Liebe Schwestern und Brüder Christi,
liebe Verantwortliche in Erziehung und Schule,
liebe Verantwortliche für die Ausbildung,
zur Anrede hätte ich auch sagen können: „Liebe Expertinnen und Experten der christlichen Elementarisierung“. Denn diese Kernkompetenz der didaktischen Reduktion ist ein wesentliches Instrument zur Vermittlung fachwissenschaftlicher Inhalte – auch im Blick auf Religion und Glaube. Alle, die sich in Erziehung und Schule auf den Weg machen, Kinder, Jugendliche oder Erwachsene zu begleiten, zu lehren und zu bilden, werden in dieser „Elementarisierung“ professionalisiert. Mitunter lohnt es sich auch, das kirchliche Leben zu elementarisieren, und dazu gehört auch das, was wir heute hier tun.
Denn ein wesentliches Element der christlichen Verantwortung in Erziehung und Schule ist, gemeinsam zu beten und Gottesdienst zu feiern. Dieses Element ist sogar in den staatlichen Ordnungen Bayerns verankert (BaySchO, §27,1). Das gibt es so in keinem anderen Fach. Ganz gewiss könnte die Missio canonica auch in einem anderen Rahmen übergeben oder einfach per Einschreiben zugestellt werden. Aber es hat seinen guten Grund, warum wir hier zum Gottesdienst zusammenkommen, um Ihre kirchliche Sendung im wahrsten Sinn des Wortes zu feiern.
Zunächst kommen wir gemeinsam vor Gott, um auf sein Wort zu hören. Christliche Inhalte zu vermitteln, ist nämlich zuallererst eine Frage der inneren Haltung. „Der Glaube kommt vom Hören“ (Röm 10,17), betont der Apostel Paulus. Christlicher Glaube und seine Vermittlung ist damit weit mehr als eine Weltanschauung oder ein spirituelles Gefühl. Christlicher Glaube lebt von der Überzeugung, dass sich Gott in Jesus Christus auf unvergleichliche Weise mitteilt und dass wir auf sein Wort hören und es verstehen können, damit es unser Leben formt. Zuallererst eine Hörende und ein Hörender auf Gott und sein Wort hin zu sein, ist besonders für diejenigen elementar, die sich in den Dienst der Vermittlung religiöser Inhalte stellen. Wenn Kinder, Jugendliche oder Erwachsene diese Haltung bei ihnen wahrnehmen können, dann vermitteln sie etwas über alle fachliche Expertise und Lehrpläne hinaus: dass sie selbst im Blick auf ihre Gottesbeziehung lernend bleiben. Das heißt, dass sie ihr eigenes Leben, unser Miteinander und die Schöpfung, in der wir leben, mit all dem, was diese Dimensionen an Schönheit und Fragwürdigkeit in sich tragen, auf Gott hin wahrnehmen. Damit wird Glauben zum Weg, die Wirklichkeit über das menschlich Zugängliche auf die Offenbarung Gottes hin zu öffnen. Der Brief an die Epheser spricht im Abschnitt der heutigen Lesung von diesem Weg: „Ihr wart einst Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Lebt als Kinder des Lichts!“ (Eph 5,8-14). Paulus erinnert daran, dass Glaube weit mehr als Wissen ist. Glaube in diesem Sinn ist ein neuer Lebensstil. Dieser Lebensstil hat mit der Entscheidung zu tun, sich dem zuzuwenden, was dem Licht Wirksamkeit verschafft, oder aber der Dunkelheit Raum zu geben. Dunkelheit bekommt dort Raum, wo Menschen sich verlieren, wo Wahrheit verschwiegen wird oder die Orientierungslosigkeit anderer ausgenutzt wird, um Einzelinteressen durchzusetzen.
Sich dem Licht zuzuwenden, heißt: die eigenen Augen zu öffnen und offen zu halten, wo Wahrhaftigkeit, Menschenfreundlichkeit, Gerechtigkeit und Mut zum Guten gefördert werden können. Damit wird neben dem menschlichen Verstand ein weiteres Kompetenzzentrum beschrieben, das für die Identität und Lebenspraxis eines gläubigen Menschen elementar ist: das Herz.
