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Juli 2026, im Würzburger Kiliansdom</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Schülerinnen,</p><p>liebes Lehrerkollegium,</p><p>liebe Schwestern und Brüder im Herrn,</p><p>liebe Schwester Katharina,</p><p>heute ist also endlich der Tag gekommen, vor dem Sie sich vielleicht gefürchtet, oder auf den Sie hingefiebert haben – der Tag des Abschieds von der Schulleitung. Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder einmal darüber gesprochen, jetzt ist er also da.</p><p>Mit Abschieden ist es so eine Sache. Auf der einen Seite sagt man, es ist jetzt gut. Denn eine Last wird einem von den Schultern genommen. Auf der anderen Seite aber hinterlässt jeder Abschied auch eine Lücke, in diesem Fall eine sehr große Lücke.</p><p>Denn Sie haben unendlich viel Energie, Zeit und Liebe in die Schulleitung und in ihre Schulen investiert. Und diese Lücke will erst einmal ausgehalten und dann langsam wieder geschlossen werden.</p><p>Über dem heutigen Tag aber steht vor allem der Dank. Der Dank der Schülerinnen, des Kollegiums und nicht zuletzt mein persönlicher Dank als Bischof für diese Lebensleistung.</p><p>Als ich mich gefragt habe, wie ich diesem Dank sichtbaren Ausdruck verleihen könnte, sind mir vier Heilige eingefallen, anhand derer ich meine Ansprache gliedern möchte.</p><p><em><strong>Die heilige Ursula</strong></em></p><p>Beginnen wir mit der heiligen Ursula, der Namensgeberin der Ursulinen. Ursula, die Stadtheilige von Köln, war eine mutige Frau. Als Verkleinerungsform von lateinisch „Ursus“ heißt „Ursula“ übersetzt „die kleine Bärin“. Ein passender Name.</p><p>Man weiß ja, dass eine Bärin zum unberechenbar wilden Tier wird, wenn sie ihre Jungen in Gefahr sieht. In der Verteidigung ihrer Kleinen nimmt sie allen Mut zusammen und wächst über die eigenen Kräfte hinaus.</p><p>Das gilt mit Fug und Recht auch für Sie, liebe Schwester Katharina. Sie kämpfen mit großer Entschiedenheit für Ihre Schülerinnen und für Ihre Schule. Das tun Sie in der Arbeitsgemeinschaft der (ehemaligen) Ordensschulen im Bistum (AGOS).</p><p>Aber das tun Sie auch öffentlich, wenn es sein muss.</p><p>Ich erinnere mich dabei an die denkwürdige Großdemonstration für die Förderung der Privatschulen „um 5 vor 12“ am 7. Dezember 2022 in München. Es war eine „Unterrichtsstunde der Superlative“, wie die Presse damals titelte. Sie hatte zum Ziel, auf die Benachteiligung der bayerischen Privatschulen hinzuweisen im Vergleich mit den staatlichen Schulen. Eine Demonstration, die im Übrigen umgehend zu einer Verbesserung der Refinanzierung der Privatschulen geführt hat!</p><p>Der Mut der kleinen Bärin hat also geholfen. Und das ganz im Sinne von Schwester Lioba, die Sie als Ihre Vorgängerin hochverehren und die gesagt hat: „Wir brauchen ein unverschämtes Gottvertrauen.“ Ein Wort wie ein Vermächtnis. Danke für dieses mutige, bärenstarke Vorbild, das auch die künftige Schulleitung wie die Freisinger Bischofskonferenz in Zukunft brauchen werden angesichts klammer Kassen.</p><p><em><strong>Die heilige Angela</strong></em></p><p>Dann die heilige Angela als die Gründerin der Ursulinen. „Angela“ heißt übersetzt die „Engelgleiche“. Daran muss ich immer denken, wenn ich Schwester Katharina sehe.</p><p>Ich frage mich dann oft: Wovon lebt die Frau eigentlich? Und isst sie ab und zu auch mal was? So feingliedrig und zierlich, ja so leicht kommt sie daher.</p><p>Und doch hat sie wie jeder Engel eine glasklare Mission. Sie lautet, jede einzelne Schülerin wertzuschätzen. Jede einzelne wahrzunehmen mit ihren Begabungen und Talenten. Und jeder die Förderung angedeihen zu lassen, die sie braucht für ihre weitere Entwicklung.</p><p>Glaube, Bildung, Qualität – kurz GBQ –, mit diesen Begriffen verbinden Sie den Anspruch Ihrer Schulen. Aus dem Glauben an die Würde des Menschen entspringt der Impuls zur Bildung. Und diese Bildung wiederum orientiert sich an dem christlichen Menschenbild. „Yes I can“, heißt der Claim der Schule. Weil jemand an mich glaubt, vermag ich mich als Person weiterzuentwickeln. Schule ist eben viel mehr als nur eine Lehranstalt. Im christlichen Sinn verstanden geht es in der Schule um Persönlichkeitsbildung, was etwas anderes ist als nur einen Lernstoff zu vermitteln.</p><p>Zur engelgleichen Angela gehören auch die Unverzagtheit und die innere Heiterkeit. Diese Heiterkeit ist nicht zu verwechseln mit einem oberflächlichen Fröhlich-Sein. Nein, die Heiterkeit der Engel rührt daher, dass sie das Angesicht Gottes schauen und vor dem Herrn ihr Loblied singen in der Anbetung. Aus diesem Geist bezieht Schwester Katharina die Kraft für die Erfüllung Ihrer zahllosen Aufgaben. Dieser Geist bewahrte Sie – und wird Sie hoffentlich auch weiterhin bewahren – vor jeder Form des Überdrusses und Kleinmutes.</p><p>Schließlich gilt: Der Engel brennt für seine Mission. Wie oft habe ich Schwester Katharina sagen hören, dass auch sie „für ihre Schulen brennt“. Es ist ihr gelungen, dieses Feuer auch in anderen zu entzünden, die in der Schule ihren Dienst tun. Dieses Feuer zu hüten, wird die Aufgabe der künftigen Schulleitung sein. Unterstützt wird sie darin sicher von dem geplanten neuen Schulträger in Form der Schwester-Lioba-Mehler-Stiftung, bei der sich Schwester Katharina auch weiterhin einbringen wird.</p><p><em><strong>Die heilige Katharina</strong></em></p><p>Dann natürlich die heilige Katharina von Alexandrien als Ihre Namenspatronin. Sie gilt passenderweise auch als die Patronin des katholischen Bildungswesens. Eine Heilige, die sich von den Männern nicht die Butter vom Brot nehmen ließ. Und eine hochgebildete, selbstbewusste Frau, deren überlegener Bildung und Weisheit keiner ihrer männlichen Widersacher beikommen konnte.</p><p>„Wir wollen junge Frauen dazu ermutigen, selbstbewusst in die Zukunft zu gehen und auch Führungsrollen zu übernehmen.“ So haben Sie, liebe Schwester Katharina, einmal gesagt. Selbstbewusst in die Zukunft schauen – wie die heilige Katharina.</p><p>Die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt hat sich nicht umsonst ein Wort aus dem Lobgedicht des Alfanus von Salerno für die heilige Katharina auf die Fahnen geschrieben. Es lautet:</p><p>„Durch die Hilfe Gottes gestärkt,</p><p>widerstand sie kühn den Anfeindungen der Menschen,</p><p>wobei sie sich um Verheißungen kümmerte, nicht um irdische Widrigkeiten.“</p><p>Wie schön: „Sich um die Verheißungen kümmern, nicht um die Widrigkeiten.“ Ein Satz, der auch auf Ihr Engagement passt. Ich denke nur an die Übernahme der beiden Schulleitungen nacheinander, die Realschule ab 1995 und dann das Gymnasium ab 2009. Oder an die Renovierung der Schule über sieben Jahre hinweg bei laufendem Betrieb. Da muss man sich in der Tat um die Verheißungen kümmern und darf sich nicht an den Widrigkeiten festbeißen. Der Blick auf die Verheißungen hilft, die Möglichkeiten zu sehen und lösungsorientiert zu handeln, anstatt nur in den Problemanzeigen hängen zu bleiben.</p><p>Dass die heilige Katharina von Alexandrien zu den 14 Nothelfern gehört, ist kein Zufall. Ich bin sicher, dass diese Nothelferin auch Ihnen mehrfach zur Seite gestanden hat bei Ihrem Einsatz für die beiden Schulen. Das Resultat zumindest spricht für sich.</p><p><em><strong>Der heilige Mönchsvater Antonius</strong></em></p><p>Last, but not least der heilige Antonius mit dem Schweinchen. Den heiligen Antonius sieht man bis heute an der Außenwand der Antoniterkirche. Er erinnert daran, dass es die Kirche des Antoniterklosters war. Die Ursulinen kauften 1725 das leerstehende Antoniterkloster in Würzburg auf, um dort ihren Konvent und ihre Schule einzurichten.</p><p>Warum gehört der heilige Antonius in die Reihe der Heiligen des heutigen Tages?</p><p>Weil er als der Vater des Mönchtums gilt. Schwester Katharina war eben nicht nur Schulleiterin, sondern sie hat auch den Konvent der Ursulinen geleitet und wird ihn weiterhin leiten. Eine doppelte Last, die in sonstigen Konventen oft auf mehrere Schultern verteilt wird. Aber Schwester Katharina hat dieses Leitungsamt immer mit großer Hingabe, Sorgfalt und Liebe zu ihren Schwestern ausgeübt.</p><p>Zum einen war und ist ihr der Konvent Rückzugsort und innerer Halt – mit der berühmten Aussicht von ihrem Zimmer aus auf das Käppele und die Festung.</p><p>Zum anderen aber erzählt sie immer wieder, mit wie großer Begeisterung sie Ordensschwester geworden ist. Die Nachfolge der heiligen Angela Merici und das Charisma der Ursulinen, jungen Frauen den Weg in diese Welt zu bahnen und sie dazu bestmöglich zu rüsten, war ihr immer Auftrag und Berufung zugleich.</p><p>Der Mönchsvater Antonius lehrte die Mönche die Stabilitas Loci, das Bleiben an einem Ort, ohne vor sich und ohne vor den Herausforderungen des Lebens wegzulaufen. Nur wer bleibt, kann geformt werden durch die klösterliche Lebensweise. Sie sind seit Jahrzehnten an diesem Ort hier in Würzburg geblieben und werden weiter hier bleiben. Sie haben diesen Ort als ihre geistliche Heimat angenommen und gestaltet. Das ist etwas sehr Kostbares und Schönes.</p><p>Der Mönchsvater Antonius lehrte die Mönche aber auch die Kunst des Zusammenlebens. Eine geistliche Gemeinschaft muss sich daran messen lassen, inwieweit es ihr gelingt, durch den Blick auf die gemeinsame Mitte zusammenzuwachsen. Diese Mitte ist Christus. Wie die Mönchsväter sagten, verhält es sich dabei wie mit einem Rad. Je näher man der Radnabe als der Mitte kommt, umso enger fügen sich die Speichen zusammen.</p><p>Es ist schön zu sehen, mit wieviel Liebe Sie sich um die Pflege dieser inneren Mitte sorgen und aus der Nähe zu dieser Mitte auch um Ihre Mitschwestern sorgen. Das gedeihliche Miteinander liegt Ihnen im mittlerweile internationalen Konvent sehr am Herzen. Und das spürt jeder. Ja, Sie sind Ordensfrau aus tiefster Überzeugung. Und dieses Zeugnis strahlt aus. Dafür danke ich Ihnen von Herzen! Das Schweinchen des heiligen Antonius möge auch Ihnen und Ihren Mitschwestern Glück verheißen.</p><p><em><strong>Loslassen lernen und die neue Freiheit schätzen können</strong></em></p><p>Ich komme zum Schluss. Ich wünsche Ihnen, liebe Schwester Katharina, nun die innere Freiheit, loszulassen. Das ist nicht ganz einfach, vor allem wenn man mit dem Konvent gewissermaßen in der Schule lebt. Aber umso wichtiger ist es, dieses Loslassen einzuüben. Das heißt, dankbar auf das Erreichte zurückzuschauen. Aber es bedeutet auch, der nachfolgenden Schulleitung die Freiheit einzuräumen, die Dinge so zu gestalten, wie sie es für richtig erachtet.</p><p>Für Ihr überzeugendes Engagement über die mehr als 30 Jahre danke ich Ihnen noch einmal von Herzen und möchte Ihnen dafür meine Hochachtung und Anerkennung aussprechen. Nutzen Sie die neuen Freiräume und pflegen Sie in Zukunft etwas mehr Ihre musische Seite. Sie sind ja doch eher „der künstlerische Typ“, wie Sie einmal so schön sagten. Jetzt ist die Lebenskunst des Neuanfangs nach dem Abschied gefragt. Dazu begleiten Sie meine besten Wünsche! Bleiben Sie behütet und gesund! Auch Ihren Mitschwestern sage ich aufrichtig Danke für alle Unterstützung und wünsche Ihnen als Konvent Gottes reichen Segen! Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-74275</guid><pubDate>Sun, 26 Jul 2026 12:00:00 +0200</pubDate><title>„Danke, lieber Mitbruder Julius“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/danke-lieber-mitbruder-julius/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung beim Pontifikalgottesdienst zum 50. Todestag von Julius Kardinal Döpfner am Freitag, 24. Juli 2026, im Würzburger Kiliansdom</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,</p><p>liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><p><em><strong>Döpfner – ein durchaus nicht alltäglicher Mensch</strong></em></p><p>„Abschließend ist zu sagen, dass dieser durchaus nicht alltägliche Mensch das Zeug in sich trägt, Bedeutendes zu leisten, und dass er dies gerade dann wird tun können, wenn er sich – so paradox es im ersten Moment klingen mag – ein wenig mehr als bisher von den Aufgaben des alltäglichen Lebens zurückzieht, um in der allzu einseitigen Verausgabung seiner besten inneren Kräfte sich nicht selbst zu verlieren.“</p><p>So lautete das Resümee eines psychologischen Persönlichkeitsgutachtens über den frisch ernannten Bischof Julius Döpfner, das 1949 allein aufgrund von Schriftproben erstellt wurde. Eine bemerkenswerte Einschätzung. Um die Würdigung dieses „durchaus nicht alltäglichen Menschen, der das Zeug in sich trägt, Großes zu leisten“ soll es heute gehen anlässlich des 50. Todestages Julius Kardinal Döpfners.</p><p>Dabei kann in dieser Predigt unmöglich sein Lebenswerk gewürdigt werden. Ich möchte mich vielmehr auf die Aspekte seiner Persönlichkeit beschränken, die mich heute noch ansprechen und die Inspiration sind für mein eigenes bischöfliches Wirken.