Liebe Jubelpaare,
liebe Schwestern und Brüder Christi,
Würzburg feiert Kiliani – und Sie mittendrin. Kiliani, für die einen ist das Festplatzrummel mit Riesenrad, Achterbahn und Festzelt, für die anderen heißt das Kiliansdom, Orgelmusik und Festmesse. Auf unterschiedliche Weise sind doch beide Kiliani geprägt von einer Gemeinsamkeit: von Begegnungen.
Auch Ihr gemeinsamer Weg begann genau damit: mit einer Begegnung. Vielleicht haben Sie sich im Zusammenhang mit Ihrem Jubiläum nochmal den Anfang in Erinnerung gerufen: den ersten Blickwechsel, das erste längere Gespräch, das erste Vorstellen bei den Eltern – immer stehen Begegnungen am Anfang… Und heute feiern wir gemeinsam, dass aus diesen ersten Begegnungen persönliche Zuwendung und gegenseitiges Vertrauen gewachsen sind und daraus dann mit Ihrer Trauung vor 50, 60 Jahren zu einem verbindlichen Weg der Liebe wurden, den Sie seither miteinander gehen. Diesen Weg über viele Jahrzehnte wollen wir heute dankbar vor Gott bringen. Ihr gemeinsamer Weg, ihre von Ihnen gestaltete Geschichte hat mit einem hörbaren Jawort begonnen, als Sie sich vor dem Traualtar in den Blick genommen haben. Einander Gehör schenken und einander in den Blick nehmen ist das erste Geheimnis der Liebe. Dazu gehören immer zwei.
In der Lesung aus dem biblischen Buch des Hoheliedes wurde diese Wichtigkeit besonders betont, Gehör zu finden und einander in den Blick zu nehmen: „Horch! Mein Geliebter! Siehe, er kommt!“ – und dann folgen lauter Bilder, die nach „frisch verliebt“ klingen. Alles ist Aufbruch, alles ist Frühling, alles positiv: „Die Blumen erscheinen im Land, die Zeit des Singens ist da.“ Vielleicht klingt das gar nicht nach einem Text für Paare mit 50 und mehr Jahren gemeinsamer Geschichte. Aber vielleicht geht es Ihnen wie einem Jubelpaar, das ich zum Gratulieren besucht habe, und beim Blick auf das Hochzeitsfoto von damals sagte der Jubilar: „Ja, damals waren wir noch frisch verliebt.“ Woraufhin seine Frau ergänzte: „Und jetzt sind wir eben alt verliebt.”
Denn wer sagt eigentlich, dass nur die Frühlingsliebe am Anfang mit ihren großen Emotionen echte Liebe ist? Wenn wir nur dafür ein Gehör haben und nur dem einen Blick schenken, was sich „frühlingshaft“ frisch verliebt anfühlt, dann verkennen wir, dass auch das Jahr aus dem Wechsel der Jahreszeiten seine ganze Fülle gewinnt. Vielleicht besteht das zweite Geheimnis der Liebe ja genau darin, die Veränderungen ihrer Erscheinungsformen anzunehmen, was die Ehejubilarin mit dem Wort ausgedrückt hat: „Jetzt sind wir eben alt verliebt.“ Auch diese „alte Liebe“ kann echt und innig sein, gerade weil sie sich gewandelt hat und anders geworden ist. Das Hohelied aus dem Alten Testament ist wohl eine kunstvoll zusammengestellte Sammlung von Liebesliedern. Und wie bei allen Liedern kann man nicht sagen: So und nur so muss ein Liebeslied sein. Wie im richtigen Leben kennen auch Liebeslieder die Gestimmtheit in Dur und in Moll, die Beschwingtheit und die Wehmut, den „Himmel voller Geigen“ und die kleine, einfache Melodie. Alles kann – wie auch die unterschiedlichen Phasen Ihrer Ehe – Ausdruck echter Liebe sein, gerade dann, wenn es nicht perfekt eingeübt wird, sondern ehrlich gelebt wird.
Das Hohelied ist ja kein Text über die Perfektion der Liebe, sondern über ihre erfahrbare Schönheit. Es ist ein Lied über Sehnsucht, über Freude, über Begegnung: „Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch!“ Und es klingt, als rufe einer den anderen mit diesen Worten in ein neues Leben hinein. Und das scheint mir ein drittes Geheimnis der Liebe zu sein: einander ins Leben zu rufen. Das kann tausend Gesichter haben: ein Lächeln am Morgen, ein miteinander geteilter, sorgenvoller Blick, eine Umarmung und ein Kuss, ein verständnisvolles Halten und Gehaltenwerden.
