Würzburg (POW) Eine besondere Atmosphäre herrscht beim Kiliani-Gottesdienst für Menschen im Alter, in Krankheit und mit Behinderung am Samstagvormittag, 11. Juli, im Würzburger Kiliansdom. Die Bänke im rechten Querhaus sind entfernt, um Platz für Rollstuhlfahrer und ihre Begleiter zu schaffen. Frauen und Männer der Malteser und des Diözesan-Caritasverbands gehen mit Wasserflaschen und Bechern durch die Reihen und ermuntern die Gläubigen, ausreichend zu trinken. Mehr als 300 Personen haben allein die Malteser mit rund 50 Kleinbussen und Behindertentransportwagen aus Aschaffenburg und Kitzingen, aus den Haßbergen und der Rhön, aus Marktheidenfeld und Würzburg in den Dom gebracht – insgesamt feiern rund 650 Menschen den Gottesdienst mit. Die Stimmung ist freudig und erwartungsvoll.
„Hab Mut, steh auf!“, so stehe es groß an den Domtürmen, begrüßt Bischof Dr. Franz Jung die Gläubigen. Das sei nicht nur das Motto des zurückliegenden 104. Deutschen Katholikentags und der Kiliani-Wallfahrtswoche. „Es ist das Motto jedes Menschen, der krank ist oder mit Behinderung zu kämpfen hat. Hab Mut, steh auf, jeden Tag neu, nach jeder Erkrankung neu. Christus nimmt uns in seiner Auferstehung immer wieder mit, damit wir nicht in Krankheit und Depressionen versinken.“ Applaus brandet auf, und auch während der Feier werden die Gläubigen nicht damit sparen.
Im Gottesdienst selbst ist manches anders. Das Liedheft für den Gottesdienst ist kontrastreich und in großer Schrift gestaltet, damit es alle möglichst gut lesen können. Das Evangelium wird in leichter Sprache vorgetragen. Pastoralreferentin Claudia Walter, Hörgeschädigtenseelsorgerin der Diözese, übersetzt die Feier gemeinsam mit weiteren Dolmetschern simultan in Gebärdensprache, und spontan bildet sich vorne links im Hauptschiff noch ein Gebärdenchor, der die Lieder begleitet. Zwei Ministranten vom Sankt-Josefs-Stift unterstützen die Domministranten. Zur Gabenbereitung spielt das Veeh-Harfen-Ensemble „Saitenklang“ aus dem Sankt-Josefs-Stift in Eisingen. Unter anderem wird ein rotes Herz an einem langen Stab zum Altar gebracht. Darauf sind die Worte „Hoffnung“, „Liebe“, „Zuversicht“, „Freude“, „Miteinander“ und „Kraft“ zu lesen.
Das Schönste an der Geschichte vom blinden Bartimäus sei für ihn, dass Jesus den Hilferuf des Bettlers höre, sagt Bischof Jung in seiner Predigt. Es sei laut gewesen. Die anderen wollten Bartimäus nicht hören. Doch Jesus habe sein Rufen gehört. Manchmal traue man sich nicht, um Hilfe zu bitten, und habe Angst, den anderen auf die Nerven zu gehen. Bartimäus habe seinen ganzen Mut zusammengenommen. Er mache damit Mut, auf sich aufmerksam zu machen und nicht aus Angst oder Scham zu schweigen. Man müsse Menschen Mut machen, dass sie rufen dürfen, wenn sie Hilfe brauchen, erklärt der Bischof: „Sonst können wir es ja nicht wissen.“ Manchmal gehe man auch schnell weiter, wenn man einen Hilferuf höre. Man habe Angst, helfen zu müssen, man habe keine Zeit oder wisse nicht, wie man helfen könne, oder wolle einen Menschen nicht anfassen. Jesus aber bleibe stehen.
Man könne nicht wissen, was der andere gerade brauche, fährt der Bischof fort. Oft höre er von alten oder kranken Menschen, wie erniedrigend es sei, wenn Ärzte und Pfleger einfach bestimmen würden, was gut für sie ist, ohne nachzufragen. „Was weiß denn ich, womit ich einem Menschen wirklich dienen könnte?“, fragt der Bischof. Jesus frage nicht und wisse es auch nicht besser: „Er muss es von Bartimäus hören.“ Und dieser Bartimäus wolle kein Geld, keinen Blindenhund und keinen Betreuer. „Er will, dass man ihm Ansehen schenkt. In dem Augenblick, in dem ihn jemand ernst nimmt und ansieht, werden ihm die Augen geöffnet für die eigene Würde und für den nächsten Schritt, den er jetzt im Leben tun könnte. Ich danke allen von Herzen, die sich Tag für Tag in diese Grundhaltung einfügen und sich einen Blick auf den konkreten Menschen bewahren.“ Erneut applaudiert die Gemeinde herzlich.
Am Ende der Feier dankt Bischof Jung allen, die geholfen haben, diesen Tag zu ermöglichen. Allein die Malteser sind mit rund 100 ehren- und hauptamtlichen Helferinnen und Helfern vor Ort, die Caritas mit weiteren 25 Haupt- und Ehrenamtlichen. Domkapitular Monsignore Clemens Bieber, Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbands, dankt Bischof Jung für die Einladung zu diesem Gottesdienst. Noch einmal ist Applaus zu hören. Dann strömen die Helferinnen und Helfer mit Tabletts aus, um heiße Würstchen, Brezeln und Hörnchen sowie Kaffee, Tee und weitere Getränke an die Menschen zu verteilen. Diese Speisung im Dom ist eine alte Pilgertradition und nach Auskunft der Malteser in dieser Form in Deutschland heutzutage wohl einzigartig.
sti (POW)
(2926/0695; E-Mail voraus)
Weitere Bilder finden Sie hier:https://bistum-wuerzburg.px.media/share/1783777356tVeb3TpsZm6py0







