Würzburg (POW) Bischof Dr. Franz Jung wird am Donnerstag, 4. Juni, 60 Jahre alt. Im Interview spricht er über Wendepunkte in seinem Leben, prägende Jahre, Hoffnungsorte im Bistum und seinen Leitspruch „Lobe den Herrn meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“ (Psalm 103,2). Die Geburtstagsfeier wird am Sonntag, 14. Juni, nachgeholt, an dem zugleich das Pontifikalamt anlässlich des Mozartfests gefeiert wird.
POW: Herr Bischof, Sie haben dieses Jahr an Fronleichnam Geburtstag, aber an diesem Tag sind Sie trotzdem ganz normal im Einsatz?
Bischof Dr. Franz Jung: Ja (lacht).
POW: Wie werden Sie Ihren 60. Geburtstag feiern?
Bischof Jung: Der Geburtstag fällt dieses Jahr in die Festwochen des Mozartfestes. Ich feiere am Sonntag, 14. Juni. Das ist der Sonntag, an dem ich zudem meiner Bischofsweihe am 10. Juni 2018 gedenke. Zugleich findet an diesem Sonntag auch das Pontifikalamt anlässlich des Mozartsfestes statt. Ich freue mich, dass an diesem Tag viele Weggefährten und die Familie zusammenkommen. Nach dem Pontifikalamt gibt es einen Sektempfang und im Anschluss daran noch ein Mittagessen für geladene Gäste im Burkardushaus.
(Die Pontifikalmesse zum Mozartfest mit Bischof Dr. Franz Jung am Sonntag, 14. Juni, um 10 Uhr im Würzburger Kiliansdom wird live auf Bibel TV Fernsehen, TV Mainfranken Kabel sowie dem YouTube-Kanal des Bistums Würzburg übertragen.)
POW: Wie wurden Geburtstage in Ihrer Kindheit gefeiert?
Bischof Jung: Wir haben die Geburtstage eigentlich immer klein gefeiert, im Rahmen der Familie mit ein, zwei Freunden. Aber es war immer sehr schön und auch immer sehr behütet.
POW: Gibt es eine Tradition aus Ihrer Familie, die Sie bis heute gerne beibehalten?
Bischof Jung: Es gab keine großen Traditionen. Es war aber immer im Juni, daher musste ein schöner frischer Erdbeerkuchen her – mit Schlagsahne, versteht sich! – und das war immer wunderbar.
POW: Welche Bibelstelle passt aus Ihrer Sicht zu Ihrem 60. Geburtstag?
Bischof Jung: Das Wort, das ich mir damals für die Priesterweihe als Primizwort gewählt habe. Es ist dem Psalm 103 entnommen und lautet: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Es ist ein Wort, das mich immer wieder mit tiefer Dankbarkeit und Freude erfüllt, aus der Erfahrung heraus, dass vieles, was war, mir geschenkt worden ist. Die Eucharistie ist der Ort der großen Danksagung der Kirche und auch mein persönlicher Dankesort.
POW: Gibt es ein Lied, zu dem Sie besonders gerne anstoßen?
Bischof Jung: Ich habe mir für den Gottesdienst, wie schon zum 50. Geburtstag und zur Bischofsweihe, von John Rutter „The Lord bless you and keep you“ gewünscht. Es enthält den wunderbaren Segenszuspruch des aaronitischen Segens. Zugleich ist das eine Melodie, in der ich mich wiederfinde und die so etwas Trostreiches hat.
POW: Was steht auf Ihrer persönlichen To-do-Liste für die kommenden zehn Jahre?
Bischof Jung: Ich habe keine große To-do-Liste. Wir haben jetzt vieles geschafft. Wir hatten in diesem Jahr die Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz und den 104. Deutschen Katholikentag in Würzburg. Vielleicht wird es ein bisschen ruhiger im kommenden Jahr, das würde ich mir wünschen (lacht). Was ich gerne mache und auch jedes Jahr zu tun versuche, ist, einen Artikel für die Würzburger Diözesangeschichtsblätter zu schreiben und mich persönlich mit unserer Bistumsgeschichte auseinanderzusetzen. Wir haben so eine reiche und inspirierende Geschichte hier im Bistum. Daneben gibt es noch meine große Liebe zu den Kirchenvätern. Ich habe eine ganze Liste von patristischen Texten, die noch nicht ins Deutsche übertragen worden sind und an die ich mich gerne dransetzen möchte. Derzeit arbeite ich an einer neuen Edition der Kiliansviten, die demnächst erscheinen soll. Das sind Dinge, die mir persönlich viel Spaß machen. Aber dafür bleibt leider immer nur in den späten Abendstunden ein bisschen Zeit.