</p><p><em><strong>Zupackend und energisch</strong></em></p><p>Was mich bei einem ersten Blick auf die Persönlichkeit Döpfners fasziniert, ist seine zupackende Art. Das zeichnete ihn als Seelsorger aus. Das war aber auch sein Markenzeichen als Bischof. Sein geradezu kometenhafter Aufstieg in der kirchlichen Hierarchie zeigt, wie sehr man seine direkte Herangehensweise an Probleme schätzte und wie sehr man in Rom auf die Durchsetzungskraft des jungen Döpfner setzte.</p><p>Energisch und mit nachhaltigem Erfolg nahm er sich der Herausforderungen in seinen drei Diözesen Würzburg, Berlin und München an. Ebenso energisch kümmerte er sich aber auch als einer der vier Moderatoren um einen guten Verlauf des Zweiten Vatikanischen Konzils wie auch später um eine gute Durchführung der Würzburger Synode. Durch seine strukturierte Persönlichkeit wie sein Organisationstalent hatte er einen geschärften Blick für Verfahren und Regelwerke, die in komplexen Beratungsprozessen zum Ziel führten. Eine durchaus seltene Begabung, die gerade jetzt bei der Stärkung der Synodalität in der Kirche wieder dringend benötigt wird und die wir beim Synodalen Weg so manches Mal schmerzlich vermisst haben.</p><p>„Nichts Laues war an ihm“, so hat man nach seinem Tod seinen Charakter beschrieben. Das verlieh ihm eine natürliche Autorität. Diese innere Entschiedenheit war ein Wesenszug, den auch die Fotos widerspiegeln, die von ihm überliefert sind. Ein stattlicher Mann mit markanten Gesichtszügen, dem strengen Seitenscheitel im festen Haar und mit einem klaren, bisweilen stechenden Blick unter den buschigen Augenbrauen. Insgesamt eine imposante Erscheinung, ohne jedoch in irgendeiner Weise eitel zu sein. Er verstand sich als Mann der Kirche, der durch seine Prägung im Römischen Collegium Germanicum gelernt hatte, sich ganz für das einzusetzen, das ihm aufgetragen war.</p><p><em><strong>Lernbereit</strong></em>…</p><p>Ein zweiter Punkt, der mich anspricht im Blick auf sein Wesen, ist die lebenslange Bereitschaft, auch als Bischof dazuzulernen. Während seiner Ausbildung an der Gregoriana in Rom hatte er die traditionelle neuscholastische Theologie genossen. Aber durch seine intensive Beschäftigung mit John Henry Newman während seiner Promotion war ihm aufgegangen, dass Theologie zu treiben eben nicht bedeutet, alle Fragen abschließend zu beantworten. Vielmehr muss es darum gehen, den Glauben vor den Herausforderungen der Gegenwart immer neu zu durchdenken.</p><p>Mit Newman lernte er „die säkulare Bildung unserer Welt und Zeit zu schätzen, die Laien als Repräsentanten des Glaubenssinnes zu würdigen, die nicht-römischen Kirchen als Wege zur christlichen Wahrheit zu sehen und vor allem die Geschichte ernst zu nehmen, die lehrt, dass das, was heute ist, einmal wurde, gegebenenfalls auch anders hätte werden können, und die dafür offen macht, auch das Heute nicht als den nicht überbietbaren Endpunkt der Entwicklung zu sehen. Historisches Denken lehrt, wie Döpfner in seiner Rede gegen Ende des Konzils formulierte, ‚Reform als Wesenselement der Kirche‘ zu erkennen.“</p><p>So formulierte er zu Beginn der Würzburger Synode einmal sehr eindrücklich, was die rechte Einstellung zur Kirche auszeichnet:</p><p>„Die Liebe zur Kirche braucht und darf keine blinde Liebe sein. Sie muss gerade auf einer Synode die Fehler, die Schwächen, die Unzulänglichkeiten sehen und – wie es in der wahren menschlichen Liebe geschieht – aus der Gemeinschaft der Kirche, so wie sie ist, die verwandelnde, erneuernde Kraft finden, nicht in großen Worten, sondern in der gemeinsam gefundenen Erkenntnis des Dienstes, der uns alle verpflichtet und der hier und heute zu leisten ist.“</p><p>Ein wegweisendes Wort, gerade auch im Blick auf unsere Diskussionen beim Synodalen Weg über die Reform der Kirche nach dem Missbrauchsskandal.</p><p>Dabei verstand Döpfner sich selbst nicht als Progressiven, sehr wohl aber als einen Mann „der offenen Mitte“, der aus der Tradition heraus einen Neuaufbruch wagen wollte. Ein sehr sympathischer Ansatz, den ich persönlich gut teilen kann.</p><p><em><strong>… und beratungsfähig</strong></em></p><p>Den Weg als akademischer Lehrer hatte er verworfen. Er wünschte immer Seelsorger zu sein. So wurde er ein Seelsorger und Bischof mit einem Gespür für die Herausforderungen der Zeit und die Anfragen, die an die Kirche gestellt wurden. Um dazuzulernen und sich ein eigenes Urteil bilden zu können, bat er immer wieder Fachleute um ihren Rat. Man hat Döpfner deshalb „beratungswillig, ja beratungshungrig“ genannt, wobei sein bedeutendster Ratgeber sicher Karl Rahner war. Mit ihm tauschte er sich über aktuelle theologische Fragen aus, mit ihm setzte er sich aber auch heftig auseinander, vor allem wenn er den Eindruck hatte, dass die Theologie zu abgehoben war und von ihm als Bischof wieder geerdet werden musste im Dienst der Vermittlung zwischen den divergierenden kirchlichen Parteien.</p><p>„Ich wünsche Ihnen, dass Sie einmal zehn Jahre Bischof wären!“, soll er erbost Rahner nach einem Vortrag angeherrscht haben, in dem dieser sich über die böse „Amtskirche“ ausließ. Ich kann Döpfners Verärgerung nur allzu gut nachvollziehen gerade auch aus der Erfahrung der Debatten um die Kirchenreform. Denn dem Bischof bleibt es jenseits aller theologischen Kontroversen aufgetragen, Mittler der Einheit zu sein.</p><p><em><strong>Sein Dienst als Diözesanbischof „in dieser Stunde der Kirche“</strong></em></p><p>Sein Bemühen, den aktuellen Herausforderungen bei seinem bischöflichen Dienst Rechnung zu tragen, hat er immer wieder in die Formulierung gekleidet „in dieser Stunde der Kirche“, die zu seinem Markenzeichen wurde. Ich kann hier nur kursorisch Marksteine benennen, die zeigen, wie sehr es ihm darum ging, auf der Höhe der Zeit zu sein, ohne in der Vergangenheit zu verharren.</p><p>Für seine Würzburger Zeit sei auf den Wiederaufbau des Domes verwiesen. Döpfner warnte vor einer Musealisierung des Glaubens.</p><p>„Tradition ist nicht Versteinerung, sondern in der Kraft und in der Verheißung des Heiligen Geistes strömendes Leben. Denn wir sind eine lebendige Kirche. Deswegen muss der Dom in seiner Gestaltung als Ausdruck dieser lebendigen Kirche zeitnah sein, und zwar in dem Sinne, wie Evangelium und Christentum, wenn sie lebendig sind, immer zeitgemäß bleiben.“</p><p>Zur Zeitgemäßheit des Wiederaufbaus des Domes gehörte auch, über die Sorge um das Gotteshaus die Menschen nicht zu vergessen, die durch den Krieg ihre Häuser verloren hatten. Sein wohl bis heute berühmtestes Diktum „Wohnungsbau ist heute in Wahrheit Dombau, Wohnungssorge ist Seelsorge, und damit Herzensanliegen eures Bischofs“ stieß damals übrigens nicht auf ungeteilte Zustimmung. In konservativen Kreisen wurde dieses Wort durchaus kritisch aufgenommen, sah man doch hierin die Prioritäten falsch gesetzt.</p><p>Mit aller Entschiedenheit wandte sich Döpfner gegen die Versuchung, sich als Kirche von der Welt zurückzuziehen, wenn er ausführte:</p><p>„Der katholische Mensch ist weltoffen. Es ist unkatholisch, rückständig zu sein, ins Ghetto zu flüchten, diese Welt und diese Zeit sich selbst zu überlassen. Unser Jahrhundert mit seinen Strömungen in Kultur, Wirtschaft und Politik ist des Herrn und ist somit uns als Aufgabe gestellt.“</p><p>Ein Wort von ungebrochener Aktualität bis heute – wie die Auseinandersetzung mit den Piusbrüdern zuletzt wieder gezeigt hat.</p><p>Für seine Berliner Zeit sei verwiesen auf seine Initiative zur Versöhnung zwischen Polen und Deutschland, in der er eine der Herausforderungen der Stunde sah. Mutig brach er das damalige Tabu und sprach offen über die deutsche Kriegsschuld. Jeder Form von Revanchismus erteilte er eine Absage und warb dafür, die Versöhnung zwischen den Völkern anzubahnen, ohne einander die Schuld aufzurechnen.</p><p>In der Auseinandersetzung mit dem SED-Regime erinnerte er daran, dass der Christ eine Ideologie mit aller Kraft bekämpfen muss, „doch niemals darf er die Menschen hassen, die dahinter stehen“. Im Blick auf das Verhältnis von Juden und Christen betonte er mit aller Entschiedenheit: „Antisemitismus ist dem Christen vom Wesen her fremd.“ Ein Wort, das auch heute wieder – Gott sei es geklagt – von erschreckender Aktualität ist und das erneut in Erinnerung gerufen werden muss.</p><p>Und noch ein Wort aus Döpfners Berliner Zeit sei zitiert, das er anlässlich der Grundsteinlegung der Gedenkkirche „Maria Regina Martyrum“ – seinem Herzensprojekt – äußerte. „Die Kirche soll uns mahnen, daß wir die letzte Ordnung nicht vergessen. Wer die Gottesverehrung abschaffen will, bereitet dem Götzendienst den Weg.“ Auch das ein wegweisendes Wort. Es gibt eben kein weltanschauliches Vakuum. Wo man nicht mehr an Gott glaubt, werden Ersatzgötter an seine Stelle treten und den Menschen in ihre Abhängigkeit bringen.</p><p>Für seine Münchner Zeit, die gekennzeichnet war durch sein Bemühen, die Reformen des Zweiten Vatikanum besonders in Fragen der Liturgie und der Einbindung der Laien umzusetzen, sei an seine hellsichtige Analyse zur Lage des Glaubens im Erzbistum erinnert. Döpfner sagte:</p><p>„Das Traditionschristentum auf dem Land ist in Gefahr, in bloßer Konvention zu erschlaffen, das geistige Klima der Stadt gibt die Chance zu einem umfassenden Dialog, fordert aber gleichzeitig den katholischen Glauben zu einer höchst differenzierenden Auseinandersetzung mit den neuesten Zeitströmungen heraus.“</p><p>Eine Analyse, die auch in unserem ländlich geprägten Bistum Würzburg bis zum heutigen Tag Gültigkeit beanspruchen kann. In München versuchte er diese Auseinandersetzung zu fördern durch die Gründung der Katholischen Akademie in Bayern, wie er schon zuvor in Würzburg die Katholische Akademie Domschule im Burkardushaus mit derselben Zielsetzung ins Leben gerufen hatte.</p><p><em><strong>„Praedicamus Crucifixum“ und das Leben als Bischof in Spannungen</strong></em></p><p>Als Wahlspruch hatte sich Döpfner einen Vers des Apostels Paulus aus dem Ersten Korintherbrief (1Kor 1,23) gewählt: „Nos autem praedicamus Christum crucifixum“.</p><p>Zu Deutsch: „Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten.“ Ein markantes Wort, das nicht nach Anpassung klang, sondern den Widerspruch zur Welt unterstrich. Er selbst gibt an, durch den Primizspruch des späteren Wiener Kardinals König auf diesen Vers aufmerksam geworden zu sein. Überdies verwies er auf die Zweite Kreuzwegstation bei seinem elterlichen Haus in Hausen, die ihn an dieses Wort erinnerte. Sein bischöfliches Selbstverständnis sah er in diesem Paulus-Zitat zusammengefasst. Er führte dazu in seinem ersten Hirtenbrief aus:</p><p>„Im Zeichen meines Wahlspruchs will ich der erste Kreuzträger des Bistums sein, indem ich frohgemut die schmerzende Last trage, die sich unter den Ehrungen des Bischofsamtes verbirgt, und all euer Leid in väterlicher Hirtensorge mit euch teile.“</p><p>An der Feststellung, dass mit dem bischöflichen Amt erhebliche Lasten einhergehen, hat sich nichts geändert. Die Spannungen, die es als Bischof auszuhalten gilt, hat auch Döpfner zur Genüge durchlitten. Erinnert sei zum einen an seine tiefe Enttäuschung nach der Veröffentlichung der Enzyklika „Humanae Vitae“ Pauls VI., die in Deutschland zu einem regelrechten Aufbegehren gegen Rom führte. Mit der „Königsteiner Erklärung“ mühte er sich, die Wogen wieder zu glätten.</p><p>Zum anderen sei erinnert an die Spannungen nach dem Konzil zwischen Erneuerern und Bewahrern, die sich bei der Würzburger Synode unter seinem Vorsitz fortsetzten und unter denen er sehr litt. Dennoch beschrieb er in seiner Schlussansprache den Verlauf der Würzburger Synode als einen Prozess, bei dem man gelernt habe „miteinander zu streiten, ohne sich zu zerstreiten“. Und weiter:</p><p>„Wir wurden zu einem Prozess gezwungen, dem wir einen neuen Stil des Miteinanderredens und Miteinanderumgehens zwischen Bischöfen, Priestern und Laien verdanken. Den möchten wir nicht mehr missen.“</p><p>Ähnliches könnte man festhalten für die gemeinsamen Lernerfahrungen von Bischöfen und Laien während der Sitzungen des Synodalen Wegs in den vergangenen Jahren. Für Döpfner war jedenfalls klar, dass Reform zum Wesenselement der Kirche gehört, wie der bereits erwähnte Titel seines gleichlautenden Vortrags besagte.</p><p>Mit dem Bild von der Werft verdeutlichte er die Mühen, die es braucht, um das Kirchenschiff wieder flott zu machen. Döpfner beschrieb es so:</p><p>„Die Kirche liegt nicht auf der Sandbank der Zerstörung, sondern auf der Werft der Erneuerung. Zugegeben, eine Werft ist keine idyllische Waldwiese. Dort kann es laut, windig, ungemütlich und gelegentlich sogar gefährlich sein. Aber dort werden Schiffe nicht verschrottet, sondern ausgerüstet zu neuer Fahrt.