Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Mitglieder des Betroffenenbeirats,
liebe Frau Wein,
ich darf Sie alle heute Morgen begrüßen zu dieser Feierstunde. Was soll heute hier geschehen? Das war die Frage, mit der wir uns, und damit meine ich die Mitglieder des Betroffenenbeirats und mich als Bischof, intensiv in den zurückliegenden Monaten auseinandergesetzt haben.
Damit hängt die Frage zusammen nach dem, was wir heute der Öffentlichkeit übergeben wollen. Ja, was ist es? Ein Denkmal? Aber der Begriff Denkmal implizierte für uns Rückwärtsgewandtheit und damit den Blick zurück in eine Vergangenheit, die oft als erinnerungswürdig betrachtet wird. Aber an diesem Ort geht es nicht um eine großartige Vergangenheit, auf die man selbstzufrieden zurückschauen könnte. Ganz im Gegenteil. Bei unserer Pressekonferenz zur Veröffentlichung des Gutachtens der Unabhängigen Aufarbeitungskommission sagte ich vor einem Jahr, dass der Missbrauch eine offene Wunde sei, die nicht heilt, weil noch immer Menschen unter den Folgen dessen leiden, was ihnen im Raum der Kirche angetan wurde. Eine offene Wunde sensibilisiert für die Schmerzen und zwingt zu einem vorsichtigen und vorausschauenden Umgang. Genau darum geht es hier und heute.
Im Blick auf den Begriff des Denkmals trieb uns zudem die Erkenntnis um, dass Erinnerungskultur nicht unschuldig ist, sondern immer auch mit der Machtfrage einhergeht. Wer legt eigentlich fest, wessen, wie und zu welchem Zweck erinnert wird? Wir waren uns einig, keine Festlegungen treffen zu wollen, auch keinen Deutungsrahmen vorgeben zu wollen, zumal das komplexe Feld der Erfahrung sexualisierter Gewalt unendlich viele Aspekte hat, die man nie alle abdecken kann.
Soll es dann ein „Mahnmal“ sein? Mit dem Begriff Mahnmal verbindet man in der Regel einen moralischen Appell. Wir alle kennen die Sätze mit „Nie wieder!“ und „Das darf nicht mehr passieren!“. Wir wissen allerdings auch, dass diese Appelle hohl und leer bleiben, wenn sie nicht mit einem wirklichen Kulturwandel einhergehen, der belegt, dass das Mahnmal ernst gemeint ist und tatsächlich auf das verweist, was es bezeichnen soll. Aber auch moralische Appelle wollten wir nicht senden, wiewohl wir als Bistum seit Jahren intensiv in Zusammenarbeit mit dem Betroffenenbeirat und mit den Erkenntnissen aus der Aufarbeitung der Missbrauchstaten an einem Kulturwandel arbeiten. Wir wissen selbst genau, dass wir in unseren Bemühungen nicht nachlassen dürfen und auch noch lange nicht am Ende sind.
Nach längerer Abwägung haben wir uns schließlich darauf verständigt, dieses Kunstwerk als „Gedenkort“ zu bezeichnen. Dieser Begriff schien uns am ehesten geeignet zu sein, das auszudrücken, um was es hier gehen soll. Jede und jeder kann sich hier auf seine oder ihre ganz eigene Weise wiederfinden. Mit den eigenen (traumatisierenden) Erinnerungen, den eigenen Befürchtungen, dem eigenen Schmerz, der eigenen Trauer, der eigenen Angst, der eigenen Erfahrung von Ohnmacht und Hilflosigkeit, dem Rückblick auf die eigene Lebensgeschichte und die eigenen Brüche und Dunkelheiten, aber vielleicht auch auf die eigenen Versuche, sich vorsichtig wieder ins Leben zurück zu tasten.
Wir wollen den Gedenkort heute auch nicht einweihen in einer eigenen religiösen Zeremonie, so als hätte die Kirche sich dieses Ortes bemächtigt und ihn gewissermaßen vereinnahmt. Nein, wir wollen den Gedenkort heute schlicht der Öffentlichkeit übergeben.
Denn das war dem Betroffenenbeirat wichtig: dass das Gedenken in der Öffentlichkeit stattfinden kann und keiner den Kirchenraum betreten muss. Dass aber zugleich der Gedenkort nahe bei der Kirche eingerichtet wird, hier bei der Hauptkirche des Bistums Würzburg, beim Dom. Denn so wird deutlich, dass es sich beim Missbrauch um Verbrechen handelt, die sich im Raum der Kirche ereigneten und zur Geschichte der Ortskirche von Würzburg gehören.
Mein Dank geht heute an die städtischen Behörden, die uns die Einrichtung dieses Ortes an dieser Stelle ermöglicht haben und zugleich die Rahmenbedingungen schufen, so dass diese Feierstunde heute möglich ist. Danke!
Als Bischof sehe ich die Einrichtung dieses Gedenkortes als wichtigen Markstein der Erinnerungskultur in unserem Bistum. Im Gutachten zu den Verbrechen sexualisierter Gewalt wurden die Vergehen, aber auch die Versäumnisse des Bistums und seiner Verantwortungsträger deutlich benannt. Als oberster Repräsentant des Bistums habe ich diese Verantwortung übernommen. Was ich bei der Entgegennahme des Gutachtens sagte, wiederhole ich an dieser Stelle heute noch einmal: Ich bitte um Entschuldigung für die Jahre des Schweigens, der Verleugnung und der Untätigkeit. Und wenn ich vor einem Jahr hinzufügte, mir sei sehr bewusst, dass viele dieser Bitte aus gutem Grund nicht werden nachkommen können, so gilt das auch heute.
Möge dieser Gedenkort dennoch Ausdruck des Perspektivwechsels sein, der zuerst auf die Betroffenen sexualisierter Gewalt schaut, anstatt die Institution zu schützen. Möge er uns zugleich dazu anhalten, uns „Gemeinsam für eine sichere Kirche“ einzusetzen. Denn das haben wir uns als Bistum Würzburg auf die Fahne geschrieben und daran müssen wir uns messen lassen.
Ich danke heute dem Betroffenenbeirat im Bistum Würzburg für das konstruktive Miteinander in den vergangenen Jahren, auch wenn uns die belastenden Themen immer wieder sprachlos machten und wir Zeit brauchten, uns neu zu finden. Das Thema Erinnerungskultur hat uns eine ganze Weile begleitet.
Die Initiative für diese Form der Gestaltung und für den gewählten Aufstellungsort ging schließlich vom Betroffenenbeirat aus, dessen Vorschläge ich gerne aufgenommen habe und um dessen Umsetzung wir uns als Bistum gesorgt haben.
Heute ist nun der Tag der Übergabe des Gedenkortes an die Öffentlichkeit gekommen. Ich wünsche dem Gedenkort, dass er seine Aufgabe erfüllt.
Das heißt für mich konkret, dass er uns dafür sensibilisiert, wie verletzlich Menschen sind, und dass er uns als Kirche weiter zu einem achtsamen Umgang im Miteinander verpflichtet. Denn dass Kirche auch verletzen kann, war die bittere Lektion, die wir lernen mussten. Diese Lektion gilt es, nicht zu vergessen bei all unserem Tun.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
(Es gilt das gesprochene Wort!)
