst einmal neutral. Ich stelle fest, der Mensch hat ein Bedürfnis nach Natur. Und das versucht er zu verwirklichen. Dann kommt die Frage: Wie weit sind wir als Kirche bereit, diesem Bedürfnis ein entsprechendes Angebot zu machen? Die Wallfahrt ist eben eine Möglichkeit. Es gibt andere, die auch sehr beliebt sind. In den südbayerischen Diözesen sind es zum Beispiel die Bergmessen. Es ist also nicht so, dass die Menschen nicht den Gottesdienst suchen, sondern sie suchen ihn in einem anderen Kontext als in dem, wo wir ihn klassisch erleben, nämlich in der Kirche.

POW: Die Begeisterung für Wallfahrten ist also eigentlich nichts Neues, sondern eine religiöse Rückbesinnung auf das, was die Menschen schon vor Jahrhunderten gemacht haben?

Rosenberger: Ja, aber es hat heute eine andere Motivation. Dieses Naturbedürfnis hat der Mensch früher nicht gehabt, wenn er auf Wallfahrt ging. Da haben die meisten auf dem Land gelebt. Sobald der Mensch in der Stadt lebt, muss die Naturnähe irgendwo anders befriedigt werden. Dazu kommt, dass wir in einer Welt leben, in der alles angezweifelt wird. Das geht sogar bis in die religiösen Fragen hinein. Bis vor 50 Jahren war für die Menschen klar, dass es Gott gibt und der christliche Glaube in Ordnung ist. Heute sagen die Leute: „Was, du glaubst noch an Gott? Ja, bist du noch gescheit?“ Jetzt brauchen wir Menschen aber Dinge, die keiner hinterfragt. Sonst zerfließt unsere Identität zwischen den Fingern. Wenn Sie auf Wallfahrt gehen und Sie haben einen Sonnenbrand im Gesicht oder Blasen an den Füßen, kann das niemand bezweifeln. Das ist wirklich so. Wir haben heute das Gefühl, dass unser Körper das Einzige ist, das niemand hinterfragen kann. Denn wir spüren Schmerzen und Sinneseindrücke. Das brauchen wir, das gibt uns Sicherheit.

POW: Was müsste der Gottesdienst denn anders machen, um wieder attraktiver zu werden?

Rosenberger: Wir müssen damit leben, dass sich die Formen verändern, in denen sich christlicher Glaube ausdrückt. Wir haben in unserem Alltag sehr wenige Möglichkeiten, unseren Körper zu erleben. Gottesdienste müssten zum Beispiel körperbetonter werden: Im Gottesdienst mehr gehen – das würde bei vielen Kirchen bedeuten, dass man die Anordnung der Bänke verändern müsste. In Frankreich gibt es in vielen der großen gotischen und romanischen Kathedralen „Son et lumière“ (Anm. d. Red. „Klang und Licht“) – ich finde das eine ganz geniale Gottesdienstform. Da wird im Gottesdienst nur Musik gespielt, und es wird alles schön beleuchtet. Viele gehen währenddessen meditativ und ganz langsam herum. Ich finde das klasse, dadurch entdecken sie auch den Raum ganz anders. Gottesdienste körperbetonter zu machen, das könnte auch heißen, bei der Eucharistie richtiges Brot zu verwenden. Im Idealfall – ich provoziere immer gerne ein bisschen, damit man nicht nur zu eng denkt – würde ich sogar vorschlagen, dieses Brot in der Kirche zu backen. Dann zieht der Duft des Brotes durch den Kirchenraum. Das wäre ein Einbezug der Sinnesorgane. Man riecht etwas, man schmeckt etwas.

POW: Trotzdem halten viele an der traditionellen Gottesdienstform fest. Welche Menschen gehen denn in den Gottesdienst und welche auf Wallfahrt?

Rosenberger: Ganz signifikant ist, dass beim Wallfahren viel mehr Männer dabei sind als im normalen Gottesdienst. Dort sind etwa zwei Drittel Frauen. Das ist auch plausibel: Dieses körperliche „Sich-ausagieren-können“ entspricht eher den männlichen Bedürfnissen, im Gegensatz  zum ruhigen Sitzen. Es ist eine Chance, über eine körperbetonte Form der Spiritualität die Männer besser zu erreichen als mit den üblichen Gottesdienstangeboten.

POW: Die Lebenswirklichkeit der Menschen hat sich durch die Globalisierung und neue technische Errungenschaften verändert. Ist es auch ein Problem, dass Gottesdienste nicht die Lebenswirklichkeit der Menschen widerspiegeln können?

Rosenberger: Ja, teilweise ist das ein Problem. Die richtig tollen Pfarrer haben in ihren Pfarreien de facto aber nur einen geringfügig höheren Kirchenbesuch als die weniger guten. Es hat also offensichtlich nicht so sehr mit der Qualität dessen zu tun, was wir dort sagen, sondern eher mit der Art und Weise, wie wir es tun. Und das hängt weniger vom Prediger ab, sondern mehr vom Setting, also den Gegebenheiten. Das ist eine Frage, die sich auch an den Pfarrgemeinderat richtet. Da gibt es aber ein strukturelles Problem, das die meisten Pfarrer und Pastoralreferenten kennen: Die Mitglieder der Pfarrgemeinderäte sind meistens jene Leute, die regelmäßig zum Gottesdienst kommen. Also denen es passt, so wie es ist. Und die, die nicht zur Kirche kommen, sind dort nicht repräsentiert und häufig kennen sich die beiden Gruppen auch gar nicht. Die Frage, ob man das Angebot grundsätzlich neu formulieren muss, kommt also oft gar nicht in den Blick.

POW: Ist das ein Problem, das auch das Würzburger Konzept der „Gemeinsam Kirche sein – Pastoral der Zukunft“ aufgreifen sollte? Schließlich hat das Projekt den Ansatz: Kirche kann nur dann weiterbestehen, wenn sich möglichst viele daran beteiligen.

Rosenberger: Man sollte einmal in jeder Pfarrei zehn Leute bitten, die seit Jahren nicht mehr in die Kirche gehen, oder vielleicht sogar nie Mitglied in der Kirche waren, einen Nachmittag oder Abend zur Verfügung zu stellen. Dann könnte man sie fragen, was sie sich wünschen und zu welchen Angeboten sie kommen würden. So müsste man es machen: „Lieber Atheist, der du mein Nachbar bist, lieber Noch-Christ, wir wollen dich ernsthaft befragen. Wir wollen wissen, was du brauchst.“ Ich glaube, da würden manche Dinge zum Vorschein kommen, die uns die Augen öffnen würden.

Interview: Bernadette Weimer (POW)

(2218/0531; E-Mail voraus)

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