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POW-Serie: „12 Wege“ (5)

Steinerne Zeugen der Vergangenheit

Unterwegs auf dem „Bildstockweg“ und im Fränkischen Bildstockzentrum in Egenhausen – Zeichen der Frömmigkeit, aber auch Erinnerung an Unglücksfälle oder Morde – Bildstockdatenbank enthält Informationen zu rund 600 Objekten im Oberen Werntal

Egenhausen (POW) Seit mehr als 400 Jahren prägen Bildstöcke und Steinkreuze die fränkische Landschaft. Sie wurden aufgestellt als Zeichen privater Frömmigkeit, aber auch zur Erinnerung an Verstorbene oder an Unglücksfälle. In manchen Überlieferungen sind sie sogar mit Mord und Totschlag verknüpft. Welche Geschichten man auf dem „Bildstockweg Egenhausen“ im Landkreis Schweinfurt entdecken kann, weiß beispielsweise Reinhilde Sauer, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Fränkischen Bildstockzentrum Egenhausen. Sie führt auch die Dorfchronik von Egenhausen weiter. „Ich finde das interessant.“ Viele Menschen, auch junge, würden etwa nach Informationen über ihre Vorfahren suchen.

Wenn man aus Richtung Schnackenwerth kommt, zweigt kurz vor dem Ortsschild von Egenhausen eine unscheinbare Einfahrt nach rechts zur Kapelle am Steinberg ab. Rechts von der Kapelle führt der Wanderweg „Steinberg“ in den Wald, und schon ist man mitten auf dem „Bildstockweg“. Erste Station ist allerdings nicht ein Bildstock, sondern die Lourdesgrotte am Ende einer Steintreppe. Die Geschwister Johann und Elisabetha Göbel ließen sie zum Andenken an ihren 1876 verstorbenen Vater Nikolaus Göbel errichten. „Der Vater fiel von einem Kirschbaum und starb“, erzählt Sauer. Ein Teil der Familie wanderte nach England aus. Doch die Erinnerung an den Urahn lebt fort, wie ein Eintrag im Gästebuch des Bildstockzentrums aus dem Jahr 2012 beweist. Damals kam Ann Fisher, die Urenkelin von Nikolaus Göbel, zu Besuch nach Egenhausen: „Wonderful to visit the place where my family came from“ – „Es ist wundervoll, den Ort zu besuchen, aus dem meine Familie stammt“.

Das Material für die Lourdesgrotte ist heimischer Sandstein. Wie auch für fast alle Bildstöcke, Wegkreuze und Prozessionsaltäre in und um Egenhausen sowie für die Grabsteine auf dem Friedhof. „Sandstein ist der Stein der Region“, erklärt Sauer. Früher habe es rund um Egenhausen mehrere Sandsteinbrüche gegeben, sogar einen direkt hinter der Lourdesgrotte. Heute seien bis auf einen Steinbruch in Schleerieth jedoch alle stillgelegt. Ab 1613 waren in Egenhausen auch mehrere Steinhauerwerkstätten namentlich bekannt. Welches Werkzeug zur Herstellung eines Bildstocks benötigt wird oder mit welchen Steinmetzzeichen die Steinlieferungen gekennzeichnet wurden, erklärt eine eigene Abteilung im Bildstockzentrum – inklusive einer Aufnahme des Lieds „Der Egenhäuser Steinhauer“.

