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Durch das Blut des Erlösers lebt die Kirche auf

Predigt von Weihbischof Helmut Bauer anlässlich des Pontifikalgottesdienstes am Seniorentag in Walldürn am Mittwoch, 5. Juli 2006

Liebe Seniorinnen und Senioren!

Pater Arno hat mir für die Vorbereitung der Predigt zum Leitwort der Walldürner Wallfahrt 2006 „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) sein Referat darüber zur Verfügung gestellt. Er erwähnt in seinen Gedanken eine erschütternde Erfahrung: Er verweist auf den weltberühmten Dichter, Dramaturgen und Existenzphilosophen Jean Paul Sartre und auf dessen autobiographisches Werk „Die Wörter“. Darin zieht Sartre seine Bilanz seines Lebens und bezeichnet sein Leben als verfehlt. Wörtlich schreibt Sartre zurückschauend auf die letzte Zeit seines Lebens: „Seit ungefähr zehn Jahren bin ich ein Mann, der nichts mehr mit seinem Leben anzufangen weiß.“ Und Pater Arno diagnostiziert das heutige Lebensgefühl bei tieferem Hinschauen: Die schwerste Krankheit unserer Zeit ist nicht Krebs, Herzinfarkt oder Diabetes, sonders der totale Sinnausfall.

In der Tat: Es ist die Krankheit, die viele – natürlich ältere, aber auch jüngere Menschen in den Tod treibt. Wer um diesen krankhaften Zustand unserer Welt weiß, der sucht natürlich nach Therapie-Möglichkeiten und nicht wenige Menschen leben gut von den Ängsten, Ausweglosigkeiten und Hoffnungen solcher sinnentleerter Menschen. Es ist uns Christen verwehrt, diese Krankheit unserer Zeit zu übersehen oder gar Schuldzuweisungen vorzunehmen, denn die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils haben in der berühmten Pastoralkonstitution mit dem Titel „Die Kirche in der Welt von heute“ eindeutig die engste Verbundenheit der Kirche mit der ganzen Menschheitsfamilie herausgestellt und gesagt: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst des Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Und etwas später sagten die Väter des Konzils: „Es gilt also, die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen in ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen“. Wir können also als Kirche nicht einfach sagen: Selbst schuld, wenn der Sinnausfall Menschen ergreift und es dunkel in den Seelen wird. Wir selbst sind in Gefahr, von diesem Sinnausfall befallen zu werden. Wir müssen uns gerade auch als ältere Menschen schützen gegen diese Lebensgefahr. Einmal, weil wir selber Ausschau halten müssen nach dem, was uns Lebenssinn und damit Lebenskraft, Lebensfreude, Lebensannahme schenkt. Und: Wir müssen Lebenshelfer für andere sein und gelingendes Leben in Glaube, Hoffnung und Liebe vorleben für andere.

Doch wenn das so einfach wäre.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Seniorinnen und Senioren!

Zur Zeit feiern wir in Würzburg die Kiliani-Woche. Wieder kommen zehntausend Gläubige in den Dom und schauen auf die Häupter der Frankenapostel, die in einem goldenen Schrein zu sehen sind.

Unser Bischof Friedhelm hat diesen Wallfahrtstagen das Motto, das Schriftwort gegeben: „Kommt und seht“ (Joh 1,39). Es ist die Antwort auf die Frage der ersten Jünger: „Meister, wo wohnst du?“ Die Menschen in der damaligen Zeit waren ebenfalls umtrieben von der Frage: Was Macht mein Leben sinnvoll? Wer gibt mir Wegweisung? Wer sagt die Wahrheit über unser Dasein und unsere Existenz? Wie kommt man zu einem erfüllten Leben? Alle damaligen Versuche, darauf Antwort zu geben, in den heidnischen Religionen und in einer formalen Erfüllung der Gottesgebote, sie konnten keine Hoffnungen wecken, keine Zuversicht vermitteln, keine Sinnhaftigkeit erschließen. Man spürte bei Johannes dem Täufer, dass er redlich Antwort zu geben versuchte. Und als er auf Jesus hinwies „Seht, das Lamm Gottes“ – waren diese jungen Leute, Andreas und Johannes, sofort bereit, Jesus zu folgen und bei ihm zu bleiben. In diesem liebenden und freundschaftlichen, jugendhaften „Bleiben bei ihm“ eröffnete sich ihnen zunehmend die Einsicht: Hier ist der Messias. Hier ist der, der das Leben kennt, bei dem ihnen manches überraschend klar wurde und bei dem sie geistig, seelisch wieder aufatmen, aufleben konnten.