Im Evangelium hören wir von einem Menschen, der sich in ein neues Leben gerufen weiß und den nichts mehr zurückhält. Dabei hat sich Bartimäus zuvor die Seele aus dem Leib geschrien und ist von den anderen nur noch mehr an den Rand gedrängt worden. Bis zu diesem Zeitpunkt saß Bartimäus am Straßenrand und hatte vor allem ein Ziel: genügend Geld für seinen Lebensunterhalt zu erbetteln. Vielleicht hat er das auch von Jesus erhofft, als er hörte, dass Jesus mit einer Menschenmenge durch Jericho an ihm vorbeizieht, und er ruft: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“ Vermutlich gibt es auch in unserem Leben Zeiten, wo wir den Eindruck haben: Das Leben läuft an uns vorbei und wir sitzen eher am Rand. Solche Beziehungsphasen sind bitter: Zeiten, in denen wir uns nicht gesehen fühlen. Zeiten, in denen wir kein Gehör beim anderen finden. Zeiten, in denen wir blind sind für die Bedürfnisse des anderen.
Und dann brauchen wir diesen Bartimäus-Moment, der darin besteht, dass wir uns nicht mit dieser Situation abfinden. Bartimäus hilft nicht, andere Menschen anzuklagen oder die widrigen Umstände zu beklagen. Ihm hilft es, dass er Jesus das sagen darf, was er wirklich und am meisten braucht. Genau das bringt er in den Worten zum Ausdruck: „Rabbi, ich möchte wieder sehen können.“ Das heißt auch: Ich habe mich nicht aufgegeben. Ich sage, was ich auf dem Herzen habe. Es braucht mitunter viel Mut, sich selbst einem anderen mitzuteilen. Es braucht das Vertrauen, dass sich etwas ändert, wenn ich Gehör finde – bei Menschen und bei Gott. Und wie Jesus auf diesen Menschen zunächst reagiert, ist einer der schönsten und ermutigendsten Sätze des Evangeliums. Es heißt: „Jesus blieb stehen.“ Mitten im Trubel. Mitten auf dem Weg. Er bleibt stehen für einen Augenblick, auf einen Menschen, der ihn ruft.
Könnte es nicht das vierte Geheimnis einer echten Liebe sein? Stehen zu bleiben, um nicht aneinander vorbeizugehen oder aneinander vorbeizuleben. Innezuhalten, statt über das weiter, immer nur weiter, auch vor mancher Herausforderung zu flüchten.
Ich bin sicher, wir haben hier und heute viele unter uns, die in all den Ehejahren immer wieder auch füreinander stehen geblieben sind und füreinander eingestanden sind. Weil es Situationen gab, in denen Zuwendung, im Gespräch, einfach Zeit gebraucht hat. Weil manche Lösung Geduld gebraucht hat und länger dauerte als geplant. Weil Konflikte sich dadurch entschärfen, wenn wir lernen, uns mitzuteilen, Zeit zu nehmen, stehen zu bleiben.
Und diese Aufforderung, sich ehrlich selbst mitzuteilen, steckt hinter der Frage Jesu: „Was willst du, dass ich dir tue?“ Jesus sieht ja, dass Bartimäus blind ist, aber jetzt gibt er seinem Leben und seinen Bedürfnissen Raum. Den Raum, den ihm die anderen verwehrt haben, wenn sie ihn anherrschten, still zu sein.
Ich glaube, das ist das fünfte Geheimnis einer Liebe, die sagt: „Jetzt sind wir eben alt verliebt.“ Echte Beziehung lebt nicht davon, dass man glaubt, den anderen ohnehin in- und auswendig zu kennen. Sondern dass der andere Raum bekommt, sich mitzuteilen, und die Ermutigung, sich selbst zur Sprache zu bringen.
Wenn es dann heißt, der Glaube hat Bartimäus geheilt, und er ist Jesus nachgefolgt, dann scheint es mir nicht falsch, in diesem „neu sehen lernen“ ein schönes Bild für die Liebe zu sehen, die es immer wieder neu zu entdecken gilt. Den anderen immer wieder neu zu sehen. Nicht nur mit den Augen von früher, mit den Augen der „Frühlingsliebe“, sondern mit den Augen von heute. Und vielleicht entdecken Sie dabei Dinge neu, die Sie längst zu kennen glaubten – und die doch niemals alt sind: ein Humor, der gewachsen ist, eine Geduld, die gereift ist, eine Treue, die sich bewährt hat.
Liebe Jubelpaare, Sie sind heute nicht hier, weil Ihre Ehe ein perfekter Weg war, sondern weil Sie den Weg, wie er war, bis heute miteinander gegangen sind. Weil Sie miteinander auf dem Weg geblieben sind, Tag für Tag, Schritt für Schritt.
Ich wünsche Ihnen, nicht nur heute an Kiliani, dass Sie Tag für Tag in diesen Geheimnissen der Liebe weiter miteinander und aneinander wachsen: im Gehör schenken und gegenseitig in den Blick nehmen, in der Bereitschaft, die Veränderungen der Liebe anzunehmen, in der Fürsorge, einander ins Leben zu rufen, in der Sensibilität, stehen zu bleiben, um nicht aneinander vorbeizuleben, und in der Beherztheit, dem anderen Raum zu geben, um sich ehrlich mitzuteilen.
Herzlichen Glückwunsch also zu Ihrem besonderen Ehejubiläum und weiterhin Mut für den künftigen Weg, Gottes Segen und Glück auf!

