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Gemeinsam gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit

104. Deutscher Katholikentag
Jüdisch-christliche Gemeinschaftsfeier mit Bischof Dr. Franz Jung und Rabbiner Professor Dr. Andreas Nachama – Dr. Josef Schuster: „Der Einsatz für unsere Werte lebt von Taten“

Würzburg (POW) „Stehen wir gemeinsam auf, haben wir gemeinsam Mut!“ Dazu haben Rabbiner Professor Dr. Andreas Nachama (Berlin) und Bischof Dr. Franz Jung bei der Jüdisch-Christlichen Gemeinschaftsfeier am Donnerstagabend, 14. Mai, im Maritim-Hotel in Würzburg anlässlich des 104. Deutschen Katholikentags aufgerufen. Sie stand unter dem Motto „Verbunden im Gebet für eine bessere Welt“. Nachama und Bischof Jung appellierten gemeinsam, mutig aufzustehen für ein friedliches Zusammenleben und für die Demokratie.

Vor 56 Jahren, beim Katholikentag im Bistum Trier im Jahr 1970, habe diese Feier zum ersten Mal stattgefunden, erinnerte Dr. Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), in ihrem Grußwort. Seitdem sei sie aus dem Programm des Katholikentags nicht mehr wegzudenken. „Ich bin froh und dankbar über diese Geschichte, die geprägt ist von echtem Austausch, Diskussion und dem Einsatz für eine gerechtere Welt.“ Zugleich kritisierte sie das „unfassbare Erstarken der rechten Parteien und Bewegungen in ganz Europa. Juden sind teils tödlichem Antisemitismus ausgesetzt. Wir wollen verbunden bleiben, gerade jetzt!“

Der Katholikentag sei „eine große und verdiente Würdigung für unsere Stadt“, sagte Dr. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Das Motto „Hab Mut, steh auf!“ erfasse den Geist der Zeit. „Was unserem Zeitgeist heute oft fehlt ist Zivilcourage. Der Einsatz für unsere Werte lebt von Taten, und für diese ist es höchste Zeit.“ Das jüdische Leben werde zunehmend aus dem öffentlichen Raum verdrängt, während der Antisemitismus sein Haupt erhebe. „Stehen Sie an der Seite der Juden, kämpfen Sie gegen den Judenhass und für die Werte unseres Zusammenlebens und unserer Demokratie“, forderte Schuster auf. „Das Motto des Katholikentags muss Taten prägen an jedem einzelnen Tag des Jahres. Haben Sie Mut, stehen Sie auf, bleiben Sie standhaft!“

In ihren Ansprachen betrachteten Rabbiner Nachama und Bischof Jung die Worte des Propheten Jesaja an das Volk im babylonischen Exil. Die Israeliten hätten unter schweren Bedingungen gelebt, sagte Nachama. Doch der Prophet habe eine Vision: Nach all dem Leiden, dem Zug ins ferne Babylon und der Ferne der Heimat, komme nunmehr die Besinnung auf die Überlieferung der Auszugsgeschichte und damit die Hoffnung auf Rückkehr und Erlösung aus babylonischer Gefangenschaft. „Der Prophet könnte auch gesagt haben: ,Hab Mut, steh auf!‘“, sagte der Rabbiner. In den Worten des Propheten seien die Exilierten die „dürstende Flur und das trockene Erdreich“. Dann komme die Erlösung: Der Herr gieße Wasser auf die dürstende Flur und lasse Fluten auf trockenes Erdreich rieseln. „Könnten wir das nicht auch für uns heute so verstehen? Der ausgetrocknete Bundeshaushalt, die bröselnden Brücken, das regenarme, sprich dürstende Land?“

„Das, was wir jetzt tun, wird Segen für die nächste Generation bringen“, fuhr Nachama fort. Er selbst würde heute hier nicht stehen, „wenn am 27. Februar 1943 nicht eine mutige Christin aufgestanden wäre und meine Mutter für zwei Jahre, zwei Monate und fünf Tage versteckt und versorgt hätte“, erzählte Nachama. Nach dem Zweiten Weltkrieg hätten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle aus den jahrhundertealten deutsch-französischen Kriegen eine deutsch-französische Freundschaft gestiftet. „Das wäre doch ein kopierbares Modell – wenn man auf göttlichen Frieden vertraut, aus der Finsternis unserer Gefangenschaft in Krieg und Gewalt herausfindet, versteht, dass alle Nachkommen der biblischen Vorfahren einander auf Augenhöhe begegnen“, sagte er und schloss: „Stehen wir gemeinsam auf, haben wir gemeinsam Mut und beten oder hoffen wir gemeinsam. Kurz: ,Hab Mut, steh auf!‘“

