Höchberg/Würzburg (POW) Mit einem Gottesdienst mit Bischof Dr. Franz Jung in der Pfarrkirche Sankt Norbert in Höchberg ist der Aufarbeitungsprozess in der Pfarreiengemeinschaft „Mariä Geburt und Sankt Norbert – Höchberg“ am Dienstagabend, 3. November, abgeschlossen worden. „Mit diesem Gottesdienst wollen wir uns erinnern, innehalten und den Blick in die Zukunft richten“, betonte Pfarrgemeinderatsvorsitzende Gudrun Walther zu Beginn der Messfeier im Namen des Höchberger Prozessteams. „Zugleich möchten wir aber auch ein Zeichen der Hoffnung setzen. Wir setzen uns für eine Kirche ein, in der Achtsamkeit, Respekt und Schutz selbstverständlich sind und die aus ihren Fehlern gelernt hat.“ Bischof Jung dankte allen, „die sich mit brennenden Herzen im Prozessteam engagiert haben. Danke für dieses gemeinsame Jahr und den gemeinsamen Weg.“
Walther erklärte weiter, dass sich das Höchberger Prozessteam in den vergangenen zwölf Monaten mit der Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe gegen den ehemaligen Pfarrer der Gemeinde beschäftigt hatte. Im Oktober 2025 habe das Prozessteam begonnen, die von Bischof Jung vorgeschlagenen vier Phasen zu bearbeiten: die Phase der Aufklärung der Geschehnisse und der Verantwortungsübernahme, die Phase der Verarbeitung, die Phase der Prävention und die Phase der Veränderung. „Die ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitglieder dieses Prozessteams sind im Laufe des letzten Jahres einen oft anstrengenden, für manche von uns auch schmerzlichen Weg gegangen.“
In seiner Predigt ging Bischof Jung auf die biblische Erzählung von der Begegnung des Auferstandenen mit den Emmaus-Jüngern ein. Dieses Evangelium hatte sich das Prozessteam für den Gottesdienst gewünscht. Bischof Jung machte deutlich, dass Erfahrung sexualisierter Gewalt immer Spaltungen nach sich ziehe. „Missbrauch spaltet. Er spaltet zwischen Verantwortungsträgern und Gemeinden, zwischen Betroffenen und denen, die ihre Situation nicht verstehen, zwischen Sympathisanten und Kritikern der Beschuldigten und Täter.“ Nach den Worten des Bischofs gilt es, diese Spaltungen wahrzunehmen und sie zu durchleiden, ohne vorschnell nach Harmonie und Verständigung zu suchen. Denn diese Spaltung sei ein fühlbarer Ausdruck des Unrechts und des Bösen, das sich „in unserer Mitte“ ereignet habe. „Das kann man nicht einfach wegwischen.“
Lange habe die Menschen in Höchberg wie im Bischöflichen Ordinariat die Frage umgetrieben, was eigentlich geschehen ist. „Wir wurden eingeholt von einer Vergangenheit, die wir gemeinsam anschauen mussten. Wir wurden eingeholt von unguten Erinnerungen. Wir wurden eingeholt vom Versagen der Verantwortungsträger. Wir wurden eingeholt von der Tatsache, dass der Blick für die Betroffenen schlicht fehlte. Wir wurden eingeholt vom eigenen Unvermögen, auch die Schattenseiten einer Persönlichkeit zu sehen. Wir wurden eingeholt von der Sprachlosigkeit, die zu überwinden viel Kraft gekostet hat. Wir wurden eingeholt von den vielen Emotionen, die über uns kamen und die zu ordnen vieler Anstrengungen bedurfte“, beschrieb Bischof Jung die Situation. Es sei gut gewesen, sich in der ersten Phase des Prozesses ausreichend Zeit für die Klärung der Frage zu nehmen, was eigentlich geschehen sei.
Die Kirche sei sich ihrer Sache zu selbstgewiss gewesen und habe sich über jede Kritik erhaben gefühlt, sagte Bischof Jung. Kritisch betonte er: „Die falsche Selbstsicherheit, die einherging mit dem fehlenden Blick für das Leid der Betroffenen und die Verpflichtung ihnen gegenüber, sie mussten dazu führen, dass es so weit gekommen ist.“ Es sei schweres menschliches Versagen gewesen. Aber wie so oft habe erst dieses Versagen die Augen für die Abgründe geöffnet, die sich auftaten. „Und so mussten wir in diese Abgründe schauen. Das tat weh. Da gibt es nichts zu beschönigen und auch nichts klarzustellen. Das gilt es nur anzuschauen und auszuhalten“, betonte Bischof Jung.
Im Letzten sei die Bitte der Emmaus-Jünger „Herr, bleibe bei uns“ auch über dem gemeinsamen Weg von Gemeinde Höchberg und Bistum Würzburg gestanden. Nur im Blick auf die Einheit, die Jesus anbiete, könnten sich Gemeinde und Bistum aufmachen, neu Gemeinschaft zu bilden, sagte der Bischof. „Es wird nie mehr so wie es war. Aber vielleicht wird es anders. Sicherlich nüchterner als zuvor. Vielleicht aber tiefer und ernster als bisher.“ Wie bei den Emmaus-Jüngern habe das Herz beim Aufarbeitungsprozess die ganze Zeit über gebrannt. „Das Herz brannte für die Betroffenen, denen Unrecht widerfahren ist. Das Herz brannte für die Gemeinde in Höchberg und die Sorge, die Gemeinde könnte darüber auseinanderbrechen. Das Herz brannte für die Kirche, die sich durch die Krise hindurch wie durch ein reinigendes Feuer erneuern muss, aber hoffentlich auch erneuern kann. Dazu braucht sie selbst dieses brennende Herz, sie und ihre Verantwortungsträger“, unterstrich Bischof Jung.
Stichwort: Aufarbeitungsprozess in Höchberg
Nach der Veröffentlichung des von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch im Bistum Würzburg (UKAM) in Auftrag gegebenen Gutachtens im April 2025 ging das Bistum Würzburg erste Schritte der Aufarbeitung in einer Gemeinde. In Sankt Norbert in Höchberg informierte das Bistum im Juni 2025 die frühere Gemeinde eines 2017 verstorbenen beschuldigten Priesters über die Tatvorwürfe. Bischof Jung betonte kurz danach in einem Brief an die Gläubigen in der Pfarreiengemeinschaft Höchberg, er möchte den Weg einer ehrlichen und entschlossenen Aufarbeitung weitergehen. Als Orientierung dienten dabei die von der Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBKSM) formulierten Standards. Demnach geht es nach einer ersten Phase der Aufklärung um die Phase der Verarbeitung. In einer dritten Phase der Prävention werden dann konkrete Maßnahmen erarbeitet. Abschließend wird eine nachhaltige Gedenk- und Erinnerungskultur entwickelt.
bs (POW)
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