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Dokumentation

„Büchereien sind und bleiben pastorale Orte“

Vortrag von Bischof Dr. Franz Jung bei der Versammlung des Sankt Michaelsbunds Bayern am Freitag, 11. Oktober 2019, im Würzburger Exerzitienhaus Himmelspforten

Evagrios Pontikos und der überdrüssige Leser

„Liest der Überdrüssige, dann gähnt er viel, und leicht versinkt er in Schlaf. Er reibt sich die Augen und streckt die Hände aus, und indem er die Augen von dem Buch abwendet, starrt er die Wand an. Dann wendet er sie wieder ab und liest ein wenig, und indem er [das Buch] durchblättert, forscht er nach dem Schluss der Ausführungen. Er zählt die Blätter und bestimmt die Zahl der Hefte, bemäkelt die Schrift und die Ausstattung, und zuletzt klappt er das Buch zu und legt den Kopf darauf und verfällt in einen nicht all zu tiefen Schlaf, denn der Hunger weckt schließlich seine Seele wieder auf, und die geht [dann erneut] ihren eigenen Sorgen nach.“

Man fühlt sich bei dieser Beschreibung eines unkonzentrierten Lesers geradezu ertappt. Da sitzt man nun mit seinem Buch oder seiner Zeitschrift oder seinem Magazin. Erschöpft und frustriert bei all dem, was noch als Stapel bewältigt sein will. Und da überkommt sie einen schon, die große Müdigkeit. Gähnen stellt sich ein und Schläfrigkeit. Die Aufmerksamkeit schwindet zusehends. Der Blick schweift zur Wand, man räkelt sich und streckt sich, liest wieder, blättert durch bis zum Schluss, um irgendwie Erleichterung zu verspüren beim Wahrnehmen dessen, was man schon geschafft hat und was noch vor einem liegt. Schließlich geht der Blick enttäuscht ganz weg vom Inhalt hin zur äußeren Gestalt des Buches, das einem zusehends missfällt und nervt, bis dahin, dass das mittlerweile vollends zugeschlagene Buch nur noch als Behelfskopfkissen zu dienen vermag.

Die treffsichere Beschreibung des überdrüssigen Lesers stammt im Übrigen aus dem vierten Jahrhundert nach Christus. Ihr Autor ist kein geringerer als der Mönchsvater Evagrios Pontikos. Man staunt und reibt sich die Augen. Offenbar sind die Probleme mit dem Lesen seit Jahrhunderten die gleichen geblieben.

Was muss oder sollte man nicht alles lesen oder gelesen haben? Die Fülle könnte einen mutlos machen. Die Not des Lesers versucht man mittlerweile dadurch ein klein wenig zu lindern, dass man ihm im Internet zu Beginn eines Beitrags schon angezeigt, in wieviel Minuten er den Inhalt sich eigentlich müsste aneignen können und dass diese kleine Zeitspanne doch sicher noch zu erübrigen ist, auch bei einem großen Lesepensum.

Sicher gibt es verschiedene Arten zu lesen. Das Drüberfliegen und Durchblättern gehört dazu, gerade wenn man so nebenbei liest, eher als Unterhaltung denn als Lesen im Sinne des Aneignens eines bestimmten Inhalts. Aber befriedigend ist es nicht. Es macht noch einmal mehr müde und geht zu Lasten der inneren Spannkraft.

Lesen aber, das wussten die alten Mönche, ist nicht etwas, was man so nebenher tun kann. Auch wenn im Zeitalter des Multitasking im Zug jeder die Stöpsel im Ohr hat, auf dem Handy spielt und zugleich ein Buch liest, so ist das sicher nicht das, was die Mönche meinten mit der Lectio, mit dem gesammelten Lesen eines Buches. Aber was macht die Lectio, was macht die wahre Lektüre aus?

Da kann uns vielleicht der „Lesende Klosterschüler“ des Künstlers Ernst Barlach  weiterhelfen – im Übrigen die eigentliche Hauptfigur von Alfred Anderschs Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ . In diesem Roman versuchen die Nazis dieser Plastik des „Lesenden Klosterschülers“ habhaft zu werden, weil von ihr etwas Bedrohliches ausgeht. Aber worin mag das Sprengpotential dieser Plastik bestehen, möchte man fragen? Schauen wir uns den Klosterschüler einmal an.

