Liebe Schwestern und Brüder!
„Es fehlt das Herz.“ (DN 9)
Mit seiner Enzyklika „Dilexit nos“ hat uns Papst Franziskus sein geistliches Testament hinterlassen. Diese Enzyklika – veröffentlicht zum Abschluss der Weltsynode – handelt überraschenderweise nicht von Synodalität, nicht von Verfahrensfragen, Strukturen oder Ämtern. Mit seiner letzten Enzyklika kommt der Papst auf das Eigentliche zu sprechen, das in all diesen Diskussionen unter den Tisch fällt. Er handelt von der Verehrung des Herzens Jesu als der Herzmitte unseres Glaubens. Seine Enzyklika hebt an mit einer Verlustanzeige: „Es fehlt das Herz.“ (DN 9). Eine Feststellung, die unmittelbar zu Herzen geht und die prägnant zusammenzufassen scheint, was derzeit irgendwie jeder und jede fühlt. Es fehlt das Herz. Es ist uns abhandengekommen in einer Welt, in der alles nur darauf getrimmt wird, möglichst reibungslos zu funktionieren. So möchte ich heute von der Notwendigkeit der Herzensbildung sprechen als Aufgabe der Kirche. Was heißt das: Herzensbildung?
Herzensbildung heißt, sich selbst zu fühlen
Herzensbildung heißt zuerst, sich selbst zu fühlen. Das Neue Testament erzählt uns immer wieder von der Begegnung Jesu mit Menschen, die den Kontakt zu sich und zu ihrem Herzen verloren haben. Ich denke dabei an den Besessenen von Gerasa, der in den Höhlen außerhalb der Stadt lebt. Er ist isoliert. Verletzt sich dauernd selbst und kann von niemandem gebändigt werden. Ein Beispiel für einen schwer traumatisierten Menschen, der sich nicht mehr fühlen kann (Mk 5,1-20).
Oder denken wir an die Samariterin am Jakobsbrunnen. Diese Frau hatte fünf Männer und der sechste ist nicht ihr Mann, wie Jesus ihr auf den Kopf zusagt (Joh 4,18). Weil ihre Sehnsucht nach Liebe nicht erfüllt wird, stürzt sie sich von einer Liebschaft in die nächste. Den Kontakt zum eigenen Herzen hat sie längst verloren. Sie lebt nur noch im Außen, nicht mehr im Innen.
Jesus gelingt es, beiden Menschen zu helfen, sich wieder zu spüren. Im Fall des Besessenen vertreibt er die Dämonen, um ihn von der inneren Fremdherrschaft zu befreien in der Kraft des Heiligen Geistes. Im Fall der Samariterin weckt er ihre Sehnsucht nach dem lebendigen Wasser der Liebe Gottes, das in ihm als wahrer Quelle entspringt. Herzensbildung bedeutet zuerst, das eigene Herz wieder zu spüren und die Sehnsucht nach innerer Heilung wiederzuentdecken. Ein langer Weg. Nur Jesus, der Herzenskenner, kann uns hier im Letzten weiterhelfen.
Herzensbildung heißt, die Herzlosigkeit der Menschen zu fühlen
Herzensbildung zeigt sich zweitens aber auch darin, die Herzlosigkeit anderer zu fühlen. Als Jesus am Sabbat in der Synagoge den Mann mit der verdorrten Hand heilen möchte, fragt er zuerst die Pharisäer nach ihrer Meinung: „Was ist am Sabbat erlaubt - Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? Sie aber schwiegen. Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz“ (Mk 3,4).
Man kann sich die Szene bildlich vorstellen und Jesu Erschrecken über die Hartherzigkeit der Menschen, die zu keinerlei Mitleid fähig sind angesichts des Elends dieses Mannes. Auch wenn er sich ihren Hass zuzieht, heilt Jesus diesen Menschen.
Immer wieder erzählt die Schrift, wie Jesus Mitleid gehabt habe und wie er die Barmherzigen seliggepriesen habe, die sich ihr Mitgefühl erhalten hatten.
Herzlosigkeit führt zur Gleichgültigkeit. Von der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ als Krankheit unseres Zeitalters hat Papst Franziskus immer wieder gesprochen. Mitfühlen und Empathie empfinden zu können sind wichtige Schritte auf dem Weg der Herzensbildung.
Herzensbildung heißt, am Herzen des Meisters zu ruhen
Herzensbildung heißt drittens, am Herzen des Meisters zu ruhen. Inbegriff dessen ist der Lieblingsjünger Johannes im gleichnamigen Evangelium. Johannes ruht am Herzen Jesu. Auch im Abendmahlssaal ist er der Einzige, der die Nähe Jesu sucht und dessen Nähe Jesus duldet (Joh 13,23). Weil er am Herzen des Meisters ruht, erkennt er am Ostertag vor allen anderen den Herrn (Joh 20,8 / 21,7). Er kennt Jesus und ist von ihm erkannt.
Das Gegenbild zum Lieblingsjünger Johannes ist im Johannesevangelium der Apostel Petrus. Auch wenn er beteuert, seinem Herrn und Meister nachzufolgen bis in den Tod (Lk 22,33), verleugnet er bei der erstbesten Gelegenheit gleich dreimal Jesus.
