1 Petr 3,14-17 / Joh 14,23-29
Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Soldatinnen und Soldaten,
liebe Zivilangestellte der Bundeswehrstandorte,
wenn wir heute den Weltfriedenstag feiern, hören wir in der biblischen Verkündigung Worte, die uns herausfordern und trösten zugleich. Im ersten Petrusbrief heißt es: „Fürchtet euch nicht vor ihnen und lasst euch nicht beirren. Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ (vgl. 1 Petr 3,14-17) Das sind Worte an Menschen, die sich damals in einer bedrängten Lage befinden, weil sie ihr Leben am christlichen Glauben orientieren und dafür missverstanden werden, ja – wie es heißt – „um der Gerechtigkeit willen leiden“. Diese Worte weisen auf die Herausforderung, wenn der Glaube zum Ernstfall wird. Diese Herausforderung begleitet Christen seit 2000 Jahren.
Wenn der Glaube zum Ernstfall wird, ist aber besonders dann zu spüren, wenn er Menschen wie Sie trifft. Menschen, die ihre Uniform gerade nicht als Verkleidung tragen, sondern als sichtbaren Ausdruck ihrer Zugehörigkeit zur Bundeswehr und damit als Zeichen ihres Gelöbnisses „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“.
Wer als Christ Uniform trägt, steht in besonderer Weise in dieser Herausforderung des Glaubens: dem Frieden zu dienen und in Situationen zu handeln, die mit Bedrohung oder gar Gewaltanwendung zu tun haben. Recht und Freiheit zu verteidigen und dabei entschieden und treu denjenigen entgegenzutreten, die diese Werte missachten. Gegebenenfalls die eigenen vitalen Interessen und Bedürfnisse hinter die Interessen und Werte der Bundesrepublik und von Menschen zu stellen, deren Wert und Würde gefährdet sind. Dieser Dienst ist gerade in aktuellen Zeiten und mit Blick auf die Krisenherde und Kriegsschauplätze unserer Zeit eine große Herausforderung, die uns allen vor Augen führen, dass Kräfte entfesselt sind, die sich nicht zum Frieden, sondern zum Krieg bekennen, um ihre Macht, unabhängig von Völkerrecht und Grundsätzen der Humanität, durchzusetzen. Aber gerade deshalb ist Ihr Dienst so kostbar, wenn er im Geist Christi diesen Kräften widersteht.
Im Evangelium hören wir, wie Jesus seinen Jüngern vor dem Abschied sagt: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.“ (Joh 14,27) Der Friede, den Christus gibt, ist kein Kompromiss zwischen Interessengruppen und keine bloße Waffenruhe. Es ist jener Friede, der aus Versöhnung kommt, aus Vertrauen, aus der inneren Entwaffnung des Herzens. Papst Leo XIV. formulierte diesen Gedanken provozierend in der Überschrift zu seiner Botschaft zum Weltfriedenstag mit den Worten: „Der Friede sei mit euch allen: Hin zu einem unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“ – ein Friede, der im Herzen des Menschen beginnt und der ihm von Gott in Jesus Christus zugesagt wird. In Jesus Christus wird dieser Friede Person, die auf uns zugeht – immer wieder neu, weil sie um die Kräfte des Bösen weiß.
Der Friede Christi und der Auftrag des Soldaten
Der Katechismus der katholischen Kirche erinnert uns daran: „Friede ist nicht bloße Abwesenheit von Krieg, sondern das Werk der Gerechtigkeit und die Frucht der Liebe.“ (KKK 2304) Zugleich wird in der Lehre der Kirche anerkannt, dass staatliche Autoritäten verpflichtet sind, das Gemeinwohl, Recht und Werte zu schützen, auch durch den Dienst von Soldatinnen und Soldaten. Der Grundsatz „Wenn Friede möglich ist, ist Krieg Sünde“ zeigt, dass niemand von der Verantwortung ausgenommen ist, den Frieden unter allen Umständen zu suchen. Damit ist Ihr Einsatz gerade als Ernstfall des Glaubens nicht Verherrlichung des Krieges und seiner zerstörerischen Logik, sondern ein Dienst unter der schweren Verantwortung, Gewalt einzudämmen, Leben zu schützen sowie Recht und Gerechtigkeit immer und überall zu suchen und zu achten.