Die Haltung der Sammlung

•           Der lesende Klosterschüler - kein Mönch im eigentlichen Sinn, aber einer, der in die Schule der Mönche geht. Er trägt ein einfaches Gewand. Dieses Gewand umhüllt ihn ganz. Es ist wie ein schützender Überwurf, der alles Störende von ihm abhält. Der ebenmäßige Faltenwurf des Gewandes unterstreicht die Atmosphäre der Ruhe, in der der Leser sich seiner Lektüre widmen kann.

•           Die Beine stehen ruhig nebeneinander, so dass sie eine Auflagefläche für das Buch bilden. Der Leser und sein Buch werden eins. Er benötigt keine Auflage wie beispielsweise einen Schreibtisch oder etwas Vergleichbares.

•           Die Arme liegen eng am Körper an. Die Hände stützen den Oberkörper des Lesers. Das Buch rühren die Hände nicht an, nicht einmal zum Umblättern. Aus dieser Haltung spricht der Wille, den aufgeschlagenen Seiten die ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken.

•           Als Frisur trägt er einen Mittelscheitel. Die etwas längeren Haare fallen symmetrisch zu beiden Seiten des Gesichts herab. Die äußere Symmetrie der Haarpracht unterstützt den Eindruck innerer Ordnung. Die Haare verdecken zudem die Ohren, die jetzt nicht auf Empfang sind, weil die Stille ihm erlaubt, ganz nach innen zu lauschen und in sich hineinzuhören.

Das Bild strahlt eine ungeheure Ruhe aus. Einladend und schön. Und wir sehen die Kinder und Erwachsenen, die unruhig zappeln und hin und her rutschen. Denen es so unendlich schwer fällt, einmal nur ruhig dazusitzen, um etwas ganz aufnehmen und wahrnehmen zu können. Heute vielleicht eine der schwersten Übungen, wo die Aufmerksamkeitsspanne aufgrund der neuen Medien immer weiter im Abnehmen begriffen ist.

Unsere Büchereien dienen auch dazu, um einmal abschalten zu können, heraus aus der angestammten Umgebung an den Ort der Sammlung und der Stille, nach der wir uns so sehr sehnen und die auszuhalten uns oft so schwerfällt.

Das eine Buch

Nur ein Buch auf den Knien. Kein weiteres Medium. Keine Kopfhörer. Kein Smartphone. Kein weiteres Buch. Kein Notizzettel. Kein Schreibzeug. Nur ein Buch. Es reicht dem Leser. Er will wirklich nur wissen, was da steht. Offenbar ist er fest davon überzeugt, dass sich die Lektüre lohnt und dass allein diese Beschäftigung ausreicht, um ihn ganz auszufüllen.

Wie pflegten die Alten zu sagen: „Timeo hominem unius libri“: „Ich fürchte den Leser eines einzigen Buches“. Ich fürchte den, der einmal ein Buch wirklich gründlich gelesen und ganz durchdrungen hat, ohne Halbwissen und Oberflächlichkeit.

Klar, für die Alten war dieses eine Buch die Bibel. Und für die Mönche das Schrifttum der Kirchenväter. Aber jenseits des monastischen Kanons ist es eine Selbstverständlichkeit, dass es ein gutes Buch sein muss. Und wir legen Wert darauf, in unseren Büchereien gute Medien vorzuhalten, mit denen die eingehende Beschäftigung lohnt und Nutzen zu bringen verspricht.

Die fast geschlossenen Augen

Die fast geschlossenen Augen deuten an, wie der Blick sich Zeile für Zeile entlangtastet. Hier wird nichts übersprungen oder ausgelassen. Geduld und Ausdauer, aber ebenso Akribie und Freude am Aufnehmen jedes Details scheinen die Augen anzudeuten.

Was hat der Autor geschrieben? Warum hat er es so formuliert und nicht anders? Wie würde ich es beschreiben oder beschreibe es normalerweise? Welche Vorbildung spricht aus seinen Worten? Mit welcher Brille oder welchem Filter geht er an die Sache heran? Was deutet er nur an? Was lässt er aus? Was behält er dem Leser vor zur eigenen Ergänzung?

Fragen, die den Lesevorgang erst spannend machen. Das leichte Lächeln, das die Mundwinkel umspielt, lässt auf die innere Freude am Erwägen und Bedenken des Gelesenen schließen. Das Buch scheint eine echte Bereicherung zu sein, wahrer Lesegenuss scheint sich einzustellen ohne den üblichen Überdruss, mit dem man ein langweiliges Buch mit schalen Nachgeschmack beiseite legt und sich ärgert über die verlorene Zeit. Unsere Büchereien sind eben nicht nur Orte, an denen man Bücher vorfindet, sondern auch Orte der Begegnung und des Austausches und der Auseinandersetzung. Das macht sie wertvoll und kostbar.

