Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Döpfner – ein durchaus nicht alltäglicher Mensch
„Abschließend ist zu sagen, dass dieser durchaus nicht alltägliche Mensch das Zeug in sich trägt, Bedeutendes zu leisten, und dass er dies gerade dann wird tun können, wenn er sich – so paradox es im ersten Moment klingen mag – ein wenig mehr als bisher von den Aufgaben des alltäglichen Lebens zurückzieht, um in der allzu einseitigen Verausgabung seiner besten inneren Kräfte sich nicht selbst zu verlieren.“
So lautete das Resümee eines psychologischen Persönlichkeitsgutachtens über den frisch ernannten Bischof Julius Döpfner, das 1949 allein aufgrund von Schriftproben erstellt wurde. Eine bemerkenswerte Einschätzung. Um die Würdigung dieses „durchaus nicht alltäglichen Menschen, der das Zeug in sich trägt, Großes zu leisten“ soll es heute gehen anlässlich des 50. Todestages Julius Kardinal Döpfners.
Dabei kann in dieser Predigt unmöglich sein Lebenswerk gewürdigt werden. Ich möchte mich vielmehr auf die Aspekte seiner Persönlichkeit beschränken, die mich heute noch ansprechen und die Inspiration sind für mein eigenes bischöfliches Wirken.
Zupackend und energisch
Was mich bei einem ersten Blick auf die Persönlichkeit Döpfners fasziniert, ist seine zupackende Art. Das zeichnete ihn als Seelsorger aus. Das war aber auch sein Markenzeichen als Bischof. Sein geradezu kometenhafter Aufstieg in der kirchlichen Hierarchie zeigt, wie sehr man seine direkte Herangehensweise an Probleme schätzte und wie sehr man in Rom auf die Durchsetzungskraft des jungen Döpfner setzte.
Energisch und mit nachhaltigem Erfolg nahm er sich der Herausforderungen in seinen drei Diözesen Würzburg, Berlin und München an. Ebenso energisch kümmerte er sich aber auch als einer der vier Moderatoren um einen guten Verlauf des Zweiten Vatikanischen Konzils wie auch später um eine gute Durchführung der Würzburger Synode. Durch seine strukturierte Persönlichkeit wie sein Organisationstalent hatte er einen geschärften Blick für Verfahren und Regelwerke, die in komplexen Beratungsprozessen zum Ziel führten. Eine durchaus seltene Begabung, die gerade jetzt bei der Stärkung der Synodalität in der Kirche wieder dringend benötigt wird und die wir beim Synodalen Weg so manches Mal schmerzlich vermisst haben.
„Nichts Laues war an ihm“, so hat man nach seinem Tod seinen Charakter beschrieben. Das verlieh ihm eine natürliche Autorität. Diese innere Entschiedenheit war ein Wesenszug, den auch die Fotos widerspiegeln, die von ihm überliefert sind. Ein stattlicher Mann mit markanten Gesichtszügen, dem strengen Seitenscheitel im festen Haar und mit einem klaren, bisweilen stechenden Blick unter den buschigen Augenbrauen. Insgesamt eine imposante Erscheinung, ohne jedoch in irgendeiner Weise eitel zu sein. Er verstand sich als Mann der Kirche, der durch seine Prägung im Römischen Collegium Germanicum gelernt hatte, sich ganz für das einzusetzen, das ihm aufgetragen war.
Lernbereit…
Ein zweiter Punkt, der mich anspricht im Blick auf sein Wesen, ist die lebenslange Bereitschaft, auch als Bischof dazuzulernen. Während seiner Ausbildung an der Gregoriana in Rom hatte er die traditionelle neuscholastische Theologie genossen. Aber durch seine intensive Beschäftigung mit John Henry Newman während seiner Promotion war ihm aufgegangen, dass Theologie zu treiben eben nicht bedeutet, alle Fragen abschließend zu beantworten. Vielmehr muss es darum gehen, den Glauben vor den Herausforderungen der Gegenwart immer neu zu durchdenken.