Der Weg führt wieder aus dem Waldstück heraus, ab jetzt läuft man durch Wiesen und Felder. Schon von weitem ist an einer Kreuzung das „Kreuz an der Ruhstatt“ zu sehen. 1710 soll an dieser Stelle zunächst ein Holzkreuz und 1743 ein Sandsteinkreuz aufgestellt worden sein. Nach den Recherchen des Bildstockzentrums könnte es zur Erinnerung an einen Mord errichtet worden sein. Ein paar Schritte hinter dem Kreuz weist ein Wegweiser nach links in Richtung Egenhausen und Bildstockzentrum. Ab hier führt der Weg immer geradeaus bis zur Brebersdorfer Straße. Unterwegs macht Sauer auf eine Stelle aufmerksam, die von niedrigen Pflanzen überwachsen ist. Wenn man genau hinsieht, meint man einen rechteckigen Umriss zu erahnen. „Hier wurde 2014 ein Bildstock von einem Mähdrescher beschädigt.“ Der obere Teil fiel bei dem Zusammenstoß herunter. Nach der Instandsetzung steht er nun geschützt auf einem privaten Grundstück in der Nähe des Friedhofs. Zwar ist Verwitterung immer noch die größte Gefahr für Bildstöcke, aber seit dem 20. Jahrhundert hat auch die Zahl der Verkehrsunfälle mit Autos oder Landmaschinen zugenommen.

Auf diesem Abschnitt kommt man auch am „Pestbildstock an den Stückäckern“ vorbei. Auf der Rückseite des Bildstocks ist die Stifterfamilie dargestellt, darunter die Initialen „A.S.H.S.K.S.A.S.M.S.“. Gestiftet wurde er im Jahr 1620 von „Iorig Stefan und Anna seine ehlig Hausfraun“. Die Initialen sollen für die fünf Kinder der Familie stehen, die an der Pest verstorben seien, erklärt Sauer. Doch anscheinend wurde der Sockel des Bildstocks rund 150 Jahre später umgenutzt, wie eine zweite Inschrift vermuten lässt: „Gott und seinen heiligen Zu Ehren hat diese Bildnus aufrichten lassen der Ehrsame Johannes Rettner und Anna Maria seine Eheliche Hausfrau 1768.“

Auf der anderen Seite der Brebersdorfer Straße steht, wenn man nach rechts blickt, als praktische Wegmarke der Bildstock „am alten Kaisterer Weg“, aufgerichtet am 2. Mai 1750. „Er wurde von dem Junggesellen Johann Schnetter von Egenhausen gestiftet“, erzählt Sauer. Schnetter starb als Soldat in Holland, wann ist nicht bekannt. Rechts von der Straße führt ein Rad- und Wanderweg in Richtung Egenhausen, beim Überqueren sollte man allerdings gut aufpassen. Nach rund 100 Metern erreichen wir die Staatsstraße 2277, überqueren eine Verkehrsinsel und folgen wiederum einem Rad- und Wanderweg, nun links von der Straße, in Richtung Egenhausen. Gleich hinter der Kreuzung sieht man rechts einen Kreuzschlepper, den das Ehepaar Georg und Anna Heusla 1715 „Gott zu Ehren“ errichten ließ. Auf unserem Weg kommen wir an einem verwitterten Sühnekreuz ohne erkennbare Inschrift vorbei. Der Sage nach soll ein Wolf hier einen Menschen getötet haben.

Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Sportplatz. Dort steht bei der Friedenslinde ein Bildstock mit einem vierseitigen Aufsatz und dem Wappen von Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn. In der Echter-Zeit wurden Bildstöcke auch verwendet, um katholisches Territorium zu markieren. Wir folgen der Sankt-Johannes-Straße und kommen direkt zum Bildstockzentrum in der Ortsmitte. Auf dem Parkplatz gegenüber, inmitten von wuchernden Hecken, entdeckt man mit ein bisschen Suchen einen um 1620 entstandenen Bildstock mit dem Wappen von Fürstbischof Johann Gottfried von Aschhausen. Für den hier beschriebenen, knapp vier Kilometer langen Rundweg benötigt man bei normalem Spaziertempo rund eineinhalb bis zwei Stunden, je nachdem, wie lange man sich mit den Bildstöcken beschäftigt. Da der Weg zumeist durch Felder und Wiesen verläuft, sind Sonnenschutz und Wasser empfehlenswert. Der Rückweg vom Bildstockzentrum zum Parkplatz an der Kapelle ist etwa einen Kilometer lang.

