Dammbach (POW) Noch ist die Dammbachtalhalle eine gewöhnliche Turnhalle neben der Grundschule der kleinen Gemeinde mitten im Spessart. Doch in wenigen Wochen wird sie zum Schauplatz der Passion Jesu. 14 Aufführungen hat der Passionsausschuss vom 3. Mai bis zum 1. Juni für die sechste Auflage der Dammbacher Passionsspiele angesetzt. Seit Herbst 2024 wird geprobt.
Probenachmittag in der Dammbachtalhalle. Nach und nach treffen die Schauspieler ein. Drei Sprungkästen markieren den improvisierten Bühnenrand. Die Bühne wird erst am 1. April aufgebaut, weil die Halle unter der Woche noch für den Sport genutzt wird. Statt aufwendiger Kulissen bildet ein Handballtor den zufälligen Hintergrund. Doch die Laienschauspieler haben bereits ihre Gewänder an, sind konzentriert dabei, lassen sich von der ungewöhnlichen Umgebung nicht stören. Heute werden die Ölbergszene, der Verrat des Judas und die Gefangennahme Jesu, seine Verspottung durch die römischen Soldaten und die Verleugnung durch Petrus geprobt. Den Abschluss bildet ein Monolog des Verräters Judas. Er hält ihn auf dem Sieben-Meter-Punkt der Turnhalle. Wo die Handballer sonst ihre Freiwürfe machen, verzweifelt heute ein Jünger Jesu, weil ihm klar wird, was er mit seinem Verrat angerichtet hat. Seine Tat, so merkt er jetzt, wird nicht zur Befreiung von den Römern führen, sondern zum Tod eines Freundes.
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Rund 120 Dammbacher werden bei den Aufführungen auf der Bühne stehen. Vom neunmonatigen Kleinkind bis zum 74-jährigen Senior geht die Besetzung quer durch die Generationen. Nochmal rund 120 Helfer sind mit dem Drumherum vom Schminken bis zum Ausschank beschäftigt. Bei den 14 Aufführungen werden insgesamt rund 5600 Besucher erwartet. „Hier ist inzwischen eine wahnsinnige Gemeinschaft gewachsen. Es sind Freundschaften entstanden zwischen Personen, die vorher nie etwas miteinander zu tun hatten“, sagt Martin Anderl. Der 52-Jährige ist seit der ersten Auflage der Spiele dabei, die im April 2001 Premiere feierten. Er war im Pfarrgemeinderat tätig, als die Idee aufkam, im Ort Passionsspiele zu veranstalten. „Und dann bin ich da hängengeblieben, quasi mein halbes Leben“, sagt Anderl. Er glaubt, dass durch dieses Projekt auch das Dorf näher zusammengerückt ist. Vor der Gebietsreform in den 1970er Jahren bestand es aus den eigenständigen Gemeinden Krausenbach und Wintersbach. „Das war damals keine Liebesheirat“, sagt er augenzwinkernd.
Fragt man ihn nach dem Unterschied zu Passionsspielorten wie Sömmersdorf oder Oberammergau, muss er nicht lange überlegen: „Wir spielen das Stück nicht auf einer Freilichtbühne, sondern in unserem Passionsspiel-Wohnzimmer.“ So nennen die Dammbacher ihre Turnhalle inzwischen liebevoll. Zum einen entsteht bei etwa 400 Zuschauern noch eine relativ intime Atmosphäre. Zum anderen hat man in so einer Räumlichkeit nach Anderls Worten viel mehr Möglichkeiten, mit Musik, Licht- und Tontechnik besonders gut Emotionen zu transportieren.
Nicht selten sind die Aufführungen auch Familienprojekte. So steht beispielsweise Anderls Sohn Linus als einer der beiden Judas-Darsteller auf der Bühne. Der 22-Jährige studiert in Darmstadt Lehramt für die Fächer Biologie und Geschichte. Schauspielerisch reizt ihn an der Rolle des Verräters Judas, die Beziehung zwischen Judas und Jesus herauszuarbeiten. Der sei ja nicht nur der Verräter, sondern auch ein Freund Jesu, mit dem er lange unterwegs gewesen war. Für Linus Anderl ist der Monolog des Judas auch die Lieblingsszene, weil er hier all diese Emotionen bündeln und mit starken Gesten spielen kann.
