Würzburg (POW) Brennende Kerzen, bunte Blumen und blau-gelbe Ukraineflaggen haben die Würzburger Marienkapelle bei einem Friedensgebet am Dienstagabend, 24. Februar, geschmückt. Vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine kamen Menschen dort auf Einladung der Gemeinschaft Sant’Egidio zusammen. Sie beteten für Frieden in der Ukraine und auf der ganzen Welt. Unter den Teilnehmenden befanden sich viele Ukrainerinnen und Ukrainer, die inzwischen in Würzburg leben. Für sie war der Jahrestag mit persönlichen Erinnerungen verbunden.
„Der Kriegsausbruch war fürchterlich, ich habe nie geglaubt, dass so etwas passieren würde. Als ich klein war, hat meine Oma immer gesagt: ,Es darf alles kommen, nur kein Krieg.‘ Und wir haben noch gelacht. Warum sollten wir angegriffen werden? Und jetzt ist es passiert“, sagte Larysa Potok aus der Ukraine. Sie lebt seit sechs Jahren in Würzburg und nimmt regelmäßig an Veranstaltungen von Sant‘Egidio teil. „Ich komme aus Kiew. Und in Kiew habe ich Cousinen und Cousins. Sie könnten jederzeit eingezogen werden. Es ist sehr schwer, daran zu denken. Eine Freundin von mir hat ihren Sohn im Krieg verloren. Es ist furchtbar.“
Olena Bugara lebt seit vier Jahren in Würzburg. Die 76-Jährige ist ergriffen von der Solidarität und Anteilnahme der Menschen in Deutschland. Ihre Enkelin übersetzte: „Den Beginn des Krieges habe ich in der Ukraine erlebt. An diesem Tag habe ich bereits russische Panzer gesehen. Und am Tag der vollständigen Invasion der Ukraine, genau am 24., gab es in unserer Stadt zerstörte Häuser und Tote.“ Das Friedensgebet schenke ihr Hoffnung: „Das Gebet hilft mir, den Schmerz für die Ukraine zu lindern. Es hilft uns, zu leben und uns in die deutsche Gesellschaft, in die Familie der Stadt Würzburg, zu integrieren.“ Sie habe einen klaren Wunsch für die Zukunft: „Für die Ukraine wünsche ich mir Frieden. Für Sant'Egidio wünsche ich mir viele Freunde, Inspiration für die weitere Arbeit für den Frieden und für die Umsetzung ihrer Grundprinzipien: Frieden, Armut und Gebet.“
Die Gemeinschaft Sant’Egidio in Würzburg organisiert einmal monatlich ein Friedensgebet, auch schon vor Kriegsausbruch in der Ukraine. Das erzählte Susanne Bühl, Mitorganisatorin des Friedensgebets und Mitglied von Sant’Egidio. Ihre Anteilnahme drücke die Gemeinschaft nicht nur im Gebet, sondern auch mit der Organisation von Deutschkursen, Unterstützung bei der Wohnungssuche und medizinischer Versorgung aus. Mitglieder der Gemeinschaft hätten beispielsweise nach Kriegsbeginn Schutzsuchende aus der Ukraine bei sich aufgenommen, bis diese eine Wohnung gefunden haben. Sie unterstützten auch Dialysepatientinnen und -patienten beim Transport nach Deutschland, die in Würzburg eine gute medizinische Versorgung erhielten.
Die Menschen aus der Ukraine seien sehr hilfsbereit und würden gerne etwas zurückgeben. Bühl sagte: „Sie erleben die Gemeinschaft Sant'Egidio im Gebet, aber auch bei unserem konkreten Einsatz. Es gibt eine große Dankbarkeit. In Würzburg sind wir schon länger präsent, zum Beispiel bei unserer Arbeit im Altenheim oder auch bei Gebeten und Gottesdiensten. Es gibt einige Migranten, auch aus der Ukraine, die in ihrer Freizeit mitkommen und helfen. Die Sprache ist manchmal ein bisschen ein Problem, aber das funktioniert schon ganz gut.“
Das Friedensgebet fand am gleichen Tag wie die Vollversammlung und Neuwahl des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz statt. Der neu gewählte Vorsitzende, Bischof Dr. Heiner Wilmer, erklärte in seinem ersten Statement nach der Wahl, die Kirche wolle eine Botschafterin des Friedens sein. Angesichts zahlreicher internationaler Krisen, darunter des Krieges in der Ukraine, sei die christliche Hoffnung mehr als bloßer Optimismus.
Von der Hoffnung sprach auch Pfarrer Dr. Matthias Leineweber, der dem Gebet vorstand. Er betonte: „Das Gebet ist keine Schwäche.“ Es gebe keinen Sieg im Krieg, sondern der Sieg sei der Frieden. „Jeder Krieg und jede Gewalt richtet sich gegen einen Bruder oder eine Schwester, weil wir alle Geschwister im Glauben sind.“ Er sicherte den Ukrainerinnen und Ukrainern volle Solidarität und Liebe zu.
Zum Gedenken an die Kriegsopfer aus der Ukraine wurde ein Blumenstrauß auf den Altar getragen. Im Gebet wurde der Opfer aller Kriege gedacht und für ein Ende der weltweiten Gewalt gebetet. Bei der Nennung einzelner Regionen, in denen Krieg herrscht, wurden Kerzen entzündet.
Auch Würzburgerinnen und Würzburger nahmen an dem Gebet teil, um ihre Solidarität zum Ausdruck zu bringen. Beispielsweise Johannes Reder. Der 30-Jährige engagiert sich bereits seit mehreren Jahren bei der Gemeinschaft Sant’Egidio: „Das ist mir einerseits wichtig, weil mir die Erinnerung an den Kriegsausbruch sehr präsent ist. Als der Krieg vor vier Jahren begonnen hat, hat mich das sehr beschäftigt. Und über diese vier Jahre sind auch viele Beziehungen zu ukrainischen Geflüchteten, die inzwischen in Würzburg leben, gewachsen.“ Das gemeinsame Gebet halte er für wichtig: „Ich glaube, einen Krieg zu beenden bedeutet zuallererst, seine Herzen zu öffnen und zu verändern. Und nur so können Wege des Dialogs begonnen werden. Ich glaube, so ist oftmals das Gebet der erste Schritt, um etwas an der Situation ändern zu können. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass das Gebet das Leid der Menschen lindern kann. Sie finden einen Ort, wo sie ihre Fragen, Sorgen und Nöte hinbringen können.“
Judith Reinders (POW)
(1026/0220; E-Mail voraus)
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