Mit Newman lernte er „die säkulare Bildung unserer Welt und Zeit zu schätzen, die Laien als Repräsentanten des Glaubenssinnes zu würdigen, die nicht-römischen Kirchen als Wege zur christlichen Wahrheit zu sehen und vor allem die Geschichte ernst zu nehmen, die lehrt, dass das, was heute ist, einmal wurde, gegebenenfalls auch anders hätte werden können, und die dafür offen macht, auch das Heute nicht als den nicht überbietbaren Endpunkt der Entwicklung zu sehen. Historisches Denken lehrt, wie Döpfner in seiner Rede gegen Ende des Konzils formulierte, ‚Reform als Wesenselement der Kirche‘ zu erkennen.“
So formulierte er zu Beginn der Würzburger Synode einmal sehr eindrücklich, was die rechte Einstellung zur Kirche auszeichnet:
„Die Liebe zur Kirche braucht und darf keine blinde Liebe sein. Sie muss gerade auf einer Synode die Fehler, die Schwächen, die Unzulänglichkeiten sehen und – wie es in der wahren menschlichen Liebe geschieht – aus der Gemeinschaft der Kirche, so wie sie ist, die verwandelnde, erneuernde Kraft finden, nicht in großen Worten, sondern in der gemeinsam gefundenen Erkenntnis des Dienstes, der uns alle verpflichtet und der hier und heute zu leisten ist.“
Ein wegweisendes Wort, gerade auch im Blick auf unsere Diskussionen beim Synodalen Weg über die Reform der Kirche nach dem Missbrauchsskandal.
Dabei verstand Döpfner sich selbst nicht als Progressiven, sehr wohl aber als einen Mann „der offenen Mitte“, der aus der Tradition heraus einen Neuaufbruch wagen wollte. Ein sehr sympathischer Ansatz, den ich persönlich gut teilen kann.
… und beratungsfähig
Den Weg als akademischer Lehrer hatte er verworfen. Er wünschte immer Seelsorger zu sein. So wurde er ein Seelsorger und Bischof mit einem Gespür für die Herausforderungen der Zeit und die Anfragen, die an die Kirche gestellt wurden. Um dazuzulernen und sich ein eigenes Urteil bilden zu können, bat er immer wieder Fachleute um ihren Rat. Man hat Döpfner deshalb „beratungswillig, ja beratungshungrig“ genannt, wobei sein bedeutendster Ratgeber sicher Karl Rahner war. Mit ihm tauschte er sich über aktuelle theologische Fragen aus, mit ihm setzte er sich aber auch heftig auseinander, vor allem wenn er den Eindruck hatte, dass die Theologie zu abgehoben war und von ihm als Bischof wieder geerdet werden musste im Dienst der Vermittlung zwischen den divergierenden kirchlichen Parteien.
„Ich wünsche Ihnen, dass Sie einmal zehn Jahre Bischof wären!“, soll er erbost Rahner nach einem Vortrag angeherrscht haben, in dem dieser sich über die böse „Amtskirche“ ausließ. Ich kann Döpfners Verärgerung nur allzu gut nachvollziehen gerade auch aus der Erfahrung der Debatten um die Kirchenreform. Denn dem Bischof bleibt es jenseits aller theologischen Kontroversen aufgetragen, Mittler der Einheit zu sein.
Sein Dienst als Diözesanbischof „in dieser Stunde der Kirche“
Sein Bemühen, den aktuellen Herausforderungen bei seinem bischöflichen Dienst Rechnung zu tragen, hat er immer wieder in die Formulierung gekleidet „in dieser Stunde der Kirche“, die zu seinem Markenzeichen wurde. Ich kann hier nur kursorisch Marksteine benennen, die zeigen, wie sehr es ihm darum ging, auf der Höhe der Zeit zu sein, ohne in der Vergangenheit zu verharren.
Für seine Würzburger Zeit sei auf den Wiederaufbau des Domes verwiesen. Döpfner warnte vor einer Musealisierung des Glaubens.
„Tradition ist nicht Versteinerung, sondern in der Kraft und in der Verheißung des Heiligen Geistes strömendes Leben. Denn wir sind eine lebendige Kirche. Deswegen muss der Dom in seiner Gestaltung als Ausdruck dieser lebendigen Kirche zeitnah sein, und zwar in dem Sinne, wie Evangelium und Christentum, wenn sie lebendig sind, immer zeitgemäß bleiben.“
Zur Zeitgemäßheit des Wiederaufbaus des Domes gehörte auch, über die Sorge um das Gotteshaus die Menschen nicht zu vergessen, die durch den Krieg ihre Häuser verloren hatten. Sein wohl bis heute berühmtestes Diktum „Wohnungsbau ist heute in Wahrheit Dombau, Wohnungssorge ist Seelsorge, und damit Herzensanliegen eures Bischofs“ stieß damals übrigens nicht auf ungeteilte Zustimmung. In konservativen Kreisen wurde dieses Wort durchaus kritisch aufgenommen, sah man doch hierin die Prioritäten falsch gesetzt.
