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80 Jahre Diözesanbibliothek Würzburg (3)

Die Magie der Mönchsrepublik

Herbert Pfeifers private Sammlung von Büchern über den Berg Athos – „Die wohl vollständigste deutschsprachige Buchsammlung zu diesem Thema“ – In der Diözesanbibliothek finden Interessierte unterschiedliche Sondersammlungen

Würzburg (POW) Ein Ort, den nur Männer betreten dürfen und der nur mit einer Fähre zu erreichen ist: Seit Jahrhunderten fasziniert der heilige Berg Athos, eine orthodoxe Mönchsrepublik in Griechenland, die Menschen. Herbert Pfeifer (1941-2008) aus Dettingen (Landkreis Aschaffenburg) hat ihn 19 Mal besucht – und eine beeindruckende Anzahl von Büchern, Aufsätzen, Bildern und sonstigen Dokumenten über den Berg Athos zusammengetragen. Sein Sohn Michael Pfeifer, Referent für liturgische Bildung im Bistum Würzburg, übergab die 235 Bände umfassende Büchersammlung vor nunmehr sechs Jahren an die Diözesanbibliothek. „Es ist außergewöhnlich, ein Thema in dieser Tiefe und Bandbreite zu sammeln“, sagt Julia Langmeier, Leiterin der Abteilung Bibliotheksfachliche Aufgaben. Es sei die „wohl vollständigste deutschsprachige Buchsammlung“ zu diesem Thema.

Alles begann im Jahr 1985. Er sei damals auf Abiturfahrt in Griechenland gewesen, erinnert sich Michael Pfeifer. Sein Vater habe schon länger davon geträumt, den heiligen Berg zu besuchen. „Er hat mich auf der Peloponnes aufgesammelt und wir sind in den Norden gefahren. Wir waren drei Tage auf dem Berg Athos. Es war, als würde man in eine mittelalterliche Welt katapultiert.“ Damals habe vom Hafen eine einzige Straße hinauf zu dem Hauptort Karyes geführt, zu den Klöstern sei man entweder zu Fuß gegangen oder auf einem Esel geritten. „Es gab keinen Strom, kein warmes Wasser, und beleuchtet wurde mit Petroleumlampen.“ Die unberührte Natur, die Ruhe und die langen nächtlichen Gottesdienste beeindruckten Vater und Sohn. Keiner von beiden sprach Griechisch, aber das habe nicht gestört. „Wir haben uns prächtig mit Weinbauern unterhalten, obwohl wir nicht viel verstanden haben. Ich habe damals gelernt, was Völkerverständigung sein kann.“

Sein Vater habe begonnen, nach Literatur zum Berg Athos zu suchen – Bücher zur Geschichte der Klöster, Reiseführer, Bildbände, Erlebnisberichte. „Eines der ersten Bücher hieß ,Vorhölle zum Paradies‘. Es war eine interessante Mischung aus soliden historischen Informationen und praktischen Tipps. Mit dem Autor Erich Feigl hat Vater lange korrespondiert.“ Michael Pfeifer, mittlerweile Student der Theologie, half bei der Suche. Vater und Sohn durchstöberten Antiquariate und Auktionen. Selbst Dokumente aus aufgelassenen Klöstern fanden ihren Weg in die Sammlung. „Manches war nie im Handel erhältlich“, erzählt Michael Pfeifer. Das Ministerium für Nordgriechenland etwa habe Jahrbücher verschenkt – aber nur auf Anfrage. „Die waren ganz toll gemacht.“ Über die Fernleihe habe sein Vater unter anderem nach Zeitschriftenartikeln gesucht. Zwölf Ordner voller Kopien von Aufsätzen und Berichten über den Berg Athos habe er besessen, dazu ein Dutzend Diakästen. „Man sieht auf den Bildern, wie sich die Landschaft und die Gebäude verändert haben.“

Insgesamt 19 Mal fuhr Herbert Pfeifer zum Berg Athos, sein Sohn begleitete ihn bei zehn Fahrten. „Man trifft unglaublich interessante Leute“, erinnert sich Michael Pfeifer. Mehrmals waren sie bei dem mittlerweile verstorbenen Mönch Panteleimon zu Gast, der ursprünglich aus dem Schwarzwald kam. „Da saßen schon einmal 20 Leute um einen Tisch. Es war wie Kloster auf Zeit.“ Auch den heutigen König Charles III. und dessen Vater Prinz Philip hätten sie getroffen. Charles habe bei seinen Besuchen mit der Heckenschere historische Pfade freigeschnitten. Vor allem aber seien sie intensiv in das Leben und die Klosterliturgie eingetaucht, hätten ganze Nächte Gottesdienste gefeiert. „Ich kann verstehen, dass das Thema meinen Vater nicht losgelassen hat.“ Im Jahr 2008 wollte Herbert Pfeifer zum 20. Mal auf den Berg Athos fahren, alles sei schon geplant gewesen – doch dann sei er unerwartet gestorben. „Ich habe mich zwar selber mit dem Thema beschäftigt, aber über die Jahre gemerkt, dass es zu viel wird“, sagt Michael Pfeifer. „Jetzt sind die Bücher in guten Händen.“

