Assisi/Greccio/Würzburg (POW) Dass mitten im September bei 27 Grad Außentemperatur „Oh du Fröhliche“ erklingt, ist kein Zufall. Es steht für einen besonderen Ort, den die Pilgergruppe aus dem Bistum Würzburg in Assisi am Samstag, 19. September, besucht hat: die Einsiedelei Greccio, die vom Rieti-Tal oben in einer Felslandschaft entdeckt werden kann. Dort hat der heilige Franziskus im Jahr 1223, wie der Biograph Thomas Celano berichtet, das erste lebendige Krippenspiel inszeniert, um den Menschen die Weihnachtsgeschichte zu vergegenwärtigen. Ihm sei es darum gegangen, „Weihnachten mit allen Sinnen zu erleben“. Der Ausflugstag stand daher im Zeichen der Menschwerdung, an die Greccio in besonderer Weise erinnern wolle.
Auf der Hinfahrt in Reisebussen gab Bischof Dr. Franz Jung einen Impuls zu Franziskus' Verbindung zur Schöpfung. Im Sonnengesang zeige sich, mit welcher Ehrfurcht Franziskus der Schöpfung begegnet sei. „Alles ist auf Gott ausgerichtet“, und alles sei mit der Kirche verbunden. Franziskus habe einen mystischen Zugang zur Schöpfung gehabt. Er habe in allem Jesus Christus gesehen, daher sei die Schöpfung für ihn „ein Geschenk und ein Ort der Begegnung mit dem lebendigen Gott“ gewesen.
Nach einem kurzen Aufstieg kam die Gruppe an der Mariengrotte, dem authentischen Ort der Krippeninszenierung, an. Hier habe Franziskus lebendige Tiere und ein Kind in eine Krippe gestellt, um an die Weihnachtsgeschichte zu erinnern. Diese Art der Krippendarstellung berühre Menschen bis heute. Weihnachten sei „das große Fest des Friedens und der Versöhnung zwischen Himmel und Erde“. So heißt es im Lied „Ich steh an deiner Krippe hier, oh Jesu, du mein Leben“, das die Pilgerinnen und Pilger in der Grotte sangen.
Bischof Jung sagte, der Biograph Celano habe von der ersten Weihnachtsfeier in Greccio berichtet: Franziskus habe das Geheimnis von Weihnachten sehen, spüren, nachempfinden und mit diesem in Kontakt kommen wollen. Ähnlich wie in La Verna, dem Berg, auf dem Franziskus die Stigmata, die Wundmale Jesu Christi, empfangen haben soll, habe er erfahren wollen, wie es für Jesus in der Krippe gewesen sein muss. „Wie der große König sich verwundbar gemacht hat und demütig geworden ist. Gott hat sich angreifbar gemacht und ist vom ersten Tag auf Erden den Nachstellungen der Menschen ausgesetzt.“ Franziskus finde das in den Armen und Aussätzigen wieder, und das habe er in dieser Nacht erleben wollen.
Celano spreche von einer vierfachen Stimme des Franziskus, mit der dieser das Weihnachtsfest erläutert habe: „Da ist die starke Stimme, die von Gott spricht, der sich vom Himmel auf die Erde herablässt. Die sanfte Stimme kündet von der Zärtlichkeit Gottes, der in dem Kind um die Liebe der Menschen bittet. Die klare Stimme kündet davon, dass an Weihnachten die Würde des Menschen erhöht ist, weil Gott in diese Welt eingetreten ist. Die wohlklingende Stimme lädt alle ein, mit Franziskus Gott zu loben. Das große Gotteslob: ,Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden den Menschen seiner Gnade.'“
Wenn Franziskus den Namen Jesu gehört habe, sei er „mit Süßigkeit erfüllt“ worden. Denn der Name Jesu sei das kürzeste Gebet der Kirche. Der Bischof sagte: „Im Namen Jesu treten wir in seine Gegenwart, handeln wir und beten wir zum Vater. Im Namen Jesu werden wir auch mit unseren Schwestern und Brüdern im Gottesdienst an Weihnachten zur Familie.“ Celano habe geschrieben: „Immer war Franziskus mit Jesus beschäftigt. Jesus trug er stets im Herzen, Jesus im Mund, in den Ohren, in den Augen, in den Händen. Jesus war ihm allgegenwärtig, er war der Grund seines Lebens.“ Die Gruppe hielt einen kurzen Moment der Stille im Namen Jesu, den Franziskus in jener Nacht als Süße und als Mitte seines Lebens erfahren habe.
Gottesdienst in der Portiunkula-Kapelle
Nach einer freien Zeit zur Besichtigung von Greccio fuhr die Gruppe zur Basilika Santa Maria degli Angeli in der Ebene unterhalb von Assisi. In ihr befinden sich die Sterbekapelle des heiligen Franziskus und die Portiunkula-Kapelle, in der die Gruppe die heilige Messe feierte und über deren besondere Bedeutung Bischof Jung in seiner Predigt sprach. „Franziskus weiß, dass Gott überall ist. Und trotzdem brauchte er, wie jeder Mensch, Orte auf dieser Welt, mit denen wir besonders viel verbinden.“ Kirchen seien dabei besondere Orte, um Gott zu begegnen. Die Portiunkula sei eine „kleine Kirche in der Kirche“. Der Name lasse sich mit „kleine Portion“ oder „Portiönchen“ übersetzen.
