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„Es ist leicht, Verantwortung abzuschieben“

Jesuitenpater Professor Dr. Hans Zollner aus Rom erläutert Erkenntnisse zu sexualisierter Gewalt – Vortrags- und Gesprächsabend aus Anlass von zehn Jahren kirchlicher Missbrauchsskandal – Bischof Jung kritisiert „Kompetenzwirrwarr“ in Rom

Würzburg (POW) Das Bistum Würzburg wird noch in diesem Jahr weitere Schritte zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt einleiten. Auch die Treffen von Bischof Dr. Franz Jung mit Betroffenen gehen weiter. Das versicherte der Bischof am Montag, 17. Februar, bei einem Vortrags- und Gesprächsabend zum Thema „Leid und Gerechtigkeit“ im Würzburger Burkardushaus. Anlass war der zehnte Jahrestag des Beginns zahlreicher Enthüllungen über sexuelle und körperliche Gewalt im kirchlichen Raum im Jahr 2010. Jesuitenpater Professor Dr. Hans Zollner, Präsident des Kinderschutzzentrums der Universität Gregoriana in Rom und Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission, stellte in einem Vortrag Erkenntnisse zu sexualisierter Gewalt in der Kirche vor.

Positiv hob Bischof Dr. Franz Jung beim Podiumsgespräch seine bisherigen Begegnungen mit Betroffenen sexuellen Missbrauchs hervor. „Die Treffen werden konstruktiv wahrgenommen“, bestätigte er. Anfangs habe Unsicherheit bestanden, ob sich Betroffene auf ein solches Gespräch einlassen würden, erläuterte Jung. Und er versicherte: „Die Treffen werden fortgesetzt.“ Auch weitere Schritte zur Aufarbeitung von Missbrauch im kirchlichen Raum kündigte der Bischof an. „Einzelne Bistümer haben bereits mit Projekten begonnen. Wir im Bistum Würzburg werden in diesem Jahr beginnen.“ Zum Sommer hin rechne er mit einem entsprechenden Beschluss der Deutschen Bischofskonferenz. Für die Bischofskonferenz sei es wichtig, alle Schritte mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, abzustimmen, teilte Jung mit.

Weiter führte der Bischof aus, dass Kirchenvertreter Jahre gebraucht hätten, um die Perspektive Betroffener stärker als früher in ihr Denken einzubeziehen. Die von den deutschen Bischöfen in Auftrag gegebene „MHG-Studie“ von 2018 habe die Betroffenen und ihr Leid massiv ins Bewusstsein gerückt.

Zu Beginn der Enthüllungen im Jahr 2010 seien die Bistümer regelrecht „überrollt“ worden durch die zahlreichen Meldungen von Missbrauchsfällen, schilderte Jung. Damals sei man angezeigten Fällen nachgegangen und habe „Basisarbeit“ geleistet, etwa durch das Erarbeiten von Präventionsordnungen. Dieses Erstellen von Instrumentarien habe so viel Energie gebunden, dass für weitergehende Fragen wie die systemischen Ursachen des Missbrauchs keine Energie vorhanden gewesen sei. „Was heißt eigentlich geistlicher Missbrauch als vorbereitende Komponente des sexuellen Missbrauchs?“, fragte der Bischof. Fragen wie diese würden nun im Rahmen des Reformprozesses Synodaler Weg gestellt, den die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gestartet haben.

Beim Gespräch mit dem Bischof, das Dr. Rainer Dvorak, Leiter der Domschule Würzburg, moderierte, räumte Professor Zollner ein, dass es in der Institution Kirche ein erlerntes „Abwehrverhalten“ gebe, „nämlich das Thema sexualisierte Gewalt aus dem alltäglichen Betrieb herauszuhalten“. Das betreffe auch die Liturgie und das Gebetsleben. „Dass sich die Theologie als Ganzes des Themas angenommen hätte, sehe ich nicht“, bekundete Zollner. Erst in jüngster Zeit gebe es Ansätze einer tiefgreifenden theologischen Reflexion. Eine Missbrauchsdebatte wie in der Bundesrepublik und anderen westlichen Ländern sei weltweit gesehen eher die Ausnahme. „In vielen Weltgegenden können die Betroffenen sexuellen Missbrauchs nicht nach außen gehen und sagen, dass sie Betroffene sind – aus kulturellen Gründen. Sie würden ausgegrenzt und als Nestbeschmutzer beschimpft. Das ist die Realität in den meisten Ländern der Welt“, sagte Zollner.

