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Schuhe aus als Zeichen von Respekt

22. Interreligiöse Shuttle-Tour in Würzburg – Vier Religionen an einem Tag – Initiator Christian Herpich: „Das ist so nah dran, dass vorurteilsfreier Kontakt entstehen kann“

Würzburg (POW) Rund 80 Jugendliche und junge Erwachsene versuchen, ihre dicken Winterjacken und Rucksäcke in dem kalten Bus aneinander vorbei zu bugsieren. Alle Sitzplätze sind belegt, einige Jugendliche stehen im Gang. An einem Fensterplatz sitzt ein Mädchen mit Kopftuch und ist mit einer Freundin ins Gespräch vertieft. Draußen laufen zwei junge Männer am Bus entlang, schlagen an die Fensterscheibe. Plötzlich stürmen die beiden in den Bus, brüllen „Türkenschlampe“, zerren das Mädchen mit Kopftuch brutal aus dem Bus – niemand reagiert.

Das Busmikrofon knistert. Jenifer Gabel vom Würzburger Bündnis für Zivilcourage klopft zweimal zum Test darauf. Die Gespräche im Bus werden leiser. „Und, warum ist niemand dazwischen gegangen?“, fragt sie die Teilnehmer der Interreligiösen Shuttle-Tour. „Sowas sollte nicht passieren. Wir wollten euch zeigen, dass Zivilcourage jederzeit und überall nötig werden kann.“ Einige schauen betreten, andere interessiert. „Nicht die Muslima ist schuld, wenn sie angegriffen wird!“, betont Gabel. Der inszenierte Impuls beziehe sich auf einen Vorfall, der vor zehn Jahren tatsächlich so in einer Würzburger Straßenbahn geschehen sei. Auch damals sei keiner eingeschritten, um der jungen Frau zu helfen. Sie habe den Fall gemeldet, woraufhin das Bündnis für Zivilcourage gegründet worden sei. Bis heute veranstaltet das Bündnis die Shuttle-Tour gemeinsam mit der Kirchlichen Jugendarbeit (kja) in der Region Würzburg.

Die erste Station des Tages ist die Russisch-Orthodoxe Gemeinde in Würzburgs Altstadt. Weihrauch wabert im Flur. An den mintgrünen Wänden stehen Glasvitrinen und Schränke, die mit Büchern, Spielen und Magazinen gefüllt sind. Zwei Kruzifixe hängen an den Wänden und weiße Vorhänge verschleiern den Blick in den Garten. „Eines Tages, unerwartet, kommt Jesus auf die Erde und richtet über uns beim Jüngsten Gericht“, erklärt Sofia Khorobrykh mit russischem Akzent. Sie ist Chorleiterin und Religionslehrerin der Gemeinde. „Damit Jesus unsere Seele und unseren Körper zusammenführen und ins Reich Gottes mitnehmen kann, gibt es bei uns ausschließlich die Erdbestattung.“ Khorobrykh hat ein geblümtes Kopftuch auf. Unter ihrem khakifarbenen Mantel schaut ein knielanger Rock mit Blumenmuster hervor. „Wir tragen je nach Kultur und Herkunft traditionelle Kleidung“, sagt sie.

Zurück im Bus lädt Gabel die jungen Menschen ein, zu diskutieren. „Vielleicht merkt ihr, dass man es mal aushalten muss, wenn jemand eine andere Sicht hat“, sagt sie. Deutschland sei eine Migrationsgesellschaft, „ob die Leute das wollen oder nicht“. Einzig die Begegnung und das Kennenlernen würden zu einem friedlichen Mit- und Nebeneinander beitragen. Die Interreligiöse Shuttle-Tour findet zum 22. Mal statt und möchte das Bewusstsein und das Verständnis für die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Religionen fördern. Auch Pfarrer Christian Herpich, Initiator der Tour und evangelischer Religionslehrer an einem Würzburger Gymnasium, freut sich über die Intensität: „Die Aktion ist so unmittelbar, so nah dran, dass sich auch beispielsweise muslimische Schüler vorurteilsfrei trauen, Juden nach ihrem Glauben zu fragen.“