“</p><p>Bei allem Streben nach Erneuerung mahnte Döpfner jedoch eine „nüchterne Liebe“ zur Kirche an. Für die Steuerung des Kirchenschiffs ginge es darum, zwischen der Skylla einer romantisch verklärten Kirche von gestern und der Charybdis einer bloß erträumten Kirche von morgen hindurch zu navigieren. Ziel müsse immer die konkrete Kirche sein, „die hier und jetzt zum Zeugnis für Gottes erlösendes Wirken gerufen ist“. Dem ist nichts hinzuzufügen.</p><p><em><strong>Döpfners tiefe Verbundenheit mit seiner fränkischen Heimat</strong></em></p><p>Was mich immer wieder neu berührt, ist die tiefe Verbundenheit Döpfners mit seiner fränkischen Heimat. „Meine fränkischen Jahre“ – so ist ein Radiobeitrag überschrieben, in dem Döpfner in geradezu hymnischen Worten das Frankenland ob seiner Schönheit rühmt, unter anderem „das schöne Würzburg, diese Stadt zum Verlieben, für die kein Wort des Lobes zureicht“, wie er sagt. Und weiter:</p><p>„Wenn ich als Erzbischof von München und Freising an diese Jahre in der fränkischen Heimat denke, kann ich einem Lächeln nicht wehren. Ich war damals – wie so manche Franken – skeptisch gegen Bayern im engeren Sinn, also gegen Altbayern, auch gegen München, das mir – man verzeihe mir – wie ein anmaßender Emporkömmling vorkam gegenüber dem alten, noblen Würzburg.“</p><p>Unterfranken war für ihn „Kiliansland“ und „Frankenland war Marienland“, wie Döpfner betonte. In seine Zeit fiel 1949 die triumphale Rückführung der Reliquien Kilians und seiner Gefährten aus Gerolzhofen nach Würzburg und 1952 konnte er die 1200-Jahr-Feier der Erhebung der Gebeine der Frankenapostel begehen. Resümierend hält Döpfner fest:</p><p>„Man kann eine neue Heimat finden, wenn man den liebenden Blick, den einem die eigene Heimat schärfte, nun auch anderen Menschen und ihren Lebensräumen schenkt. Mir scheint, beides sei in unserer so mobilen und weithin entwurzelten Zeit vonnöten, dass wir die Wurzel tief senken und zugleich den Blick weiten.“</p><p>Ein wunderbares Wort, das nicht nur für die Heimatliebe gilt, sondern auch für die Beheimatung in der theologischen Tradition. Nur wer tief in der Tradition verwurzelt ist, kann auch den Blick weiten für die neuen Anfragen, die an ihn herangetragen werden. Beides, Beheimatung in der Tradition und Offenheit für die Fragen der Zeit, hat Döpfner in seiner Person zu vereinen gewusst. Das macht ihn zu einem vorbildlichen Hirten bis heute.</p><p><em><strong>Bodenständig und demütig</strong></em></p><p>Und noch ein Wort hat mich sehr berührt. Es betrifft sein Selbstverständnis als Christ und als Bischof. In Erinnerung an seine Eltern bekannte er:</p><p>„Ich darf einmal ganz offen gestehen: Ich habe als Prediger und Bischof noch nicht eine Sekunde die Versuchung gespürt, dass ich in diesem Beruf ein vollkommeneres Christenleben führe, als mein Vater und meine Mutter es getan haben. Wenn ich mit meiner Berufung den Ruf des Herrn so ernst nehme wie meine Eltern und so viele ganz schlichte und einfache Christen in ihrem Beruf, in ihrem Ehestand, dann danke ich Gott von ganzem Herzen.“</p><p>Worte, die zu Herzen gehen. Hieraus spricht keine klerikale Überlegenheitsattitüde, sondern der selbstkritische Blick dessen, der für die Seelenführung vieler Menschen Verantwortung trägt und zugleich weiß, wie sehr er in die Schule der einfachen Christenmenschen gehen muss. Von ihnen konnte er die tägliche Treue und die tiefe innerliche Christusverbundenheit lernen. Diese Haltung bewahrte ihn davor, abgehoben zu werden. Sie war ihm zugleich Ansporn, seinerseits das Beste zu geben.</p><p><em><strong>Zum Schluss</strong></em></p><p>Ich hatte meine Ausführungen begonnen mit dem Gutachten über Döpfner, in dem es hieß, dass dieser das Zeug in sich trage, Bedeutendes zu leisten, wenn er sich ein wenig mehr als bisher von den Aufgaben des alltäglichen Lebens zurückziehen würde, um in der allzu einseitigen Verausgabung seiner besten inneren Kräfte sich nicht selbst zu verlieren.</p><p>Es gehört zur Tragik seines Lebens, dass Döpfner genau das versagt blieb aufgrund der überbordenden Aufgabenfülle und seines ausgeprägten Pflichtbewusstseins. Die Verausgabung „seiner besten inneren Kräfte“ war die Folge. Über die körperlichen Anzeichen einer tiefgreifenden inneren Erschöpfung setzte er sich jahrelang hinweg in der Hoffnung, sich in den wenigen Mußestunden regenerieren zu können. Als er dann endlich in Urlaub fahren wollte, holte der Herr ihn heim in den ewigen Urlaub.</p><p>So stand auch sein – für Außenstehende überraschendes – Sterben unter dem Wort vom Kreuz, das zu predigen er sich zur Aufgabe gemacht hatte. Im Blick auf sein reich erfülltes Leben fühlt man sich an die Worte des Apostels Paulus erinnert, der in seiner Abschiedsrede sagte (Apg 20,24):</p><p>„Aber ich will mit keinem Wort mein Leben wichtig nehmen, wenn ich nur meinen Lauf vollende und den Dienst erfülle, der mir von Jesus, dem Herrn, übertragen wurde.“</p><p>Der Herr vergelte ihm, was er Gutes für unser Bistum Würzburg und die Kirche in Deutschland wie die Weltkirche getan hat. Er schenke ihm nun die Zeit, von seinen Mühen auszuruhen (Offb 14,13).</p><p>Danke, lieber Mitbruder Julius. Ruhe in Frieden. Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-74169</guid><pubDate>Fri, 17 Jul 2026 11:14:30 +0200</pubDate><title>Zur Werksschließung von MAGNA Dorfprozelten</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/zur-werksschliessung-von-magna-dorfprozelten/</link><description>Stellungnahme des KAB-Kreisverbands Miltenberg und der Betriebsseelsorge Region Untermain</description><content:encoded><![CDATA[<p>„Mit Bestürzung haben die Katholische Arbeitnehmer Bewegung (KAB) Kreisverband Miltenberg und die Betriebsseelsorge vom Wortbruch Firma MAGNA erfahren. Vor drei Jahren haben wir uns mit aller Vehemenz für den Erhalt des Standorts Dorfprozelten eingesetzt und die Arbeit des Betriebsrats unterstützt.</p><p>In schwierigen Verhandlungen zwischen Betriebsrat, Gewerkschaft IG Metall und der Geschäftsführung von MAGNA wurde seitens MAGNA Zusagen gemacht, dass mindestens bis Ende 2028 etwa 250&nbsp;Arbeitsplätze am Standort im Südspessart erhalten bleiben. Für die Entwicklung neuer Produktlinien hat das Unternehmen eine hohe Förderung durch den Freistaat Bayern erhalten.</p><p>Nun müssen wir feststellen, dass die Entwicklung neuer Produkte nicht ausreichend vorangetrieben wurde und das Werk entgegen der Zusage schon 2027 geschlossen werden soll. Das ist eindeutig Wortbruch des Unternehmens.</p><p>MAGNA hat seinen Teil der Vereinbarung offensichtlich nicht erfüllt, während die Beschäftigten ihren Teil mit Gehaltseinbußen und Arbeitsplatzabbau eingebracht haben. Uns drängt sich der Verdacht auf, dass von Seiten von MAGNA nie die Absicht bestanden hat, sich an die Vereinbarung zu halten. Im Gegenteil, es wurden Anlagen abgebaut und nach Osteuropa verlagert.</p><p>Der Freistaat Bayern hat sich für den Erhalt des Standorts und der Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region Südspessart eingesetzt und dafür viel Geld in die Hand genommen. Wir fordern die bayerische Staatsregierung dazu auf, insbesondere Ministerpräsident Markus Söder und Wirtschaftsminister Hubertus Aiwanger, die offenbar unrechtmäßig erhaltenen Fördermittel vollständig von MAGNA zurückzufordern. Wir meinen, dass dieses Geld für die Arbeitnehmenden im Südspessart eingesetzt werden sollte, für die es auch gedacht war, zum Beispiel für die Verbesserung der Infrastruktur und die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen. Der Südspessart muss verkehrsmäßig besser angebunden werden und das Areal der Firma MAGNA darf nicht zur Bauruine werden, sondern als Industriestandort zukunftsfähig erhalten werden.</p><p>Den Worten von Minister Aiwanger von 2023 „Wir lassen den Südspessart nicht im Stich“ müssen auch jetzt Taten folgen, um den Raum Südspessart gemeinsam voran zu bringen.“</p><p>Reinhard Lattin&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Christine Hartlaub&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Marcus Schuck<br />für den KAB Kreisverband&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;für die KAB sozial &amp; gerecht&nbsp; &nbsp; &nbsp; &nbsp;Betriebsseelsorger</p><p><em><strong>Bitte beachten:</strong>&nbsp;Dies ist eine Pressemitteilung des KAB-Kreisverbands Miltenberg und der Betriebsseelsorge Region Untermain, nicht des Bistums Würzburg.</em></p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-74011</guid><pubDate>Fri, 10 Jul 2026 19:00:00 +0200</pubDate><title>„Zuallererst eine Frage der inneren Haltung“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/zuallererst-eine-frage-der-inneren-haltung/</link><description>Predigt von Weihbischof Paul Reder beim Kiliani-Pontifikalamt für Verantwortliche in Schule und Erziehung am Freitag, 10. Juli 2026, im Würzburger Kiliansdom</description><content:encoded><![CDATA[<p class="western">Liebe Schwestern und Brüder Christi,<br />liebe Verantwortliche in Erziehung und Schule,<br />liebe Verantwortliche für die Ausbildung,</p><p class="western">zur Anrede hätte ich auch sagen können: „Liebe Expertinnen und Experten der christlichen Elementarisierung“. Denn diese Kernkompetenz der didaktischen Reduktion ist ein wesentliches Instrument zur Vermittlung fachwissenschaftlicher Inhalte – auch im Blick auf Religion und Glaube. Alle, die sich in Erziehung und Schule auf den Weg machen, Kinder, Jugendliche oder Erwachsene zu begleiten, zu lehren und zu bilden, werden in dieser „Elementarisierung“ professionalisiert. Mitunter lohnt es sich auch, das kirchliche Leben zu elementarisieren, und dazu gehört auch das, was wir heute hier tun.</p><p>Denn ein wesentliches Element der christlichen Verantwortung in Erziehung und Schule ist, gemeinsam zu beten und Gottesdienst zu feiern. Dieses Element ist sogar in den staatlichen Ordnungen Bayerns verankert (BaySchO, §27,1). Das gibt es so in keinem anderen Fach. Ganz gewiss könnte die Missio canonica auch in einem anderen Rahmen übergeben oder einfach per Einschreiben zugestellt werden. Aber es hat seinen guten Grund, warum wir hier zum Gottesdienst zusammenkommen, um Ihre kirchliche Sendung im wahrsten Sinn des Wortes zu feiern.</p><p>Zunächst kommen wir gemeinsam vor Gott, um auf sein Wort zu hören. Christliche Inhalte zu vermitteln, ist nämlich zuallererst eine Frage der inneren Haltung. „Der Glaube kommt vom Hören“ (Röm 10,17), betont der Apostel Paulus. Christlicher Glaube und seine Vermittlung ist damit weit mehr als eine Weltanschauung oder ein spirituelles Gefühl. Christlicher Glaube lebt von der Überzeugung, dass sich Gott in Jesus Christus auf unvergleichliche Weise mitteilt und dass wir auf sein Wort hören und es verstehen können, damit es unser Leben formt. Zuallererst eine Hörende und ein Hörender auf Gott und sein Wort hin zu sein, ist besonders für diejenigen elementar, die sich in den Dienst der Vermittlung religiöser Inhalte stellen. Wenn Kinder, Jugendliche oder Erwachsene diese Haltung bei ihnen wahrnehmen können, dann vermitteln sie etwas über alle fachliche Expertise und Lehrpläne hinaus: dass sie selbst im Blick auf ihre Gottesbeziehung lernend bleiben. Das heißt, dass sie ihr eigenes Leben, unser Miteinander und die Schöpfung, in der wir leben, mit all dem, was diese Dimensionen an Schönheit und Fragwürdigkeit in sich tragen, auf Gott hin wahrnehmen. Damit wird Glauben zum Weg, die Wirklichkeit über das menschlich Zugängliche auf die Offenbarung Gottes hin zu öffnen. Der Brief an die Epheser spricht im Abschnitt der heutigen Lesung von diesem Weg: „Ihr wart einst Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Lebt als Kinder des Lichts!“ (Eph 5,8-14). Paulus erinnert daran, dass Glaube weit mehr als Wissen ist. Glaube in diesem Sinn ist ein neuer Lebensstil. Dieser Lebensstil hat mit der Entscheidung zu tun, sich dem zuzuwenden, was dem Licht Wirksamkeit verschafft, oder aber der Dunkelheit Raum zu geben. Dunkelheit bekommt dort Raum, wo Menschen sich verlieren, wo Wahrheit verschwiegen wird oder die Orientierungslosigkeit anderer ausgenutzt wird, um Einzelinteressen durchzusetzen.</p><p>Sich dem Licht zuzuwenden, heißt: die eigenen Augen zu öffnen und offen zu halten, wo Wahrhaftigkeit, Menschenfreundlichkeit, Gerechtigkeit und Mut zum Guten gefördert werden können. Damit wird neben dem menschlichen Verstand ein weiteres Kompetenzzentrum beschrieben, das für die Identität und Lebenspraxis eines gläubigen Menschen elementar ist: das Herz.