POW: Gibt es ein Land, das Sie gerne noch bereisen möchten?
Bischof Jung: Was ich vielleicht noch mal genauer anschauen will ist Indien. Dort war ich zweimal. Das ist ein faszinierendes, kulturell reiches Land. Ansonsten ist mein Aktionsradius eigentlich Europa. Mir fehlen in England und Spanien noch einige Landschaften. Ich bin ein großer Frankreich-, Romanik- und Zisterzienserfan – kein Urlaub ohne Zisterzienserkirche. In Italien habe ich schon viel gesehen, aber auch hier fehlt mir noch einiges. Ich habe in den vergangenen Jahren interessanterweise viele Orte, die ich vor 20 oder noch mehr Jahren schon einmal bereist hatte, erneut besucht. Und es war immer wieder überraschend neu und beeindruckend schön. Als große Wallfahrt ist in diesem Jahr die Kreuzbergwallfahrt geplant. Schauen wir mal, ob ich das schaffe. Große Pläne mache ich eigentlich nicht. Nur ein Ziel steht schon seit Jahren auf meiner To-do-Liste: einmal nach New York, zum „Big Apple“. Ansonsten zieht es mich nicht besonders nach Amerika, auch wenn alle sagen, dass das Land so toll wäre, vor allem landschaftlich.
POW: Welche Hoffnungen verbinden Sie mit dem kommenden Lebensjahrzehnt?
Bischof Jung: Unser und mein Bestreben geht dahin, den Menschen die Freude am Glauben zu vermitteln. Wir wollen sie darin unterstützen, in ihren Gemeinden den Glauben weiterzutragen, und suchen dazu nach tragfähigen Strukturen. Die Frage wird sein, was wir als Bistum dazu beitragen können, dass es gut wird, und wie es uns gelingt, Menschen diese innere Freude an Jesus Christus zu vermitteln – auch in den Formaten, die wir jetzt eingeführt haben. Ich denke an die geistliche Schriftlesung in Form der „Lectio Divina“ und die Anbetung in Form der „Nacht der Hoffnung“. Die vielen Wallfahrten im Bistum bieten die Gelegenheit, sich persönlich über den eigenen Glauben auszutauschen. Ich glaube, das fehlt am meisten. Ich habe jetzt wieder die Begeisterung der Leute beim Katholikentag gesehen. Es war gut, gemeinsam den Glauben zu feiern, aber auch Menschen zu haben, mit denen man sich unmittelbar über den Glauben austauschen kann: Was bedeutet das eigentlich für dich persönlich? Was sagt dir das? Und wo verändert dieses Wort des Evangeliums auch dein Leben? Dahin muss es gehen.
POW: Zum 60. Geburtstag möchten wir einen kurzen Rückblick wagen. Worauf blicken Sie in den vergangenen Jahrzehnten besonders gerne zurück?
Bischof Jung: Ich blicke gerne zurück auf meinen Werdegang. Ich hatte den Eindruck, dass die Aufgaben, die mir anvertraut worden sind, eigentlich immer zur rechten Zeit kamen. Das ist mir aber auch erst in den vergangenen Jahren deutlich geworden. Ich bin mit 42 Jahren Generalvikar geworden, also der Leiter einer großen bischöflichen Behörde. Die Pfarrer haben alle gesagt: „Wenn der Generalvikar jünger ist als wir, dann merkt man, wie die Zeit vergeht.“ (lacht) Die zehn Jahre als Generalvikar waren für mich die geistlich fruchtbarste Zeit meines Lebens. In diesen zehn Jahren wurde ich mit vielen neuen Fragestellungen, mit vielen neuen Problemen konfrontiert, begegnete vielen Menschen in konfliktiven Situationen, lernte aber auch die organisatorischen Herausforderungen der Institution Kirche kennen. In dieser Zeit habe ich gelernt, systemisch zu denken. Natürlich musste ich auch in die Abgründe der Organisation Kirche schauen. Das hat sehr geerdet. Aber über all den Problemen, die immer mit einem Leitungsamt verbunden sind, habe ich auch das viele Gute schätzen gelernt, was oft so unauffällig und unaufgeregt in unseren Gemeinden, Verbänden und Ordensgemeinschaften geschieht. Immer wieder hat mich die Frage umgetrieben, wie ich die Menschen mitnehmen kann in all den Veränderungen und Umbrüchen, in denen wir stehen.