In diesem Licht können wir auch das Evangelium des blinden Bettlers Bartimäus lesen. Seine Ausgangssituation ist prekär. Am Straßenrand im Dunkel sitzend, vom Wohlwollen anderer abhängig, aber Bartimäus bleibt nicht stumm und er lässt sich offenkundig nicht entmutigen, als ihn die Menschenmenge an seinen Platz verweist. Er ruft weiter nach Jesus, der stehenbleibt, ihn nicht übersieht, zu sich in seine Nähe holt, nach dem fragt, was er auf dem Herzen hat, und ihm in der persönlichen Zuwendung die Augen öffnet.
Bei all dem, was den Kontext der biblischen Geschichte von Orten der Erziehung, von Schule und Unterricht unterscheidet, gibt es doch zumindest die Gemeinsamkeit einer Menge von Personen und dem Blick auf den Einzelnen. Würden wir die Haltung Jesu auf unser Classroom-Management anwenden, würde es bedeuten, dass niemand aus dem Blick geraten darf, der ohnehin schon am Rand steht. Gerade die digitale Generation und der Umgang mit ihr scheint mir vor dieser gewaltigen Herausforderung zu stehen: Auf der Suche nach Orientierung und dem, was dem Leben Halt gibt, immer mehr auf das Display oder den Bildschirm zu schauen und immer weniger Menschen um sich zu haben, die ihnen mehr als einen flüchtigen Blick schenken. Jesus macht Bartimäus und uns im Evangelium deutlich, dass der Einzelne zählt und auch in seinen Defiziten Bedeutung hat. Er wird gerufen, geheilt und in die Nachfolge geführt.
Religionsunterricht will im Sinn dieser Botschaft den christlichen Glauben als Ermutigung zu einem selbstbestimmten Leben identifizierbar und – so gut es im Rahmen der Institution Schule geht – erfahrbar machen. In der Schulpastoral, im Religionsunterricht oder der Erwachsenenbildung braucht es Menschen wie Sie, die mit ihrer Persönlichkeit und ihren fachlichen Kompetenzen anderen dabei helfen, die Augen für die Zusammenhänge von Lebensgestaltung und Sinnangeboten, von Schöpfung und Umweltbewusstsein, vom Umgang mit Schuld und Versöhnung, von der Kraft der biblischen Botschaft und Hoffnungsmenschen, die Mut machen, mit dem kritischen Verstand zu hinterfragen und für das Kompetenzzentrum des Herzens zu erschließen. Wenn dann in der Lerngemeinschaft vom Einzelnen entdeckt wird: Ich bin nicht unsichtbar, ich werde gesehen und mit meinen Fragen und Zweifeln, mit meinen Bedürfnissen und Ideen in den Blick genommen, sind wir im Geist des Evangeliums auf Sendung. Diese Sendung, deren Relevanz für unsere individuelle Lebenspraxis und für unser mitmenschliches Zusammenleben elementar ist, wird Ihnen heute mit Überreichung der „Missio canonica“ offiziell anvertraut.
Wenn wir dies im Rahmen der Eucharistiefeier tun, dann kommt auch das Element des Dankens ins Spiel: Dank an Gott, der Menschen ruft, sich in den Dienst der Frohen Botschaft zu stellen. Dank an alle, die in seinem Geist dazu beitragen, dass Menschen befähigt werden, durch Ausbildung und Erweiterungen ihrer pädagogischen und fachlichen Kompetenzen als Lehrkräfte in Schulen und erzieherischen Einrichtungen zu wirken. Dank an Sie, dass Sie Mut hatten, aufzustehen und sich über viele Jahre ausbilden zu lassen, um jetzt an Ihren Einsatzorten auf Sendung zu gehen. Wenn wir die Gaben von Brot und Wein auf den Altar legen, werden Sie mit hineingenommen in das erlösende Wirken Gottes, damit Sie gestärkt durch die Gemeinschaft mit Christus sein Licht bezeugen und in der Welt verbreiten.
Der Mut und das Herz, das es dazu braucht, haben eine Gemeinsamkeit: Sie werden durch die Praxis trainiert. Ihre Coaching-Zone ist das Klassenzimmer, der Pausenhof, das Lehrerzimmer, die Klassenfahrt und nicht zuletzt Gebet und Gottesdienst auch hier und heute. Amen.
