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„Wer liebt, macht sich verletzlich“

Würzburger Pilgergruppe in Assisi
Gedenktag der Stigmatisierung des heiligen Franziskus – Pilgergruppe mit Bischof Dr. Franz Jung besucht Kloster auf dem Berg La Verna – Andacht und Prozession mit internationalen Gläubigen

Arezzo/Assisi/Würzburg (POW) In 1100 Metern Höhe ragt ein großes Holzkreuz in den bewölkten Himmel. Hier, auf dem Berg La Verna am südlichen Hang des Monte Penna, soll sich ein Wunder zugetragen haben, das bis heute Menschenmengen auf den Berg strömen und andere zweifelnd zurücklässt: die Stigmatisierung des heiligen Franziskus. Die Pilgergruppe aus dem Bistum Würzburg besuchte den Berg am Donnerstag, 17. September, zum jährlichen Gedenktag.

Auf der Autobahn betete die Gruppe in den beiden Reisebussen gemeinsam das Morgenlob und Bischof Dr. Franz Jung sowie Bruder Markus Scholz aus dem Kloster Maria Eck in Oberbayern gaben Hintergrundinformationen zur Bedeutung der Stigmatisierung und des Bergs La Verna.

Den überlieferten Quellen nach habe Franziskus La Verna erstmals im Jahr 1214 bestiegen. Auf dem Berg wurde eine Einsiedelei gegründet, die er und seine Brüder öfters besuchten, um dort in Stille zurückgezogen zu beten. Das letzte Mal sei er im Jahr 1224 auf dem Berg gewesen, als er bereits schwer krank gewesen sei. Bei diesem Aufenthalt soll er die sogenannten „Stigmata“, die Wundmale Christi, empfangen haben. Laut der Quellen sei Christus dem Franziskus in einer mystischen Vision erschienen. Die Wundmale soll er bis zu seinem Tod zwei Jahre später getragen haben.

Die Teilnehmenden der Pilgerwallfahrt begegneten dem Berg La Verna mit unterschiedlichen Erwartungen. Erika Blankart aus Veitshöchheim sagte: „Ich habe in einer franziskanischen Schule gearbeitet, und da wusste ich schon ein bisschen was. Ich wollte schon immer hierher und das alles einmal live erleben.“ Zum Gedenken an die Stigmata habe sie gemischte Gefühle: „Da muss ich erst noch einen Zugang finden. Das ist für mich schon noch ein bisschen befremdlich. Aber ich finde es faszinierend, wie viele Menschen hierherkommen, um das zu erleben. Da ist ein Bedürfnis nach etwas anderem als der weltlichen Seite.“

Elisabeth Steinwachs aus Würzburg war zunächst skeptisch: „Für mich persönlich ist es ein neuer spiritueller Weg, bei dem ich mich schwertue, wie das eigentlich war. Letztendlich weiß ich aber auch aus meiner Lebenserfahrung, dass es sehr viele Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die man nicht erklären kann und vielleicht auch gar nicht erklären muss.“

Scholz erklärte der Gruppe die theologische Bedeutung der Stigmatisierung: „Es ist ein äußeres Zeichen, dass Franziskus ganz tief mit Christus verbunden war.“ Seit dem Beginn seiner Bekehrung im Jahr 1208/1209 sei Franziskus immer mehr wie Christus geworden und oft als „zweiter Christus“ bezeichnet worden. Auch heute suchten Menschen immer noch daran Orientierung, ohne Christus dabei aus dem Blick zu verlieren. „Franziskus ist nicht ein anderer Christus, sondern ein Zeichen, um den Blick auf Christus, die Mitte, immer wieder frei zu halten.“

Bischof Jung freute sich über die Möglichkeit, den Gedenktag auf dem Berg La Verna zu verbringen: „Es war immer mein Traum, an dem heutigen Gedenktag der franziskanischen Familie auf dem Berg zu sein.“ Die Stigmata seien das Zeichen einer inneren Ausrichtung: „Was am Ende zum Ausdruck kommt, war schon lange im Herzen des Franziskus grundgelegt. Die Botschaft des Friedens, sich noch einmal versöhnen zu lassen mit Gott, weil Christus uns versöhnt und die Leiden der Welt getragen hat.“ Daher sei der Berg La Verna „ein hochaktueller Ort“.

