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Im Gespräch

„Viele Belastungen verschärfen sich“

Albert Knött, Fachreferent für Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL) im Bistum Würzburg, über Herausforderungen und Chancen der Coronakrise

Würzburg (POW) Seit fast sechs Wochen gilt in Bayern eine landesweite Ausgangsbeschränkung. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Ehe-, Familien- und Lebensberatung (EFL) im Bistum Würzburg bieten in dieser schwierigen Situation Beratung per Telefon oder Videochat an. Fachreferent Albert Knött erklärt im folgenden Interview, mit welchen Problemlagen die Beraterinnen und Berater derzeit konfrontiert sind und wie sich die Kontaktverbote auf die Beratung auswirken.

POW: Herr Knött, wie haben die Menschen die Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote bislang verkraftet? Sind durch die Coronakrise neue Problemlagen hinzugekommen?

Albert Knött: Viele Konflikte und Belastungen, die vorher schon vorhanden waren, verschärfen sich. Die Kontaktbeschränkungen wirken da wie ein „Vergrößerungsglas“. Eine sehr einsame und etwas depressive Klientin beispielsweise fühlt sich jetzt noch einsamer, oder ein Klient, der oft vor dem Computer „versackt“, hat jetzt noch mehr Schwierigkeiten mit der Tagesstruktur. Auch für Familien ist es schwierig, ohne Außenkontakte zu leben. Aber noch schwieriger ist die große organisatorische Belastung durch Beruf, Betreuung, Unterricht und Haushalt. In fast allen Familien gibt es kleinere und größere Konflikte. Bei einigen stärkt die gemeinsame Krisenbewältigung aber auch den Zusammenhalt. Eine Krise, die aus einer Katastrophe resultiert und alle Menschen gleichzeitig betrifft, ist meist einfacher zu verarbeiten als eine, bei der man individuell als Person betroffen ist. Viele Menschen haben aufgrund der Pandemie zudem große finanzielle Einbußen oder sind sogar von Arbeitslosigkeit bedroht. Nicht zu wissen, ob am Monatsende genügend Geld auf dem Konto ist, ist eine enorme psychische Belastung. Das wirkt sich lähmend auf die Fähigkeit aus, den Alltag zu bewältigen. Wie elementar die Befürchtung ist, nicht genug zum Leben zu haben, haben die Hamsterkäufe gezeigt.

POW: Was macht es mit einer Partnerschaft, wenn man die ganze Zeit quasi aufeinandersitzt?

Knött: Das hängt von der Situation ab. Paare verbringen entweder viel mehr Zeit miteinander, oder sie haben aufgrund der Betreuung der Kinder und des Homeschoolings noch weniger Zeit zu zweit. In beiden Fällen muss in Gesprächen herausgefunden werden, was für das Paar jetzt nötig und möglich ist. Die Ausgewogenheit von Nähe und Distanz muss neu gesucht oder verteidigt werden. Wichtig sind ein Mindestmaß an Zeit für sich allein und ein Rückzugsort, und wenn es nur eine Ecke ist. Wichtig ist auch, auszusprechen, was man selber braucht, statt die Fehler des anderen zu betonen. Dann kann die gemeinsame Bewältigung einer Herausforderung auch zusammenschweißen.

POW: Welche Rückmeldungen bekommen die Berater von Menschen, die alleine leben?

Knött: Allein lebende Menschen empfinden die Situation sehr unterschiedlich. Ängstliche Menschen fühlen sich oft einsamer. Bei ihnen treten jetzt besonders die Verlustängste in den Vordergrund. Aber auch für extrovertierte Menschen ist es schwer, da sie besonders die Geselligkeit vermissen. Introvertierten Menschen dagegen kann das „Social Distancing“ entgegenkommen.

POW: Gerade für Kinder ist die jetzige Situation schwierig. Sie können keine Freunde sehen, nicht draußen spielen, es gibt weder Schule noch Sportvereine.

Knött: Langeweile, Bewegungsmangel und die Unsicherheit, wann Zeit mit Freunden wieder möglich ist, machen Kindern besonders zu schaffen. Manche fallen hinter Entwicklungsschritte zurück, die sie schon einmal erreicht hatten. Manche gewinnen aber auch im Haushalt mehr Selbstständigkeit. Eltern sollten ihre Kinder fragen, was sie selbst schon tun können, zum Beispiel beim Kochen helfen oder im Haushalt Aufgaben übernehmen. Es ist wesentlich, dass Kinder die Botschaft bekommen: „Ich leiste einen wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Krise.“ Kinder schätzen es, wenn sie Verantwortung übernehmen können. Und auch in dieser Zeit geht es ihnen am besten, wenn es den (Stief-)Eltern gelingt, eine hinreichend zufriedene Paarbeziehung zu führen.

POW: Wie kommen die Beraterinnen und Berater der EFL mit den besonderen Umständen zurecht?

Knött: Direkter Kontakt kann nicht zu 100 Prozent durch Telefonate oder Videotelefonie ersetzt werden. Das betrifft gerade die Arbeit mit intensiven Gefühlen wie Wut und Trauer – vor dem Bildschirm ist es schwieriger, Gefühle zuzulassen. Unser Angebot wird dennoch sehr dankbar angenommen. Unsere Berater können in einem eigenen Raum in der Beratungsstelle oder aber im Homeoffice weiterarbeiten, und ein großer Teil der Klienten hat eine Telefon- oder Videoberatung akzeptiert. Eine Klientin mit traumatischen Erfahrungen hat zu einer Beraterin sogar gesagt: „Ich kann mich Ihnen leichter öffnen, wenn ich von zu Hause aus telefoniere.“ Viele allein lebende ältere Menschen nutzen die Telefonberatung. Menschen im Homeoffice mit Kindern haben jetzt mehr Stress und deutlich weniger Zeit. Sie haben einen großen Bedarf, aber oft nicht die Möglichkeit oder die Ruhe für ein längeres, intensives Gespräch. Ein Paar hat erzählt, dass es sich für Telefonate im Keller vor den Kindern „versteckt“. In manchen Fällen erweisen sich Videokonferenzen als sehr vorteilhaft, zum Beispiel für getrennt lebende Paare. Wir stellen fest, dass es deutlich weniger Neuanameldungen gibt. Ein Teil möchte warten, bis wieder Präsenzberatungen möglich sind. Bei der Telefonberatung müssen sich die Berater ganz auf die Stimme konzentrieren – Gesten, Blicke und Körpersprache fallen weg. Mehrere Beratungsgespräche hintereinander am Telefon oder Bildschirm sind deutlich anstrengender als in der Präsenzberatung.

POW: Kann aus der aktuellen Krise auch etwas Gutes erwachsen?

Knött: Möglicherweise werden wir nach dem Ende der Kontaktbeschränkungen für einige Zeit zum Beispiel eine Geburtstagsfeier oder einen Kinobesuch sehr zu schätzen wissen. Vielleicht werden wir für manche Dinge mehr Dankbarkeit empfinden. Pflegende und andere systemrelevante Berufe werden mehr Anerkennung erfahren. Das erfolgreiche Überstehen einer Durststrecke kann das Bewusstsein für die eigenen und gemeinsamen krisenerprobten Fähigkeiten stärken.

Weitere Informationen zu den Angeboten der Ehe-, Familien- und Lebensberatung gibt es im Internet unter www.eheberatung-wuerzburg.de.

Interview: Kerstin Schmeiser-Weiß (POW)

(1920/0496; E-Mail voraus)

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