Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Enge Pforte der Geburtskirche in Betlehem
Im nun zu Ende gehenden Heiligen Jahr war die Heilige Pforte im Petersdom in Rom das Ziel aller Pilgerinnen und Pilger. Auch an Weihnachten geht es um eine Heilige Pforte. Allerdings nicht in Rom, sondern in Betlehem. Ich meine mit dieser heiligen Pforte den Eingang zur Geburtskirche in Betlehem – Sie sehen sie auf ihrem Liedblatt abgedruckt. Wer schon einmal da war, wird sich gewiss an sie erinnern. Warum?
Ganz einfach. Weil die Geburtskirche im Gegensatz zu unseren Kathedralen und Domen kein prächtiges Portal aufweist. Ganz im Gegenteil. Wer die Geburtskirche betreten möchte, muss sich bücken. Er muss aufpassen, dass er sich nicht den Kopf anstößt, so eng und klein ist die Tür.
Die kleine Pforte als „Tür der Demut“
Dass die Tür so klein ist, hat zunächst ganz praktische Gründe. Wer genau hinschaut, sieht nämlich, dass die einst größere Tür zugemauert wurde. Man wollte verhindern, dass Unbefugte sich Zutritt verschaffen zu diesem heiligen Ort.
Überdies sagt die Überlieferung, dass auch die Könige gewohnt waren, hoch zu Ross in die Kirche einzureiten. Dem wollte man ein für alle Mal einen Riegel vorschieben. Wer die Geburtskirche betreten will, muss runter vom hohen Ross – im wahrsten Sinne des Wortes. Er muss sich üben in Demut. Deshalb heißt die kleine Tür zur Geburtskirche auch die „Tür der Demut“.
Die enge Pforte des Mutterschoßes zur Menschwerdung Gottes
Die Bezeichnung „Tür der Demut“ bezieht sich aber nicht nur auf die Besucher der Kirche. Die Tür der Demut passt nämlich ausgezeichnet zur Geburtskirche. Denn sie wird zum Symbol für die Menschwerdung Gottes. Denn an Weihnachten feiern wir, dass Gott sich klein gemacht hat. Der Schöpfer und Herr der Welt wählt die enge Pforte des Mutterschoßes, um als kleines Kind in diese Welt zu kommen.
„Entäußert sich all seiner Gewalt, wird niedrig und gering“, so singt die Kirche an Weihnachten im Lied „Lobt Gott ihr Christen alle gleich“ (GL 247). Der unfassbare Gott macht sich fassbar. Dazu muss er all seine Herrlichkeit und Größe ablegen, um den Menschen als Mensch zu begegnen in der Form eines hilflosen Kindes.
Gott sieht nicht länger vom hohen Thron auf die Menschen herab, sondern steigt selbst ab vom hohen Thron, um unser Leben mit uns zu teilen. Er kommt nicht als Herrscher, sondern als Diener und Knecht. Das ist die umstürzende und zugleich froh machende Botschaft von Weihnachten.
Das Betreten der Geburtskirche als Eintreten in das Geheimnis der Menschwerdung
So wird das Betreten der Geburtskirche zu einem „mystagogischen Ereignis“, wie man so schön sagt. Das heißt beim Eintreten muss man sich klein machen. Und in diesem Sich-Klein-Machen lernt man, was es heißt, dass Gott Mensch geworden ist.
Im Durchschreiten der „Tür der Demut“ übt man die Demut selbst ein. Man tritt gewissermaßen ein in das Geheimnis von Weihnachten. So wird Weihnachten ganz praktisch erfahrbar.
Als Christen müssen wir diesen Eintritt ins Weihnachtsgeheimnis immer neu üben
Diese praktische Lehrstunde in Sachen Weihnachten ist dringend notwendig. Denn es ist im Leben oft gar nicht so einfach, durch die „Tür der Demut“ zu gehen.
- Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn Du deine eigene Schwäche erkennen und annehmen musst in Krankheit und Alter, weil es nicht mehr geht wie früher und eine radikale Umkehr im Leben ansteht – dann schau auf das kleine Kind, in dem Gott unsere menschliche Schwachheit angenommen hat, um sie mit seiner Gottheit zu verbinden
- Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn Du unversöhnt bist und nachtragend – dann schau auf das Kind, in dem Gott die Sünde der Welt hinwegnimmt und uns die Versöhnung mit sich und untereinander anbietet
- Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn du über deinen Schatten springen und deine Bequemlichkeit ablegen musst – dann schau auf das Kind, in dem Gott die Mühen unseres Lebens mit uns teilt, damit Neues werden kann und nicht einfach alles beim Alten bleibt
- Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn du angefragt bist mit den Bedürftigen zu teilen – dann schau auf das Kind, in dem Gott arm wird, um uns durch seine Armut reich zu machen und uns Anteil zu geben an seiner Liebe
- Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn du deine Vorurteile über andere ablegen musst – dann schau auf das kleine Kind, in dem wir den Sohn Gottes erkennen dürfen wie der Engel sagt, durch den wir alle „eine neue Schöpfung sind“ (2Kor 5,17), von Gott her neu, weil von Gott geliebt
- Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn du deine Angst überwinden musst – dann schau auf das Kind, in dem uns das Licht in der dunkelsten Nacht aufgestrahlt ist, das uns leuchtet auch in der Finsternis (Joh 1,5)
Die engen Pforten können zu Heiligen Pforten werden
Es gibt viele enge Pforten im Leben. An Weihnachten sind wir eingeladen, mit dem Kind diese Pforten zu durchschreiten. Nicht umsonst wird Jesus später im Evangelium sagen: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen!“ (Lk 13,24) Wer das wagt, für den wird so manche enge Pforte tatsächlich zur Heiligen Pforte, weil er im Glauben über sich hinausgewachsen ist und gemerkt hat, dass das enge Tor notwendig war auf dem eigenen Lebensweg, um neu zu werden.
Die Tür der Demut ist die Tür der Kinder Gottes
Die „Tür der Demut“ ist gerade mal 1,20 m hoch. Das Idealmaß für Kinder. Auch das wird an Weihnachten zum hochsymbolischen Maß. Mit dem Sohn Gottes können nur die Kinder Gottes durch diese Tür ein und ausgehen. Es sind die, von denen es im Johannesevangelium heißt, dass sie „nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1,13). Es sind die, die in dem Kind zu neuen Menschen geworden sind. Sie haben keine Angst vor der engen Tür, sondern an der Hand des Kindes gehen sie durch diese enge Tür ins Leben.
Das Ende des Prologs der Benedikt-Regel
Im Vorwort zur Regel des Heiligen Benedikt heißt es am Ende:
„Sollte es (…) aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng.
Wer aber (…) im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes.“
Wie schön! Und ermutigend! Wie immer kann der Weg des Heils und der Heilung am Anfang nicht anders als eng sein. Denn aller Anfang ist schwer. Wer aber im Blick auf Weihnachten an der Hand dieses Kindes im Glauben voranschreitet, dem wird das Herz weit und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes. Genau das wünsche ich Ihnen am heutigen Weihnachtsfest: Dass ihr Herz weit wird. Dass sie mit dem Kind das unsagbare Glück der Liebe erfahren.
Denn wenn das Herz weit wird und die Liebe zu ihrem Recht kommt, dann können wir einstimmen in den Lobgesang der Engel:
„Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden den Menschen seiner Gnade.“
Ihnen allen von Herzen frohe und gesegnete Weihnachtstage. Amen.