Mit aller Entschiedenheit wandte sich Döpfner gegen die Versuchung, sich als Kirche von der Welt zurückzuziehen, wenn er ausführte:
„Der katholische Mensch ist weltoffen. Es ist unkatholisch, rückständig zu sein, ins Ghetto zu flüchten, diese Welt und diese Zeit sich selbst zu überlassen. Unser Jahrhundert mit seinen Strömungen in Kultur, Wirtschaft und Politik ist des Herrn und ist somit uns als Aufgabe gestellt.“
Ein Wort von ungebrochener Aktualität bis heute – wie die Auseinandersetzung mit den Piusbrüdern zuletzt wieder gezeigt hat.
Für seine Berliner Zeit sei verwiesen auf seine Initiative zur Versöhnung zwischen Polen und Deutschland, in der er eine der Herausforderungen der Stunde sah. Mutig brach er das damalige Tabu und sprach offen über die deutsche Kriegsschuld. Jeder Form von Revanchismus erteilte er eine Absage und warb dafür, die Versöhnung zwischen den Völkern anzubahnen, ohne einander die Schuld aufzurechnen.
In der Auseinandersetzung mit dem SED-Regime erinnerte er daran, dass der Christ eine Ideologie mit aller Kraft bekämpfen muss, „doch niemals darf er die Menschen hassen, die dahinter stehen“. Im Blick auf das Verhältnis von Juden und Christen betonte er mit aller Entschiedenheit: „Antisemitismus ist dem Christen vom Wesen her fremd.“ Ein Wort, das auch heute wieder – Gott sei es geklagt – von erschreckender Aktualität ist und das erneut in Erinnerung gerufen werden muss.
Und noch ein Wort aus Döpfners Berliner Zeit sei zitiert, das er anlässlich der Grundsteinlegung der Gedenkkirche „Maria Regina Martyrum“ – seinem Herzensprojekt – äußerte. „Die Kirche soll uns mahnen, daß wir die letzte Ordnung nicht vergessen. Wer die Gottesverehrung abschaffen will, bereitet dem Götzendienst den Weg.“ Auch das ein wegweisendes Wort. Es gibt eben kein weltanschauliches Vakuum. Wo man nicht mehr an Gott glaubt, werden Ersatzgötter an seine Stelle treten und den Menschen in ihre Abhängigkeit bringen.
Für seine Münchner Zeit, die gekennzeichnet war durch sein Bemühen, die Reformen des Zweiten Vatikanum besonders in Fragen der Liturgie und der Einbindung der Laien umzusetzen, sei an seine hellsichtige Analyse zur Lage des Glaubens im Erzbistum erinnert. Döpfner sagte:
„Das Traditionschristentum auf dem Land ist in Gefahr, in bloßer Konvention zu erschlaffen, das geistige Klima der Stadt gibt die Chance zu einem umfassenden Dialog, fordert aber gleichzeitig den katholischen Glauben zu einer höchst differenzierenden Auseinandersetzung mit den neuesten Zeitströmungen heraus.“
Eine Analyse, die auch in unserem ländlich geprägten Bistum Würzburg bis zum heutigen Tag Gültigkeit beanspruchen kann. In München versuchte er diese Auseinandersetzung zu fördern durch die Gründung der Katholischen Akademie in Bayern, wie er schon zuvor in Würzburg die Katholische Akademie Domschule im Burkardushaus mit derselben Zielsetzung ins Leben gerufen hatte.
„Praedicamus Crucifixum“ und das Leben als Bischof in Spannungen
Als Wahlspruch hatte sich Döpfner einen Vers des Apostels Paulus aus dem Ersten Korintherbrief (1Kor 1,23) gewählt: „Nos autem praedicamus Christum crucifixum“.
