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„Aus Euren Fingern kommt ein Lichtstrahl“

Würzburger Mädchenkantorei im Partnerbistum Mbinga
Domkapellmeister Alexander Rüth gibt im Partnerbistum Mbinga Workshop für ehrenamtliche Chorleiterinnen und Chorleiter – Tansanische Musizierfreude trifft auf deutschen „Werkzeugkasten“

Mbinga/Würzburg (POW) Ein fast leerer Raum, ausreichend Plastikstühle, eine Schiefertafel und ein Chor: Mehr hat es nicht für den Dirigenten-Workshop in Mbinga im gleichnamigen tansanischen Partnerbistum gebraucht. Initiiert hatte die Veranstaltung Domkapellmeister Alexander Rüth. Er war vom 27. August bis 11. September mit den 43 Sängerinnen der Mädchenkantorei auf einer Konzertreise in Tansania. Die Idee, einen solchen Kurs anzubieten, kam ihm bei der Vorbereitung der Reise. „Ich wusste von unserem Afrikareferenten Burkhard Pechtl, dass da viel in den Kinderschuhen steckt und ein großer Bedarf ist, die Ausbildung ein bisschen voranzutreiben“, erzählt Rüth. Neben seiner Arbeit bei der Würzburger Dommusik ist er auch in der Ausbildung von Chorleiterinnen und Chorleitern an den Musikhochschulen in Würzburg und Mannheim tätig und es reizte ihn, über die Bildungsarbeit auch in Kontakt mit den Musikschaffenden in der Partnerdiözese zu kommen.

Über Father Aidan Nchimbe, Liturgiereferent des Bistums Mbinga, wurden die ehrenamtlichen Chorleiter der Diözese Mbinga für Samstag, 5. September, ins Pfarrzentrum Sankt Aloyce in der Bischofsstadt Mbinga eingeladen. Für Rüth war das Setting völliges Neuland. Weder wusste er vorab, wie viele Interessierte der Einladung folgen würden, noch war ihm klar, welche Voraussetzungen die Teilnehmenden mitbringen. Mit etwas Verspätung waren es am Ende 30 Interessierte, darunter fünf Frauen, die sich in dem einfach eingerichteten Raum neben der Pfarrkirche Sankt Aloyce einfanden. Sie hatten für diese Fortbildung teilweise weite Anreisen von 60 Kilometern und mehr in Kauf genommen, was aufgrund der Straßensituation durchaus bis zu zwei Stunden Fahrt bedeuten konnte.

„Spannend war für mich zunächst, dass man dort aus Höflichkeit erst mal eine Reserviertheitshaltung einnimmt“, beschreibt Rüth die Ausgangssituation. Auch für die Teilnehmenden war so ein Fortbildungsangebot völlig neu. Es brauchte erst mal einen Eisbrecher, damit man ein bisschen ins Experimentieren kommen konnte. Chorleiten bedeutet laut Rüth, mit dem Körper zu spielen, sich zu trauen, sich frei zu bewegen. Er motivierte deshalb auch schnell und ohne lange Vorreden zum praktischen Ausprobieren. So probierte er mit den Ehrenamtlichen, sich ganz frei zu bewegen und das Körpergefühl zu entwickeln: mit den Armen schwingen, bewusst Atmen, die Verbindung zwischen Bewegung und Atmen spüren. „Es war spürbar, dass da viel Talent zur Imitation da war. Das unterscheidet die Tansanier vielleicht auch ein bisschen von meinen deutschen Schülern“, beobachtete Rüth. Er sprach mit den Chorleitern Englisch und es wurde schnell klar, dass eine Übersetzung in Swahili nicht nötig war: „Wenn es nicht die Sprache war, dann waren es die Gesten, die Bildsprache, das gemeinsame Experimentieren, die uns schnell auf einen gemeinsamen Weg gebracht haben.“

Dirigieren alleine erzeugt noch keinen Klang, es muss viel mit Suggestion gearbeitet werden. Deswegen schärfte Rüth den Blick der Chorleitenden darauf, den Fokus auf die Hände zu legen und dabei eine Konzentration zu schaffen. „Stellt Euch vor, aus Euren Fingern kommt ein Lichtstrahl“, lautete eine seiner Anweisungen. Die Übungen sollten helfen, das Repertoire zu entdecken, über das ein Dirigent verfügen kann. Fragen wie „Was kann ich mit den Händen sagen, was mit den Armen, was mit der Gestik, was mit dem Atmen?“ wurden ganz praktisch angegangen. Bald habe sich auch die Atmosphäre gelockert, es gab Gelächter, manchmal auch Rückfragen. Einige Teilnehmer schrieben eifrig mit. Immer wieder stellten Einzelne sich vor die anderen, um selbst etwas auszuprobieren.