Dem heiligen Franziskus habe diese Kirche viel bedeutet. Er habe zwar besitzlos und in Armut gelebt, „dieses kleine Stückchen Erde“ jedoch für sich haben wollen. Die Stätte sei mit vielen wichtigen Ereignissen aufgeladen gewesen. Franziskus habe seinen Brüdern gesagt: „Ihr dürft diesen Ort niemals aufgeben und euch nicht vertreiben lassen.“ Hier hörte er, den Quellen nach, 1208 das Evangelium von der Aussendung, bei der die Jünger nichts mitnehmen sollen. Hier kleidete er 1212 Klara von Assisi ein, mit der sich die Pilgergruppe am Tag zuvor beschäftigt hatte. Franziskus nahm sie in der Portiunkula-Kapelle in die Gemeinschaft auf, und ihr geistlicher Weg begann. Hier starb er am 3. Oktober 1226 auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin, denn er wollte den Transitus, den Übergang, an diesem Ort feiern. Die Portiunkula sei damit ein Ort, an dem „franziskanisches Leben in Reinform gelebt“ werde.
Der Ort habe jedoch auch eine Bedeutung über den Franziskanerorden hinaus. 1216 sei Franziskus an den damaligen Papst Honorius III. herangetreten und habe gesagt: „Dieser Ort ist ein besonderer Gnadenort für mich, aber er soll auch ein Gnadenort für alle werden.“ Er wolle andere auf den Weg des Heils mitnehmen. Daher bat er den Papst: „Ich will, dass an diesem Ort jeder, der hierherkommt und aufrichtig um Umkehr bittet, einen Ablass bekommt.“ Es solle ein Ablass sein, für den man nicht bezahlen müsse und der zeitlich nicht limitiert sei. Franziskus habe zum Papst gesagt: „Ich will keine Jahre, ich will Seelen.“
Dieser Ablass sei eine Einladung zur Wiedergutmachung und ein Zeichen der Umkehr. Wer herkomme, solle die Zusage erhalten, dass die Kirche ihn in ihrem Gebet trage, damit die Sündenstrafe erlassen werde. In diesem besonderen Jubiläumsjahr gelte der Portiunkula-Ablass an jedem franziskanischen Ort der Welt. Er sei verbunden mit der sakramentalen Beichte, dem Gebet für die Anliegen des Heiligen Vaters, dem Empfang der Kommunion und der Wallfahrt als Zeichen der Umkehr und der Neuausrichtung des Lebens. Was Franziskus sich damals erbeten habe, solle nun allen Gläubigen gewährt werden. „Ich will keine Jahre, ich will Seelen: Das gilt für diesen Ort, der die Seele der franziskanischen Gemeinschaft ist.“
Der Ablass sei nicht mit der Beichte gleichzusetzen, betonte Bischof Jung: „Die Vergebung der Schuld erhält der Mensch durch die sakramentale Beichte. Bei der Frage des Ablasses geht es um die Sündenstrafen. Jedes Böse, was jemand verursacht, hat natürlich auch Folgen. Und es geht darum, diese Folgen abzutragen.“ Doch niemand überblicke vollständig, was er tue. „Der Ablass war eine Einladung, ein sichtbares Zeichen der Umkehr zu setzen und auf das fürbittende Gebet der Kirche zu vertrauen.“ Im Mittelalter habe man versucht, den Menschen eine gewisse Sicherheit zu geben, indem man für die Dauer des Ablasses klare Tage festlegte und ihn mit einer bestimmten Geldsumme verband.
Am Ende des Tages schlug der Bischof den Bogen zurück zur Krippe: „In der Krippe wird das grundgelegt, was am Ablass, am Ende, durch den Tod am Kreuz, seine Vollendung findet. Gott tritt ein in diese Welt, um diese Welt von innen her zu verwandeln, die Schuld zu vergeben und den Tod in neues Leben zu verwandeln. Das wird den Menschen durch die Zuwendung des Ablasses nach der Sündenvergebung noch einmal zugesprochen, um wirklich diesen Weg der Umkehr zu gehen.“
Aus Assisi berichtet Judith Reinders (POW)
(3926/0889; E-Mail voraus)
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Am Freitag, 18. September, hat die Würzburger Pilgergruppe mit Bischof Jung die heilige Messe im Kloster Santa Cruce der Klarissen-Kapuzinerinnen in Assisi gefeiert. Im Anschluss besichtigte die Gruppe die Basilika Santa Chiara, die der heiligen Klara gewidmet ist. Am Nachmittag wanderten die Wallfahrerinnen und Wallfahrer den Weg durch Olivenhaine zum Kloster San Damiano hinab, das zirka 30 Minuten vor Assisi liegt. In dem Kloster starb Klara von Assisi, Franziskus verfasste dort seinen Sonnengesang.
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