So war ihnen und in ihrem Gefolge den anderen Aposteln bald klar, wer dieser Jesus ist. Sie nahmen es ihm dann wirklich ab, als er sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Als Jesus gar in den dramatischen Ereignissen seines öffentlichen Wirkens und seiner Passion sein Wort mit seinem Blut bezeugte, da stand für sie fest: „Herr, du hast Worte des ewigen Lebens.“ Das Blut, das aus dem geöffneten Herzen des Erlösers floss, war ihnen wie eine Unterschrift zu dieser Selbstbeschreibung: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“

Liebe Schwestern und Brüder!

Abertausende Männer und Frauen, Jugendliche und auch ältere Menschen, sind wieder in diesem Jahr hierher nach Walldürn gekommen. Nein dieses Wallfahren war kein Gehen – oder Marathonwettbewerb. Es war ein Weg, der zum Herzen Jesu, zum Herzblut Jesu führt. Wer solche Wege auf sich nimmt, geht einen geistigen Weg mit Jesus. Er erlebt, dass dieser Weg nicht in eine Sackgasse führt oder sich im Kreis windet. Dieser Weg nach Walldürn ist die Diretissima zu einem vom Geist Gottes angelegten Ziel. Auf diesen Wallfahrtswegen verfehlt man nicht das Ziel, wenn man diesen Weg ehrlich im Geiste Jesu geht. Denn unsere äußeren Wege sind ja nur die äußere Seite eines inneren Weges. Wer zu Jesus geht und sieht „den sie durchbohrt haben“, hat das erlösende Blut vor Augen und die göttliche Lebensquelle. Die Liebe Gottes umarmt das Leid, die Leere und die Lieblosigkeit der Menschenherzen.

Hier, im betenden Knien vor dem Heiligen Blut in der Feier der Eucharistie, wird uns die Wahrheit vor Augen geführt, die uns frei macht: „Gott liebt diese Welt, Ihre Dunkelheiten hat er selbst erhellt. Im Zenit der Zeiten kam sein Sohn zur Welt (GL 297,4)“. Unsere Krankheiten hat er getragen, sagt der Apostel, gerade auch das Verdunkelt sein des Verstandes, des Gemütes, der Sinnentleerung unserer Zeit: „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist!“ So macht Jesu kund die Wahrheit, die alles Dunkel erhellen kann: Gott ist – in allem – die Liebe.

Und er ist das Leben. Die vielen Wallfahrer, die nach Walldürn kommen, erhoffen sich neuen Lebensmut, Lebensfreude, Überlebenskraft. Durch das Blut des Erlösers lebt die Kirche auf, erstarkt sie und kann Menschen Lebenszuversicht und Lebenshalt geben.

Unser Weg heißt Jesus Christus. Die Wahrheit über das Leben gibt Jesus Christus. Das Leben erwächst aus dem Blute Jesu Christi.

Liebe Schwestern und Brüder!

Jeden Abend singen wir mit der Kirche: „Du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben, Abbild und Spiegel des ewigen Vaters. Du bist der Heilige, du unser Herr“ (GL 701,2). Das kann auch ein schönes Lied sein, das wir am Abend des Lebens immer wieder singen sollen. So werden wir unseren irdischen Weg vollenden. So werden wir die volle Wahrheit schauen. So werden wir das Leben haben in Fülle. In der Ewigkeit Gottes. Amen.

(2806/1020)