POW: 2018 kam die Ernennung zum Bischof von Würzburg. Was prägte diese Zeit?
Bischof Jung: Es war kein ganz einfacher Start. Kurz nach der Bischofsweihe wurde im September 2018 die MHG-Studie veröffentlicht, daneben gab es ein erhebliches Defizit im Bistumshaushalt, dann kam die Coronazeit. Jetzt erst merke ich so langsam, dass wir wieder in ein etwas ruhigeres Fahrwasser kommen und dass vieles bearbeitet werden konnte, was liegengeblieben ist, vor allem während Corona. Darüber bin ich sehr glücklich. Worauf ich gerne zurückschaue in den vergangenen Jahren sind natürlich vor allem die schönen Begegnungen mit den Gläubigen unseres Bistums – sei es bei den großen Wallfahrten, bei denen ich immer gerne mitgegangen bin und mitgehe, die begeisternden Ministrantenwallfahrten nach Rom, die Begegnung in Irland mit den Reliquien unserer Bistumspatrone Kilian, Kolonat und Totnan. Es war ein großes Fest des Glaubens. Natürlich denke ich auch gerne an die Vorbereitung auf das Heilige Jahr und im Heiligen Jahr selbst an unsere Feiern und die großen Wallfahrten mit den Mitarbeitenden und die wunderbare Familienwallfahrt. Mir kommt jetzt auch der Katholikentag in den Sinn, der seit 1907 wieder einmal in Würzburg stattgefunden hat: Der Dank und die Begeisterung der Menschen hier in Würzburg klingen noch in mir nach zusammen mit der Freude darüber, dass wir uns als Bistum so einladend präsentiert haben, dass wir so viele Menschen begeistern konnten. Die zahllosen positiven Rückmeldungen sind einfach überwältigend. Das erfüllt mich mit einer großen Dankbarkeit und Freude.
POW: Welche prägenden Ereignisse fallen Ihnen zu den einzelnen Jahrzehnten ihres Lebens ein?
Bischof Jung: Ich habe eine sehr schöne, sehr behütete Kindheit gehabt. Dafür bin ich heute noch dankbar. Ich hatte ein gutes Elternhaus, habe viel von zu Hause mitbekommen. Davon zehrt man, glaube ich, ein ganzes Leben lang: an innerer Haltung, an innerer Stärke, aber auch an innerer Entschiedenheit. Im zweiten Lebensjahrzehnt war es natürlich das Abitur, und dann das Geschenk, in Rom studieren zu dürfen. Es waren sehr schöne Jahre in Rom, verbunden mit der Weihe zum Diakon und zum Priester. Die Zeit der Promotion, Anfang des dritten Lebensjahrzehnts. Dann natürlich die Herausforderungen in der Seelsorge. Die Ernennung zum Generalvikar hat mich damals überrascht. Wir mussten im Bistum Speyer einen großen Reorganisationsprozess bewältigen, der enorm viel Kraft gekostet hat. Ich hatte bis dahin in meinem Leben nie so viel gearbeitet wie in dieser Zeit.
POW: Dann sind wir beim Rückblick schon im Jahrzehnt nach dem 50. Geburtstag.
Bischof Jung: Natürlich war die Bischofsweihe einer der großen Höhepunkte. Aber auch das Silberne Priesterjubiläum 2017 und der 50. Geburtstag 2016. Ich bin kein großer Geburtstagsfeierer. Aber ein guter Freund hat damals zu mir gesagt: „Franz, lade die Leute ein, sonst trifft man sich am Ende immer nur noch bei den Beerdigungen.“ Da habe ich mir zu Herzen genommen. Und habe dann zum 50. Geburtstag ein richtig schönes, großes Fest gefeiert. Daran denke ich sehr gerne zurück. 50 Jahre sind eine gute Zeit, Danke zu sagen für so vieles, was einem geschenkt wurde und was gut gelaufen ist.