Vor oder nach einem Spaziergang auf dem „Bildstockweg“ sollte man unbedingt auch die Dauerausstellung im Fränkischen Bildstockzentrum besuchen. Hier wird nicht nur die Entstehung, Bedeutung und Herstellung von Bildstöcken und Wegkreuzen erklärt. Kurze Filmbeiträge lassen den Besucher an der Fronleichnamsprozession in Egenhausen teilhaben oder einen Blick in die Werkstatt eines Steinmetzes werfen. An einer Hörstation werden „Bildstockgeschichten“ im örtlichen Dialekt erzählt, beispielsweise vom „Doppelmord bei Bergrheinfeld“ oder vom tödlichen Streit zwischen zwei Mägden in Hergolshausen. Außerdem kann man in der Bildstockdatenbank mit bislang rund 600 Objekten aus den zehn Gemeinden des Oberen Werntals stöbern, darunter 26 in der Region Egenhausen. Die Daten wurden von Winfried Hahner gesammelt und aufbereitet, der bis zu seinem Ruhestand bei der Gemeinde Werneck unter anderem für Dokumentationen zuständig war, und wird stetig erweitert.

Der älteste Bildstock Egenhausens ist übrigens auf dem Friedhof zu finden. Ursprünglich befand er sich in der Mauer der Pfarrkirche Sankt Johannes der Täufer. Im Zuge der Kirchenrenovierung wurde der Bildstock in die Mauer eingefügt, die den neuen Friedhofsteil umschließt. Nach Sauers Recherchen stammt er aus dem 16. Jahrhundert. Für eine Überraschung sorgte im Zuge der Friedhofssanierung zudem ein zweiter Bildstock, der in der Pforte am Zugang zur ehemaligen Lehrerwohnung – dem heutigen Pfarrzimmer – zu finden ist. Als die Pforte im Jahr 2003 verbreitert wurde, um den Zugang barrierefrei zu gestalten, entdeckte man eine bis dahin nicht sichtbare Inschrift auf der Rückseite: „Anno Domini 1607“ habe ein Stefanus Pfister das „Marterpilt“ aufrichten lassen zu Gottes Ehre.

Stichwort: Fränkisches Bildstockzentrum

Das Fränkische Bildstockzentrum wurde 2010 gegründet. Die Dauerausstellung informiert über die Geschichte, Bedeutung, Herstellung und den Erhalt von Bildstöcken, Stein- und Hochkreuzen. Eine Bildstockdatenbank enthält rund 600 Einzelbeispiele mit Fotos und detaillierten Beschreibungen. Betreut wird das Bildstockzentrum von rund 25 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die auf Anfrage auch geführte Wanderungen auf dem „Bildstockweg“ anbieten. Hierfür sollte man rund zwei Stunden einplanen. Das Bildstockzentrum ist zudem Ausgangspunkt für drei Bildstockradwanderwege. Angeboten werden eine 20 Kilometer lange Kernroute (Egenhausen, Bergrheinfeld, Geldersheim und zurück), eine 38 Kilometer lange Südroute (Egenhausen, Werneck, Eßleben, Schraudenbach, Vasbühl und zurück) sowie eine 51 Kilometer lange Nordroute (Egenhausen, Oerlenbach, Eltingshausen, Wasserlosen). Letztere ist erweiterbar um eine östliche Zusatzrunde mit 29 Kilometern (Oberwerrn, Hambach, Pfersdorf, Poppenhausen).

Das Bildstockzentrum ist von Ostersonntag bis Allerheiligen jeweils sonntags und feiertags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen: Fränkisches Bildstockzentrum Egenhausen, Sankt-Johannes-Straße 73, 97440 Werneck-Egenhausen, Telefon 09722/2262, E-Mail kontakt@bildstockzentrum.de, Internet www.bildstockzentrum.de.

Kerstin Schmeiser-Weiß (POW)

(3619/0916; E-Mail voraus)

Hinweis für Redaktionen: Fotos abrufbar im Internet

Weitere Bilder

Zum Autor: Kerstin Schmeiser-Weiß (POW) (pow@bistum-wuerzburg.de)

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