Dazwischen gab es auch eine kritische Rückfrage von Father Nchimbe. „Bei uns geschieht Musik vor allem mit dem Herzen. Ist das, was wir hier machen, nicht alles viel zu theoretisch, zu trocken, zu technisch?“ Rüth stellte klar, dass er den Teilnehmenden auf keinen Fall die tansanische Musizierfreude nehmen wolle. „Im Gegenteil: Ich will versuchen, das, was sie mit ihrem Dirigieren ausdrücken wollen, technisch ein wenig zu hinterfragen, damit sie hinterher ein bisschen mehr in ihrem Dirigenten-Werkzeugkasten haben.“ Überhaupt sei ihm beim Beobachten der tansanischen Chöre aufgefallen, dass deren Chorleiter beim Dirigieren dem Vorbild Westeuropas folgen. Seinen Workshop sah er als Versuch, vorhandenes Können weiter zu verfeinern.

Im zweiten Teil des Kurses wurde das nochmal deutlicher und auch ein ganzes Stück praktischer. Nach einer Pause wechselte die Gruppe in die Pfarrkirche und traf dort auf die Sängerinnen der Mädchenkantorei. Jetzt sollten sie anhand des Repertoires, das der Chor auf seiner Tour dabeihatte, ihre Erkenntnisse ausprobieren. „Da haben sich schnell viele getraut, ins kalte Wasser zu springen“, freut sich Rüth. Der Auftrag für die jungen Sängerinnen war, die dirigentischen Signale möglichst deutlich umzusetzen, damit die Kursteilnehmer unmittelbar spürten, was sie damit auslösen. Das Ganze machte einen spielerischen Eindruck, es wurde mal schnell, mal langsam, mal laut, mal leise gesungen, manches musste abgebrochen werden, und überhaupt wurde viel gelacht. „Ich habe versucht, den Leuten die Gelegenheit zu geben, ein bisschen reinzukommen, und ihnen mit viel Humor auch den ein oder anderen Tipp zu geben“, sagt Rüth. So durfte eine Dirigentin eine Zeit lang nur auf einem Bein stehend dirigieren, ein anderer bekam ein Blatt vor die Augen gehalten, um es dann quasi blind zu versuchen. Auch einige Neugierige waren in der Kirche und führten die Dirigierbewegungen von ihrem Platz aus mit aus.

Den jungen Sängerinnen aus Deutschland waren in den rund eineinhalb Stunden die Konzentration wie auch der Spaß anzusehen. „Mir hat das Spaß gemacht und mir ist aufgefallen, wie unterschiedlich die verschiedenen Chorleiter uns dirigiert haben“ sagte zum Beispiel Luise. Sie fand, dass der Chor selbst dabei auch etwas gelernt habe, weil sie durch den konkreten Arbeitsauftrag sensibler für die Ausdrucksweisen der Dirigenten geworden seien.

„Ich habe das Gefühl: Eigentlich müssen wir da jetzt dranbleiben“, sagt Rüth. In den Rückmeldungen der Teilnehmer wurde deutlich, dass sie gerne auch noch mehr Zeit in diese Fortbildung investiert hätten. Eine Systematik gibt es in der Ausbildung der ehrenamtlichen Chorleiter in der Diözese Mbinga bislang nicht. „Mich würde es total reizen, da noch mehr zu tun, und ich bin auch im Gespräch mit unserem Afrikareferenten und Bischof John C. Ndimbo, dass es schön wäre, dranzubleiben.“ Dass er eine Sehnsucht nach mehr geweckt hat, wurde auch bei der Besprechung mit Father Nchimbe im Anschluss an den Kurs deutlich. Einige der Teilnehmer wollen zeitnah einen Brief an Bischof Ndimbo formulieren, in dem sie ihn grundsätzlich um Fortbildungsangebote für ihre musikalische Arbeit bitten wollen. Vielleicht war dieser erste Workshop in Mbinga der Anfang einer Intensivierung der musikalischen Zusammenarbeit zwischen den Partnerdiözesen Mbinga und Würzburg.

Aus Mbinga berichtet Burkard Vogt (POW)

(3826/0864; E-Mail voraus)

Hinweis für Redaktionen: Fotos abrufbar im Internet

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