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Dokumentation

„Jesus schenkt den Menschen durch seinen Dienst ihre Würde“

Predigt von Bischof Dr. Franz Jung am Gründonnerstag, 9. April 2020, im Würzburger Kiliansdom

Leitfaden durch die heiligen drei Tage: Nähe und Distanz

„Nähe und Distanz“ – in diesem Thema lässt sich die Coronakrise bündeln und dieses Thema durchzieht auch alle ihre Begleitumstände.

• Um Nähe und Distanz geht es beim Schutz aller Bürgerinnen und Bürger, die aufgefordert werden, in ihren Wohnungen zu bleiben. Konsequenterweise werden Orte öffentlicher Dienstleistungen geschlossen, um jeden unnötigen Kontakt zu vermeiden.

• Das trifft in besonderer Weise noch einmal vor allem ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger hart, die auf die notwendigen sozialen Kontakte verzichten müssen.

• Die Problematik von Nähe und Distanz zeigt sich im Bereich der Pflege, in dem ganze Einrichtungen nach außen hin abgeriegelt werden.

• Auch das internationale Miteinander ist gekennzeichnet von einer Neubewertung von Nähe und Distanz. Das zeigt sich in der Abschottung der einzelnen Länder voneinander aus Angst vor Neuinfektionen.

• Wo sich Kontakte nicht vermeiden lassen, werden Maßnahmen zur Wahrung der nötigen Distanz eingezogen, man denke nur an die berühmten 1,5-Meter-Abstandhalter vor den Supermarktkassen, an denen die Kassierer*innen nochmals durch Plexiglasscheiben von den Kunden getrennt sind.

Die Aufzählung ließe sich noch weiter fortsetzen, soll aber hiermit ihr Bewenden haben.

Um die Problematik von Nähe und Distanz soll es also in den kommenden Tagen gehen. Denn diese Problematik zieht sich wie ein roter Faden auch durch die Evangelien der heiligen drei Tage, von Gründonnerstag bis zum Ostersonntag.

Corona und erzwungene Nähe

Ein besonderer Aspekt der Coronakrise ist die erzwungene Nähe, die die meisten so nicht gewohnt sind. Ausgangsbeschränkungen, Schließung der Kitas und Schulen, Homeoffice, wo möglich und verordnet. Die Ratgeber für die Quarantäne-Situation schießen nur so aus dem Boden. Sie decken das ganze Spektrum der Nebenwirkungen ab, die mit zu großer, ungewohnter Nähe einhergehen:

• Warnhinweise für den Lagerkoller,

• Beschäftigungstherapien für die Kinder,

• Hinweise zur Vereinbarkeit von Berufstätigkeit, sprich Homeoffice, und Erziehung,

• Wegweiser für die Paarberatung in der Krise,

• Notrufnummern bei Fällen häuslicher Gewalt.

Es ist schon seltsam. Einerseits sehnen wir uns nach Nähe und führen oftmals Klage darüber, wie wenig Zeit wir füreinander erübrigen können im alltäglichen Stress. Auf der anderen Seite wird aber ein Zuviel an Nähe auch zur Belastung. Man verbringt plötzlich vielmehr Zeit miteinander als sonst. Das enge Zusammenleben zwingt zur Neuaufteilung der Rollen, erfordert Zeitmanagement und Klärung der Zuständigkeit. Freiräume müssen mühsam erkämpft und verteidigt werden.

Das Miteinander Ringen und Aushandeln kann dann schnell in einen Konflikt ausarten und Schwachstellen in der sonst üblichen Kommunikation sichtbar werden lassen.

Wieviel Nähe und wieviel Distanz braucht es? Eine spannende Frage, auf die es keine abschließende Antwort gibt. Nur eines scheint klar zu sein: Nah beieinander zu sein, heißt noch nicht, dass man sich auch näherkommt.

Gründonnerstag und die Herausforderung durch Nähe

Nah beieinander sein, heißt noch nicht, dass man sich näherkommt. Das gilt sicher auch vom Miteinander Jesu mit seinen Jüngern am letzten Abend vor seinem Sterben. Wahrscheinlich waren sie sich selten so nah und hatten im abgeschlossenen und geschützten Raum so viel Zeit füreinander. Aber diese Nähe war kein trautes Miteinander, wie man hätte vermuten können. Vielmehr führte diese Nähe dazu, dass die Missverständnisse untereinander offenbar wurden. Das lohnt sich genauer anzuschauen.