Christliche Soldatinnen und Soldaten stehen in diesem Ernstfall des Glaubens in einer ungeheuren Spannung: Stark und durchsetzungsfähig zu sein – aber nicht hart und gefühllos. Mutig – aber nicht vom Zorn geleitet. Wachsam und dem Frieden dienend – und doch zugleich vom Bewusstsein geleitet, dass auch der Feind, der Gewalt einsetzt, ein Mensch mit Würde und Wert ist. Ihr Auftrag ist es, inmitten aufwallender Emotionen eine Kraft der Besonnenheit zu sein, die selbst im Kriegsfall auf Frieden abzielt, weil sie von der Liebe Christi bewegt ist und darum eine Stimme der Menschlichkeit bleibt.
Ein entwaffnender Friede
„Hin zu einem unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“ – das Wort des Papstes ist keine politische Parole. Dieses Wort und seine Botschaft beschreiben vielmehr einen geistlichen Weg. Diese Wegweisung des Papstes ruft uns alle zum kritischen Umgang mit dem eigenen Herzen auf: zur Umkehr und Entwaffnung, wo Misstrauen, Hass, Feindbilder den Blick dominieren. Jeder, der Frieden will, muss diesen Blick ins eigene Herz wagen, wo Umkehr beginnt – nämlich die eigene Angst, der Stolz und die Versuchung, sich über andere zu stellen.
Die katholische Soziallehre spricht in differenzierter Weise vom Frieden. Sie betont dabei den gerechten Frieden: einen Frieden, der nicht allein auf Abschreckung, sondern auf Vertrauen, Dialog und Solidarität gründet. Das verlangt die Bereitschaft, möglichen Konfliktlagen präventiv zu begegnen – durch Gerechtigkeit, Verlässlichkeit und den Schutz der Schwachen. Das verlangt von allen, die sich im politischen und im militärischen Feld bewegen, Krieg – selbst als letztes Mittel – als das zu sehen, was er ist: ein Scheitern, in dem kein Heil zu finden ist, da er humanitäre Verhältnisse zerstört. Wenn Soldaten in diesem Geist handeln, schützen sie einen Frieden als kostbares Gut oder versuchen ihn bestmöglich wiederherzustellen, wo er gefährdet ist oder gar verloren ging.
Ermutigung und Segen
Darum ist Ihr Dienst mehr als eine Berufstätigkeit: Er ist zuallererst eine Haltung, Verantwortung zu übernehmen und im Friedens- wie auch im Konfliktfall verantwortlich zu handeln. Für dieses Tun gilt diese Zusage Christi: „Der Friede sei mit euch!“ In dieser Zusage geht Christus mit Ihnen. Er schenkt seinen Frieden nicht, um Sie passiv zu machen, sondern aktiv und mutig aus christlichem Glauben zu handeln, damit der Friede Christi Wirklichkeit wird – ein Friede, der entwaffnen kann, weil er um die Kraft der Versöhnung weiß, ein Frieden, der schützt, weil er – auch im Ernstfall des Glaubens – liebt.
Darum feiern wir Weltfriedenstag als christliche Soldatinnen und Soldaten. Wir begehen heute und hier keinen Staatsakt, sondern einen Glaubensakt: Weil Jesus Christus unser Friede ist, sind wir in unserem Bemühen und unserer Suche nach Frieden nicht allein. Er kommt uns entgegen. Er stärkt alle, die mit oder ohne Uniform dem Frieden dienen, mit Mut, Weisheit und Mitgefühl als Werkzeuge seines Friedens. Amen.
