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„Musik kann eine neue Säule der Partnerschaft werden“

Im Gespräch
Generalvikar Dr. Jürgen Vorndran und Domkapellmeister Alexander Rüth ziehen Bilanz der Reise der Mädchenkantorei nach Mbinga

Würzburg/Mbinga (POW) Die Mädchenkantorei am Würzburger Dom war vom 27. August bis 11. September auf einer Konzertreise im tansanischen Partnerbistum Mbinga unterwegs. Unter der Leitung von Domkapellmeister Alexander Rüth und dem musikalischen Assistenten Jakob Keller gaben sie mehrere Konzerte und gestalteten Gottesdienste. Begleitet wurden sie von Generalvikar Dr. Jürgen Vorndran, der das Partnerbistum im Südwesten von Tansania zum ersten Mal besuchte. Im folgenden Interview schildern sie ihre wichtigsten Eindrücke und erläutern, wie mögliche weitere Schritte aussehen können.

POW: An welche Bilder und Momente werden Sie sich nach dieser Reise noch lange erinnern?

Generalvikar Dr. Jürgen Vorndran: Unvergesslich wird sicherlich die Begrüßung in Mbinga bleiben mit der Begeisterung der Menschen auf dem Platz vor der Kathedrale. Das hat mir fast den Atem genommen. Dabei waren in einer Weise Lebens- und Glaubensfreude zu spüren, wie ich es bisher noch nicht erlebt habe.

Domkapellmeister Alexander Rüth: Wir haben so viel erlebt, dem konnten wir noch gar nicht allem nachgehen. Deswegen wird diese Reise sicher lange nachwirken. Angefangen mit der ersten Kontaktaufnahme mit den Menschen vor Ort. Diese Herzlichkeit, diese Offenheit, die uns da entgegengestrahlt ist, das war besonders für uns alle, vielleicht manches Mal für einige auch etwas überfordernd.

POW: Noch nie hat eine so große Gruppe das Partnerbistum besucht – und noch dazu ein Chor mit 43 jungen Sängerinnen. Welche Rolle hat die Musik gespielt?

Rüth: Eine ganz große. Zunächst für unseren Chor, denn es zeigt sich, dass ein Konzert mehr wert ist als zehn Proben. Da hat sich jetzt eine beeindruckende musikalische Reife entwickelt. Und dann aber auch mit Blick auf die Tansanier. Es geht mir natürlich nach, dass da so viel Potenzial ist. Musik machen, tanzen und sich über Musik ausdrücken, das ist in Afrika fest verwurzelt.

Vorndran: Als Domdekan ist mir innerhalb des Domkapitels die Sorge für die Dommusik anvertraut. Deswegen war es mir ein Anliegen, diese Reise zu begleiten und mit der Musik noch einmal eine neue Säule innerhalb der Partnerschaft einzuziehen, denn Musik ist immer auch eine Brücke zu Gott und eine Brücke zwischen Europa und Afrika. Natürlich ist es etwas völlig anderes, mit so vielen Jugendlichen zu reisen. Die Neugierde und der Wissensdurst der jungen Menschen sind immer eine Freude.

POW: Herr Vorndran, Sie waren aber natürlich auch als Generalvikar des Bistums Würzburg zum ersten Mal in der Partnerdiözese. Was war aus diesem Blickwinkel Ihr Ziel?

Vorndran: An meinem ersten Tag in Mbinga hat Bischof John Ndimbo mich zu einem Gespräch mit den Direktoren seines Ordinariates eingeladen und wir haben über anderthalb Stunden diskutiert, wie eine Diözese im Süden von Tansania geleitet wird und wie wir das in Würzburg umsetzen. Da gibt es viele Unterschiede, und gerade das macht es spannend zu hören, welche Herausforderungen es bei uns und in Tansania zu meistern gilt. Mbinga ist ja eine Diözese, die gerade mal 40 Jahre besteht, ein Bistum im Aufbruch, wohingegen bei uns viel Liebgewordenes wegbricht.

POW: Welche Eindrücke haben Sie nach den Gesprächen und Reisen dort mit nach Hause genommen?

