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„Die Unsicherheit ist im Werk zu spüren“

Interview mit Betriebsseelsorger Diakon Peter Hartlaub zur Situation bei FAG Kugelfischer und zum Einsatz der Kirche für den Erhalt von Arbeitsplätzen

Schweinfurt/Eltmann (POW) Vor einen Jahr waren über 1000 Mitarbeiter der Firma FAG Kugelfischer in Schweinfurt und Eltmann von Kündigungen bedroht. Bischof Dr. Friedhelm Hofmann, die Betriebsseelsorge der Diözese und viele Christen hatten sich damals für den Erhalt der Arbeitsplätze eingesetzt und ihre Solidarität mit den von Arbeitslosigkeit bedrohten Menschen bekundet. Wie die Situation ein Jahr später in Eltmann aussieht, beantwortet der Schweinfurter katholische Betriebsseelsorger Diakon Peter Hartlaub (41) in folgendem Interview.

POW: Vor einem Jahr drohte die Schließung des FAG-Werkes in Eltmann und der Verlust von fast 700 Arbeitsplätzen. In Schweinfurt war der Abbau von über 350 Arbeitsplätzen geplant. Der Einsatz von Betriebsrat und Belegschaften, unterstützt durch Gewerkschaft, Kirche und Politik, verhinderte die Werksschließung. Wie sieht die Situation in Eltmann heute aus?

Hartlaub: Heute befinden sich die Beschäftigten in Eltmann in einer schwierigen Übergangssituation. Einerseits produzieren sie seit dem Ende der Auseinandersetzungen im vergangenen Jahr auf Hochtouren, weil die Auftragslage außerordentlich gut ist und weil FAG seine Verlagerungspläne für einen Teil der Produktion um ein Jahr verschoben hat. Das heißt, dass viele Kollegen ständig auch am Samstag und sogar am Sonntag arbeiten müssen, um die benötigte Leistung zu erbringen. Andererseits wissen die Beschäftigten genau, dass wahrscheinlich zu Beginn des Jahres 2007 die Verlagerung durchgezogen wird und dann bis zu 300 Arbeitsplätze in Eltmann abgebaut werden. Die Unsicherheit darüber, wen dann das Schicksal der Arbeitslosigkeit treffen wird, ist im ganzen Werk zu spüren und führt auch zu Spannungen. Nach wie vor können die Mitarbeiter nicht verstehen, wieso ein Unternehmen, das gerade erst das beste Ergebnis der Firmengeschichte verkündet hat, ein rentabel arbeitendes Werk schließt.

POW: Unternehmensleitung und Betriebsrat haben im vergangenen Jahr einen Vertrag zur Beschäftigungssicherung geschlossen. Wie wird dieser Vertrag heute umgesetzt?

Hartlaub: Die Beschäftigten haben auf die Lohnerhöhung des Jahres 2005, auf zwei Prozent mehr Geld, effektiv verzichtet. Sie bringen pro Jahr zehn Stunden Qualifizierungszeit aus ihrem Arbeitszeitkonto ein. Die Angestellten bringen zusätzlich im Jahr zirka 30 Stunden Wegezeit aus ihrem Gleitzeitkonto ein. Alle diese Maßnahmen wurden bereits umgesetzt. Auf Seiten des Arbeitgebers steht der Erhalt des Werkes Eltmann in reduzierter Form und mit einem neuen Produkt, das bereits bekannt ist. Außerdem ist er seiner Verpflichtung nachgekommen, Leitbilder für die Zukunft der FAG-Standorte vorzulegen: Allerdings beginnen die Gespräche mit den Betriebsräten über diese Leitbilder jetzt erst. In ihnen muss dann geklärt werden, ob diese Leitbilder wirklich die Zukunft der Standorte und der Beschäftigung absichern.

POW: Welche aktuelle Entwicklung beobachten Sie im Werk?

Hartlaub: Traurig und verwerflich ist, dass der Arbeitgeber im Moment wieder Druck auf Betriebsräte ausübt, um die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten zu verschlechtern. Das geschieht, obwohl er sich in der Vereinbarung zur Einhaltung der Tarifverträge verpflichtet hat. Im Moment versucht er, im Werk Elfershausen eine Arbeitszeitverlängerung von 35 auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich durchzudrücken, indem er den dortigen Betriebsrat regelrecht nötigt: Ersatzproduktion für abwandernde Produkte gibt es nur, wenn ihr der 40-Stunden-Woche zustimmt. Das widerspricht aus meiner Sicht dem Buchstaben und dem Geist des Vertrages. Da muss sich die Unternehmensleitung schon fragen lassen, ob für sie das Vertrauen der Beschäftigten und deren Planungssicherheit überhaupt eine Bedeutung haben.

POW: Die Kirchen haben sich in der Auseinandersetzung im vergangenen Jahr sehr stark eingebracht. Bischof Dr. Friedhelm Hofmann war zum Gespräch bei der Besitzerin von INA, Maria-Elisabeth Schaeffler, in Herzogenaurach. Welche Rolle kann die Kirche in solchen Fragen spielen?

Hartlaub: Zunächst einmal haben die Kirchen im vergangenen Jahr sicher einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des Werkes in Eltmann geleistet. Das Gespräch des Bischofs mit Frau Schäffler hat verhärtete Fronten wieder in Bewegung gebracht. Der Solidaritätsgottesdienst in Eltmann hat vielen Beschäftigten und ihren Familien Mut und Hoffnung geschenkt. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass die Kirchen kontinuierlich und regelmäßig an den Fragen der Beschäftigungssicherung und der Arbeitsbedingungen dran bleiben. Die Situation in der Wirtschaft hat sich so verschärft, der Druck auf Beschäftigte und Betriebsräte ist so massiv geworden, dass unser seelsorgerlicher und auch öffentlicher Beistand immer wieder gebraucht wird. Dazu ist vor allem die regelmäßige Kommunikation und das Wissen um die Situation in den Betrieben nötig. Deshalb versuche ich als Betriebsseelsorger, immer wieder über die Entwicklungen in der Arbeitswelt und über die Konflikte zu informieren. Diese Fragen brauchen aus meiner Sicht mehr Raum in unseren Gemeinden, weil sie den Menschen wirklich auf der Seele brennen.

bs (POW)

(4405/1427; E-Mail voraus)

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