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Auch der Milchkaffee bleibt schwarz

„Café Blind Date“ lässt Sehende im Dunkeln tappen – Kooperation von Café Domain und Deutscher Pfadfinderschaft Sankt Georg will für Probleme von Blinden und Sehbehinderten sensibilisieren

Würzburg (POW) Der Teller macht ein dumpfes „Klock“, als Manfred Kammer ihn auf den Tisch stellt. Porzellan trifft auf Holz. Sofort strecken die zehnjährige Alina und ihre Mitschülerin Kathrin die Hände nach den Süßigkeiten aus, die auf dem Teller liegen. Sie greifen nach den eingepackten Weingummis und reißen die Tütchen auf. „Wo ist denn der Teller?“, fragt ihr Klassenlehrer Ferdinand Kaiser. Seine Hand tastet suchend über den Tisch. Im Raum ist es stockdunkel.

Im Café Domain im Kilianeum-Haus der Jugend fehlt noch bis Freitag, 25. Oktober, das Licht. Während der Projektwoche lädt die Einrichtung unter dem Titel „Café Blind Date“ Besucher ein, ihre eigenen Erfahrungen im Dunkeln zu machen und sich mit Blinden und Sehbehinderten auszutauschen. Gerade wagen sich 27 Fünftklässler aus der Mittelschule in Gaukönigshofen in die Dunkelheit. Frederik Merkt von der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) beschreibt den Bildungsauftrag des Projektes: „Wir wollen die jungen Menschen für die Situation von Sehbehinderten sensibilisieren.“ Im Café Blind Date könnten sie nachempfinden, wie es ist, blind zu sein.

Alina hat zwar beide Augen aufgerissen, sieht aber trotzdem nur schwarz. Als sie sich hinsetzt, greift sie zuerst die Rückenlehne ihres Stuhls und lässt sich dann ganz langsam auf die Sitzfläche sinken. Auf dem Stuhl gegenüber von Alina setzt sich Manfred Kammer hin. Der 57-Jährige wurde mit dem grauen Star geboren. Eine Netzhautoperation als Baby half, drei Prozent seiner Sehstärke zu retten. Drei Prozent, damit kann Kammer selbst Konturen nur schwer erkennen. „Heutzutage werden die Kinder mit grauem Star sofort nach der Geburt operiert. Die Ergebnisse sind besser“, erklärt Kammer. Manche haben nach der Operation noch 50 Prozent Sehstärke, andere 60 oder sogar 70 Prozent.

Sechs Sehbehinderte helfen den Besuchern durchs Café Blind Date, bringen Getränke an die Tische und beantworten Fragen rund um ihren Alltag. Manche von ihnen können wie Kammer seit ihrer Geburt nicht richtig sehen, andere sind erst im Erwachsenenalter erblindet. „Solche Leute fallen dann oft in eine depressive Phase“, erzählt Kammer. Aber da kämen die meisten wieder raus. „Ich habe viele Sehbehinderte in meinem Freundeskreis, die sind alle sehr lebensfroh. Wir reden viel. Wenn eine Gruppe von zehn Blinden in eine Kneipe kommt, da ist aber was los!“ Seine Zuhörer lachen.

Kammer steht vom Tisch auf und holt das Tablett mit den vier Getränken. Nacheinander stellt er die kleinen Glasflaschen ab und reicht jedem sein gewünschtes Getränk. „Wie erkennst du, wer was bekommt?“, will Dorothea wissen. Kammer reicht der Zehnjährigen ihre Cola und zeigt ihr die markanten Rundungen am Bauch der Flasche. Jede Sorte fühle sich anders an, sagt er. Ferdinand Kaiser bekommt eine Tasse Kaffee und ein Päckchen Kondensmilch. „Ich dachte die Milch wäre schon drin“, sagt der Lehrer und hantiert im Dunkeln mit dem Päckchen. Während Kaiser, ohne einen Tropfen zu verschütten, die Milch in seinen Kaffee kippt, gibt Kammer Einblick in sein Leben. Wenn der 57-Jährige nicht im Café Blind Date bedient, arbeitet er als Klavierstimmer. Zuvor hat er eine Ausbildung als Masseur gemacht. Dabei hat Kammer auch seine Frau kennen gelernt, die ebenfalls sehbehindert ist. „Mein Opa ist auf einem Auge blind. Der kommt damit auch klar“, erzählt Dorothea.

