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Aus dem brasilianischen Partnerbistum Óbidos

„Früher war hier ein richtiges Paradies“

Pastorale Lern- und Studienreise in das brasilianische Partnerbistum Óbidos – Besichtigung im Bauxit-Abbaugebiet von Alcoa – Einwohner von Prudente erzählen von Umweltschäden – Dörfer kämpfen gemeinsam um Entschädigungen

Juruti/Prudente (POW) „Früher war hier ein richtiges Paradies.“ Elci breitet die Arme weit aus. Er ist Gemeindeleiter der „comunidade“ Prudente. Das Dorf liegt an einem See, der vom Amazonas gespeist wird, und gehört zu Juruti Velho. Rings um Prudente scheint die Natur noch intakt. Hinter den Häusern wuchert üppig der Regenwald. Doch die Dorfbewohner spüren die Auswirkungen des Bauxitabbaus, den der US-amerikanische Konzern Alcoa seit mittlerweile fast zehn Jahren in der Region um Juruti betreibt. Mit Unterstützung der Franziskanerinnen von Maria Stern in Juruti Velho kämpfen die Einwohner der Gemeinden Prudente und Monte Sinai gemeinsam um Entschädigung für den Verlust ihres Landes und für die Umweltschäden. Eine sechsköpfige Delegation aus dem Bistum Würzburg unter der Leitung von Pastoralreferentin Christiane Hetterich vom Referat Mission-Entwicklung-Frieden informierte sich bei einer pastoralen Lern- und Studienreise über die Situation der Menschen am Amazonas. Dabei besichtigten die Teilnehmer auch das Abbaugebiet von Alcoa und sprachen mit den betroffenen Menschen.

Wenn die Menschen in Prudente über Alcoa sprechen, erzählen sie vom Berg, der hinter dem Dorf liegt. Früher wuchsen dort Paranussbäume, sagt eine junge Frau. Ihr Vater sei Fischer und habe Paranüsse gesammelt. „Als Kind habe ich viele Paranüsse gegessen“, erinnert sie sich. Doch als Alcoa vor rund zehn Jahren mit dem Abbau von Bauxit begann, wurde der Regenwald abgeholzt – und mit ihm die Paranussbäume. „Die Familien haben die Nüsse gesammelt und verkauft. Das ist jetzt Geschichte. Es ist keine gute Idee, dass Alcoa hierhergekommen ist.“ Es mache die Menschen traurig, wenn sie jetzt den Berg hinaufsehen, ergänzt Anderlon. Er ist Wortgottesdienstleiter in Prudente. Als Alcoa kam, hätten die Menschen im Gegenzug auf Arbeitsplätze gehofft. „Anfangs wurden ungelernte Arbeitskräfte gebraucht. Das waren vor allem Stellen, bei denen Muskelkraft gebraucht wurde“, erzählt er. „Jetzt brauchen sie Fachkräfte. Keiner vom Dorf arbeitet noch bei Alcoa.“ Auch die versprochenen Entschädigungen seien ausgeblieben. „In der Region müsste sich schon ganz viel geändert haben, aber das ist nicht der Fall.“

Bei einer von Alcoa organisierten Besichtigung wird das enorme Ausmaß der Umweltzerstörung deutlich. Ein Bus bringt die Teilnehmer über mehrere Meter breite, holprige Straßen in das Abbaugebiet hinein, das mitten im Regenwald liegt. Ringsum türmen sich Berge von rotbraunem und ockerfarbenem Erdreich. Die Bauxit-Schicht liege rund zwölf Meter unter der Erdoberfläche, hatte eine Alcoa-Mitarbeiterin zuvor bei einem Vortrag erklärt. Rund 700 Millionen Tonnen des Gesteins, das als Grundstoff für die Herstellung von Aluminium dient, soll es in der Gegend um Juruti geben. Nicht nur für den Abbau wird Regenwald abgeholzt, sondern auch für den Transport und für die Industrieanlagen, in denen das Gestein aufbereitet wird. So wurde beispielsweise ein insgesamt rund 55 Kilometer langes Schienennetz gebaut, um das Gestein bis an den Hafen zu bringen. Für das Waschen und Verladen wurden große Anlagen gebaut. „Mein Herz ist traurig“, sagt Sternschwester Deca Amaral beim Anblick des Industriekomplexes.

