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„Gottvertrauen hebt den Blick über die Tragik der Weltsituation hinaus“

Dokumentation
Predigt von Weihbischof Paul Reder beim Friedensgebet der Gemeinschaft Sant’Egidio am 9. Januar 2026 in der Marienkapelle in Würzburg

Aus dem Buch des Propheten Jesaja (26,1-6)

1 An jenem Tag wird dieses Lied im Land Juda gesungen: Wir haben eine starke Stadt. / Zum Heil setzt er Mauern und Wall. / 2 Öffnet die Tore, / damit eine gerechte Nation einzieht, / die Treue bewahrt. 3 Festem Sinn gewährst du Frieden, ja Frieden, / denn auf dich verlässt er sich. 4 Verlasst euch stets auf den HERRN; / denn GOTT, der Herr, ist ein ewiger Fels. 5 Denn die Bewohner der Höhe hat er niedergebeugt, / die hoch aufragende Stadt erniedrigt; er hat sie erniedrigt bis zur Erde, / sie bis in den Staub gestoßen. 6 Füße zertreten sie, die Füße der Armen, / die Tritte der Schwachen.

Liebe Schwestern und Brüder,

im Blick auf die derzeitige Weltlage kann uns der Atem stocken. Die christliche Botschaft vom Frieden und auch unser Gebet um Frieden hier und heute erscheinen in zunehmendem Maße wie eine lächerliche Utopie, die der harten Wirklichkeit von Krieg und Konflikten, von Gewalt und Grausamkeit nicht standhält. Fast könnte der Eindruck entstehen, dass unser Glaube an Gott und die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben nur in guten Zeiten gelingt – nicht aber wenn die Kräfte von Hass und Unmenschlichkeit entfesselt sind.

Papst Leo XIV. setzt diesem Eindruck mit seiner Friedensbotschaft einen herausfordernden Akzent entgegen. Die Überschrift seiner Botschaft zum Weltfriedenstag am Neujahresanfang des Jahres 2026 lautet fast provozierend: „Der Friede sei mit euch allen: hin zu einem ,unbewaffneten und entwaffnenden‘ Frieden.“ Zunächst mag das so klingen, als würde der Papst lediglich einem frommen Idealismus das Wort reden. Aber er betont, dass dieser Friedensgruß nicht als Höflichkeitsfloskel eines menschlichen Bemühens dient, sondern der Gruß des auferstandenen Herrn ist, den er uns auch heute zuspricht: „Der Friede sei mit euch!“ Es geht damit nicht um einen idealistischen Frieden, der als Utopie scheitern müsste. Vielmehr – so drückt es Papst Leo aus – ist dieser „Friede des auferstandenen Christus, ein unbewaffneter und entwaffnender Friede, demütig und beständig. Er kommt von Gott.“

Das ist ein Aspekt, den wir nicht übersehen dürfen. Reden wir vom Frieden im christlichen Sinn, meinen wir keinen menschlichen Appell, sondern in Jesus Christus eine Wirklichkeit, die uns Frieden bringt, wenn wir uns ihrer Botschaft öffnen. Reden wir im christlichen Sinn von Frieden, dann geht es darum, dieser Wirklichkeit in Person Zugänge zu unserer Welt zu öffnen, zur Welt in uns, aber auch zur Welt um uns herum. Darum ist es sinnvoll, zu beten, das heißt unsere Herzen, unser Leben, ja auch unsere kriegerische Welt, in das Licht dieser Wirklichkeit zu stellen. Denn dieser Friede, so könnten wir sagen, ist – über alle menschlichen Ideale und Anstrengungen hinaus – ein Projekt Gottes selbst.