Erst als Jesus nach dem Verrat Petrus in die Augen schaut und der seinem Blick nicht ausweicht, spürt er sein Herz (Lk 22,62). Der Blick des geschundenen Herrn rührt ihn zu Tränen der Reue. Erst jetzt wird ihm bewusst, was er angerichtet hat. Ein Moment der Gnade und der Umkehr. Von Jesus erkannt, beginnt er sein Herz zu fühlen. Von Jesus erkannt, bildet sich sein Herz. Als geläuterter und von Christus im Herzen erkannter kann er dann zum Felsenmann der Kirche werden.
Ruhen am Herzen des Herrn, mit den Augen Jesu schauen, mit den Ohren Jesu hören, mit den Händen Jesu zärtlich berühren und mit diesem Jesus fühlen, das ist die wahre Schule der Herzensbildung. Sie durchlaufen wir in der Betrachtung der Heiligen Schrift, besonders in der Form der Lectio Divina oder der Geistlichen Schriftlesung, wie ich sie im Heiligen Jahr unseren Gemeinden empfohlen habe. Denn in der Geistlichen Schriftlesung geht es darum, sich die Worte der Heiligen Schrift zu Herzen gehen zu lassen und sie sich zu Herzen zu nehmen.
Aber die Schule der Herzensbildung ist auch die geschenkte Zeit der Anbetung. Sich dem Herrn auszusetzen, sich von ihm anschauen lassen und ihn anzuschauen, das hilft, dass unsere Herzen verwandelt werden.
Herzensbildung als Aufgabe der ganzen Kirche
Herzensbildung ist Aufgabe der ganzen Kirche. Denn wo das Herz fehlt, wird der Glaube blutleer. Ein Glaube aber, der sich nur als Glaubenswissen versteht, verbleibt im Kopf, ist allenfalls eine intellektuelle Anstrengung, die aber das Herz nicht erreicht und deshalb den Menschen auch nicht verwandelt.
Wo das Herz fehlt, wird das Handeln aus dem Glauben nur als angestrengtes Ableisten frommer Werke verstanden. Moralische Strenge hilft aber nicht, das eigene Tun als Herzensangelegenheit zu verstehen, für die man aus innerster Überzeugung brennt. Wo das Herz im Glauben fehlt, arbeiten wir uns nur an innerkirchlichen Strukturfragen ab, ohne zur Tiefe dessen vorzudringen, für die es die Kirche und ihre Strukturen überhaupt braucht. Reformbemühungen ohne die Ergriffenheit des Herzens werden langfristig wohl keine Früchte tragen, weil sie nicht aus der lebendigen Glaubensmitte hervorgehen.
Glauben ist eben mehr als nur Glaubenswissen, mehr als nur fromme Werke, mehr als nur rigider Moralismus, mehr als nur kirchliche Strukturen.
Glauben heißt, Jesus aus innerstem Herzen verbunden sein, heißt Jesus zu lieben, heißt eine persönliche Christusbeziehung zu haben - genau darum geht es.
Die Folge davon, dass das Herz fehlt „ist oft ein Christentum, das die Zartheit des Glaubens, die Freude hingebungsvollen Dienstes, den Eifer für die Mission von Mensch zu Mensch, das Überwältigt-Sein von der Schönheit Christi, die emotionale Dankbarkeit für die Freundschaft, die er anbietet, und den letzten Sinn, den er dem persönlichen Leben gibt, vergessen hat,“ (DN 88) wie der Papst so eindringlich schreibt. Genau das gilt es wiederzugewinnen als Aufgabe der Kirche insgesamt. Ein höchst anspruchsvolles, aber zugleich auch höchst erstrebenswertes Ziel.
Herztausch als Vollendung der Herzensbildung
Weil die Herzensbildung ein so anspruchsvolles Geschäft ist, können wir sie nicht allein bewerkstelligen. Zur Herzensbildung braucht es die lebendige Sehnsucht nach dem Herrn. Zur Herzensbildung muss man selbst im eigenen Herzen von der Liebe zum Herrn entbrannt, von seiner Liebe verwundet sein. Die Heilige Katharina von Siena war ein solcher Mensch. Mit Feuereifer sehnte sie sich danach, ihr Herz nach dem geöffneten Herzen Jesu zu bilden. Da erschien ihr eines Tages der Herr selbst in einer mystischen Vision, wie ihr Biograph Ramund von Capua erzählt. Der Herr zeigte sich ihr mit einem menschlichen Herzen in der Hand. Er öffnete ihre Brust, legte es dort hinein und sagte: „Meine vielgeliebte Tochter, wie ich dir neulich dein Herz genommen habe, so übergebe ich dir jetzt mein Herz, mit dem du fortan leben sollst.“ (Raimund v. Capua, Vita II.6.180)
Im Herztausch erfüllte sich das Wort des Apostels Paulus „nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Und mit dem Propheten Ezechiel ging die Verheißung in Erfüllung, da er sagte: „Ich nehme das Herz aus Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz aus Fleisch.“ (Ez 36,26) Nicht ein, sondern DAS Herz aus Fleisch, nämlich das Herz des menschgewordenen Gottes, das Herz Jesu Christi, in dem die göttliche Liebe vollendet ist. Der Herztausch bleibt das Ziel der innigen Vereinigung mit dem Herrn. Beten wir mit dem Psalmisten „Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist!“ (Ps 51,12). So möge auch der Herr selbst unser Herz nach seinem Herzen formen. Denn darin vollendet sich alle Herzensbildung. Amen.