</p><p>In diesem Licht können wir auch das Evangelium des blinden Bettlers Bartimäus lesen. Seine Ausgangssituation ist prekär. Am Straßenrand im Dunkel sitzend, vom Wohlwollen anderer abhängig, aber Bartimäus bleibt nicht stumm und er lässt sich offenkundig nicht entmutigen, als ihn die Menschenmenge an seinen Platz verweist. Er ruft weiter nach Jesus, der stehenbleibt, ihn nicht übersieht, zu sich in seine Nähe holt, nach dem fragt, was er auf dem Herzen hat, und ihm in der persönlichen Zuwendung die Augen öffnet.</p><p>Bei all dem, was den Kontext der biblischen Geschichte von Orten der Erziehung, von Schule und Unterricht unterscheidet, gibt es doch zumindest die Gemeinsamkeit einer Menge von Personen und dem Blick auf den Einzelnen. Würden wir die Haltung Jesu auf unser Classroom-Management anwenden, würde es bedeuten, dass niemand aus dem Blick geraten darf, der ohnehin schon am Rand steht. Gerade die digitale Generation und der Umgang mit ihr scheint mir vor dieser gewaltigen Herausforderung zu stehen: Auf der Suche nach Orientierung und dem, was dem Leben Halt gibt, immer mehr auf das Display oder den Bildschirm zu schauen und immer weniger Menschen um sich zu haben, die ihnen mehr als einen flüchtigen Blick schenken. Jesus macht Bartimäus und uns im Evangelium deutlich, dass der Einzelne zählt und auch in seinen Defiziten Bedeutung hat. Er wird gerufen, geheilt und in die Nachfolge geführt.</p><p>Religionsunterricht will im Sinn dieser Botschaft den christlichen Glauben als Ermutigung zu einem selbstbestimmten Leben identifizierbar und – so gut es im Rahmen der Institution Schule geht – erfahrbar machen. In der Schulpastoral, im Religionsunterricht oder der Erwachsenenbildung braucht es Menschen wie Sie, die mit ihrer Persönlichkeit und ihren fachlichen Kompetenzen anderen dabei helfen, die Augen für die Zusammenhänge von Lebensgestaltung und Sinnangeboten, von Schöpfung und Umweltbewusstsein, vom Umgang mit Schuld und Versöhnung, von der Kraft der biblischen Botschaft und Hoffnungsmenschen, die Mut machen, mit dem kritischen Verstand zu hinterfragen und für das Kompetenzzentrum des Herzens zu erschließen. Wenn dann in der Lerngemeinschaft vom Einzelnen entdeckt wird: Ich bin nicht unsichtbar, ich werde gesehen und mit meinen Fragen und Zweifeln, mit meinen Bedürfnissen und Ideen in den Blick genommen, sind wir im Geist des Evangeliums auf Sendung. Diese Sendung, deren Relevanz für unsere individuelle Lebenspraxis und für unser mitmenschliches Zusammenleben elementar ist, wird Ihnen heute mit Überreichung der „Missio canonica“ offiziell anvertraut.</p><p>Wenn wir dies im Rahmen der Eucharistiefeier tun, dann kommt auch das Element des Dankens ins Spiel: Dank an Gott, der Menschen ruft, sich in den Dienst der Frohen Botschaft zu stellen. Dank an alle, die in seinem Geist dazu beitragen, dass Menschen befähigt werden, durch Ausbildung und Erweiterungen ihrer pädagogischen und fachlichen Kompetenzen als Lehrkräfte in Schulen und erzieherischen Einrichtungen zu wirken. Dank an Sie, dass Sie Mut hatten, aufzustehen und sich über viele Jahre ausbilden zu lassen, um jetzt an Ihren Einsatzorten auf Sendung zu gehen. Wenn wir die Gaben von Brot und Wein auf den Altar legen, werden Sie mit hineingenommen in das erlösende Wirken Gottes, damit Sie gestärkt durch die Gemeinschaft mit Christus sein Licht bezeugen und in der Welt verbreiten.</p><p>Der Mut und das Herz, das es dazu braucht, haben eine Gemeinsamkeit: Sie werden durch die Praxis trainiert. Ihre Coaching-Zone ist das Klassenzimmer, der Pausenhof, das Lehrerzimmer, die Klassenfahrt und nicht zuletzt Gebet und Gottesdienst auch hier und heute. Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Weihbischof Paul Reder</category><category>Würzburg</category><category>Kiliani</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-73899</guid><pubDate>Mon, 06 Jul 2026 10:31:00 +0200</pubDate><title>Zur Diskussion um ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr und die Stärkung der aktuellen Freiwilligendienste </title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/zur-diskussion-um-ein-verpflichtendes-gesellschaftsjahr-und-die-staerkung-der-aktuellen-freiwilligendienste/</link><description>Stellungnahme der Vorsitzenden des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Würzburg </description><content:encoded><![CDATA[<p>„Der Diözesanrat der Katholiken im Bistum Würzburg hat die diesjährige Vollversammlung vor der Kiliani-Wallfahrtswoche genutzt, um sich mit einem gesellschaftspolitisch hochaktuellen Thema auseinanderzusetzen. Unter der Überschrift ,Ein Jahr für die Gesellschaft – Zwischen persönlicher Freiheit und Gemeinwohl‘ haben wir eine Debatte aufgegriffen, die seit der Aussetzung der Wehrpflicht immer wieder geführt wird und durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie die daraus folgende sicherheitspolitische Zeitenwende neue Aktualität erhalten hat. Dabei geht es längst nicht mehr ausschließlich um Fragen der Landesverteidigung, sondern grundsätzlich um die Frage, welchen Beitrag jede und jeder Einzelne für den Zusammenhalt und die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft leisten kann.</p><p>Die Beratungen in der Vollversammlung waren geprägt von einem intensiven Austausch und unterschiedlichen Perspektiven. Aufgrund der zur Verfügung stehenden Zeit und der Komplexität des Themas konnte keine abschließende Beschlussfassung erfolgen. Als Vorsitzende des Diözesanrates möchten wir die Diskussion jedoch weiter begleiten und unsere Position in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen.</p><p>Wir sprechen uns für die Einführung eines für alle Geschlechter verpflichtenden Gesellschaftsjahres aus. Dieses sollte jungen Menschen die freie Wahl zwischen verschiedenen gemeinwohlorientierten Einsatzfeldern eröffnen. Dazu zählen neben einem Dienst bei der Bundeswehr insbesondere Tätigkeiten im Zivil- und Katastrophenschutz, im Rettungswesen, in der Pflege und Betreuung, in der Kinder- und Jugendhilfe sowie im Umwelt- und Naturschutz.</p><p>Für uns steht dabei nicht allein der konkrete Nutzen für den Sozialstaat oder die Stärkung des Bevölkerungsschutzes im Vordergrund. Ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr bietet vor allem die Chance, Menschen unterschiedlicher sozialer, kultureller und religiöser Hintergründe zusammenzubringen. Zusammenarbeit stärkt das Verständnis füreinander, fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt und trägt dazu bei, unsere Demokratie widerstandsfähiger gegen Polarisierung und gesellschaftliche Spaltung zu machen.</p><p>Dr. Michael Wolf, Vorsitzender des Diözesanrates, erklärt dazu: ,Ein verpflichtender Dienst für die Gesellschaft, ob im Rahmen des Wehrdienstes oder in einem sozialen Engagement, würde Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus zusammenbringen, das Verständnis füreinander stärken und so unsere demokratische Gesellschaft nach innen und außen widerstandsfähiger machen.‘</p><p>Auch die persönliche Entwicklung junger Menschen sehen wir als wichtigen Aspekt eines Gesellschaftsjahres.</p><p>Die stellvertretende Vorsitzende Anja Mantel betont: ,Ein Gesellschaftsjahr eröffnet jungen Menschen die Möglichkeit, wertvolle Lebenserfahrungen zu sammeln, Orientierung für ihren weiteren Lebensweg zu gewinnen und soziale Verantwortung ganz konkret zu übernehmen.‘</p><p>Gleichzeitig kann ein solches Modell auch einen Beitrag zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit Deutschlands leisten, ohne die freie Entscheidung für den Wehrdienst aufzugeben.</p><p>Der stellvertretende Vorsitzende Ralf Sauer erklärt: ,Natürlich erhoffen wir uns durch ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr auch eine Stärkung unserer Bundeswehr und damit unserer Verteidigungsfähigkeit. Durch die freie Wahl des Einsatzbereiches bleibt die Entscheidung für den Wehrdienst jedoch so lange als möglich freiwillig.‘</p><p>Darüber hinaus würde ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr erstmals eine echte Geschlechtergerechtigkeit herstellen. Während die frühere Wehrpflicht ausschließlich Männer betraf und auch die bestehenden Freiwilligendienste von Frauen deutlich häufiger wahrgenommen werden, würde ein allgemeines Gesellschaftsjahr alle jungen Menschen gleichermaßen in die Verantwortung nehmen.</p><p>Uns ist zugleich bewusst, dass ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr, gerade unter jungen Menschen, kontrovers diskutiert wird. Aktuelle Umfragen zeigen ein nahezu ausgeglichenes Verhältnis von Befürwortern und Gegnern. Diese unterschiedlichen Sichtweisen nehmen wir ernst.</p><p>Dr. Michael Wolf unterstreicht: ,Die Akzeptanz eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres wird entscheidend von den Rahmenbedingungen abhängen. Es darf nicht darum gehen, bestehende Personallücken zu schließen. Vielmehr müssen junge Menschen während ihres Dienstes begleitet, gefördert und in ihrer persönlichen Entwicklung unterstützt werden. Dazu gehört selbstverständlich auch eine angemessene Vergütung.‘</p><p>Ebenso ist uns bewusst, dass die Einführung eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres eine Änderung des Grundgesetzes und damit eine Zweidrittelmehrheit im Deutschen Bundestag voraussetzt. Solange diese politische Mehrheit nicht absehbar ist, setzen wir uns mit Nachdruck für eine deutliche Stärkung der bestehenden Freiwilligendienste ein.</p><p>Dazu gehören aus unserer Sicht insbesondere der Ausbau der Einsatzmöglichkeiten, eine bessere finanzielle Ausstattung der Freiwilligen sowie eine stärkere Anerkennung ihres Engagements im weiteren Bildungs- und Berufsweg. Gleichzeitig müssen Freiwilligendienste so weiterentwickelt werden, dass sie für junge Menschen aller Geschlechter und aller Bildungsabschlüsse gleichermaßen attraktiv werden. Gerade junge Menschen mit Hauptschulabschluss sind bislang deutlich unterrepräsentiert und verdienen besondere Aufmerksamkeit. Die aktuellen Freiwilligendienste erreichen deutlich mehr Frauen als Männer.</p><p>Ein Gesellschaftsjahr verstehen wir in erster Linie nicht nur als Einschränkung persönlicher Freiheit, sondern vor allem als Ausdruck gemeinsamer Verantwortung. Wer Verantwortung für andere übernimmt, gewinnt nicht nur wertvolle Erfahrungen für das eigene Leben, sondern leistet zugleich einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt unserer Gesellschaft.“</p><p><em>Dr. Michael Wolf, Vorsitzender des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Würzburg</em></p><p><em>Anja Mantel, Stellvertretende Vorsitzende</em></p><p><em>Ralf Sauer, Stellvertretender Vorsitzender</em></p><p><em><strong>Bitte beachten: </strong>Dies ist eine Pressemitteilung des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Würzburg, nicht des Bistums Würzburg.</em></p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-73863</guid><pubDate>Fri, 03 Jul 2026 12:00:00 +0200</pubDate><title>Stellungnahme des Bistums Würzburg</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/stellungnahme/</link><description>zur Piusbruderschaft</description><content:encoded><![CDATA[<p>„Am 1. Juli 2026 wurden in Ecône (Schweiz) vier Priester der Priesterbruderschaft St. Pius X. ohne päpstliches Mandat und gegen den ausdrücklichen Willen des Heiligen Vaters zu Bischöfen geweiht. Das Glaubensdikasterium hat die Exkommunikation der Bischöfe der Piusbruderschaft festgestellt. Außerdem gelten alle Geistlichen der Piusbruderschaft als Schismatiker. Das geht aus dem am 2. Juli 2026&nbsp;veröffentlichtem Dekret zur Exkommunikation und einer erklärenden Note des Glaubensdikasteriums hervor.</p><p>Auf dem Gebiet des Bistums Würzburg liegt das Priorat Hl. Judas Thaddäus der Piusbruderschaft in Kleinwallstadt.</p><p>Um Klarheit in Bezug auf den kirchenrechtlichen Status dieser Niederlassung und ihrer Anhänger herzustellen, wird auf das Dekret des Dikasteriums für die Glaubenslehre vom 2. Juli 2026 verwiesen:</p><p><a href="https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2026-07/piusbruderschaft-exkommunikation-schisma-dekret-vatikan-weihe.html?utm_source=newsletter&amp;utm_medium=email&amp;utm_campaign=NewsletterVN-DE" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2026-07/piusbruderschaft-exkommunikation-schisma-dekret-vatikan-weihe.html?utm_source=newsletter&amp;utm_medium=email&amp;utm_campaign=NewsletterVN-DE</a></p><p>Es ist insbesondere festzuhalten, dass die Spendung des Sakraments der Buße und die Assistenz bei der Eheschließung durch Priester der Piusbruderschaft ungültig sind. Die weiteren Sakramente sind illegitim.</p><p>Den Gläubigen wird dringend abgeraten, an Feiern der Piusbruderschaft teilzunehmen. Ansprechpartner für Messfeiern im Tridentinischen Ritus im Bistum Würzburg ist Pfarrer i.R. Richard Kleinschroth. Nähere Informationen zu den Messfeiern im Generalvikariat unter Telefon 0931/38610000.“</p>

