Aschaffenburg (POW) „Wenn Weihnachten das Fest der häuslichen Intimität ist, dann ist Ostern das der Piazza. In Italien ist Ostern eine Explosion des kollektiven Lebens, ein Moment des gemeinschaftlichen Erwachens.“ Ordenspriester Corradino Di Sante von der Franziskanischen Gemeinschaft von Betanien, Leiter der Italienischen Katholischen Mission in Aschaffenburg und Würzburg, gibt Einblicke in die Gestaltung der Fasten- und Osterzeit in Italien und erzählt, was davon in seinem Konvent erlebbar ist.
Der Osterhase spiele in Italien keine Rolle. Dort sei die gesamte Aufmerksamkeit auf die traditionsreichen Symbole und Riten gerichtet. Die Symbole zur Pasqua, dem italienischen Ostern, seien stark mit der biblischen Landschaft verbunden und verglichen mit Deutschland archaischer, sagt Di Sante. Die Osterzeit in Italien zeichne sich durch eine besondere Atmosphäre aus, die im ganzen Land zu spüren sei. „Man spürt eine einzigartige Mischung aus tiefer Feierlichkeit und überschäumender Freude. Es ist, als würde das ganze Land nach dem Winter gleichzeitig tief einatmen.“ Die Stille der Karwoche verwandle sich in der Osternacht in einen befreienden Jubel.
Der Aschermittwoch markiere auch in Italien einen Umbruch in der Stimmung. Ebenso wie in Deutschland wird hier in den Tagen zuvor Karneval, italienisch „Carnevale“, gefeiert. Am Martedì Grasso, Faschingsdienstag, erreicht dieser seinen Höhepunkt, „an dem man sich noch einmal richtig verwöhnt“. Es sei „das letzte große Lachen“, sagt Di Sante. Darauf folge mit der Fastenzeit eine stille Zeit der Umkehr, in der die Menschen ihr Inneres reinigten.
Die von Bräuchen durchzogene Karwoche beginne am Palmsonntag mit dem Olivenzweig. „Jeder Italiener trägt gesegnete Olivenzweige nach Hause – ein greifbares Zeichen des Friedens.“ Die festlich geschmückten „Altari della Reposizione“ (Altäre der Reposition), im Volksmund „Sepolcri“ (Grabstätten) genannt, hätten ebenfalls große Bedeutung. Sie stellten den Ort dar, an dem die Eucharistie nach der Abendmahlsmesse feierlich aufbewahrt werde. So bilden die Altäre am Gründonnerstag den Mittelpunkt eines Rituals, das Di Sante als „Pilgerreise durch die nächtliche Stadt“ bezeichnet, „welche Stille und Begegnung vereint“: „Im Anschluss an die Messe bleiben die Kirchen bis spät in die Nacht offen. Die Altäre werden prachtvoll mit Blumen und hellen Weizensprossen geschmückt. Die Menschen machen die Runde durch sieben verschiedene Kirchen.“ Dieser Gang sei eine treue Begleitung Jesu in seiner schwersten Stunde im Garten Gethsemani. Hierbei spielen alte Symbole wieder eine große Rolle: „Die hellen Weizensprossen stehen für das Leben, das im Verborgenen – das heißt im Grab – keimt, bevor das Licht der Auferstehung alles verwandelt. Sie werden im Dunkeln gezogen, damit sie weiß-gelblich bleiben“, erklärt Di Sante.
Auch in der Franziskanischen Gemeinschaft von Betanien spiele die Gestaltung des „Sepolcro“ eine große Rolle und sei dort „ein besonderer Moment für die Öffentlichkeit“. „Es ist uns wichtig, diese italienische Tradition der ‚offenen Türen‛ auch hier zu leben.“ Besucher seien eingeladen, am geschmückten Altar einen Moment der Anbetung zu begehen.