Die Sternschwestern, allen voran Schwester Brunhilde Henneberger aus Randersacker und Schwester Johannita Sell aus Hammelburg, standen den Dorfbewohnern zur Seite, um ihre Rechte gegenüber Alcoa zu verteidigen. Mit ihrer Hilfe wurde im Jahr 2004 die Bürgerinitiative „Acorjuve“ (Associação das Comundades da Região de Juruti Velho) gegründet. Dieser gelang es, dass das Terrain, auf dem Alcoa Bauxit gewinnt, den Gemeinschaften von Juruti Velho als kollektiver Landtitel zugesprochen wurde. Der Konzern muss die Bürger nun für den Verlust des Landes entschädigen. Fast 47 Millionen Reals, umgerechnet rund zehn Millionen Euro, habe Alcoa seit dem Jahr 2009 an die Bürgerinitiative gezahlt, sagte eine Vertreterin des Konzerns bei der Besichtigung. Mit dem Geld sollen Projekte für die Gemeinden finanziert werden.

Doch die Korruption, ein großes Problem in Brasilien, habe auch die Bürgerinitiative erfasst, erklärt Elci: „Sie stellt kein Geld für unsere Projekte zur Verfügung.“ Bislang sei lediglich ein Brunnen finanziert worden. Zwar habe Alcoa vor vier Jahren ein vorgezogenes Weihnachtsfest für die Gemeinde organisiert und dabei auch 3000 Dollar gespendet, erzählen die Gemeindemitglieder. Von dem Geld habe man einen Generator angeschafft. Für die dringend nötige Reparatur des Wassertanks haben die Familien nun jedoch selbst gesammelt. Die Gemeinden Prudente und Monte Sinai haben deshalb einen eigenen Verein gegründet. Gemeinsam verfügen sie über ein Gebiet von rund 5500 Hektar. „Wir wollen für diese Fläche einen eigenen Vertrag mit Alcoa abschließen“, erklärt Vereinsvorsitzende Valdiva Maciel De Souza. Mit den Entschädigungen sollen Familien unterstützt und Projekte finanziert werden. Auch sei geplant, Geld für die Studiengebühren der Kinder zurückzulegen.

An den Folgen für die Umwelt wird das nichts ändern. Zwar wird nach Angaben von Alcoa etwa 65 Prozent der Abbaufläche wieder aufgeforstet. Dafür werde beim Abbau die oberste Bodenschicht gesichert und nach Abschluss der Arbeiten wieder aufgebracht, zusammen mit Wurzelwerk, Baumkronen und Mutterboden aus dem Urwald, wie Umweltingenieurin Susiele Tavares erklärt. Dabei arbeite man auch mit 16 Dörfern in der Umgebung zusammen, die pro Jahr rund 60.000 Pflanzen für die Wiederaufforstung zögen. Alcoa kaufe den Familien diese Pflanzen ab. Tavares führt die Besucher auch in eines der wieder aufgeforsteten Gebiete. Innerhalb von zwei Jahren seien die Pflanzen rund drei Meter hoch nachgewachsen, erläutert sie. Im Vergleich zu unberührtem Regenwald ist die Vegetation noch sehr niedrig. „Es wächst nur Gebüsch“, sagt Anderlon. „Die großen Bäume, in denen Vögel nisten, fehlen.“

De Souza hat eine weitere Beobachtung gemacht. „Seit der Abholzung sind die kleinen Nebenflüsse nicht mehr zuverlässig. Manchmal ist einer ausgetrocknet, manchmal nicht.“ Auch die Luftfeuchtigkeit habe abgenommen. Der Fischfang sei schwieriger geworden, ergänzt Anderlon. „Früher waren die Netze der Fischer sauber. Jetzt sind sie ganz gelb, grün vor Algen, und es sind nur wenige Fische drin.“ Das Flusswasser sei früher klar gewesen und man habe es trinken können, fährt De Souza fort. „Heute ist alles brauner Schlamm. Die Kinder bekommen davon Durchfall.“ Eine weitere Sorge treibt sie um. Im Jahr 2015 brachen in der Eisenerzmine Samarco im Süden Brasiliens die Dämme eines Rückhaltebeckens. Dabei liefen laut einem Bericht in der „Zeit“ 50 Millionen Tonnen giftiger Schlamm aus, begruben ein Dorf unter sich und verunreinigten den Fluss Rio Doce. Das Gleiche, befürchtet sie, könnte auch bei einem der Wasserbecken passieren, in denen das abgebaute Gestein gereinigt wird. „Wir sind einfache Leute“, sagt Elci. „Alles kommt aus unserem Glauben und unserer Kraft. Nur Gott kann uns noch helfen.“

sti (POW)

(3718/0876; E-Mail voraus)

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