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Brot und Rosen

Predigt von Bischof Dr. Franz Jung bei der Wallfahrt des Diözesanverbands Würzburg des Katholischen Deutschen Frauenbunds am Donnerstag, 12. September 2019, in Fulda

Liebe Schwestern im Glauben,

Sie haben den heutigen Gottesdienst unter das Motto „Brot und Rosen“ gestellt. Bekanntermaßen handelt es sich dabei um den Titel eines Liedes, das bei einem großen Streik von 14.000 Textilarbeiterinnen in Massachusetts 1912 entstand.

Mit dem Ruf nach „Brot und Rosen“ forderten die Textilarbeiterinnen nicht nur eine gerechte Entlohnung, also Brot, sondern ebenso menschenwürdige Arbeits- und Lebensverhältnisse, also Rosen. Der Slogan „Brot und Rosen“ erinnert bis zum heutigen Tag an die uneingelöste Forderung nach gleichwertigen Lebensverhältnissen von Männern und Frauen.

Der Synodale Prozess und die Diskussion der Frauenfrage

Auch in der Kirche wird die Frage nach der Gleichberechtigung der Frauen jetzt mit großer Vehemenz diskutiert. Im Rahmen des Synodalen Weges wird sich ein eigenes Forum mit der Rolle der Frau in der Kirche beschäftigen. Es geht dabei um die Erörterung der Sakramentalität der Kirche und um die Möglichkeit des Zugangs von Frauen zum kirchlichen Amt.

Wie das letzte Konzil deutlich hervorgehoben hat, kann sich das Leben der Kirche nicht anders vollziehen als in der gemeinsamen Berufung von Frauen und Männern. Doch diese muss künftig überzeugender und eindeutiger im konkreten Lebensalltag und im Verkündigungsauftrag der Kirche zum Ausdruck gebracht werden.

Ich weiß, dass diese Diskussion vielen Frauen zu lange dauert und ich kann ihre Ungeduld nachvollziehen. Ich weiß aber auch, wie schwer es sein wird, einen Konsens in dieser Frage zu erzielen. Meiner Einschätzung nach wird es eine schnelle Lösung in dieser Frage nicht geben. Denn die angesprochene Fragestellung berührt viele grundsätzliche Themen unseres Glaubens, die ebenso berücksichtigt werden müssen.

Das bedeutet jedoch nicht, die Fragestellung nicht weiter zu verfolgen. Wir können schon jetzt die Möglichkeiten ausloten, die Stellung und Mitverantwortung der Frau in der Kirche in Deutschland zu stärken. Und wir müssen uns fragen, wie man ein Bewusstsein für die Problematik schaffen kann, so dass diese Fragestellung, der wir derzeit in der deutschen Kirche nicht ausweichen können, auch auf weltkirchlicher Ebene Beachtung findet und der Erörterung für wert befunden wird.

Persönlich würde ich mir von einem Synodalen Prozess erwarten, dass er in einer geistlichen Atmosphäre stattfindet, so dass wir, gleich den Aposteln in der frühen Kirche, am Ende ebenfalls sagen können: „Wir und der Heilige Geist haben beschlossen“ und dass auf diesem Weg nicht einfach vorformulierte Forderungen unversöhnt aufeinanderprallen, sondern dass es zu einem geistlichen Abwägen kommt, bei dem sich am Ende vielleicht sogar ganz neue Lösungen abzeichnen als die bisher diskutierten Alternativen.

Mir geht es nicht darum, Diskussionen abzuwürgen, die geführt werden müssen.

Mir geht es aber um die von allen Seiten eingeforderte Haltung der Ergebnisoffenheit, die Neues und Anderes zu denken zulässt.

Lassen wir uns überraschen, wohin der Heilige Geist die Kirche in Deutschland führen wird.

Elisabeth von Thüringen und „Brot und Rosen“

Elisabeth von Thüringen, die heute unter dem Motto „Brot und Rosen“ im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht, zeigt uns, wie solch überraschende Lösungen aussehen könnten. Sie ist eine ungewöhnliche Frau mit einem ungewöhnlichen Lebensweg. Ich möchte ihr Leben in seinen drei großen Wegabschnitten mit Ihnen bedenken und den Fokus darauf richten, wie Elisabeth konsequent überkommene Rollenbilder durchbricht und wie sie zu einer eigenständigen Form der Christus-Nachfolge findet, die zu ihrer Zeit absoluten Neuheitswert besitzt.