„Und wie ist das mit der Uhrzeit?“, fragt Kaiser. Als Antwort legt Kammer seine Uhr auf den Tisch, um den anderen die Vibrationen zu demonstrieren. Drei Tasten helfen beim Erkennen der Uhrzeit. Die erste gibt die Stundenanzahl wieder, die zweite die Zehnerminuten, die dritte die einzelnen Minuten. Eine lange Vibration bedeutet fünf, eine kurze eins. Alle zählen mit: Es ist 9.41 Uhr. „Nun ist die Zeit schon wieder rum“, bemerkt Kammer und bittet alle, vom Tisch aufzustehen. Alina legt ihre rechte Hand auf Dorotheas Schulter, die direkt vor ihr wartet. So stehen alle Kinder hintereinander in einer Reihe, ganz hinten ihr Lehrer Kaiser. Kammer führt die Gruppe Schritt für Schritt erst durch die erste Tür, bevor er die zweite Tür zum hellen Foyer öffnet. Blinzeln. Das Sonnenlicht strahlt den Kindern ins Gesicht. Einige kneifen die Augen zu.

„Angst hatte ich da drin keine. Ich habe mich immer an meine Führerin, die Irmgard, gehalten“, erzählt der zehnjährige Stefan stolz. Auch Dorothea hatte keine Angst: „Aber für meinen kleinen Bruder wäre das viel zu gefährlich. Der hätte sich überall gestoßen.“ Beim Herausgehen dreht sie sich ein letztes Mal um und sieht zum ersten Mal ihren Tischnachbarn Kammer. Er trägt ein kariertes Hemd, darüber eine schwarze Weste. Sein grauer Vollbart ist kurz gehalten. Auf dem Kopf sitzt eine erdfarbene Kappe.

Sozialpädagoge Klaus Schätzlein vom Café Domain wartet schon auf die Jungs und Mädchen. Nun folgt der Selbstversuch. In der Hand hält er einen weißen Blindenstab, den er als verlängerten Zeigefinger über den Fußboden gleiten lässt. In Zweiergruppen können die Schüler testen, wie gut sie sich als Blinde zurechtfinden. Der zehnjährige Stefan schnappt sich einen Stock, setzt sich die blickdichte Brille auf und versucht, durch den Ausgang auf den Hof des Kilianeums zu gelangen. Immer an seiner Seite ist sein sehender Klassenkamerad, der Stefan stoppt, sobald er zu fallen droht.

So wie die fünfte Klasse aus Gaukönigshofen können Schulklassen und andere Gruppen bis maximal 30 Personen das Café Blind Date auch außerhalb der Projektwoche besuchen. „Wir behandeln gerade das Thema Behinderung im Unterricht, da passt der Besuch hier gut“, sagt Klassenlehrer Kaiser. Seit 2010 finden in regelmäßigen Abständen auch Abendtermine mit Kulturprogramm statt, zu denen jeder kommen kann. Weil die Plätze im Café Blind Date begrenzt sind, sollten sich Interessierte vorher im Domain anmelden. Merkt findet das Projekt eine gelungene Kooperation zwischen den Pfadfindern und dem Jugendcafé Domain: „Das Domain hat den Raum und wir haben die Blinden.“ Die sind sehr wichtig, findet Merkt: „Als Profis sind sie einfach authentischer.“ Bei den Pfadfindern sei es ganz normal, Behinderte  in Aktionen und Projekte  mit einzubinden.

Nähere Informationen und Anmeldung zum Café Blind Date im Café Domain, Telefon 0931/38663091, E-Mail café-domain@web.de.

Christoph Niekamp (POW)

(4413/1089; E-Mail voraus)

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