]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-73857</guid><pubDate>Fri, 03 Jul 2026 10:33:54 +0200</pubDate><title>„Miteinander und aneinander wachsen“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/miteinander-und-aneinander-wachsen/</link><description>Predigt von Weihbischof Paul Reder bei der Pontifikalmesse für Gold- und Diamant-Ehejubilare am Donnerstag, 2. Juli 2026, im Würzburger Kiliansdom</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Jubelpaare,</p><p>liebe Schwestern und Brüder Christi,</p><p>Würzburg feiert Kiliani – und Sie mittendrin. Kiliani, für die einen ist das Festplatzrummel mit Riesenrad, Achterbahn und Festzelt, für die anderen heißt das Kiliansdom, Orgelmusik und Festmesse. Auf unterschiedliche Weise sind doch beide Kiliani geprägt von einer Gemeinsamkeit: von Begegnungen.</p><p>Auch Ihr gemeinsamer Weg begann genau damit: mit einer Begegnung. Vielleicht haben Sie sich im Zusammenhang mit Ihrem Jubiläum nochmal den Anfang in Erinnerung gerufen: den ersten Blickwechsel, das erste längere Gespräch, das erste Vorstellen bei den Eltern – immer stehen Begegnungen am Anfang… Und heute feiern wir gemeinsam, dass aus diesen ersten Begegnungen persönliche Zuwendung und gegenseitiges Vertrauen gewachsen sind und daraus dann mit Ihrer Trauung vor 50, 60 Jahren zu einem verbindlichen Weg der Liebe wurden, den Sie seither miteinander gehen. Diesen Weg über viele Jahrzehnte wollen wir heute dankbar vor Gott bringen. Ihr gemeinsamer Weg, ihre von Ihnen gestaltete Geschichte hat mit einem hörbaren Jawort begonnen, als Sie sich vor dem Traualtar in den Blick genommen haben. Einander Gehör schenken und einander in den Blick nehmen ist das erste Geheimnis der Liebe. Dazu gehören immer zwei.</p><p>In der Lesung aus dem biblischen Buch des Hoheliedes wurde diese Wichtigkeit besonders betont, Gehör zu finden und einander in den Blick zu nehmen: „Horch! Mein Geliebter! Siehe, er kommt!“ – und dann folgen lauter Bilder, die nach „frisch verliebt“ klingen. Alles ist Aufbruch, alles ist Frühling, alles positiv: „Die Blumen erscheinen im Land, die Zeit des Singens ist da.“ Vielleicht klingt das gar nicht nach einem Text für Paare mit 50 und mehr Jahren gemeinsamer Geschichte. Aber vielleicht geht es Ihnen wie einem Jubelpaar, das ich zum Gratulieren besucht habe, und beim Blick auf das Hochzeitsfoto von damals sagte der Jubilar: „Ja, damals waren wir noch frisch verliebt.“ Woraufhin seine Frau ergänzte: „Und jetzt sind wir eben alt verliebt.”</p><p>Denn wer sagt eigentlich, dass nur die Frühlingsliebe am Anfang mit ihren großen Emotionen echte Liebe ist? Wenn wir nur dafür ein Gehör haben und nur dem einen Blick schenken, was sich „frühlingshaft“ frisch verliebt anfühlt, dann verkennen wir, dass auch das Jahr aus dem Wechsel der Jahreszeiten seine ganze Fülle gewinnt. Vielleicht besteht das zweite Geheimnis der Liebe ja genau darin, die Veränderungen ihrer Erscheinungsformen anzunehmen, was die Ehejubilarin mit dem Wort ausgedrückt hat: „Jetzt sind wir eben alt verliebt.“ Auch diese „alte Liebe“ kann echt und innig sein, gerade weil sie sich gewandelt hat und anders geworden ist. Das Hohelied aus dem Alten Testament ist wohl eine kunstvoll zusammengestellte Sammlung von Liebesliedern. Und wie bei allen Liedern kann man nicht sagen: So und nur so muss ein Liebeslied sein. Wie im richtigen Leben kennen auch Liebeslieder die Gestimmtheit in Dur und in Moll, die Beschwingtheit und die Wehmut, den „Himmel voller Geigen“ und die kleine, einfache Melodie. Alles kann – wie auch die unterschiedlichen Phasen Ihrer Ehe – Ausdruck echter Liebe sein, gerade dann, wenn es nicht perfekt eingeübt wird, sondern ehrlich gelebt wird.</p><p>Das Hohelied ist ja kein Text über die Perfektion der Liebe, sondern über ihre erfahrbare Schönheit. Es ist ein Lied über Sehnsucht, über Freude, über Begegnung: „Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch!“ Und es klingt, als rufe einer den anderen mit diesen Worten in ein neues Leben hinein. Und das scheint mir ein drittes Geheimnis der Liebe zu sein: einander ins Leben zu rufen. Das kann tausend Gesichter haben: ein Lächeln am Morgen, ein miteinander geteilter, sorgenvoller Blick, eine Umarmung und ein Kuss, ein verständnisvolles Halten und Gehaltenwerden.</p><p>Im Evangelium hören wir von einem Menschen, der sich in ein neues Leben gerufen weiß und den nichts mehr zurückhält. Dabei hat sich Bartimäus zuvor die Seele aus dem Leib geschrien und ist von den anderen nur noch mehr an den Rand gedrängt worden. Bis zu diesem Zeitpunkt saß Bartimäus am Straßenrand und hatte vor allem ein Ziel: genügend Geld für seinen Lebensunterhalt zu erbetteln. Vielleicht hat er das auch von Jesus erhofft, als er hörte, dass Jesus mit einer Menschenmenge durch Jericho an ihm vorbeizieht, und er ruft: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“ Vermutlich gibt es auch in unserem Leben Zeiten, wo wir den Eindruck haben: Das Leben läuft an uns vorbei und wir sitzen eher am Rand. Solche Beziehungsphasen sind bitter: Zeiten, in denen wir uns nicht gesehen fühlen. Zeiten, in denen wir kein Gehör beim anderen finden. Zeiten, in denen wir blind sind für die Bedürfnisse des anderen.</p><p>Und dann brauchen wir diesen Bartimäus-Moment, der darin besteht, dass wir uns nicht mit dieser Situation abfinden. Bartimäus hilft nicht, andere Menschen anzuklagen oder die widrigen Umstände zu beklagen. Ihm hilft es, dass er Jesus das sagen darf, was er wirklich und am meisten braucht. Genau das bringt er in den Worten zum Ausdruck: „Rabbi, ich möchte wieder sehen können.“ Das heißt auch: Ich habe mich nicht aufgegeben. Ich sage, was ich auf dem Herzen habe. Es braucht mitunter viel Mut, sich selbst einem anderen mitzuteilen. Es braucht das Vertrauen, dass sich etwas ändert, wenn ich Gehör finde – bei Menschen und bei Gott. Und wie Jesus auf diesen Menschen zunächst reagiert, ist einer der schönsten und ermutigendsten Sätze des Evangeliums. Es heißt: „Jesus blieb stehen.“ Mitten im Trubel. Mitten auf dem Weg. Er bleibt stehen für einen Augenblick, auf einen Menschen, der ihn ruft.</p><p>Könnte es nicht das vierte Geheimnis einer echten Liebe sein? Stehen zu bleiben, um nicht aneinander vorbeizugehen oder aneinander vorbeizuleben. Innezuhalten, statt über das weiter, immer nur weiter, auch vor mancher Herausforderung zu flüchten.</p><p>Ich bin sicher, wir haben hier und heute viele unter uns, die in all den Ehejahren immer wieder auch füreinander stehen geblieben sind und füreinander eingestanden sind. Weil es Situationen gab, in denen Zuwendung, im Gespräch, einfach Zeit gebraucht hat. Weil manche Lösung Geduld gebraucht hat und länger dauerte als geplant. Weil Konflikte sich dadurch entschärfen, wenn wir lernen, uns mitzuteilen, Zeit zu nehmen, stehen zu bleiben.</p><p>Und diese Aufforderung, sich ehrlich selbst mitzuteilen, steckt hinter der Frage Jesu: „Was willst du, dass ich dir tue?“ Jesus sieht ja, dass Bartimäus blind ist, aber jetzt gibt er seinem Leben und seinen Bedürfnissen Raum. Den Raum, den ihm die anderen verwehrt haben, wenn sie ihn anherrschten, still zu sein.</p><p>Ich glaube, das ist das fünfte Geheimnis einer Liebe, die sagt: „Jetzt sind wir eben alt verliebt.“ Echte Beziehung lebt nicht davon, dass man glaubt, den anderen ohnehin in- und auswendig zu kennen. Sondern dass der andere Raum bekommt, sich mitzuteilen, und die Ermutigung, sich selbst zur Sprache zu bringen.</p><p>Wenn es dann heißt, der Glaube hat Bartimäus geheilt, und er ist Jesus nachgefolgt, dann scheint es mir nicht falsch, in diesem „neu sehen lernen“ ein schönes Bild für die Liebe zu sehen, die es immer wieder neu zu entdecken gilt. Den anderen immer wieder neu zu sehen. Nicht nur mit den Augen von früher, mit den Augen der „Frühlingsliebe“, sondern mit den Augen von heute. Und vielleicht entdecken Sie dabei Dinge neu, die Sie längst zu kennen glaubten – und die doch niemals alt sind: ein Humor, der gewachsen ist, eine Geduld, die gereift ist, eine Treue, die sich bewährt hat.</p><p>Liebe Jubelpaare, Sie sind heute nicht hier, weil Ihre Ehe ein perfekter Weg war, sondern weil Sie den Weg, wie er war, bis heute miteinander gegangen sind. Weil Sie miteinander auf dem Weg geblieben sind, Tag für Tag, Schritt für Schritt.</p><p>Ich wünsche Ihnen, nicht nur heute an Kiliani, dass Sie Tag für Tag in diesen Geheimnissen der Liebe weiter miteinander und aneinander wachsen: im Gehör schenken und gegenseitig in den Blick nehmen, in der Bereitschaft, die Veränderungen der Liebe anzunehmen, in der Fürsorge, einander ins Leben zu rufen, in der Sensibilität, stehen zu bleiben, um nicht aneinander vorbeizuleben, und in der Beherztheit, dem anderen Raum zu geben, um sich ehrlich mitzuteilen.</p><p>Herzlichen Glückwunsch also zu Ihrem besonderen Ehejubiläum und weiterhin Mut für den künftigen Weg, Gottes Segen und Glück auf!</p>]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Weihbischof Paul Reder</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-72688</guid><pubDate>Sat, 23 May 2026 15:05:19 +0200</pubDate><title>„Priesterweihe ist Übereignung des Lebens an Gott“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/priesterweihe-ist-uebereignung-des-lebens-an-gott/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung zur Priesterweihe von Diakon Benedict Dürrlauf am 23. Mai im Würzburger Kiliansdom</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Mitbrüder im diakonalen, priesterlichen und bischöflichen Dienst,<br />liebe Schwestern und Brüder im Herrn,<br />liebe Familie und Freunde,<br />lieber Benedict,</p><p><strong>Die vielen Wohnungen zwingen zur Suche</strong></p><p>„Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich. Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ Mit diesen Worten tröstet der scheidende Jesus seine Jünger. Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen – eine wichtige Feststellung. Denn viele Wege führen zu Gott und nicht nur ein Weg. Aber den eigenen Weg zu finden ist anstrengend. Da darf man sich nicht verwirren und nicht abschrecken lassen. Die Suche nach dem eigenen Weg fordert einen persönlich heraus mit der Frage: Wo will ich mich einrichten? Wo könnte ich innerlich ankommen? Es gibt viele Wohnungen, aber am Ende doch nur die eine Bleibe. Das haben auch Sie, lieber Benedict, erfahren.</p><p><strong>Viele Wohnungen, aber nur eine Bleibe</strong></p><p>Räumlich wie geistlich sind Sie mehrfach umgezogen: vom Realschulabschluss bis zum technischen Zeichner, vom Fachabitur bis zum Maschinenbau, von der Religionspädagogik bis zum Priesterseminar. Ich habe immer bewundert, wie konsequent Sie dabei Ihren Weg gegangen sind und sich selbst treu geblieben sind. Ich freue mich sehr, dass Sie nun diese Bleibe gefunden haben und dass Sie angekommen sind, bei sich und bei Gott. Das ist etwas sehr Kostbares. Sicher, es werden noch viele Umzüge folgen. Aber die eine Bleibe kann Ihnen Zuflucht und Schutz bieten bei allen weiteren Veränderungen, die da kommen werden. Das wünsche ich Ihnen jedenfalls von Herzen.</p><p><strong>Suchen und zugleich vom Herrn gefunden werden</strong></p><p>„Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“ Vielleicht haben Sie genau das bei Ihrer inneren Suche gespürt. Ich suche, aber in meiner Suche werde ich auch geführt. Wenn ich ernsthaft den Herrn suche, dann kommt er mir entgegen. Im Suchen werde ich von Ihm gefunden. Durch die Suche hält er die Sehnsucht nach Größerem in mir wach, bis diese Sehnsucht in Ihm ihre Erfüllung findet.</p><p><strong>Wer gefunden hat, kann auch anderen Wegweiser werden</strong></p><p>Eine wichtige Erfahrung im Leben. Wer das persönlich erlebt und durchlebt hat, der kann auch anderen ein guter Begleiter sein bei ihrer Suche, um bei Gott und seiner Kirche anzukommen. Was wäre heute wichtiger als genau diese Kompetenz. Denn eine selbstverständliche kirchliche Beheimatung, wie meine Generation sie noch kannte, fehlt heute vielen unserer Mitsuchenden. Umso besser also, wenn jemand Pfadfinderqualitäten mitbringt und Zeugnis geben kann von der eigenen Suche. Das tun Sie schon jetzt, kreativ und beherzt, wie beispielsweise im „Night-Prayer“ in der Bad Kissinger Jakobus-Kirche. Ein Angebot, Menschen den Weg zu Christus zu ebnen. Schön!</p><p><strong>Jesus ist der Weg und die Wahrheit und das Leben</strong></p><p>Nicht umsonst bekennt Jesus, er sei „der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Der Glaube sagt uns (fides quae): Er ist der Weg, weil man zu Gott nur durch Gott kommt. Die Glaubenserfahrung aber lehrt uns (fides qua): Man muss diesen Weg auch gehen. Man muss diesem Sohn Gottes auch nachfolgen. Nur dann wird man die Wahrheit erkennen, für die er gekommen ist, um für sie Zeugnis abzulegen (Joh 18,37). Und nur dann wird man selbst erfahren, dass in ihm das Leben ist. Das ist Ihnen persönlich sehr wichtig. Deshalb haben Sie sich sehr eindrücklich das Primizwort gewählt: „Christus ist das Leben.