1. Elisabeth als Landgräfin im Geist des Heiligen Franziskus – „Brot als Rosen“

Zur der Zeit als Elisabeth mit ihrem Mann Ludwig auf der Wartburg eine glückliche Ehe führt, kommen die ersten Franziskaner nach Eisenach. Die junge Landgräfin ist völlig fasziniert vom Armutsideal und von der Radikalität, mit der die Brüder ihren Glauben leben. Als erste Frau des europäischen Hochadels überhaupt sucht sie den Kontakt zu dem jungen Orden.

Mehr noch, sie bemüht sich, den Dienst an den Armen mit ihren Adelspflichten zu verbinden. Eine absolute Neuerung und ein spannungsreiches Experiment. Elisabeth beginnt, großzügig Almosen zu verteilen und Kranke zu pflegen. Sie möchte den Armen etwas von den Gütern zurückgeben, die man ihnen abgepresst hat.

Ihr Einsatz ist eine Provokation. Er geht einher mit unverhohlener Sozialkritik, die die Privilegien der Herrschenden hinterfragt und indirekt zur Anklage wird.

In diesem Kontext spielt die berühmte Geschichte von der Begegnung mit ihrem Mann, der sie mit einem Korb ertappt und nachfragt, was in diesem Korb sei. Sie nimmt ihre Zuflucht bei einer Notlüge und gibt an, im Korb seien Rosen. Und siehe da: als der Landgraf nachschaut, befinden sich wirklich Rosen im Korb. Elisabeth wird von Gott nicht der Lüge überführt. Gott offenbart im Rosenwunder vielmehr ihre liebevolle Gesinnung.

„Brot als Rosen“ – so könnte man diese Szene zusammenfassen. Das Brot wird in den Rosen zum Ausdruck ihrer Sehnsucht, dem franziskanischen Ideal nachzueifern und nicht nur Almosen zu geben, sondern sein Herz an die Armen zu verschenken.

Und dennoch, bei allem guten Willen gilt: Ihre milden Gaben gibt sie von oben herab. Aus der sicheren Distanz der Wartburg geht sie den Weg nach unten zu den Armen.

2. Elisabeth wird von der Wartburg verjagt – „Brot und Rosen“

Mit dem Tod ihres über alles geliebten Mannes verändert sich schlagartig auch ihre Situation dramatisch. Nun hält niemand mehr seine schützende Hand über sie. Man wirft ihr Verschwendungssucht vor. Der aufgestaute Unwille am Hof führt dazu, dass Elisabeth von der Wartburg verjagt wird. Die einstige Landgräfin findet sich als Bettlerin unterhalb der Wartburg in Eisenach wieder. Dort weiß man ihr für ihre bisherige Großzügigkeit keinen Dank.

Unfreiwillig wird ihre Lebenssituation zu einer Begegnung mit den Armen auf Augenhöhe. Aus eigener Anschauung lernt sie, was sich hinter der Forderung nach „Brot und Rosen“ verbirgt. Nämlich um sein Auskommen betteln und um menschenwürdige Lebensumstände kämpfen zu müssen.

Aber Elisabeth nimmt diese Situation als göttliche Zumutung an. Wie ihre Dienerin überliefert, verbringt sie diese harten Exerzitien ihres Lebens abwechselnd im Lachen und im Weinen. Beide sind Ausdruck ihrer Trauer über den Verlust des bisherigen Lebens und zugleich Zeichen ihrer Freude, jetzt noch einmal ganz neu zu beginnen.

Endlich bricht sie aus in den Ruf: „Willst du, Herr, mit mir sein, so will ich mit dir sein und niemals mich von dir trennen lassen.“

In dieser Zuversicht sucht sie nach einer neuen Perspektive für ihr Leben.

3. Elisabeth als Hospitalhelfer und „Schwester in der Welt“ – „Brot in Rosen“

Da sie ein Gelübde abgelegt hatte, nach dem Tod ihres Mannes keine neue Ehe mehr einzugehen, begibt sie sich nach Marburg zu ihrem Seelenführer Konrad von Marburg. Mit ihrem Witwengut errichtet sie dort ein Hospital für die Armen. Sie ist fest entschlossen, den Armen ihr Leben ganz zu schenken. Was sie als Landgräfin begonnen hatte, wird jetzt zu ihrer eigentlichen Berufung.

Noch vor der Gründung eines franziskanischen Frauenordens ringt Elisabeth um ihre eigene Form, dem Charisma des Heiligen Franziskus nachzueifern. In geistlicher Unterscheidung zeigt sich ihr, dass diese Form darin besteht, „Schwester in der Welt“, „soror in seculo“ zu sein.