Der lesende Klosterschüler - ein politisches Statement?

In Alfred Anderschs Roman wollen die Nazis den „Lesenden Klosterschüler“ Ernst Barlachs aus dem Verkehr ziehen. Nach dem Betrachten der Figur, ahnt man, warum.

•           Nun, weil hier einer ist, der nicht einfach mitläuft und mitschreit und sich vereinnahmen lässt. Die Haltung der Sammlung wird zum Akt des Widerstands und der Selbstbehauptung.

•           Die innere Disziplin, sich auf ein Buch zu konzentrieren und es ganz lesen zu wollen, kann das Fürchten lehren. Da ist keiner, der nur oberflächlich alles abnickt, sondern einer, der es genau wissen will und der sich der Mühe unterzieht, sich etwas ganz und gar anzueignen. Einer, der gewillt und entschlossen ist, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

•           Und schließlich die Freude an der Auseinandersetzung und der aktiven Beschäftigung mit den Dingen. Wer genau gelesen hat, dem gehen die Argumente nicht aus und der weiß sich zu behaupten im Disput.

Alles unangenehme Eigenschaften, wenn man die Masse auf Spur bringen will.

Und zugleich höchst wünschenswerte Eigenschaften, wenn man begeisterte und mündige Leser sucht, die den Gewinn aus ihrer Lektüre mit anderen teilen und so zeigen, wie notwendig gut ausgestattete und betreute Büchereien sind.

Kontemplation als Haltung zur Erneuerung der Kirche

Ich werde nicht müde zu betonen, wie sehr die Kirche zur Erneuerung der Haltung der Kontemplation bedarf. Der „Lesende Klosterschüler“ ist der kontemplative Mensch. Äußerlich ruhig, innerlich gesammelt, und doch voller Leben und Freude, die geradezu überspringen, weil die Fülle des Gelesenen und innerlich Angeeigneten danach drängt, weitergegeben zu werden.

Dass man diese Haltung aktiv einüben kann, habe ich beim letzten Vorlesetag im Medienhaus erlebt, bei dem die Kinder fast eineinhalb Stunden gebannt der Lektüre von Ulrich Hubs „An der Arche um acht“  lauschten und gar nicht mehr genug kriegen konnten – sehr zum Leidwesen und zur Freude des Vorlesers zugleich.

Anleitung zur Sammlung, Konzentration auf ein Buch und die Freude am Mitverfolgen und Mitfiebern lagen förmlich in der Luft und machten das ganze zum Lesegenuss für jung (Jung) und alt.

Unsere Büchereien

Unsere Büchereien sind und bleiben deshalb pastorale Orte, das ist wohl deutlich geworden. Wie so viele Bereiche im kirchlichen Ehrenamt sind es auch hier vor allem die Frauen mit einem Anteil von bis zu 95 Prozent, die mit großen Engagement sich einbringen, wofür ich von ganzem Herzen danke.

Die Anforderungen an diejenigen, die sich hier engagieren sind vielfältig und herausfordernd:

•           Für eine gute Ausstattung zu sorgen und damit die Bibliothek als Bildungsträger zu profilieren.

•           Als Begegnungsstätte einladend zu sein und so das Miteinander der Generationen zu fördern, auch und weit über das direkte kirchliche Umfeld hinaus.

•           Eine Plattform des Gedankenaustausches und der intellektuellen Auseinandersetzung zu schaffen.

•           Nicht zuletzt Orte der Leseförderung zu sein, eines der großen bundesweiten Anliegen, dem sich unsere Büchereien verschrieben haben, um Menschen zum lebenslangen Lesen und Lernen anzuhalten und sie darin zu bestärken und zu fördern.

Ohne ehrenamtliches Engagement wäre das nicht zu bewerkstelligen. Von Herzen danke ich allen, die hier ihre Phantasie, ihre Tatkraft, ihre Zeit und Liebe investieren. Seien Sie versichert: In der Büchereiarbeit sind diese enormen Ressourcen gut angelegt und ein Kapital, das sich auch für die zukünftige Entwicklung unseres Bistums, vor allem im ländlichen Raum, bezahlt macht.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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