“</p><p><strong>Die Sakramente als Begegnung mit der Wahrheit Jesu Christi</strong></p><p>Erst in der Begegnung mit dem Herrn lernt man seine Wahrheit kennen. Diese Christusbegegnung erfahren wir vor allem in den Sakramenten der Kirche, die zu spenden die Priester gesandt sind:<br />• Die Wahrheit, von ihm geliebt zu sein. Das feiern wir in der Spendung der Taufe, in der Christus der eigentliche Taufspender ist, dem wir als Priester dienen.<br />• Die Wahrheit, dass nur der sein Leben gewinnt, der bereit ist, es mit diesem Christus und für diesen Christus zu verlieren. Das feiern wir in jeder heiligen Messe, in der Jesus als der wahre Hohepriester sein Leben hingibt, um die Macht des Todes zu brechen und den Menschen zu befreien vom Kreisen um sich selbst.<br />• Die Wahrheit, dass es eine Vergebung der Sünden gibt. Ein heilender Zuspruch, der Leben rettet. Christus vermittelt ihn seiner Kirche durch den Dienst seiner Priester, die in der Beichte die Lossprechung geben dürfen.<br />• Die Wahrheit, dass wir in Krankheit und Leid nicht von Gott verlassen sind. Gerade in Krankheit und Leid sind wir diesem Herrn unendlich nah, der unsere Leiden auf sich genommen hat, um sie zu neuem Leben zu wandeln. Das feiern wir in jeder Krankensalbung, in der Christus selbst der Salbende ist.</p><p><strong>Nur der Zeuge für Christus zählt, nicht die Worte</strong></p><p>Jesus ist der Herr seiner Kirche und der eigentlich Handelnde. Durch das Wirken der Priester will er in seiner Kirche gegenwärtig sein. Ihm müssen wir uns täglich neu zur Verfügung stellen mit unserem Leben. Dass er in uns wirkt, muss man an uns ablesen können. Ein hoher Anspruch. Das Evangelium erzählt, dass selbst die Jünger Jesus hinterfragten und er sich ihren Zweifeln und Fragen stellen musste. Zu Recht. Wer mit einem solchen Anspruch auftritt, der muss liefern. Das ist auch Jesus klar.</p><p><strong>Priesterweihe als Lebensübergabe an den Herrn</strong></p><p>Klar ist aber auch, dass Worte allein nicht genügen. Im Leben muss durchscheinen, dass Gott selbst die innere Mitte ist. Genau deshalb feiern wir ja heute auch Weihe. Priesterweihe als Übereignung des ganzen Lebens an Gott. Mögen die Menschen auch zweifeln, so bleibt am Ende nur das, was Jesus seinen Zweiflern erwidert: „Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke!“ Die Werke entscheiden, nicht die vielen Worte, von denen wir in der Kirche ohnehin viel zu viele haben. Am Ende zählt nur der Zeuge. Insofern ruft auch Ihnen, lieber Benedict, heute die Kirche zu: „Zeig uns den Vater; das genügt uns.“ Ja, zeigen Sie den Menschen den Vater, indem Sie Christus zu Ihrer Lebensmitte machen. Dann wird alles gut.</p><p><strong>Die größeren Werke wirkt der Herr durch seine Priester</strong></p><p>„Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater.“ So verheißt Christus am Vorabend seines Heimgangs zum Vater. Mit den „größeren Werken“ meint Jesus nicht, dass seinem Heilswerk noch etwas hinzugefügt werden könnte. Wenn er von den „größeren Werken“ spricht, meint er vielmehr, dass das, was er ein für alle Mal getan hat, weiterwirkt durch die Zeiten bis zu seiner Wiederkunft. Da er als Mittler und Fürsprecher seit seiner Himmelfahrt zur Rechten des Vaters sitzt, wollen wir ihn nun in der Allerheiligenlitanei zusammen mit Maria und allen Heiligen darum bitten, dass er Ihr priesterliches Wirken begleiten möge. Dann dürfen wir uns freuen auf die „größeren Werke“, die er durch Sie und mit Ihnen vollbringen wird. Ja, er selbst vollende so das gute Werk, das er in Ihnen begonnen hat. Amen.<br />&nbsp;</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-72472</guid><pubDate>Thu, 14 May 2026 11:00:00 +0200</pubDate><title>„Jetzt mutig seinem Reich den Weg in diese Welt bahnen“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/jetzt-mutig-seinem-reich-den-weg-in-diese-welt-bahnen/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung beim Eröffnungsgottesdienst des 104. Deutschen Katholikentags in Würzburg am Donnerstag, 14. Mai 2026, auf dem Residenzplatz in Würzburg</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><p><strong>Christus als mutmachender Hoffnungsanker zum Aufstehen</strong></p><p>„Hab Mut, steh auf!“ Dieses Wort der Aufmunterung ist die kürzeste Zusammenfassung dessen, was die Kirche an „Christi Himmelfahrt“ feiert. Der auferstandene Christus wird in den Himmel aufgenommen. Mit ihm haben wir einen „festen Anker im Himmel“, wie es der Hebräerbrief sagt (Hebr 6,19). Der erhöhte Christus ist unser Hoffnungsanker. An ihm können wir uns festhalten, wenn der Boden unter unseren Füßen wankt. An ihm können wir uns hinaufziehen, wenn wir unterzugehen drohen in den Nöten und Ängsten unseres Lebens. Welch ein Zuspruch und welch eine Freude!</p><p><strong>Hab Mut, steh auf und bete</strong></p><p>Hab Mut, steh auf und bete! Denn mit Christus, der zur Rechten des Vaters erhöht ist, haben wir einen Mittler, der bei Gott für uns eintritt. Seit Christi Himmelfahrt verhallt kein Gebet mehr ungehört. Der erhöhte Christus ruft uns zu: Lasst die Hände nicht sinken! Werdet nicht müde wie die Jünger im Garten Gethsemani, die keine Kraft mehr hatten zum Beten. Sondern habt Mut und steht auf, um die Hände zum Himmel zu erheben. Denn durch das Gebet bleibt eure Gottesbeziehung lebendig und ihr werdet mit Christus den Weg ins Leben finden.</p><p><strong>Hab Mut, steh auf gegen alle, die sich in Allmachtsphantasien ergehen</strong></p><p>Hab Mut, steh auf und wage den Widerspruch gegen alle Machthaber dieser Welt, die sich in Allmachtsphantasien ergehen und diese auch noch religiös verbrämen. Mit der Himmelfahrt Christi ist sein Reich aufgerichtet. „Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde“, sagt der scheidende Christus (Mt 28,18). Sein Reich hat auf ewig Bestand. Es ist aber nicht von dieser Welt (Joh 18,36). Es gründet auch nicht auf Gewalt, noch auf Unterdrückung oder Einschüchterung. Seine Botschaft vom Gottesreich darf deshalb auch nicht missbraucht werden zur Rechtfertigung irdischer Herrschaftsansprüche. Denn die Erfahrung zeigt: Überall da, wo Menschen für sich in Anspruch nahmen, im Namen Gottes zu herrschen, haben sie Blutbäder angerichtet. Der erhöhte Christus ist der wahre Weltenherrscher. Er ruft dazu auf, einander zu dienen und nicht einander zu unterdrücken. Er preist diejenigen selig, die Frieden stiften, und nicht die Kriegstreiber (Mt 5,9).</p><p><strong>Hab Mut, steh auf für die Würde des Lebens</strong></p><p>Hab Mut, steh auf! Denn Christus ist für dich aufgestanden, um ins „Leben in Fülle“ einzugehen (Joh 10,10), das er uns allen verheißen hat. Das Leben des Menschen bekommt durch die Himmelfahrt Christi ein Ziel und eine Perspektive. Hoffnungsfroh wissen wir, dass wir zur Gemeinschaft mit Gott gerufen sind. Daraus gewinnen wir eine Würde, die uns niemand nehmen kann. Eine Würde, für die wir als Christen aber auch eintreten müssen, die wir verteidigen müssen gegen alle, die keine Hoffnung haben. Weil wir zur Gemeinschaft mit Gott berufen sind und zu einer Erfüllung, die die Welt nicht geben kann, setzen wir uns ein für den Schutz des ungeborenen Lebens. Wir setzen uns auch ein für die Würde der kranken Menschen, der Menschen mit Behinderung und der sterbenden Menschen. Denn wir leben nicht einfach ab, sondern an Christi Himmelfahrt leben wir auf. Wir vertrauen fest darauf, dass unser Schöpfer auch unser Erlöser ist. Er nimmt uns auf in seine Herrlichkeit, in die er uns vorausgegangen ist.&nbsp;</p><p><strong>Hab Mut, steh auf und nutze die Zeit</strong></p><p>Hab Mut, steh auf und verliere keine Zeit! Denn den Männern von Galiläa wird am Himmelfahrtstag gesagt, dass dieser Jesus, der in den Himmel aufgenommen wurde, ebenso wiederkommen wird (Apg 1,11). Bis zu seiner Wiederkunft gilt es, die Zeit zu nutzen, die er uns als Kirche schenkt. „Kauft also die Zeit aus“, ruft uns der Apostel Paulus im Epheserbrief zu (Eph 5,16). Schiebt nicht alles auf die lange Bank. Vertagt nicht das, was heute getan werden kann. Vertröstet einander nicht auf den Nimmerleinstag. Denn der Herr wird „an einem Tag kommen, an dem ihr es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die ihr nicht kennt“ (Mt 24,50). Deshalb sollen wir nicht untätig in den Himmel schauen wie die Männer von Galiläa, sondern jetzt mutig seinem Reich den Weg in diese Welt bahnen.<br />Hab Mut, steh auf und ringe um die Durchdringung der Offenbarung</p><p>Mit der Himmelfahrt Christi ist die Offenbarung des irdischen Jesus abgeschlossen. Nun beginnt die Zeit der Pfingstnovene. In den neun Tagen bis Pfingsten bittet die Kirche darum, das Geheimnis Jesu Christi tiefer zu verstehen. Die Kirche bittet um den Heiligen Geist. Er hilft seiner Kirche, das Christus-Geheimnis immer umfassender auszuloten. Aber dazu muss man Mut haben und aufstehen. Wir müssen mutig aufstehen, um die Fragen zu stellen, die jetzt nach einer Antwort aus dem Glauben harren. Die Frage nach der Stellung der Frau im Blick auf die kirchlichen Ämter. Die Frage nach einem tieferen Verständnis dessen, was Synodalität heißt. Die Frage, wie Missbrauch von Macht verhindert werden kann. Vergessen wir nicht: All diese Probleme kamen nur auf den Tisch, weil Menschen mutig aufgestanden sind und ihre Geschichten im Raum der Kirche erzählt haben. Und weil andere zum Glück den Mut hatten, diese Geschichten auch anzuhören und in Respekt vor diesen Menschen aufzustehen. Ja, der Herr „erleuchte die Augen unseres Herzens, damit wir verstehen, zu welcher Hoffnung wir durch ihn berufen sind und welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt“ (Eph 1,18).</p><p><strong>Hab Mut, steh auf, denn der Herr reicht uns das Brot vom Himmel zum Weitergehen</strong></p><p>Hab Mut, steh auf! Denn der Herr ist erhöht über Raum und Zeit. In den Sakramenten bleibt er seiner Kirche allezeit gegenwärtig. „Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich“ (1Kön 19,7). So sagte einst der Engel zum Propheten Elija, der an seiner Sendung zu zerbrechen drohte. Auch jetzt reicht uns der Herr das Himmelsbrot als Speise zum ewigen Leben. Er ruft auch uns immer neu zu, wenn wir müde werden: Habt Mut, steht auf und esst! Dann wird der Weg für euch nicht zu weit sein. Nein, in der Kraft dieser Speise werdet auch ihr euch dem Herrn immer enger verbinden. In der Kraft dieser Speise werdet auch ihr den Mut haben, die Welt zu verändern. In der Kraft dieser Speise geht auch ihr ein in das ewige Leben. Habt also Mut, steht auf und esst! Denn der Herr ist uns in der Eucharistie nahe, heute und alle Tage, bis zum Ende der Welt. Halleluja!<br />&nbsp;</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71819</guid><pubDate>Sun, 12 Apr 2026 15:00:00 +0200</pubDate><title>„Der auferstandene Herr begleite Ihren gemeinsamen Neuanfang“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/der-auferstandene-herr-begleite-ihren-gemeinsamen-neuanfang/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung zur Begrüßung der Karmelitinnen des Konvents Welden im Würzburger Karmelitinnenkloster Himmelspforten am Sonntag, 12. April, in der Klosterkirche Himmelspforten</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Karmelitinnen aus Kloster Himmelspforten und aus Kloster Welden,</p><p>liebe Mitbrüder im geistlichen Amt, lieber Pater Ulrich,</p><p>liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><p><strong>Der Friedensgruß des Auferstandenen</strong></p><p>„Friede sei mit euch!“ So lautet das erste Wort, das der auferstandene Herr an seine verängstigten Jünger richtet. Wie schön und wie tröstlich! Denn in der Tat, die Jünger waren im Unfrieden. Nach dem Kreuzestod ihres Herrn fragten sie ratlos nach dem Sinn der vergangenen Jahre. Zudem fürchteten sie sich vor den peinlichen Nachfragen und Nachstellungen der Menschen. In ihrer Hilflosigkeit hatten sie gemacht, was man immer macht, wenn man sich unsicher ist. Man verbarrikadiert sich und zieht sich zurück aus der Öffentlichkeit, um bloß niemandem zu begegnen und niemanden Rechenschaft ablegen zu müssen über die eigene Situation. Angst macht das Herz eng. Aber der Friedensgruß Christi macht das Herz wieder weit.</p><p>Der Friede sei mit euch! Das sei heute auch mein Gruß, liebe Schwestern beider Konvente von Himmelspforten und Welden, hier vereint in Kloster Himmelspforten. Bewegte Jahre, Monate und Wochen liegen hinter ihnen. Zeiten der Ratlosigkeit, des Nachdenkens, des Entscheidens und des Abschiednehmens. Und jetzt auch des Neuankommens. Möge der Friede des auferstandenen Herrn in Ihre Herzen einziehen und möge sein Friede Sie auf ihren nächsten Schritten begleiten.