Das kollektive Erleben setze sich am Karfreitag mit den Prozessionen fort, bei denen Menschen allen Alters durch die Dunkelheit ziehen. Di Sante betont, dass es sich dabei nicht um „religiöses Theater“ handele. „Diese Prozessionen sind lebendiges Gedächtnis. Wenn die Lichter der Stadt gelöscht und die Statuen des leidenden Christus und der Schmerzensmutter durch die Gassen getragen werden, geschieht etwas Magisches: Der historische Schmerz Christi verbindet sich mit dem persönlichen Leid der Menschen von heute.“
Die Osternacht beginnt zwischen 21 und 22.30 Uhr mit dem Osterfeuer vor der Kirche und dem feierlichen Einzug in die dunkle Kirche. In der Nacht auf Ostersonntag sind um Mitternacht die Glocken zu hören. „Wenn sie losgebunden werden, ist das der akustische Beweis für den Sieg des Lebens.“ In der österlichen Messfeier werde schließlich eines der zentralen Symbole zelebriert, das auch in Deutschland nicht wegzudenken ist: das Licht. „Das Entzünden der Osterkerze in der totalen Dunkelheit der Kirche ist ein Moment von ungeheurer visueller Kraft.“ Italienische Lebensfreude und Gemeinschaft erlebe er auch in seinem Konvent, wenn am Ostersonntag die Auferstehung mit einem festlichen Gottesdienst gefeiert wird, sagt Di Sante.
„Ostern in Italien schreit förmlich heraus, dass der Tod nie das letzte Wort hat. Es geht um Versöhnung und den Mut zum Neuanfang.“ Einen solchen Neuanfang spiegle zum Beispiel ein Phänomen wider, das auf den ersten Blick eitel erscheinen möge, tatsächlich jedoch eine tiefe spirituelle Bedeutung habe: In Italien kleiden sich viele Menschen am Ostersonntag völlig neu ein. „Den ‚vestido buono‛, das schöne neue Kleid zu tragen, ist der äußere Ausdruck für die innere Erneuerung. Zu Ostern legen wir den alten Menschen ab, um Christus in neuem Glanz zu begegnen.“ Das Ritual mache die Freude über das neue Leben für jeden sichtbar.
Die Speisen spielen an Ostern eine große Rolle. „In Italien schmeckt man die Auferstehung förmlich, weil für uns der Esstisch die Verlängerung des Altars ist. Das Essen in der Pasqua ist eng mit dem Glauben verknüpft“, sagt Di Sante. Schokoladeneier, welche man zu Ostern auch in Deutschland findet, sind in Italien mehr als eine beliebte Süßigkeit. „Das Schokoladenei ist für Kinder das wichtigste Symbol: Das Aufbrechen der Schale steht für das Öffnen des Grabes und die Überraschung im Inneren erinnert uns daran, dass der Glaube immer eine unvorhersehbare Neuheit bereithält.“ Die Colomba, ein klassischer Osterkuchen in der Form einer Taube, stehe für den Frieden und den Heiligen Geist.
Das Mittagessen am Ostersonntag bleibe zwar ein heiliges Ritual der Großfamilie. Dennoch beschreibe das Sprichwort „Natale con i tuoi, Pasqua con chi vuoi“ – „Weihnachten mit der Familie, Ostern mit wem du willst“ die soziale Dimension des Festes. Während Weihnachten stark in der Kernfamilie verwurzelt sei, öffne sich Ostern, welches die christliche Freiheit feiere, der Freundschaft und der Gemeinschaft. Diese erlebe man besonders am Ostermontag. „Die sogenannte Pasquetta ist die Feier der Schöpfung. Ganz Italien zieht hinaus ins Grüne für ein Picknick. Ob in den Olivenhainen, am Strand oder in den Bergen – wir feiern, dass die Welt mit ihrem Schöpfer auferstanden ist.“ Es sei ein Tag der Einfachheit mit Freunden, der zeige, dass die christliche Freude nicht in der Kirche stehen bleibt.
An eine Welt, die oft von Krisen und Ängsten geprägt ist, sende die italienische Ostertradition die Botschaft: „Habt keine Angst vor der Hoffnung!“ Besonders gut erleben könne man diese Atmosphäre in den kleinen Pfarreien. Daher empfiehlt Di Sante deutschen Besucherinnen und Besuchern in Italien, sich nicht nur mit großen Denkmälern zu befassen. „Erleben Sie die Gastfreundschaft des Geistes in einer kleinen Pfarrei. Ostern ist die Gewissheit, dass jeder von uns täglich neu auferstehen kann.“
Paula Hoffmann (POW)
(1426/0313; E-Mail voraus)
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