Wie im Stück, so ist es ein bisschen im richtigen Leben. Er und der Jesus-Darsteller Jannis Wirth (30) kennen sich lange, haben früher auch gemeinsam Fußball gespielt. Wirth ist technischer Bereichsleiter bei den Stadtwerken Dietzenbach. Als Jesus war er schon 2019 auf der Bühne gestanden. Seitdem hat er auch die langen Jesushaare. Der Bart war zwischenzeitlich etwas gestutzt, für dieses Jahr hat er ihn sich wieder extra lang wachsen lassen. Reizvoll findet Wirth, dass mit jeder Auflage der Spiele wieder neue Akzente gesetzt werden können. „Dieses Jahr lautet das Motto ,Jesus der Menschenfischer‘ und wir wollen damit zeigen, wie die Botschaft Jesu von den Jüngern zu anderen weitergetragen wird“, erklärt er. Co-Regisseur Paul Kroth, der auch als Pontius Pilatus auf der Bühne steht, geht noch einen Schritt weiter, wenn er sagt: „Ich hoffe, dass der Funke auch auf die Zuschauer überspringt, dass sie in sich gehen und überlegen, was ist gut an meinem Glauben, und das dann auch wieder weitergeben.“
Immer wieder heißt es bei der Probe für die Schauspieler, auf den Einsatz zu warten. Da kann man nebenbei auch mal die Ergebnisse in der Bundesliga checken. Aber dann geht es schon wieder hochkonzentriert auf die Bühne. Vieles sitzt schon gut, die Souffleuse muss nur hin und wieder mal ein Stichwort in Richtung Bühne flüstern. Manches ist noch improvisiert, zum Beispiel der Hahnenschrei nach dem Verrat durch Petrus, der noch ein wenig kümmerlich klingt. Manches kann man auch erst richtig einstudieren, wenn die Bühne steht, weil sich dann die Laufwege noch einmal verändern.
Zur Geschichte der Dammbacher Passionsspiele gehören auch einige „Glücksfälle“, wie Martin Anderl es nennt. So hatte der inzwischen verstorbene Bekleidungstechniker Adolf Englert beispielsweise eine kleine Kleidermanufaktur in Dammbach. Er überzeugte seine Stofflieferanten, Stoffe für die Passionsspiele zu spenden, und nähte diese dann mit seiner Frau kostenfrei zu Kostümen. Deswegen sind im Fundus heute rund 200 Kleidungsstücke. Ein weiteres „Geschenk des Himmels“ ist Jörn Röder, ein Kunstlehrer, der die riesigen Hintergrundbilder für das Stück an seinem Küchentisch gemalt hat. Der heute über 80-Jährige hat auch für die aktuelle Aufführung etwas Neues geschaffen: den See Genezareth. Dort beginnt und endet das Stück in diesem Jahr.
Dreimal werden die Szenen an diesem Probentag gespielt, zum Teil mit wechselnden Schauspielern, damit auch die Co-Besetzungen zum Zug kommen. Nach drei Stunden wird für diesmal Schluss gemacht, schließlich warten noch viele Probetermine bis zur Premiere am 3. Mai. „Dieses Gemeinschaftsprojekt auf die Bühne zu bringen und der Spaß, den wir hier miteinander haben, ist eine sehr große Motivation für uns alle“, nennt Linus Anderl als Grund, warum die Dammbacher diesem Projekt so viel Anstrengung, Zeit und Herzblut widmen. Und Paul Kroth bestätigt, dass die Motivation bei den Schauspielern passt: „Man braucht sie nicht zu drängen, wenn sie können, sind sie da!“
Passionsspiele 2025 in Dammbach
Die Dammbacher Passionsspiele finden ab Samstag, 3. Mai, bis Sonntag, 1. Juni, in der Dammbachtalhalle statt. Informationen zu den Terminen und den Tickets gibt es im Internet unter www.passionsspiele-dammbach.de.
bv (POW)
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