Sie lebt nicht in einem klausurierten Frauenorden hinter hohen Klostermauern. Sondern sie lebt im Armenhospital unter Beachtung der evangelischen Räte in Armut, Keuschheit und Gehorsam. Als „Schwester in der Welt“ will sie den Bedürftigen jetzt nicht mehr von oben herab dienen wie früher, sondern wie der Heilige Franziskus als eine Arme unter den Armen.

Mit „Brot in Rosen“ könnte man diesen dritten und letzten Lebensabschnitt Elisabeths überschreiben. Es geht jetzt nicht mehr um Brot als Rosen in den Almosen, oder um die Forderung nach Brot und Rosen angesichts bitterer Armut, sondern um Brot in Rosen. Denn ihr ganzes Leben wird jetzt zur Gabe, indem sie die Armen pflegt und ihnen rückhaltlos dient.

Von der Landgräfin zur „Schwester in der Welt“

Elisabeth ist mit großer Entschiedenheit und innerer Freiheit einen ganz eigenen Weg als Frau in der damaligen Kirche gegangen. Ihre Liebe zu Christus und zur Kirche hat in ihrer völlig neuartigen Berufung als „Schwester in der Welt“ einen angemessenen Ausdruck gefunden.

Auf ihrem geistlichen Weg hat sie überdies gelernt, dass man dem Herrn nicht „von oben herab“ dienen kann, aus sicherer Distanz. Der wahre Dienst verlangt vielmehr, sein eigenes Leben dran zu geben. Denn nur wer sein Leben verliert, der wird es gewinnen.

Elisabeth wird zu einem Hoffnungszeichen dafür, dass der Heilige Geist Gottes in seiner Kirche wirkt und den Menschen überraschend neue Wege weist, jenseits der Denkmöglichkeiten ihrer Zeit.

„Brot und Rosen“

Ich fühlte mich missverstanden, wenn der Eindruck entstanden wäre, mit dem Beispiel Elisabeths von den eingangs gestellten Fragen ablenken oder sie beschwichtigen zu wollen. Nein, ich nehme die Anfragen der Frauen an die Kirche sehr ernst.

Aber das Beispiel Elisabeths zeigt, dass sich jenseits bestehender Alternativen auch andere Perspektiven auftun können, die einen zunächst dahin führen, wohin man gar nicht wollte, aber die sich dann als neue geistliche Lebensentwürfe erweisen.

Im wertschätzenden Dialog bleiben und einen geistlichen Weg gehen

Die Frage nach der Stellung der Frauen in der Kirche wird uns weiter beschäftigen.

Ich habe mich sehr darüber gefreut, im Positionspapier der KFD „gleich und berechtigt“ folgenden Absatz zu lesen:

„Der Geist Jesu Christi verpflichtet uns, uns mit den unterschiedlichen theologischen Überzeugungen in der Frage der kirchlichen Ämter stets mit Wertschätzung und versöhnungsbereit argumentativ im Miteinander zu befassen.“

Genau darum wird es gehen in der kommenden Zeit. Sich angesichts bestehender Differenzen mit Wertschätzung und der Bereitschaft zur Versöhnung zu begegnen. Das ist keine Einbahnstraße, sondern gilt für alle Beteiligten. Und das gilt auch und hoffentlich für das Miteinander in unserem Bistum.

Aber neben der Wertschätzung und der Versöhnungsbereitschaft erhoffe ich mir von einem geistlichen Weg auch die Offenheit für neue Lösungen jenseits der bisher aufgeworfenen Fragestellung.

Beim Synodalen Weg geht es nicht um Zugeständnisse und Kompromisse nach dem Vorbild politischer Verhandlungen. Sondern wie beim Apostelkonzil wird es darum gehen, einander genau zuzuhören, um das Gehörte in geistlicher Unterscheidung und in seiner Vereinbarkeit mit der überlieferten Glaubenslehre zu erwägen.

Nicht zuletzt gilt es, nach dem zu fragen, was mehr dazu dient, dass Kirche wachsen kann und dass ihr Wirken Frucht trägt.

Elisabeth ist einen solchen Weg geistlicher Unterscheidung gegangen. Bitten wir sie um ihre Fürsprache für den Synodalen Weg. Sie helfe uns mit ihrem Lebensbeispiel, in unserer gemeinsamen Berufung zu wachsen und dem Herrn als Kirche aus Männern und Frauen zu dienen.

Amen.

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