Zu Deutsch: „Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten.“ Ein markantes Wort, das nicht nach Anpassung klang, sondern den Widerspruch zur Welt unterstrich. Er selbst gibt an, durch den Primizspruch des späteren Wiener Kardinals König auf diesen Vers aufmerksam geworden zu sein. Überdies verwies er auf die Zweite Kreuzwegstation bei seinem elterlichen Haus in Hausen, die ihn an dieses Wort erinnerte. Sein bischöfliches Selbstverständnis sah er in diesem Paulus-Zitat zusammengefasst. Er führte dazu in seinem ersten Hirtenbrief aus:
„Im Zeichen meines Wahlspruchs will ich der erste Kreuzträger des Bistums sein, indem ich frohgemut die schmerzende Last trage, die sich unter den Ehrungen des Bischofsamtes verbirgt, und all euer Leid in väterlicher Hirtensorge mit euch teile.“
An der Feststellung, dass mit dem bischöflichen Amt erhebliche Lasten einhergehen, hat sich nichts geändert. Die Spannungen, die es als Bischof auszuhalten gilt, hat auch Döpfner zur Genüge durchlitten. Erinnert sei zum einen an seine tiefe Enttäuschung nach der Veröffentlichung der Enzyklika „Humanae Vitae“ Pauls VI., die in Deutschland zu einem regelrechten Aufbegehren gegen Rom führte. Mit der „Königsteiner Erklärung“ mühte er sich, die Wogen wieder zu glätten.
Zum anderen sei erinnert an die Spannungen nach dem Konzil zwischen Erneuerern und Bewahrern, die sich bei der Würzburger Synode unter seinem Vorsitz fortsetzten und unter denen er sehr litt. Dennoch beschrieb er in seiner Schlussansprache den Verlauf der Würzburger Synode als einen Prozess, bei dem man gelernt habe „miteinander zu streiten, ohne sich zu zerstreiten“. Und weiter:
„Wir wurden zu einem Prozess gezwungen, dem wir einen neuen Stil des Miteinanderredens und Miteinanderumgehens zwischen Bischöfen, Priestern und Laien verdanken. Den möchten wir nicht mehr missen.“
Ähnliches könnte man festhalten für die gemeinsamen Lernerfahrungen von Bischöfen und Laien während der Sitzungen des Synodalen Wegs in den vergangenen Jahren. Für Döpfner war jedenfalls klar, dass Reform zum Wesenselement der Kirche gehört, wie der bereits erwähnte Titel seines gleichlautenden Vortrags besagte.
Mit dem Bild von der Werft verdeutlichte er die Mühen, die es braucht, um das Kirchenschiff wieder flott zu machen. Döpfner beschrieb es so:
„Die Kirche liegt nicht auf der Sandbank der Zerstörung, sondern auf der Werft der Erneuerung. Zugegeben, eine Werft ist keine idyllische Waldwiese. Dort kann es laut, windig, ungemütlich und gelegentlich sogar gefährlich sein. Aber dort werden Schiffe nicht verschrottet, sondern ausgerüstet zu neuer Fahrt.“
Bei allem Streben nach Erneuerung mahnte Döpfner jedoch eine „nüchterne Liebe“ zur Kirche an. Für die Steuerung des Kirchenschiffs ginge es darum, zwischen der Skylla einer romantisch verklärten Kirche von gestern und der Charybdis einer bloß erträumten Kirche von morgen hindurch zu navigieren. Ziel müsse immer die konkrete Kirche sein, „die hier und jetzt zum Zeugnis für Gottes erlösendes Wirken gerufen ist“. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Döpfners tiefe Verbundenheit mit seiner fränkischen Heimat
Was mich immer wieder neu berührt, ist die tiefe Verbundenheit Döpfners mit seiner fränkischen Heimat. „Meine fränkischen Jahre“ – so ist ein Radiobeitrag überschrieben, in dem Döpfner in geradezu hymnischen Worten das Frankenland ob seiner Schönheit rühmt, unter anderem „das schöne Würzburg, diese Stadt zum Verlieben, für die kein Wort des Lobes zureicht“, wie er sagt. Und weiter:
„Wenn ich als Erzbischof von München und Freising an diese Jahre in der fränkischen Heimat denke, kann ich einem Lächeln nicht wehren. Ich war damals – wie so manche Franken – skeptisch gegen Bayern im engeren Sinn, also gegen Altbayern, auch gegen München, das mir – man verzeihe mir – wie ein anmaßender Emporkömmling vorkam gegenüber dem alten, noblen Würzburg.“
Unterfranken war für ihn „Kiliansland“ und „Frankenland war Marienland“, wie Döpfner betonte. In seine Zeit fiel 1949 die triumphale Rückführung der Reliquien Kilians und seiner Gefährten aus Gerolzhofen nach Würzburg und 1952 konnte er die 1200-Jahr-Feier der Erhebung der Gebeine der Frankenapostel begehen. Resümierend hält Döpfner fest:
„Man kann eine neue Heimat finden, wenn man den liebenden Blick, den einem die eigene Heimat schärfte, nun auch anderen Menschen und ihren Lebensräumen schenkt. Mir scheint, beides sei in unserer so mobilen und weithin entwurzelten Zeit vonnöten, dass wir die Wurzel tief senken und zugleich den Blick weiten.“
Ein wunderbares Wort, das nicht nur für die Heimatliebe gilt, sondern auch für die Beheimatung in der theologischen Tradition. Nur wer tief in der Tradition verwurzelt ist, kann auch den Blick weiten für die neuen Anfragen, die an ihn herangetragen werden. Beides, Beheimatung in der Tradition und Offenheit für die Fragen der Zeit, hat Döpfner in seiner Person zu vereinen gewusst. Das macht ihn zu einem vorbildlichen Hirten bis heute.