</p><p><strong>Jesus kommt bei verschlossenen Türen</strong></p><p>Vergessen wir nicht: Jesus kommt zu den Jüngern durch verschlossene Türen. Seit er durch seine Auferstehung das Tor zur Hölle zertrümmert hat, wie es die Osterikone der Ostkirche so sinnenfällig darstellt, gibt es keine Tür mehr, die ihn aufhalten könnte. Nein, der Herr tritt auch durch unsere verschlossenen Türen ein zu uns.</p><p>Teresa von Jesus beschreibt in der siebten Wohnung ihrer Seelenburg eindrücklich, wie Christus immer neu in die Seele eintritt, so wie am Ostertag. Er kommt gleichsam durch verschlossene Türen, um uns seinen Frieden zuzusprechen und uns mit sich zu vereinen (M 7.2). In der Einheit mit dem auferstandenen Christus zeigt sich dann, dass überall da, wo im Leben Türen zugehen, sich andere Türen öffnen, ja dass der Herr gewissermaßen verschlossene Türen mühelos durchschreitet.</p><p>Das haben Sie erfahren bei Ihrem Abschied aus Welden. Nachdem sich dort die Türen geschlossen hatten, wurden Ihnen hier Türen neu aufgetan. Eine österliche Erfahrung, denn der Herr geht uns immer neu durch verschlossene Türen voraus, um uns Wege ins Leben zu ebnen. Eine wichtige Erfahrung jetzt auch für die kommenden Wochen und Monate. Es gibt keine Tür, die für Christus verschlossen bliebe. Mit ihm gilt es, immer neu das scheinbar Unmögliche zu wagen.</p><p><strong>Versöhnung mit der eigenen Verletzungsgeschichte in den Wunden des Herrn </strong></p><p>„Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen“, heißt es im Evangelium. Der Friede, den der Herr zuspricht, gewinnt seine Kraft aus der Betrachtung der Wundmale des Herrn. Denn erst die Wundmale des Herrn machen deutlich, dass er den Tod wirklich durchlitten hat. Auferstehung gibt es eben nicht am Leiden vorbei oder indem man das Leiden ausblendet. Auferstehung ist nur dann tröstlich, wenn deutlich wird, dass die Wunden ihre todbringende Kraft verloren haben. Das hat Thomas sehr genau verstanden. Und nur deshalb besteht Thomas so hartnäckig darauf, diese Wunden des Herrn wirklich ertasten zu dürfen. Er will sich in den Wunden des Herrn bergen können mit all seinen eigenen Verwundungen und all seinem eigenen Schmerz.</p><p>Eine wichtige Osterbotschaft auch für Ihren Neuanfang hier in Würzburg, liebe Schwestern aus Welden. Ein Abschied nach fast hundert Jahren tut weh. Auch wenn die Gründe für den Abschied rational nachvollziehbar sind, bleiben doch viele Fragen und manche Wunden, die schmerzen. War es anders nicht möglich? Wieso ist es soweit gekommen? Hätte man die Weichen früher und anders stellen müssen? Müßige Fragen, wir wissen es. Aber doch mitunter auch quälende Fragen. Zum Gelingen eines Neuanfang ist es sicher hilfreich, wenn man sich mit seinen Wunden und seinen Verletzungsgeschichten in den verklärten Wundmalen des Herrn bergen kann wie Thomas. Und das wünsche ich Ihnen von Herzen.</p><p><strong>Die verklärten Wundmale des Herrn als die eigentlichen Himmelspforten</strong></p><p>Für Teresa von Jesus war klar, dass der Glaube nie abgehoben und weltlos ist. Wahrer Glaube, das war ihre feste Überzeugung, muss immer Maß nehmen an der Menschheit Jesu. Und allen, die Bedenken haben, sich das Leiden des Herrn im Gebet zu vergegenwärtigen, empfiehlt Teresa: „Wenn also unsere Natur oder Kränklichkeit es nicht immer verträgt, an die Passion zu denken, weil das schmerzlich ist, wer verbietet uns denn, bei ihm als Auferstandenen zu sein, wo wir ihn im Sakrament doch so nahe haben. (…) Hier (…) ist er ohne Not, voll Herrlichkeit, unser Gefährte im Allerheiligsten Sakrament, in dessen Macht es anscheinend nicht lag, sich auch nur einen Augenblick von uns zu entfernen, die einen stärkend, die anderen ermutigend, bevor er in den Himmel auffuhr.“ (V 22.6)</p><p>Als Freund und Führer habe er ihr noch in allen Nöten beigestanden, bekennt Teresa voll Dankbarkeit. Im Blick auf die verklärten Wundmale des Herrn gilt daher: „Ich habe deutlich gesehen, dass wir durch diese Tür eintreten müssen, wenn wir wollen, dass uns seine erhabene Majestät große Geheimnisse zeigt“ (V 22.6). In der Tat, die verklärten Wundmale des Herrn sind die eigentlichen Himmelspforten. Es sind die Tore, durch die wir mit Christus ins ewige Leben eingehen. Es sind die Tore, die niemals mehr geschlossen werden und uns immer offenstehen, gerade auch hier im Kloster mit dem wunderbaren Namen „Himmelspforten“. Das gilt es immer neu zu bedenken.</p><p>Nicht sehen und doch voller Glauben das neue Experiment wagen</p><p>„Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Das ist die Lehre aus der Begegnung des Auferstandenen mit dem ungläubigen Thomas. Nur weil er so unnachgiebig nachgefragt hatte, können wir aufgrund seiner Erfahrung glauben. Nicht sehen und doch glauben. Das gilt jetzt auch für das neuartige Experiment, das Sie hier beginnen. Zwei Konvente nebeneinander auf einem Klosterareal: das Kloster im Kloster. Dabei war es schon immer das Privileg der Ordenschristinnen und -christen, Pioniere zu sein und Neuland unter den Pflug zu nehmen. Teresa von Jesus, die Madre Fundadora, wusste ein Lied davon zu singen. Immer wieder hat sie Neues begonnen, ohne noch zu wissen, woher die Geldmittel, die Vollmachten oder die Unterstützer kommen könnten. „Beginnen ist alles!“ (F 13.4) war ihre Devise. In der Kunst der Improvisation war sie unschlagbar.</p><p>Dabei war ihr klar, dass die höchste Vollkommenheit nicht in Visionen und Verzückungen besteht, sondern darin, sich dem Willen Gottes gleichförmig zu machen, so dass „wir nichts erkennen, was er will, ohne es auch von ganzem Herzen zu wollen, und das Köstliche genauso freudig anzunehmen wie das Bittere, sofern wir nur erkennen, dass Seine Majestät es will.“ (F 5.10). Denn im Blick auf seinen Willen wird auch das Bittere süß. Das wünsche ich Ihnen jedenfalls von Herzen bei der Bewältigung aller Schwierigkeiten, die sich in der Zeit des Sich-Eingewöhnens und des inneren Ankommens und des Sich-Neu-Findens hier in Würzburg einstellen.</p><p>Im Rückblick auf ihre Gründungserfolge betete Teresa verwundert: „O mein Gott, was habe ich bei diesen Dingen nicht alles an Geschäften erlebt, die unmöglich erschienen, und wie leicht fiel es Seiner Majestät, sie zu richten, und was für eine Beschämung ist es für mich, dass ich im Blick auf das, was ich erlebt habe, nicht besser bin als ich bin! (…) Alles hat der Herr aus so unzulänglichen Ansätzen gefügt, dass nur Seine Majestät es zu der Höhe erheben konnte, auf der es sich jetzt befindet. Es sei für immer gepriesen.“ (F 13.7) Möge Teresa geben, dass Sie sich einmal ihrem Lob auf die göttliche Vorsehung werden anschließen können, wenn das große Werk gelingt, das Sie im Blick auf Ihn nun unternommen haben.</p><p><strong>Der Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit</strong></p><p>Der weiße Sonntag wird begangen auch als Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit. Was könnte passender sein zum heutigen Anlass? Ich danke den Karmelitinnen von Himmelspforten für ihre Barmherzigkeit, ihre Großherzigkeit und nicht zuletzt ihren Mut, den Mitschwestern aus Welden eine neue Zukunft zu eröffnen auf dem angestammten Klostergelände. In Barmherzigkeit gilt es jetzt, als zwei Konvente miteinander und aneinander zu wachsen. Und vielleicht auch einmal zusammenzuwachsen.</p><p>Ich danke aber auch den Karmelitinnen von Welden, die zusammen mit allen Kontemplativen um die Barmherzigkeit Gottes flehen. Die Barmherzigkeit ist zu erbitten für die Priester und ihren Dienst, die Teresa von Jesus so sehr am Herzen lagen. Aber die Barmherzigkeit Gottes ist auch zu erbitten inmitten einer Welt, die „in Flammen steht“ wie Teresa einst sagte. (CE 1.5) Ja, es brennt allenthalben lichterloh, so ist unser Eindruck. Da tut das Gebet not und es tut gut zu wissen, dass die Schar der Beter in Himmelspforten sich vergrößert hat. Denn die Betenden sind es, die den Himmel offenhalten, welchen die Bosheit der Menschen scheinbar verdunkelt und verschließt. Danke für diesen wichtigen Dienst in unseren Tagen.</p><p><strong>Die beiden Theklas als Schutzpatroninnen der Neugründung in Würzburg</strong></p><p>Ein letzter Gedanke. Liebe Karmelitinnen, Sie sind vom Theklaberg in Welden zu uns in die Zellerau gekommen. Der Theklaberg war der Heiligen Thekla von Ikonium geweiht. Der Überlieferung nach war sie die Schülerin des Apostels Paulus. Die alte Kirche hat sie hoch verehrt als Glaubenszeugin, gottgeweihte Jungfrau und Protomärtyrerin, also die erste Frau, die das Martyrium erlitten hat.</p><p>Hier in Würzburg verehren wir auch eine Heilige Thekla. Es ist die Thekla von Kitzingen. Sie kam mit dem Heiligen Bonifatius nach Franken. Als Benediktinerin diente sie erst unter der Äbtissin Lioba in Tauberbischofsheim bis sie dann als Äbtissin des Frauenklosters Kitzingen eingesetzt wurde. Dort wirkte sie segensreich und half aufgrund ihrer Erfahrung mit, das Kloster im Sinne des Heiligen Benedikt zu reformieren und weitere Gründungen voranzutreiben wie die Gründung des Klosters in Ochsenfurt. Eine ausgewiesene Fachfrau und Patronin also für Klostergründungen aller Art und Umzüge von Konventen. Das Seniorenstift der Caritas in Würzburg trägt ihr zu Ehren den Namen „Theklaheim“.</p><p>Mögen sich also die beiden heiligen Theklas als Schwestern im Geiste in ihrer Fürbitte vereinen. Mögen sie ihre schützenden Hände über Ihren Neuanfang hier breiten und Ihr gemeinsames Wirken an vereinter Stätte segnen. Als Bischof heiße ich Sie heute mit all unseren Gläubigen im Bistum Würzburg sehr herzlich willkommen!</p><p>Der auferstandene Herr begleite Ihren gemeinsamen Neuanfang und stärke Sie in der österlichen Hoffnung auf einen guten Beginn. Amen. Halleluja!</p>

]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Würzburg</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71790</guid><pubDate>Fri, 10 Apr 2026 20:30:00 +0200</pubDate><title>„Frieden, der alle Vernunft übersteigt“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/frieden-der-alle-vernunft-uebersteigt/</link><description>Predigt von Weihbischof em. Ulrich Boom beim Gebet für den Frieden der Gemeinschaft Sant&#039;Egidio am Freitag, 10. April, in der Würzburger Marienkapelle,</description><content:encoded><![CDATA[<p class="Dachzeile1">Der Gruß des Auferstandenen Herrn ist: „Friede sei mit euch!“ (Joh 20,19).</p><p>Er wiederholt es, vielleicht sogar mehrmals, weil die Jünger vergessen haben, dass der Herr ihnen seinen Frieden immer wieder geschenkt hat, in Wort und Tat.</p><p>„Friede sei mit euch!“ ist auch der Gruß eines Bischofs zu Beginn einer jeden liturgischen Feier, weil da, wo wir uns im Namen Gottes um Jesus Christus versammeln, Friede sein soll. Gewiss kein Friede wie die Welt ihn gibt (vgl. Joh 14,27), brüchig, zerbrechlich, erzwungen durch Macht, sondern ein Friede, der gegründet ist in das Vertrauen in Gott und letztlich auch in das Vertrauen der Menschen.</p><p>„Friede sei mit euch allen!“ Das war das erste Wort des neugewählten Papstes Leo XIV., des Bischofs von Rom. Nicht von ungefähr.</p><p>Wir können uns leicht wiederfinden in dem Kreis der Jünger im Abendmahlssaal von Jerusalem. Angst macht alles dicht, verschließt alle Türen, wenn die Hoffnungen zerschlagen und die Wege in die Zukunft unbegehbar sind, oder wenigstens scheinen.</p><p>Wenn wir in die Welt schauen mit all ihren Problemen und Konflikten, den politischen Auseinandersetzungen mit Gewalt und den daraus folgenden kriegerischen Zerstörungen, ist die Hoffnung auf Frieden, wenn es sie dann überhaupt gibt, ein kleines Pflänzchen. Der Friede liegt in weiter Ferne, es gibt bestenfalls einen Stillstand der Waffen und eine trügerische Waffenruhe. Wo der Finger während der Gespräche „am Abzug“ bleibt, wird weiter nachgerüstet und aufgerüstet.</p><p>„Friede auf Erden den Menschen guten Willens“ (Lk 2,14), die Botschaft vom Himmel verdunstet auf der Erde in der Hitze und im Feuer der Gefechte. Der Geist der Menschen, wenigstens einiger, ist zwar willig, aber das Fleisch ist schwach. Damit rückt ein allumfassender Friede immer weiter weg.</p><p>Die Jünger erkennen ihren Herrn an seinen Wunden. Der Auferstandene bleibt auch der Verwundete. Seine Wunden heilen nicht, aber sie bringen dem Heil, der in Jesu Friedensspuren geht, ihm nachfolgt. „Empfangt den Heiligen Geist“ (Joh 20,22). Es gilt, Jesu Geist einzuatmen, aus dem Geist Jesu zu leben. „Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen, denen ihr sie behaltet, sind die behalten“ (Joh 20,23). Das Wort des Herrn verweist nicht zuerst auf das Sakrament der Versöhnung, sondern darauf, dass wir zum inneren und äußeren Frieden gelangen, wenn wir vergeben und um Vergebung bitten. Wo das geschieht, wird mitten im Alltag die Versöhnung zum Sakrament, zum Zeichen der Nähe Gottes.