Offenbarung von Nähe in der Geste der Fußwaschung

Aus der Perspektive Jesu ist dieser letzte gemeinsame Abend der Moment, sein Testament zu machen. Er möchte den Jüngern nach dem gemeinsamen Mahl noch einmal nahebringen, was ihn bewegt hat bei seinem Dienst, wie er wahrgenommen werden wollte und was von ihm einmal bleiben sollte als Hinterlassenschaft. Er vermacht keine Ämter, keine Rechtsansprüche, keine privaten Gegenstände, keine Grundstücke und keine Immobilien.

Was er hinterlassen möchte, ist eine Lebensform, der es nachzueifern gilt. Diese Lebensform verdeutlicht er in einer exemplarischen Handlung, der Fußwaschung. Was er immer wieder verkündet hatte, dass der Größte unter den Jüngern der Diener aller sein soll und dass der Erste der Sklave aller sein soll (Mk 10,44), das zeigt er nun noch einmal anhand der Fußwaschung. Diener und Sklave aller waren die Haussklaven. Jesus macht sich selbst im Haus Gottes zum Sklaven. Keiner soll danach streben, sich selbst zu erhöhen (Mt 23,12). Vielmehr würde die Selbsterhöhung in Erniedrigung und Enttäuschung enden, so hatte Jesus immer wieder betont.

Klärung der Motivation: Macht oder Dienst?

Jesus ist diese symbolische Geste so wichtig, weil der Wettstreit unter den Jüngern, wer der Größte unter ihnen sei, ein ständiger Wegbegleiter gewesen war. Auch die frühe Gemeinde war nicht frei von Rangstreitigkeiten und dem Kampf um den ersten Platz. Jesus ahnte, dass viele ihm sich offenbar nur deshalb anschlossen, weil sie im Geheimen Karriereabsichten verfolgten und danach trachteten, im Gefolge Jesu bei der angekündigten Neuordnung des Reiches Gottes es zu etwas zu bringen.

Offenbarung von Distanz: Kommt Jesus zu nahe?

War die Lehre von der Selbsterniedrigung bei den Jüngern schon zuvor auf Unverständnis gestoßen, so zeigt sich dieses Unverständnis im Abendmahlssaal. Die Jünger sehen sich überrascht von der Geste Jesu, die im Schweigen vollzogen wird, weil sie für sich spricht. Doch als Petrus an die Reihe kommen soll, regt sich offener Widerstand. Genauso wenig wie Petrus der Vorstellung vom Kreuzestod Jesu etwas abgewinnen konnte (Mk 8,32), genauso wenig passt die Vorstellung, dass der Meister den Jüngern die Füße wäscht in seine Vorstellung von einem Meister. Nah bei Jesus zu sein, heißt eben noch lange nicht, auch nah bei dem zu sein, was Jesus wichtig ist.

Klärung von Nähe, ohne zu nahe zu kommen

Petrus wehrt in seiner impulsiven Art jeden Versuch ab, ihm die Füße zu waschen. „Niemals sollst du mir die Füße waschen!“, ruft er empört aus. Doch Jesus bleibt hart und besteht darauf, dass er sich die Füße waschen lässt. „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir!“ Nicht nur zum Dienen gehört Größe, sondern auch dazu, sich bedienen zu lassen. Das fällt uns vielleicht noch schwerer, als anderen zu dienen, in der passiven Rolle zu sein.

Petrus macht daraufhin sofort die Rolle rückwärts und fällt in die andere Seite des Grabens. Wenn das so ist, dann nicht nur die Füße, sondern auch die Hände und das Haupt. Er will ganz Anteil haben an Jesus. Aber wieder korrigiert ihn Jesus. Nicht die Hände und nicht das Haupt, sondern nur die Füße. Und wieder die Frage: Wie nahe soll man an Jesus sein? Wieviel Nähe verträgt der Mensch?

Die Zweideutigkeit des Dienens: Verdeckter Machtanspruch?

Jesus weiß, dass das Dienen des Mächtigen eine zweideutige Geste sein kann. Das Dienen des Größeren ist nicht ganz unschuldig. Es kann auch zum Ausdruck eines verdeckten Machtanspruchs werden. Man könnte damit auch sagen wollen: du brauchst meinen Dienst und bist auf mich angewiesen und weil du ihn brauchst, bin ich in der überlegenen Position, selbst noch als Diener. Du bist Empfänger und ich bin Geber, der dich in die passive Rolle zwingt. Du brauchst mich und ohne mich kannst du nichts tun (Joh 15,5). Dienen als Verschleierung von Macht. Das wäre ein Zuviel an Nähe, die den anderen erdrückt und unfrei macht.