Hierfür sind die Worte des Propheten Jesaja, die wir in der biblischen Lesung gehört haben, ein sprechendes Zeugnis. Dieser biblische Text ist in eine Zeit hineingesprochen, die alles andere als eine Wohlfühloase war. Vielmehr geben die Worte einen Widerhall von den zerstörerischen Mächten, denen sich das Volk Israel ausgesetzt sieht. Und ausgerechnet in diesem Konflikt wird eine Hoffnung von einem Lied wachgehalten, das zur rettenden Tat Gottes erklingt: „Wir haben eine starke Stadt. / Zum Heil setzt er (Gott) Mauern und Wall. Öffnet die Tore, / damit eine gerechte Nation einzieht, / die Treue bewahrt.“ Das Volk selbst wendet sich an Gott, weil dieser um das Sicherheitsbedürfnis seines Volkes weiß. Doch trotz der Mauern und Wälle braucht es auch offene Tore. Sonst wird das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit zum abgeschlossenen Gefängnis.

Hierin kommt eine Versuchung zum Ausdruck, die bis heute Konfliktgeschichte prägt. Das Streben nach maximaler Sicherheit durch Verteidigung und Hochrüstung schottet auch maximal ab, nicht nur vom Gegner, sondern von allem, was wir als lebenswert lieben. Angstgesteuert sind wir dann in den Gewalt-Kreisläufen gefangen, die eskalieren. Und auf diese Eskalation der Gewalt ist bei aller Angst und Unsicherheit Verlass.

Darum betont das Prophetenwort, dass von Gott her auch auf anderes Verlass ist: „Festem Sinn gewährst du (Gott) Frieden, ja Frieden, / denn auf dich verlässt er sich.“

Ich halte es für eine zentrale Frage für jeden Menschen, worauf Verlass ist, worauf wir unser Vertrauen setzen können. Darum hat Jesus seine Jünger ermutigt und darin geschult, im Vertrauen auf Gott nicht nachzulassen. Das legt keinen Bypass um die Tragik der Welt herum. Das Kreuz steht gerade dafür. Aber dieses Gottvertrauen hebt unseren Blick über die Tragik der Weltsituation hinaus und gibt eine Perspektive, wo Verzweiflung die Kräfte zur Hoffnung und zum Guten lähmt.

Der Ort, wo wir heute beten, die Marienkapelle am Markt im Zentrum der Stadt Würzburg, ist für dieses Gottvertrauen und den dadurch möglichen erhobenen Blick selbst ein Wahrzeichen. Nach dem verheerenden Bombenangriff am 16. März 1945 erhob sich inmitten einer zerstörten Altstadt aus den Trümmern der umliegenden Brandruinen – nach menschlichem Ermessen unfassbar – der fragile gotische Turm der Marienkapelle und auf ihm die golden glänzende Figur Mariens, die den Turm bis heute ziert.

Für nicht wenige der ausgebombten Menschen war dieser standhafte Marienturm inmitten der Ruinen ein sichtbares Zeichen, wie zerstörerisch sich der Bruch von Völkerrecht, die Dominanz von Waffengewalt und menschenverachtende Ideologie auswirken. Der fragile Marienturm war für viele aber auch ein Hoffnungszeichen, dass es neue Anfänge dort gibt, wo aus menschlicher Sicht jede Zivilisation zerbrochen und am Ende ist.

Im Magnificat Mariens wird beschrieben, dass Gott Mächtige vom Thron stürzt und Niedrige erhöht. Hier wird beschrieben, dass Gott nicht gewalttätig schützt, sondern durch seine rettende Gerechtigkeit. So spannt sich ein großer Bogen über die biblische Weisheit, dass kein Heil im Krieg zu finden ist, für niemanden, und dass es in keinem Moment zu spät ist, den Frieden zu suchen. Oder wie Papst Leo in seinem Friedensschreiben mit den Worten seines Ordensvaters Augustinus in Erinnerung ruft: „Wenn ihr andere zum Frieden führen wollt, mögt ihr ihn erst selbst in euch haben und in ihm gefestigt sein. Um andere zu entflammen muss sein Licht in euch brennen.“ (Sermo 357,3)

Darum wollen wir beten – nicht nur für uns, nicht nur hier, nicht nur heute. Amen.