„Wir haben das Glück, dass wir schon einige Spezialsammlungen übernehmen konnten“, sagt Langmeier. So vermachte Gereon Christoph Maria Becking (1931-2016), ehemals Mitarbeiter im Bau- und Kunstreferat der Diözese, der Diözesanbibliothek im Jahr 2009 seine mehr als 1000 Bände umfassende Zisterzienser-Sammlung („Cisterciensia“) mit Schwerpunkt Europa. Manfred Zentgraf, Gründungsmitglied der Fränkischen Sankt Jakobus-Gesellschaft, überließ ihr 2013 seine Sammlung von Jakobus- und Pilgerliteratur, in Deutschland die wohl vollständigste Sammlung dieser Art. Es gibt Sondersammlungen zu den Themen „Franconica“ (Literatur zu Franken), Katechetik, „Liturgica“ (Liturgische Bücher), Gebet- und Andachtsbüchlein sowie Kleindenkmäler und Bildstöcke. In Archiv und Bibliothek des Bistums Würzburg (ABBW) habe man den Vorteil, dass bei einigen Sammlungen, etwa zum Thema Kleindenkmäler und Bildstöcke, sowohl Archiv- wie auch Bibliotheksbestände vorhanden und in Kombination nutzbar seien.

2018 kam also die Sammlung zum Berg Athos hinzu. Diese sei umfassend, vielfältig – und vielsprachig. Vater und Sohn Pfeifer bewahrten zwar hauptsächlich Werke in deutscher Sprache auf, aber auch englische, griechische, niederländische, russische oder ungarische Bücher sind darunter. Zum Glück habe Svenja Keller als Studentin während ihrer Ausbildung zur Bibliothekarin im März 2019 ein Praktikum in der Diözesanbibliothek absolviert. „Sie hat die Sammlung innerhalb von einem Monat katalogisiert und konnte auch die griechischen und kyrillischen Titel transkribieren“, erzählt Langmeier. Seit 2019 befinden sich alle 235 Bücher im Katalog der Diözesanbibliothek und können im Lesesaal eingesehen oder ausgeliehen werden.

„Wir hatten vereinzelt Werke zum Berg Athos, aber keine Sammlung. Herbert Pfeifer hat mit seinem Nachlass einen eigenen Sammelschwerpunkt gegründet“, sagt Langmeier. Manche Werke waren bisher noch in keinem Bibliotheksbestand im deutschsprachigen Raum nachgewiesen. Die Sammlung umfasse Erlebnisberichte von Männern, die den Berg Athos besucht haben, wissenschaftliche und kulturhistorische Werke, spirituelle Berichte, Reiseführer, aber auch Kunst- und Bildbände, Ausstellungskataloge oder Kalender. „Es ist eine unglaubliche Bandbreite.“ Manche Bücher sind so selten und fragil, dass sie nicht mehr ausgeliehen werden können, etwa ein griechisch-französisches Album aus dem Jahr 1928. Auf dem Einband aus verblasstem grünem Leinen steht in kyrillischen Goldbuchstaben „Leukoma tu Hagiu Orus Athos“ – „Album vom Berg Athos“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten sich viele Männer zum Berg Athos aufgemacht, weil sie sich vom spirituellen Leben angezogen fühlten und nach einem Sinn gesucht hätten, sagt Ulrike Steinhoff, stellvertretende Leiterin der Abteilung Bibliotheksfachliche Aufgaben. „Viele haben ihre Berichte als Eigenpublikationen herausgebracht.“ Gerhart Pohl (1902-1966) etwa habe in seinem Buch „Wanderungen auf dem Athos“ die zeitgeschichtliche Situation reflektiert. Der evangelische Theologe Rudolf Irmler (1907-1999) wiederum habe seinen Aufenthalt aus Sicht der evangelischen Theologie verarbeitet. Michael Pfeifer selbst nennt spontan „Die Nacht der Jungfrau: Erzählung einer inneren Reise zum Berg Athos“ von Freddy Derwahl: „Es ist eine Mischung aus Roman und Reisebericht. Es ist sehr poetisch geschrieben und hat mich damals sehr beeindruckt.“

Die Übernahme von Buchnachlässen sei immer eine große Bereicherung, sagt Langmeier. „Oft handelt es sich um hoch spezialisierte thematische Sammlungen, die wir in dieser Breite und Tiefe nicht erwerben könnten.“ Oder, mit den Worten von Nikola Willner, Fachbibliothekarin in der Abteilung Bibliotheksfachliche Aufgaben: „Wer sich mit diesen Themen beschäftigt, kann bei uns aus dem Vollen schöpfen.“

sti (POW)

(1324/0329; E-Mail voraus)

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