Vorndran: Zum einen habe ich gestaunt, dass dieselben Schwerpunkte, die wir jetzt in Würzburg setzen mit Caritas und Seelsorge, auch in Mbinga gelten. Es wird sehr viel Zeit investiert in die Pastoral und die Ausbildung von Katecheten. In gleicher Weise hat mich die Intensität beeindruckt, mit der die Caritas die Lebensbedingungen der Menschen hier entscheidend verbessert, um ihnen mehr Gerechtigkeit und mehr Möglichkeiten für die Zukunft zu geben. Wenn man sieht, dass dieses Land Tansania ein enormes Wirtschaftswachstum hat und wie hier trotzdem eine große Armut herrscht, dann ist das eine enorme Spannung, in die die Kirche gestellt ist und wo sie auch mit beeindruckenden Projekten wirkt. Wir waren in Litembo und haben das kirchliche Krankenhaus besucht. Wir waren in Liheti, einem weiteren atemberaubenden Projekt, wo eine eigene Schule für medizinische Nachwuchskräfte aufgebaut worden ist. Wir haben in Mbinga auch das Inklusionsprojekt für Kinder mit Albinismus besucht. Für mich war das eigentlich der Höhepunkt der ganzen Reise: zu sehen, wie diese sonst ausgegrenzten Kinder durch die Caritas des Bistums Mbinga und die Spende des Katholikentags eine neue Chance für ihr Leben bekommen. Das hat mich tief im Herzen berührt.

POW: Bei der Reise gab es auch einige musikalische Events. Welche Rolle spielt Kirchenmusik für die Partnerschaft der beiden Diözesen?

Vorndran: Ich persönlich bin der Überzeugung, dass die Kirchenmusik sowohl im Bistum Würzburg als auch im Bistum Mbinga ein großes Potenzial zur Neuevangelisierung in sich birgt. Die Menschen in Afrika haben die Musik im Blut. Musik ist untrennbar mit ihrem Glauben verbunden. Das erlebe ich in gleicher Weise auch in Franken. Auch da geht einem das Herz auf, wenn man zum Beispiel das Kilianslied singt oder der Chor den Gottesdienst bereichert. Das ist einfach ein Glaubensvollzug, der über die bloße Wortverkündigung hinausgeht. Darin liegt ein großes Potenzial, das wir hier wie da versuchen zu heben und womit wir uns in der Partnerschaft gegenseitig weiterbringen können.

Rüth: Im Laufe der Fahrt hat sich bei mir in diesem Zusammenhang der Gedanke sehr stark in meinen Kopf gesetzt, vor allem für die Kinder vor Ort etwas Musikalisches zu tun. Wir haben viele Chöre unterschiedlicher Qualität und unterschiedlicher Altersstufen erlebt, aber vor allem erwachsene Chöre. Jugendchöre gibt es erst nach der Schulzeit, also ungefähr ab dem Alter von 16 Jahren aufwärts. Aber wir haben ganz wenig bis keine Kinderchöre gesehen. Ausgehend von der Erfahrung, die ich sammeln durfte auf meiner ersten Konzertreise als Domkantor 2012 nach Venezuela – da gab es dieses großartige Netzwerk El Sistema von José Abreu, der versucht hat, Kinder über die Musik aus sehr großer Armut oder Kriminalität wegzuholen und eine neue Perspektive zu schenken –, kam mir in den Sinn: „Mensch, da müsste man was tun.“ Denn wir wissen alle, Singen trainiert das Gehirn, stärkt Körper, Geist und Seele und schafft Freude.

POW: Heißt das, diese Reise hat für Sie und die Dommusik noch ein (positives) Nachspiel?

Rüth: Ich werde diese Idee weiterverfolgen, dass man die musikalische Arbeit mit Kindern in der Partnerdiözese mehr unterstützt, vielleicht durch ein Pilotprojekt in Form eines Chorklassensystems, wie wir es hier in Würzburg schon sehr lange pflegen. Mit Bischof John C. Ndimbo und unserem Afrikareferenten Burkhard Pechtl habe ich da auch schon ein erstes Gespräch geführt und bin auf großes Interesse gestoßen. Das wäre dann, glaube ich, nochmal eine tolle neue Facette und ein sehr unmittelbarer Ausdruck von dieser Partnerschaft Würzburg – Mbinga. Mich würde es sehr reizen, noch mal wiederzukommen und zu schauen, ob es nicht möglich ist, da etwas zu initiieren.

Interview: Burkard Vogt (POW)

(3926/0883; E-Mail voraus)

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