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Ein ganzer Ort im Passionsspiel-Fieber

Noch sechs Wochen bis zur Premiere der Dammbacher Passionsspiele 2019 – Mehr als 200 Mitwirkende auf und hinter der Bühne – Zwei neue Jesus-Darsteller: „Rolle ist eine große Verantwortung, aber auch eine große Ehre“

Dammbach (POW) Jesus liegt mit verbundenen Augen und gefesselten Händen auf dem Boden. Um ihn herum stehen vier feixende Soldaten in knielangen roten Hosen und braunen Wamsen. Ein Soldat beginnt mit übertrieben ehrfürchtiger Stimme zu sprechen: „Unser König ist…“ Da unterbricht ihn Regisseur Paul Kroth. „Lauter bitte, und langsam“, ruft er quer durch die Sporthalle der Grundschule in Dammbach. Der Soldat nickt, holt Luft und beginnt von vorne. „Unser König ist vom Thron gestürzt!“, hallt es klar und deutlich über die Bühne. Kroth nickt zufrieden und beobachtet aufmerksam den weiteren Verlauf der Szene. In ihren aufwendigen Kostümen wirken die Darsteller ein wenig fremd zwischen Sprossenwänden und blauen Turnmatten. Noch rund sechs Wochen dauert es bis zur Premiere der Passionsspiele 2019 in der Spessartgemeinde Dammbach. Insgesamt zwölf Mal wird das Ensemble vom 4. Mai bis 2. Juni das Leiden und Sterben Jesu auf die Bühne bringen.

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Für die Szene vor dem Hohen Rat haben sich an diesem Abend 20 Darsteller versammelt. Insgesamt wirken rund 115 Personen bei den Passionsspielen auf der Bühne mit. Dazu kommen weitere 100 Helfer, die sich um Kostüme und Maske, Technik, Bühnenaufbau oder Verpflegung kümmern. Die jüngste Darstellerin ist gerade mal zwei Jahre alt, der älteste zählt 80 Jahre und ist „ein überzeugter Passionsspieler“, erzählt Martin Anderl vom Passionsspielausschuss. „Er ist von Anfang an mit dabei. Bei den ersten Passionsspielen war er Petrus, jetzt spielt er bei der Tempelaustreibung den Blinden.“ Oft sind ganze Familien gemeinsam auf der Bühne und hinter den Kulissen im Einsatz. So auch die Familie der zweijährigen Tabea. „Die Mutter spielt Maria Magdalena, der Vater ein Mitglied des Hohen Rats, ein Opa ist Hauptmann, der andere der Chef der Technik, die Oma ist seit Beginn im Passionsspielausschuss tätig, die andere Oma verpflegt die Spieler…“

Bereits im September 2018 begannen die Proben unter der Regie von Paul Kroth und Waltraud Amrhein. Mittlerweile sitzt der Text schon recht gut und die Darsteller tragen ihre Kostüme. Jedes Kostüm wurde von Adolf Englert, einst selbst im Bekleidungsgewerbe tätig, und seiner Ehefrau Friederike entworfen und von Hand genäht, erzählt Anderl. „Viele stammen noch aus der Zeit der allerersten Passionsspiele im Jahr 2001. Es sind hochwertige Unikate. Das Kostüm von Pilatus ist ein Meisterwerk.“ Würdevoll sehen auch die Mitglieder des Hohen Rats aus in ihren knielangen weißen Gewändern und mit Brokat verzierten Überwürfen. Auf den Köpfen tragen sie hohe weiße Hauben, aus denen lange schwarze Schleier über den Rücken fallen. Als Jesus alias Jannis Wirth von den Tempelwachen vor den Hohen Rat geführt wird, wirkt er in seinem schlichten weißen Gewand sehr jung und schmal.

„Im Kostüm zu proben macht ganz viel aus“, sagt der 24-Jährige. Wirth spielt in dieser Saison erstmals den Jesus, ebenso wie sein Kollege Sebastian Reinl. Für Reinl ist es eine doppelte Premiere, denn es ist zudem sein erster Auftritt bei den Passionsspielen. Seine Schwiegereltern, die ebenfalls mitspielen, haben ihn mit dem Passionsspiel-Virus infiziert. Wirth dagegen stand bereits 2004 als Kind auf der Bühne. „Dann war ich Diener, Apostel, und jetzt Jesus.“ In der Pause schlägt er sein Skript auf. Im ersten Teil des Stücks ist weit über die Hälfte der Textzeilen farbig markiert. „Man muss Respekt vor der Rolle haben. Es ist eine große Verantwortung, aber auch eine große Ehre.“

In der Szene vor dem Hohen Rat hat er ausnahmsweise wenig Text. Stumm blickt er Kaiphas nach, der im Weggehen verkündet: „Noch heute Morgen muss der Hohe Rat ihn verhören und ein Urteil sprechen. Der Nazarener soll noch vor dem Fest sterben.“ Im Hintergrund läuft Judas unruhig zwischen Turnmatten und Fußballtor hin und her und lauscht. „Sterben? Sterben?!“, ruft er und stürmt auf die Bühne. Dann bricht ein Gefühlssturm los. „Durch meine Schuld bist du nun im Kerker gefangen!“ Erzürnt wirft er den Mitgliedern des Hohen Rats einen Stoffbeutel mit Wucht vor die Füße. „Ihr habt mich zum Verräter gemacht!“ Münzen fallen heraus und rollen in alle Richtungen. Von Verzweiflung und Selbsthass gebeutelt, sinkt er auf die Knie, verdammt seine eigene Habgier und seinen Ehrgeiz. Als er schließlich verstummt, applaudieren die anderen Darsteller spontan.