POW: Mit welchem Gefühl gehen Sie in den 60. Geburtstag?
Bischof Jung: Mit dem 60. Geburtstag verbinde ich den Dank, dass ich in all den Herausforderungen, in denen man als Bischof steht, in all den Konflikten, in den persönlichen Anfeindungen und Zerreißproben, auch angesichts der Fragen, die man nicht lösen kann, physisch und psychisch gesund geblieben bin. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Einige Bischofskollegen sind in den vergangenen Jahren krank geworden. Da merkt man: Dieses Amt zehrt enorm an der eigenen Kraft. Es ist die Aufgabe des Bischofs, in den Zentrifugalkräften unserer Zeit die Menschen immer neu zusammenzuführen. Und wie immer geht es darum, als Mensch und Bischof dabei authentisch zu bleiben. Das ist eine große Aufgabe, eine geistliche Aufgabe, die es immer neu im Gebet zu reflektieren gilt, die einen aber auch lebendig hält.
POW: Sie sind jetzt schon seit acht Jahren als Bischof in Würzburg. Welche Orte im Bistum bringen bei Ihnen etwas zum Klingen?
Bischof Jung: Ein wichtiger Ort ist für mich die Kapelle im Bischofshaus, in der wir jeden Montagmorgen gemeinsam als Hausgemeinschaft in die Woche starten mit der Eucharistiefeier und dem Austausch über das Evangelium. Die Kapelle ist für mich auch ein persönlicher Rückzugsort zum Gebet, für den ich sehr dankbar bin, mit dem wunderbaren Altarbild, das Christus zeigt, der am Ölberg betet. Dieser betende Christus am Ölberg ist etwas, was mich immer neu tief berührt, wenn wir Messe feiern. Jesus ringt um die eigene Sendung und betet: „Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“ Das ist sehr beeindruckend und lädt dazu ein, über die Treue zur eigenen Sendung nachzudenken und sich im eigenen Beten vom Herrn getragen zu wissen. Zu den wichtigen Orten im Bistum zählt natürlich auch unser Kiliansdom, in dem ich die großen Gottesdienste feiern darf. Dann unsere herrlichen Wallfahrtskirchen: der Kreuzberg, zu dem wir schon mehrfach von Würzburg aus in der großen Wallfahrt gepilgert sind, dann Dettelbach, die großen Marienwallfahrtsorte unseres Bistums und natürlich der Engelberg. Ich bin für diese Orte sehr dankbar, weil es auch Hoffnungsorte in unserem Bistum sind, wie im Heiligen Jahr deutlich geworden ist. Dort schöpfen unsere Gläubigen als „Pilger der Hoffnung“ seit Jahrhunderten Kraft, vergewissern sich im Glauben über ihren weiteren Weg und erfahren in der Gemeinschaft der Kirche Vertrauen und Zuversicht.
Das Gespräch führte Judith Reinders (POW)
Zur Person:
Franz Jung wurde am 4. Juni 1966 in Mannheim geboren und wuchs in Ludwigshafen auf. Ab 1986 studierte er Theologie in München und dann in Rom, wo Bischof Dr. Franz Kamphaus ihn am 10. Oktober 1992 zum Priester weihte. 1998 wurde er Kaplan in Pirmasens, 2001 folgten die Promotion und die Versetzung in die Dompfarrei Speyer, in der er auch Bischof Dr. Anton Schlembach als Sekretär diente. 2008 wurde Jung ins Speyerer Domkapitel gewählt und 2009 von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann zum Generalvikar ernannt. Erzbischof Dr. Ludwig Schick weihte Jung am 10. Juni 2018 zum 89. Bischof von Würzburg. Jung ist Komtur mit Stern des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem. In der Deutschen Bischofskonferenz ist er der Vorsitzende des „Verbandsrats des Verbandes der Diözesen Deutschlands“, Mitglied der „Kommission Arbeitsrecht“, Mitglied der „Bischöflichen Fachgruppe für Fragen des sexuellen Missbrauchs und von Gewalterfahrungen“ und Mitglied der „Caritaskommission“.
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