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Wenn der Alltag auf einmal abstürzt

104. Deutscher Katholikentag
Die Welt aus der Sicht eines Autisten erleben – Was Depression und Angst mit dem Körper machen – Zwei Mitmachangebote im Caritas-Don Bosco-Berufsbildungswerk zum Katholikentag

Würzburg (POW) Sirenen heulen, ein Baby schreit, die Farben knallen förmlich in die Augen. Wortfetzen von Unterhaltungen klingen in den Ohren, doch beim Umdrehen lehnt da nur eine Person neben der Tür der Straßenbahn. Dafür sitzt auf einmal jemand auf dem Platz gegenüber, am rechten Ellenbogen macht sich ein weiterer Mann breit, die Straßenbahn ist auf einmal mit Menschen angefüllt, die immer näher rücken – wo kommen die nur auf einmal alle her? Beim Mitmachangebot „Das reizt mich besonders. Sensorische Überlastung erleben in virtueller Realität“ im Caritas-Don Bosco-Berufsbildungswerk am Würzburger Schottenanger können die Besucherinnen und Besucher des 104. Deutschen Katholikentags mit Hilfe einer Virtual-Reality-Brille für ein paar Minuten die Welt aus der Sicht eines Menschen mit Autismus sehen und hören.

„Es ist für Autisten enorm anstrengend, Lärm oder Gerüche auszublenden“, sagt Patrick Kollmann, Referent Autismus beim Bildungszentrum der Caritas-Don Bosco gGmbH in Würzburg. Im Berufsbildungswerk versuche man darum, möglichst viele ruhige Orte zu schaffen, an denen diese Menschen eine Auszeit von der Umwelt nehmen können, beispielsweise mit Hilfe von Stellwänden oder einer Ruhezone mit schallabsorbierenden Möbeln. Ein großer, offener Raum mit vielen Menschen sei „maximale Reizüberflutung“, sagt Kollmann. Mit Hilfe der VR-Brille könne man verschiedene Alltagssituationen aus der Sicht einer Person mit Autismus erleben. Neben der Straßenbahnfahrt kann man zwischen einer Kaffeebar, einer Schule und einem Großraumbüro wählen.

Kaum in der virtuellen Schule angekommen, fällt der Blick auf den vibrierenden Bücherstapel links auf dem Tisch. Ein Buch liegt nicht ganz gerade und bewegt sich hektisch hin und her. Mit einem Klick fügt es sich in den Stapel ein, doch nun ruckelt ein Stift und stört die Aufmerksamkeit. Mit einem weiteren Klick sind auch die Stifte des Banknachbarn auf Linie gebracht, der genervt in sich zusammensinkt. Plötzlich steht die Lehrerin vor dem Tisch. „Answer the question“ – „Beantworte die Frage.“ Nur, welche Frage? Und worum geht es eigentlich gerade? Der Simulator blendet zwei Bücher ein, ein wahlloser Klick, und die Klasse bricht in schallendes Gelächter aus. War wohl die falsche Antwort.

Noch schnell weiter zum Großraumbüro. Ein Kollege bittet um technische Hilfe, doch mitten in seinem Wortschwall verschwimmt erst der Computer und dann das halbe Büro in einem weißen Nebel. „Die Brille simuliert eine sensorische Überlastung“, erklärt Kollmann. Er vergleicht das Gehirn mit einem Computer mit vielen offenen Tabs, der auf einmal abstürzt. „Das Gehirn macht nichts anderes. Es schaltet sich ab und startet neu.“ Es ist ein kurzer, aber eindrücklicher Einblick, wie anders sich der ganz normale Alltag für Menschen mit Autismus anfühlt.

Wie sich eine Depression anfühlt, simulieren die Moodsuits in einem anderen Raum. Das rund vier Kilo schwere Cape, das über die Schultern gelegt wird, fühlt sich noch nicht so schlimm an. Der „Beuger“, der auf den ersten Blick wie eine Auflage für einen Sonnenstuhl aussieht, zwingt Kopf und Schultern in eine gebeugte Haltung. „Der Blick bleibt am Boden kleben, man sieht die schönen Dinge nicht mehr“, sagt Sandra Schulze vom Case Management. „Das fühlt sich ziemlich scheiße an“, sagt ein junger Mann und lässt sich sofort wieder aus dem „Beuger“ befreien.

Die Moodsuits seien zusammen mit Betroffenen entwickelt worden, um erlebbar zu machen, wie sich eine psychische Erkrankung anfühlt – auch körperlich. Neben dem „Cape“ und dem „Beuger“ gibt es noch die „Glocke“ und den „Würger“. Die „Glocke“ ist eine Art durchsichtiger Helm, der auf die Schultern gelegt wird. Die Welt ist auf einmal verschwommen, ebenso Schulzes Stimme. Während die eigene Stimme überlaut zu dröhnen scheint. Betroffene hätten das Gefühl als „Watte im Kopf“ beschrieben – sie könnten nicht klar denken, fühlten sich isoliert. „Für Menschen mit Depressionen kann das zum Alltag gehören“, steht auf einer Infotafel. Der „Würger“, ein dicker, schwerer Schlauch, drückt auf den Hals. Kloß im Hals, Herzrasen, Händezittern: So würden Menschen eine Angstattacke beschreiben, sagt Schulze.

„Psychische Erkrankungen sind ein schambehaftetes Thema. Aber sie kommen in jeder Gesellschaftsschicht vor, und es werden immer mehr“, sagt Schulze. Sie findet, dass die Moodsuits „eine tolle Sache“ sind, um darauf hinzuweisen und Verständnis zu wecken. Psychische Erkrankungen könne man nicht sehen. Aber man könne sehen, wenn es einem Menschen nicht gutgeht. „Haben Sie den Mut, Hilfe anzubieten“, sagt Schulze. Das Katholikentags-Motto sei dafür perfekt: „Hab Mut, steh auf, ich bin für Dich da.“

sti (POW)

(2126/0513; E-Mail voraus)

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