Dienen heißt nicht, in Abhängigkeit bringen

Genau dieses Missverständnis aber gilt es abzuwehren. Deshalb weigert sich Jesus, Petrus auch das Haupt und die Hände zu waschen. Das wäre in der Tat übergriffig im Sinne von Inbesitznahme und im Blick auf die Urversuchung, den anderen in Abhängigkeit von sich zu bringen. Deshalb bleibt Jesus beim Waschen der Füße. Es ist ein demütiger Dienst, der den anderen großmachen möchte und darauf verzichtet, sich noch einmal in geschickter Art über den anderen zu überheben.

Ob die Füße des Petrus Jesus auf dem Weg des Dienens tatsächlich nachfolgen, bleibt Petrus allein überlassen. Jesus hat ihm die Füße gewaschen, um seine Motivation zu klären und zu reinigen. Was er daraus macht, bleibt seine Sache. Jesus schenkt eine Nähe, die den anderen nicht erdrückt, sondern die ihm die Distanz und Freiheit eröffnet, sich noch einmal zu dieser Nähe zu verhalten.

Freigebende Liebe, die die Sünde der Welt hinwegnimmt

Jesus praktiziert eine freigebende Liebe. Er kann es nur, weil er im Geheimnis Gottes zuhause ist. Der Gott, der in sich selbst schenkende Liebe ist, befähigt zu diesem selbstlosen Dienst, den Jesus vorbildhaft an den Jüngern vollzieht. Es ist eine Nähe, die die Distanz zum anderen respektiert, ihn nicht überfordert, ihn nicht zwingt, sondern absichtslos nur sein Bestes will.

Heilige Liebe! Darin erweist sich das Priestertum Jesu Christi und sein Heiligungsdienst, der die Sünde der Welt hinwegnimmt. Denn die Sünde der Welt besteht darin, einander zu unterwerfen und voneinander abhängig zu machen und die Hilflosigkeit der Machtlosen auszunutzen. Genau das tut Jesus nicht, der sich in der Eucharistie wie in der Geste der Fußwaschung verschenkt.

Machtverzicht in der Passion gegen die Herrscher dieser Welt

Jesus verzichtet auf jeden Machtanspruch, was sich in der darauffolgenden Passion mehr als deutlich zeigt. In ihr entlarvt er falsche Macht in der Welt. Klar ließen sich die Kaiser und Statthalter „Retter und Wohltäter“ nennen (Lk 22,25). Aber diese wohlklingenden Titel waren nichts anderes als dürftig verbrämter Machtanspruch. Denn neben ihnen durfte es keine anderen Wohltäter geben. Sie wollten sich unersetzlich machen und machten sich gerade dadurch verhasst, weil jeder spürte, dass man dadurch in ein Netz von Abhängigkeiten geriet, dem man kaum entrinnen konnte.

„Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“

Die unerwartete Nähe am Gründonnerstag führte zum Streit darum, wie die Fußwaschung zu deuten sei. Ist sie als Machtanspruch des Meisters auf die Jünger zu begreifen, der Unterordnung und Gefolgschaft verlangt? Oder ist sie wirklich Ausdruck selbstloser Liebe?

Die Frage steht wie jeden Gründonnerstag im Raum und erwartet von jedem von uns eine Antwort. „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ Dienen wir einander, um uns gegenseitig groß zu machen? Hilft unser Dienst, einander zu dieser Form heiligen Dienens zu befähigen?

Dank an alle, die im Sinn des Priesters Jesus Christus anderen im gemeinsamen Priestertum aller Glaubenden dienen

Jesus, der wahre und einzige Hohepriester der Kirche, schenkt den Menschen durch seinen Dienst ihre Würde. Alle, die ihm nachfolgen auf diesem Weg, haben Anteil an seinem Priestertum. Es ist das gemeinsame Priestertum aller Glaubenden. Auch wenn heute Abend aus den bekannten Gründen die Geste der Fußwaschung entfallen muss, verweisen die Bilder auf den Stühlen rings um den Altar auf die Menschen unserer Tage, in denen der priesterliche Dienst der selbstlosen Heilsvermittlung auf anschauliche Weise deutlich wird. Sie alle wollen wir heute Abend besonders in unseren Dank bei der Feier der Eucharistie einschließen. Ihr Einsatz für andere ist in dem Lebensopfer Jesu Christi eingeschlossen und findet von ihm her seine Deutung und seinen Grund in dem Gott, der sich für uns verschenkt.

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