Bei einer gemeinsamen Messe in der Kapelle San Lorenzo erklärte Bischof Jung in seiner Predigt, das Fest der Stigmatisierung sei ein „Fest der offenen Wunden“. Wie aus der Medizin bekannt, seien offene Wunden, die nicht heilen wollen, eine permanente Gefährdung des Lebens. Dabei sei zwischen physischen und psychischen Wunden zu unterscheiden. Der Bischof sagte: „Es gibt Menschen, die ein Leben lang darunter leiden, was ihnen einmal angetan wurde.“ Seelische Verletzungen entstünden beispielsweise durch Familiengeschichten, Erfahrungen von Gewalt, Beleidigungen, Verlusterfahrungen, das eigene Scheitern oder die Trauer über verpasste Gelegenheiten im Leben. „Die seelischen Wundheilungsstörungen sind oft die, die das Leben viel mehr beeinträchtigen.“

Der Biograph Thomas Celano lasse keinen Zweifel daran, dass Franziskus' Begegnung mit einem Aussätzigen wegweisend für seinen späteren Erhalt der Wundmale Christi gewesen sei. Franziskus habe sich damals selbst in einer schweren Lebenskrise befunden, hatte die Leitung seines Ordens abgegeben und habe sich im eigenen Orden an den Rand gedrängt gefühlt.

Als der gekreuzigte Christus ihm erschienen sei, habe Franziskus gespürt: „Man kann diesen Christus nicht aus sicherer Distanz verehren, sondern wer Christus nachfolgt, wird selbst versehrt.“ Deshalb würde der Berg La Verna auch „das franziskanische Golgatha“ genannt.

Weiter sagte Bischof Jung, der Begriff Stigmatisierung bedeute im heutigen Kontext meist Ausgrenzung. „Franziskus, der Stigmatisierte, hatte ein Gefühl für die Menschen, die am Rand leben.“ Das Gedenken der Stigmatisierung sei somit auch eine Anfrage an die Kirche und ihre Gläubigen: „Wo haben wir einen Blick für die Menschen? Wo verletzen wir als Kirche Menschen?“ In ihrer „bitteren Geschichte“ habe die Kirche Menschen nicht nur zum Heil geführt, sondern auch verletzt. Darin habe „die Kirche oft ihren Auftrag verfehlt“.

Als christliche Gemeinschaft der Solidarität „müssen wir den Blick haben für das, was um uns herum passiert“. Es sei die Selbstverpflichtung der Kirche, die ganze Gemeinschaft im Blick zu haben. Das Bild der offenen Wunden, die ein Leben beeinflussen, finde einen Ausdruck im Hohen Lied der Liebe im Alten Testament. Dort heiße es: „Ich bin verwundet vor Liebe.“ Wer liebe, mache sich verletzlich. „Im Letzten ist es das, worum es Franziskus geht: das Leid der Welt in den Wunden des Herrn zu bergen, der sich für uns verletzlich macht, weil er uns geliebt hat bis zum Schluss.“

Um 15 Uhr feierten die Pilger mit den Franziskanerbrüdern die „Non“, das Stundengebet, in der überfüllten Kapelle mit Pilgern aus aller Welt. Dem Gebet stand Massimo Fusarelli vor, Generalminister des Franziskanerordens. Im Anschluss zog die Gebetsgemeinschaft durch den Klostergang zur Kapelle der Stigmata, bevor die unterfränkische Reisegruppe zurück nach Assisi fuhr.

Aus Assisi berichtet Judith Reinders (POW)

(3926/0885; E-Mail voraus)

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Am zweiten Tag der Pilgerreise am Mittwoch, 16. September, feierten die Gläubigen aus dem Bistum Würzburg einen Gottesdienst in der Basilika und erkundeten am Nachmittag bei Stadtführungen Assisi.

Weitere Bilder finden Sie hier:https://bistum-wuerzburg.px.media/share/17897247812bKeR0cgJWvFk2

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