„Judas ist eigentlich ein Guter. Ich denke, er und Jesus waren sehr gute Freunde. Aber er hat gemerkt, dass Jesus einen anderen Weg einschlägt. Ich glaube, dass Judas mit seinem Verrat etwas anderes bezwecken wollte. Er wollte, dass Jesus seine Stärke zeigt“, sagt Thomas Fries über seine Rolle. Auf seiner Stirn stehen kleine Schweißperlen – die Szene ist kurz, aber fordernd. Der 47-Jährige spielt zum zweiten Mal den Judas. Gerade das Zwiegespaltene seiner Rolle sei faszinierend, aber auch schwierig, erklärt er. „Es ist schon ein Problem, wenn man eine Stunde lang das Böse mimen muss. Man muss sich vorher negativ einstellen, sonst geht es nicht.“ Regisseur Kroth ist zufrieden mit der Probe. „Der Ablauf war gut. Es sind noch ein paar Kleinigkeiten zu verbessern. Aber das gibt sich, wenn erst einmal die Bühne steht und die Darsteller wissen, wie sie laufen müssen.“

Auf einer Bank sitzt Alfred Krott und beobachtet aufmerksam die gesamte Probe. Er hat 1990 das Textbuch für die Passionsspiele geschrieben und dem damaligen Ortspfarrer Anton Heußlein und dem Pfarrgemeinderat seinen Wunsch vorgetragen, in Dammbach Passionsspiele aufzuführen. Bei den ersten Aufführungen in den Jahren 2001 und 2004 spielte er selbst den Jesus. Dieses Mal ist er der Apostel Bartholomäus. „Wenn wir zusammen beim Abendmahl sitzen, das ist eine wunderbare Szene“, erzählt er. Nie hätte er gedacht, dass die Passionsspiele ein solcher Erfolg werden. Seit 2004 gibt es alle fünf Jahre eine neue Auflage der Passionsspiele, und jedes Mal gibt es auch eine Neuerung, sei es im Textbuch, auf der Bühne oder in der Inszenierung. „Neu ist diesmal die Tempelaustreibung mit den Händlern“, verrät Anderl. Auch sei Maria Magdalena präsenter als in den vorherigen Inszenierungen. Die Rolle ist doppelt besetzt. Verena Hauger wird selbst ein Lied aus dem Musical „Jesus Christ Superstar“ singen, während Annika Schäfer von einem „Gesangsdouble“ unterstützt wird – hinter den Kulissen wird Astrid Weis, ehemals Mitglied im Aschaffenburger Kammerchor Ars Antiqua, den Gesangspart übernehmen. „Wir haben so viele Ressourcen. Wir müssen sie nur finden und für die Passionsspiele begeistern.“

Auch überregional haben sich die Passionsspiele einen Namen gemacht. Mittlerweile kämen die Zuschauer bis aus dem Frankfurter und Würzburger Raum. Für ihren Beitrag zur Brauchtumspflege erhielten die Passionsspiele im Jahr 2017 den Heimatpreis des Bayerischen Staatsministeriums der Finanzen und für Heimat. Damit werden Menschen ausgezeichnet, die Weltoffenheit, Fortschritt und Tradition miteinander verbinden, heißt es auf der Homepage der Passionsspiele.

Alle Mitwirkenden leben in Dammbach oder stammen von dort. Die Gemeinde gibt es erst seit einer Gebietsreform im Jahr 1976. Damals wurden die selbstständigen Orte Wintersbach und Krausenbach zur Gemeinde Dammbach „zwangsverheiratet“. „Aber erst durch die Passionsspiele sind sie wirklich zusammengewachsen. Es sind Kontakte und Freundschaften entstanden“, erklärt Anderl. Und für Jesus-Darsteller Wirth steht fest: „Es gibt kein Wintersbach und kein Krausenbach. Es gibt die Passionsspiele, die Passionsspiele und die Passionsspiele.“

Passionsspiele 2019 in Dammbach

Die Premiere der Passionsspiele ist am Samstag, 4. Mai, um 18 Uhr in der Dammbachtalhalle, der Turnhalle der Grundschule Dammbach. Weitere Aufführungen sind am Sonntag, 5., Freitag, 10., Samstag, 11., Sonntag, 12., Samstag, 18., Sonntag, 19., Samstag, 25., Sonntag, 26. und Freitag, 31. Mai, sowie am Samstag, 1., und Sonntag, 2. Juni. Einen Kartenvorverkauf und weitere Informationen gibt es im Internet unter www.passionsspiele-dammbach.de.

sti (POW)

(1219/0323; E-Mail voraus)

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