Würzburg (POW) Klaus M. deutet auf den grünen Fahrradanhänger. „Das war mein Leben“, erzählt er leise von seiner Zeit auf der Straße. Eine Iso-Matte, ein Buch und Dosenravioli – nur wenige Habseligkeiten befinden sich in dem Gepäckstück. Diese Zeiten sind vorbei. Seit sechs Monaten ist Klaus sesshaft, lebt im Johann-Weber-Haus in Würzburg, dem sozialtherapeutischen Wohnheim für Männer der ökumenischen Christophorus-Gesellschaft. Der grüne Fahrradanhänger ist mittlerweile ein Kunstobjekt geworden. Im Rahmen der Ausstellung „Das Leben ist eine Kunst“ der Bahnhofsmission Würzburg kann das Exponat zusammen mit fünf anderen gestalteten Gepäckstücken im Foyer der Sparkasse Mainfranken in der Hofstraße 9 in Würzburg bis zum 27. Januar betrachtet werden.
Koffer, Rucksack oder Fahrradanhänger, gefüllt mit Dingen, Wünschen und Träumen verschiedener Gäste der Würzburger Bahnhofsmission sind das Herzstück der Kunstausstellung, die am Montag, 9. Januar, von Michael Lindner-Jung, Leiter der Bahnhofsmission, eröffnet wurde. „Wir meinen: Das Leben ist eine Kunst“, erklärte er den Titel der Ausstellung in seiner Begrüßungsrede. Einerseits sei der Mensch an sich ein Kunstwerk. Auf der anderen Seite sei aber auch zu leben eine Kunst. Die mit Etiketten beschrifteten Koffer und Gegenstände erzählen auf originelle Art und Weise die persönliche Geschichte des jeweiligen Künstlers. „Wir setzen mit Kreativität ein Zeichen gegen soziale Ausgrenzung“, betonte Projektleiter Kilian Bundschuh.
Klaus hat seinen Fahrradanhänger mit einem Schlafsack, einem Deutschland-Fähnchen, mehreren Doseneintöpfen und verschiedenen Romanen gefüllt. Besonders stolz erklärte er zu der ebenfalls im Anhänger drapierten Wasserflasche: „Ich bin seit 27,5 Jahren trocken.“ Daneben liegt das Buch „Die Nebel von Avalon“ und auf dem Etikett steht geschrieben: „Langeweile gab es nie. Aber es blieb immer Zeit für ein gutes Buch. Ich liebte die Klassiker aber auch moderne Autoren.“ Das Kunstwerk gibt viel über den Menschen Klaus preis – nicht nur persönliche Details aus der Zeit auf der Straße, sondern auch über Wünsche und Träume für die Zukunft. „Ich möchte langfristig eine eigene Wohnung haben und eine feste Beziehung“, gestand er.
„Menschen, die aus dem Koffer leben, kennen wir“, erklärte Bundschuh. „Wir von Bahnhofsmission helfen, das schwere Gepäck zu tragen – sei es physisch oder psychisch.“ Daraus sei die Idee entstanden, Gepäckstücke zu gestalten. Daran beteiligt waren auch drei Studierende des Studiengangs Kommunikationsdesign der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt. Bereits im Herbst 2011 kam das Projekt ins Rollen, die „heiße Phase“ sei allerdings zwischen den Jahren gewesen, erklärte Bundschuh. „Unsere Gäste haben ihr Leben bewusst wahrgenommen und anschließend kunstvoll umgesetzt.“
Ganz anders als Klaus hat Tara R. ihren Koffer gestaltet. „Das Leben ist zu bunt, um es mit Ärger zu verbringen. Mein Koffer ist voller Farbe, Träume und Visionen. Ich habe Ziele vor Augen. Auch wenn alles nicht immer so ganz einfach ist.“ Ihr gestaltetes Gepäckstück ist mit Bewerbungsunterlagen für eine Kosmetikschule, einer bunt bemalten Leinwand, verschiedenen Pinseln, einem Buch über Modeillustration, einer Barbie-Puppe und einer Buddha-Figur gefüllt.
Chris M. sieht sich als Freibeuter. Sein Koffer gleicht einer Schatztruhe nach guter Seeräubermanier: Piratenfahne, Strandlandschaft, Segelschiff, Schatzkarte. „Ich sehe mich als Pirat, der mit seinem Segelschiff auf unruhiger See unterwegs ist. Ich bin auf der Suche nach einer paradiesischen Insel, aber leider weiß ich den richtigen Kurs noch nicht.“
Zu sehen ist die Kunstausstellung im Rahmen der Wanderausstellung der Bayerischen Bahnhofsmissionen, die seit eineinhalb Jahren durch den Freistaat tourt. An Stellwänden im Foyer der Sparkasse können sich die Besucher zu den Schalteröffnungszeiten (montags bis mittwochs von 8.30 bis 16.30 Uhr, donnerstags von 8.30 bis 17.30 Uhr, freitags von 8.30 bis 16.30 Uhr, samstags und sonntags geschlossen) über die Kunstprojekte anderer Bahnhofsmissionen informieren und auch selbst kreativ werden. Ein noch leerer Koffer wartet auf Zettelchen mit den Wünschen, Zielen und Träumen der Ausstellungsbesucher.
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