Der Tempel der Sikh-Gemeinde befindet sich im Untergeschoss eines unscheinbaren Wohnhauses. Im Flur muss jeder seine Schuhe ausziehen. „Das ist ein Zeichen von Respekt“, sagt Gabel. Ein Kopftuch müssen alle aufsetzen – auch die Jungs. „Gleichberechtigung ist uns ganz wichtig“, erklärt ein Gemeindemitglied. Herpich betont die besondere Stellung der Sikhs in der ganzen Welt: „Die Sikhs haben fünf Glaubenssymbole. Eines davon ist der Dolch. Die Gläubigen dürfen damit internationale Flüge wahrnehmen, obwohl das eine Waffe ist.“ Diese Sonderregel bestehe, weil ihr Glaube den Sikhs vorschreibe, den Dolch ausschließlich zur Verteidigung zu nutzen. Der Priester tritt ein, die Gespräche verstummen. Er trägt einen Bart und einen weißen, kunstvoll gewickelten Turban. Langsam geht er barfuß auf den üppig geschmückten, glänzenden Altar zu und verbeugt sich mehrmals tief. Er hockt sich hinter den Altar, schwingt einen weiß-silbernen Wedel über dem Sri Guru Granth Sahib, der heiligen Schrift der Sikhs. Er schlägt das Buch auf und beginnt den Text zu singen. Im Anschluss schenkt der Priester frischen, selbst gekochten Chai-Tee aus und verteilt traditionelles indisches Gebäck. „Nächstenliebe und Gastfreundschaft stehen bei uns an erster Stelle“, sagt ein Gemeindemitglied.

Auch der Teppichboden der Moschee darf nur ohne Schuhe betreten werden. „Bitte haltet euch daran und seid respektvoll“, erklärt Gabel. Cem Acikgöz, Mitglied der muslimischen Gemeinde und des Integrations-, Kultur- und Bildungsvereins im Würzburger Frauenland, erklärt: „Wie die Christen haben auch wir eine Fastenzeit. Die heißt im Islam ‚Ramadan‘ und wird mit dem Fastenbrechen, dem Fest ‚Eid al-Fitr‘, beendet.“ Die Wände der Moschee schmücken bunte Fliesen, die farblich zum Teppichboden passen. Einer der Teilnehmer zieht sich zu Beginn aus der Menge zum Gebet zurück. Lautlos und zur Wand gekehrt betet er. Der junge Mann folgt einem Bewegungsablauf, wonach er mal steht, mal kniet oder liegt. Er ist Schüler in einer Berufsintegrationsklasse der Würzburger Don-Bosco-Schule und aus Pakistan geflohen. Nach wenigen Minuten setzt er sich zu den anderen Teilnehmern. „Für einige Gebete benötigt man nur fünf Minuten. Andere kann man fast eine Stunde lang beten“, erklärt Acikgöz. Er appelliert an die Jugendlichen: „Der Sinn des Lebens ist, sich gegenseitig zu respektieren, achtsam zu sein und andere glücklich zu machen.“

Alexander Shif, Mitarbeiter von Shalom Europa, dem jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrum in Würzburg, erklärt, dass in einer Synagoge nur die Männer eine Kopfbedeckung, eine sogenannte Kippa, tragen müssen. Nachdem einige Jungen in der Sikh-Gemeinde noch etwas widerstrebend eine Kopfbedeckung aufgesetzt haben, greifen nun alle neugierig in den Korb mit den schlichten, flachen, schwarzen Mützen. Das Judentum beruft sich auf die fünf Bücher Mose, die in der Tora festgehalten sind. Sie enthält 613 Vorschriften, 248 Ge- und 365 Verbote. Shif verweist auf Gemeinsamkeiten zum Christentum: „Unser oberstes Gebot lautet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das kennen sicherlich auch viele von euch.“

„Alle Menschen haben das Recht auf ein diskriminierungsfreies Leben“, fasst Gabel zum Schluss den Zweck der Shuttle-Tour zusammen. Menschen anderen Glaubens kennenzulernen könne Ängste abbauen und rassistischen Ressentiments entgegenwirken. „Deshalb fahren wir zwei Mal im Jahr mit einem Bus voll junger Leute zu Gebetsstätten anderer Religionen.“ Für die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Gesellschaft müsse Sensibilität hergestellt werden. Nur so könnten Vorurteile abgebaut werden und die Menschen in einen direkten, unmittelbaren Dialog treten.

Carolin Hasenauer (POW)

(0118/0007; E-Mail voraus)

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