Bodenständig und demütig
Und noch ein Wort hat mich sehr berührt. Es betrifft sein Selbstverständnis als Christ und als Bischof. In Erinnerung an seine Eltern bekannte er:
„Ich darf einmal ganz offen gestehen: Ich habe als Prediger und Bischof noch nicht eine Sekunde die Versuchung gespürt, dass ich in diesem Beruf ein vollkommeneres Christenleben führe, als mein Vater und meine Mutter es getan haben. Wenn ich mit meiner Berufung den Ruf des Herrn so ernst nehme wie meine Eltern und so viele ganz schlichte und einfache Christen in ihrem Beruf, in ihrem Ehestand, dann danke ich Gott von ganzem Herzen.“
Worte, die zu Herzen gehen. Hieraus spricht keine klerikale Überlegenheitsattitüde, sondern der selbstkritische Blick dessen, der für die Seelenführung vieler Menschen Verantwortung trägt und zugleich weiß, wie sehr er in die Schule der einfachen Christenmenschen gehen muss. Von ihnen konnte er die tägliche Treue und die tiefe innerliche Christusverbundenheit lernen. Diese Haltung bewahrte ihn davor, abgehoben zu werden. Sie war ihm zugleich Ansporn, seinerseits das Beste zu geben.
Zum Schluss
Ich hatte meine Ausführungen begonnen mit dem Gutachten über Döpfner, in dem es hieß, dass dieser das Zeug in sich trage, Bedeutendes zu leisten, wenn er sich ein wenig mehr als bisher von den Aufgaben des alltäglichen Lebens zurückziehen würde, um in der allzu einseitigen Verausgabung seiner besten inneren Kräfte sich nicht selbst zu verlieren.
Es gehört zur Tragik seines Lebens, dass Döpfner genau das versagt blieb aufgrund der überbordenden Aufgabenfülle und seines ausgeprägten Pflichtbewusstseins. Die Verausgabung „seiner besten inneren Kräfte“ war die Folge. Über die körperlichen Anzeichen einer tiefgreifenden inneren Erschöpfung setzte er sich jahrelang hinweg in der Hoffnung, sich in den wenigen Mußestunden regenerieren zu können. Als er dann endlich in Urlaub fahren wollte, holte der Herr ihn heim in den ewigen Urlaub.
So stand auch sein – für Außenstehende überraschendes – Sterben unter dem Wort vom Kreuz, das zu predigen er sich zur Aufgabe gemacht hatte. Im Blick auf sein reich erfülltes Leben fühlt man sich an die Worte des Apostels Paulus erinnert, der in seiner Abschiedsrede sagte (Apg 20,24):
„Aber ich will mit keinem Wort mein Leben wichtig nehmen, wenn ich nur meinen Lauf vollende und den Dienst erfülle, der mir von Jesus, dem Herrn, übertragen wurde.“
Der Herr vergelte ihm, was er Gutes für unser Bistum Würzburg und die Kirche in Deutschland wie die Weltkirche getan hat. Er schenke ihm nun die Zeit, von seinen Mühen auszuruhen (Offb 14,13).
Danke, lieber Mitbruder Julius. Ruhe in Frieden. Amen.