„Was war das Schlimmste am Exil? Das Schlimmste war, dass das Volk sich daran gewöhnt hatte“, sagte Bischof Jung. „Wir kennen das aus unserem Alltag.“ Man gewöhne sich an den rauen Ton der Machthaber dieser Welt, an neue zweifelhafte Begriffe wie „Remigration“ oder an die zunehmende Gewalt in den sozialen Netzwerken wie auf den Straßen: „Die Gewöhnung an die wachsende Zahl antisemitischer Übergriffe in unserem Land, die scheinbar kommentarlos hingenommen werden als ein Phänomen gesellschaftlichen Wandels, ohne dem weitere Aufmerksamkeit zu schenken.“ Gegen die scheinbare Übermacht des weltlichen Geschehens erinnere Gott sein Volk daran, dass er sein Schöpfer sei. Er allein vermöge, einen Neuanfang zu setzen, und er wolle Menschen, die mit ihm an einen Neuanfang glauben.

Das kommende Heil gründe in „Wasser“ und „Geist“, fuhr der Bischof fort. Die jüdische wie die christliche Tradition bauten auf die göttliche Heilszusage: „Im Wasser muss die alte Unreinheit abgewaschen werden. In der Kraft des Geistes blüht der Mensch wieder auf.“ Die Welt bedürfe der Reinigung: der Reinigung der Gedanken, die weltweit Schmutz und Unrat in den sozialen Netzwerken verbreiteten, der Reinigung von Kriegsgerät, das ganze Länder zu Todeszonen mache, der Reinigung von Vorurteilen und Feindbildern. Im Buch Jesaja gießt Gott Wasser auf den dürstenden Boden, es sprießt zwischen dem Gras. Der Kampf um die Ressource Wasser in vielen Gebieten der Erde und die Versteppung ganzer Regionen zeigten, wie weit man von diesem „seligen Endzustand“ noch entfernt sei. Bischof Jung rief dazu auf: „Ihr alle, die ihr auf Gott vertraut, habt Mut und steht auf! Sein Mut, diese Welt nicht sich selbst zu überlassen, muss mit unserem Mut belohnt werden.“

Die Feier schloss mit dem Aaronitischen Segen auf Hebräisch und Deutsch, erteilt durch Rabbiner Nachama und Bischof Jung.

Schuster: Abend ist „wichtiges Signal“ für den jüdisch-christlichen Dialog

Beim anschließenden Empfang im Kilianeum stand die Bedeutung des jüdisch-christlichen Dialogs im Mittelpunkt. Dagmar Mensink, Vorsitzende des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim ZdK, dankte für die Möglichkeit zum Austausch und Beisammensein. Zentralrats-Präsident Schuster würdigte den Abend als „wichtiges Signal“ für den jüdisch-christlichen Dialog. „Der Dialog ist gegenwärtig so wichtig wie seit Jahrzehnten nicht mehr.“ Auch mehr als 55 Jahre nach der Konzilserklärung Nostra Aetate sei das Gespräch „nicht im sicheren Hafen“. Es gehe darum, Antisemitismus zu bekämpfen und jüdisches Leben zu stärken.

Schuster betonte zudem die gesellschaftliche Verantwortung des Austauschs. Der Dialog sei „nicht nur freundlicher Austausch zwischen Religionen, sondern Verantwortung“. Wer einander wirklich begegne, rede auch anders übereinander. Das Katholikentagsmotto „Hab Mut, steh auf!“ solle auch im Alltag Haltung und Taten prägen. Vertrauen helfe dabei, auch in schwierigen Zeiten beieinander zu bleiben. Beim Empfang wurden unter anderem zwei Sorten koscheren Weins aus Iphofen serviert.

sti/jr (POW)

(2126/0490; E-Mail voraus)

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