In seinem Vortrag hatte der Theologe und Psychologe zuvor Erkenntnisse aus seiner Arbeit präsentiert. Bereits hier sprach Zollner die innerkirchliche Abwehr der Missbrauchsthematik an. Nach seiner Einschätzung geht ein Teil dieser Abwehr darauf zurück, dass Menschen, deren Auftrag es gewesen sei, andere Menschen auf dem Weg zu Gott zu begleiten, deren Vertrauen in Gott zerstört hätten. Innerkirchlich werde das von vielen als „unsäglich“ wahrgenommen. „Viele Bischöfe in der Weltkirche fühlen sich überfordert und allein.“ Sie wüssten nicht, wie sie vorgehen sollten. Zollner monierte, „dass wir in der katholischen Kirche keine Kultur der Rechenschaftspflichtigkeit haben“. Bei der Klarheit von Zuständig- und Verantwortlichkeiten gebe es ein „Riesendefizit“.

Als Beispiel für dieses „Chaos“ führte Zollner an, dass im Vatikan acht von 15 Kardinalskongregationen für Kirchenobere zuständig seien. Wenn Amtsträger wegen Nichtbeachtung kirchlicher Vorschriften angezeigt würden, liege die Zuständigkeit demnach bei verschiedenen Behörden. „Insofern ist es sehr leicht, Verantwortung abzuschieben“, resümierte Zollner. In Ländern wie Deutschland, Australien, Irland und den USA werde seit Jahren über sexualisierte Gewalt im kirchlichen Raum gesprochen, fügte er hinzu. „Das führt zu einem massiven und andauernden Vertrauensverlust in die Kirche.“

Wichtig sei es, bei der Aufarbeitung „konsequent und konsistent und transparent“ vorzugehen. „Das ist nicht delegierbar. Das eigene Gesicht muss sichtbar sein. Das erfordert persönlichen Einsatz.“ Auch das innerkirchliche Lagerdenken mit seiner Einteilung von Personen nach dem Schema „konservativ“ und „progressiv“ ist aus Zollners Sicht angesichts der Missbrauchskrise hinfällig. Insgesamt komme der Kirche die Aufgabe zu, in der Gesellschaft ein „Ferment“, also ein vorwärtstreibendes Element zugunsten von mehr Aufarbeitung zu sein. „Die Gesellschaft duckt sich vor dem Thema genauso weg wie die Kirche“, urteilte Zollner.

Als praktische Konsequenzen aus der Krise regte Zollner unter anderem das Einbeziehen unabhängiger Berater und Kontrollinstanzen an. „Wo geben wir Macht wirklich ab?“, fragte der Pater. Nötig sei auch ein Konfliktmanagement, zu dem es gehöre, gegenseitiges Fehlverhalten offen anzusprechen. Verantwortlichkeiten und Rechenschaftspflichten müssten klar definiert sein und das Thema sexualisierte Gewalt bei Aus- und Fortbildungen zur Sprache kommen. Zollner warb zudem für das im Tyrolia-Verlag erschienene Buch „Giulia und der Wolf“ von Luisa Bove, zu dem er ein Vorwort beigesteuert hatte. Auf 190 Seiten schildert eine Italienerin darin ihren Weg in die Abhängigkeit von einem Priester, der sie als Jugendliche missbraucht hatte. Zollner empfahl das Buch, das verstörend die Anbahnungsstrategie eines Täters und die jahrelange Abhängigkeit der betroffenen Frau schildere.

Beim abschließenden Publikumsgespräch wurde unter anderem der Umgang der Kirche mit Tätern zum Thema. Wo es möglich sei, würden Täter jedoch konsequent zur Rechenschaft gezogen, versicherte der Bischof. Falls noch keine Verjährung eingetreten sei, werde ein weltliches Strafverfahren eingeleitet. Täter würden finanziell belangt und einem kirchlichen Strafverfahren unterzogen, das zum Ausschluss aus dem Klerikerstand führen könne. In diesem Zusammenhang äußerte sich Jung kritisch über das „Kompetenzwirrwarr“ in Rom. Die dortige Einschätzung gemeldeter Fälle sei „in vielen Fällen nicht transparent“, bedauerte er und wünschte sich mehr Verlässlichkeit.

Nicht anschließen wollte sich der Bischof der Einschätzung eines Teilnehmers, dass die hierarchische Distanz zwischen Priestern und Laien und die Überhöhung der priesterlichen Autorität in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen habe. Sicher gebe es Beispiele, räumte der Bischof ein. „Diese Überhöhung nehme ich in unseren Breiten nicht so wahr.“ Ferner wies Bischof Jung darauf hin, dass Abwehrreflexe nicht allein bei geweihten Amtsträgern zu finden seien. Das kirchliche Vorgehen gegen mutmaßliche Missbrauchstäter habe oft Widerstand in Pfarreien hervorgerufen – Widerstand „von Leuten, die es nicht wahrhaben wollten“.

ub (Würzburger katholisches Sonntagsblatt)

(0820/0213; E-Mail voraus)

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