</p><p>Gleich beim Gebet im Blick auf die Kriegsgebiete in der Welt zünden wir, wie in der Osternacht, Kerzen an, Friedenslichter. Hier in der Kirche, im Raum des Glaubens, mögen sie weiterbrennen, leuchten. Draußen in den Stürmen der Zeit muss dieses Licht geschützt werden. So schwierig es sein mag, wir müssen den Frieden Jesu, des gekreuzigten und auferstandenen Herrn, in die Welt hinaustragen.</p><p>Der Patriarch von Jerusalem, Pierbattista Kardinal Pizzaballa, hat recht, wenn er in seiner Botschaft zu Ostern 2026 sagt:</p><p><em>„Die Auferstehung ist eine Weise des Ungehorsams, eines Ungehorsams gegen Misstrauen und Angst! &nbsp;Wir aber wollen dem Herrn gehorchen und dem Licht! Denn wir feiern ja das Licht, das zu uns kommt und nicht die Finsternis.</em></p><p><em>Wir lassen nicht zu, dass die Finsternis in unseren Herzen die Oberhand gewinnt, nicht in unserer Denkweise und unserer Haltung, nicht in unseren Beziehungen. Auch nicht heute, trotz allem. Und das ist mein Zuspruch für alle: Es gibt keine Situation, die für immer dazu verurteilt, im Schatten des Todes zu sein. Nichts! Sogar hier.“</em></p><p>Bitten wir den Herrn, dass wir seinen Frieden in unseren Herzen tragen und diesen Frieden, der alle Vernunft übersteigt, um uns weitergeben und verbreiten. Überall. Amen. Halleluja!</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Weihbischof Ulrich Boom</category><category>Würzburg</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71622</guid><pubDate>Sun, 05 Apr 2026 11:00:00 +0200</pubDate><title>„Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/er-wird-alle-traenen-von-ihren-augen-abwischen/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung am Ostersonntag, 5. April 2026, im Würzburger Kiliansdom
</description><content:encoded><![CDATA[<p>Die Tränen sollen in diesem Jahr mein Leitfaden sein für die Betrachtung von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu.<br /><br /><strong>OSTERSONNTAG: DIE TRÄNEN DER MARIA VON MAGDALA<br />Maria von Magdala und die Tränen der Trauer</strong></p><p>Eine berührende Szene zeigt uns das Osterevangelium: Alle anderen Jünger sind weg, nur Maria von Magdala bleibt allein am Grab zurück und weint. Sie wird zum Inbegriff für die Einsamkeit der Trauernden aller Zeiten. Die Tränen der Trauer verweisen auf eine dreifache Traurigkeit: die Traurigkeit über den Verlust eines lieben Menschen; die Traurigkeit im Sinne von Selbstmitleid, dass mir das passieren muss; und die Traurigkeit darüber, dass der Tod überhaupt immer wieder in das Leben einbricht und uns die Endlichkeit unseres Lebens so schmerzlich vor Augen führt.</p><p><strong>Immerhin: Maria kann wenigsten weinen – das ist ein Geschenk</strong></p><p>Immerhin: Maria kann wenigstens weinen. Wir wissen aus Erfahrung, dass es gar nicht so einfach ist, weinen zu können. Wann habe ich das letzte Mal überhaupt geweint? Papst Franziskus fragte die Priester regelmäßig: Könnt ihr weinen? Weint ihr mit den Menschen? Oder lasst ihr das alles nur an euch abprallen in der professionellen Distanz…? Weinenkönnen zeigt, dass man etwas an sich ganz tief heranlässt. Oft dauert es geraume Zeit, bis die Tränen kommen. Gerade Menschen, die unerwartet von einem Schicksalsschlag getroffen wurden, können anfänglich nichts empfinden, der Schock sitzt noch zu tief, das Herz ist wie versteinert, auch ein Selbstschutz im Moment der Überforderung.</p><p><strong>Die Gabe der Tränen (donum lacrymarum)</strong></p><p>Die geistliche Tradition spricht von der „Gabe der Tränen“. Die Gabe der Tränen zeichnet das empfindsame Herz aus, das fühlt, mitfühlen und sich einfühlen kann, das sich verletzlich macht und seine eigene Verletzlichkeit zeigt. Es gab in der Alten Liturgie sogar ein eigenes Messformular, in dem eigens um die „Gabe der Tränen“ gebetet wurde. Es macht deutlich, dass Weinenkönnen nicht selbstverständlich ist, sondern ein Geschenk des Heiligen Geistes ist. Der Geist, von dem die Pfingstsequenz sagt: „Wärme du, was kalt und hart, löse, was in sich erstarrt“, er löst das verhärtete Herz, macht es empfänglich und empfindsam.</p><p><strong>„Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben“</strong></p><p>„Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.“ Wie alle Trauernden will Maria den Verstorbenen zurückhaben. Ihr Herr wurde weggenommen und sie sucht ihn. Auch als Jesus sie fragt, warum sie denn weine, bittet sie ihn, ihr den Leichnam zu geben, um einen Ort für ihre Trauer zu haben. Das ist ein wichtiger Zug in unserer Ostererzählung. Denn die Trauer braucht einen Ort und sie braucht Zeit, um wirklich Abschied nehmen zu können. Neues kann erst da werden, wo man Altes im wahrsten Sinne des Wortes begraben und verabschiedet hat.<br />Diese Trauer kann man nicht beschleunigen, man muss sie leben. Die einen wollen die Trauer überspringen, die anderen versuchen, sie zu verdrängen, wieder andere wollen sich ablenken. Immer ist es der Versuch, sich dieser bedrängenden Wirklichkeit nicht zu stellen und dem tiefen Einschnitt, den der Tod in unserem Leben bedeutet, auszuweichen.</p><p><strong>Alfred Delp und das Durchleben bis zum Brunnenpunkt</strong></p><p>In seiner eigenen Trauer im Gefängnis, wenige Wochen vor seiner Hinrichtung, schrieb Alfred Delp am 17. November 1944: „Das Eine ist mir so klar und spürbar wie selten: Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen, wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt … für alles Schöne und auch für das Elend. In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.“<br />Monatelang hatte er gerungen mit seinem Schicksal, mit der drohenden Todesstrafe, hatte er nach Auswegen gesucht, bis ihm aufging: Gott ist auch in diesem meinem persönlichen Trauerprozess gegenwärtig, er ist nicht weg, sondern da. Man muss die Trauer durchleben, bis man zu diesem Brunnenpunkt gelangt, wie Alfred Delp es nennt, der Brunnenpunkt, an dem die Dinge aus Gott kommen. Erst dann kann sich im Menschen etwas lösen, erst dann kann etwas neu werden im Leben.</p><p><strong>Am Brunnenpunkt werden aus Tränen der Trauer Tränen der Freude</strong></p><p>„Brunnenpunkt“ ist dabei ein schöner Begriff, denn er macht deutlich, dass aus der Tiefe wieder die Wasser fließen. Aus den Tränen der Trauer werden am tiefsten Punkt, am „Brunnenpunkt“, Tränen der Freude. Das ist dann das „lebendige Wasser“, das im Inneren des Menschen zur Quelle wird, die in das ewige Leben fließt, wie es Jesus der Samariterin am Jakobsbrunnen verheißen hatte (Johannes 4,14).</p><p><strong>Die Anrede mit dem eigenen Namen als Brunnenpunkt</strong></p><p>Im Osterevangelium ist dieser Brunnenpunkt ganz klar markiert: Es ist der Moment, in dem Jesus „Maria“ sagt und Maria sich umwendet, um noch einmal genau hinzusehen, und dann in dem vermeintlichen Gärtner Jesus erkennt. Da lichtet sich der Schleier der Tränen, der ihren Blick verhüllte. Und sie sieht wieder klar – die Tränen der Freude treten an die Stelle der Tränen der Trauer.<br />Das Leben wird wieder hell, denn mit dem auferstandenen Herrn kann sie sich ins Leben zurücktasten. Sie kreist nicht mehr um sich und ihre Trauer, sondern hat Christus als lebendige Mitte ihres Lebens zurückgewonnen.</p><p><strong>Nicht festhalten, sondern Zeugnis geben</strong></p><p><em>„Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ </em>So sagt der Auferstandene. Maria will den auferstandenen Herrn festhalten – das ist nur zu verständlich. Aber man kann das neue Leben weder machen noch festhalten. Ostern ist eine Gnade und ein Geschenk. Aber was man kann, das wird Maria aufgetragen: Man kann anderen Zeugnis geben von dem eigenen Weg der Trauer, der einen aus dem Land des Todes in das Land des Lebens zurückgeführt hat, weil Jesus uns dorthin vorausgeht.<br />Und genau darum geht es an Ostern. Mit Maria trägt uns der auferstandene Herr auf, unseren Schwestern und Brüdern von unseren Auferstehungserfahrungen zu berichten. Davon zu erzählen, wie er uns die Tränen der Trauer abgewischt hat, so dass die Tränen der Freude fließen konnten und können. Das wünsche ich mir und uns allen an diesem Osterfest. Denn am Ende steht die Verheißung des letzten Buches der Bibel, der Offenbarung des Johannes, in dem es heißt:</p><p><em>„Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.“</em><br />In diesem Sinn wünsche ich Ihnen allen gesegnete und trostreiche Ostertage. Denn der Herr, der Maria von Magdalas Tränen gewandelt hat, wird auch unsere Tränen abwischen.&nbsp;<br />Amen. Halleluja!</p>

]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Kar- und Ostertage</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71621</guid><pubDate>Fri, 03 Apr 2026 16:00:00 +0200</pubDate><title>„Genau darum geht es am Karfreitag“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/genau-darum-geht-es-am-karfreitag/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung am Karfreitag, 3. April 2026, im Würzburger Kiliansdom</description><content:encoded><![CDATA[<p class="Dachzeile1">Die Tränen sollen in diesem Jahr mein Leitfaden sein für die Betrachtung von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu.</p><p><strong>KARFREITAG: DIE TRÄNEN DES PETRUS, DER FRAUEN UND DER MUTTER JESU</strong></p><p><strong>Jesus und die Tränen des Petrus – Tränen der Reue</strong></p><p><em>Petrus aber erwiderte: Mensch, ich weiß nicht, wovon du sprichst. Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn. Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an. Und Petrus erinnerte sich an das Wort, das der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich. (Lukas 22,60-62) </em></p><p>Petrus weint – alles lief ab wie im Film, Petrus war ganz gefangen in der Situation, er konnte gar nicht anders, als zu leugnen, diesen Mann aus Nazareth zu kennen. Erst als der Hahn kräht und der Blick Jesu ihn trifft, lichtet sich der Nebel, sieht er klar, wird ihm schlagartig bewusst, dass er sich verfehlt hat gegen die Liebe zu seinem Herrn – „und er weinte bitterlich“, heißt es. Es sind Tränen der Reue – alles hatte sich in seinem Innersten verkrampft im Kampfmodus, plötzlich löst sich die ganze innere Anspannung, er fühlt den Schmerz, lässt ihn an sich heran, und die Spannung entlädt sich im Weinen, wir kennen das… Ein Moment der Gnade, wenn das möglich wird. Wenn man einsieht, dass man schuldig geworden ist. Wenn man zu der eigenen Schuld stehen kann und wenn man das an sich wirklich heranlässt und fühlt als Schmerz. Eine Reue nicht aus Angst vor Strafe, sondern eine Reue aus dem Wissen, hinter der Gottesliebe zurückgeblieben zu sein und diese Gottesliebe wieder erlangen zu wollen. Das macht nach kirchlicher Lehre die „vollkommene Reue“ aus. Die Tränen des Petrus werden zum Beweis dieser tief empfundenen Reue, die dem Sünder den Weg ebnet zu echter Umkehr und dem Willen, seinem Leben eine neue Wendung zu geben und den Herrn wieder lieben zu wollen. Die alte Kirche sprach in diesem Zusammenhang gar von der „Tränentaufe“, weil die Tränen zum eigentlichen Taufwasser werden, in dem der alte Mensch reingewaschen wird von der Schuld und der neue Mensch mit Christus aufersteht. Die Tränen der Reue sind die schönste Frucht des Karfreitags und ein Lichtblick in allem Dunkel dieses schwarzen Freitags.</p><p><strong>Jesus und die weinenden Frauen – Rührselige Tränen</strong></p><p><em>Es folgte ihm eine große Menge des Volkes, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Töchter Jerusalems, weint nicht über mich; weint vielmehr über euch und eure Kinder! (Lukas 23,27-28)</em></p><p>Die achte Station des Kreuzwegs trägt den Titel: „Jesus begegnet den weinenden Frauen“. Die Frauen weinen über den Delinquenten, der seinen letzten Weg antritt zur Hinrichtung und sein Kreuz selber trägt. Ihre Klage hat aber etwas Ritualisiertes, Aufgesetztes – das unterscheidet ihre Tränen von denen des Petrus.</p><p>Man sieht zwar das Leid der Anderen, man nimmt es wahr oder nimmt es gar auf mit dem Smartphone, aber es bleibt eben das Leid der Anderen, das einen im Letzten nicht wirklich berührt. Geht es uns nicht oft genauso angesichts der zahllosen Bilder des Leids, die uns tagtäglich erreichen? Man beklagt das Leid, aber geht gleich wieder zur Tagesordnung über – eine Nachricht unter vielen an einem Tag – was kann man schon machen? Die Reaktion Jesu fällt harsch aus. Er kann das Weinen der Frauen nicht anerkennen, vielmehr sagt er mehr als deutlich, sie sollten lieber über sich selbst weinen und ihre Kinder. Denn wo das Leid des Gerechten nur zum Rührstück wird, aber nicht wirklich zur Umkehr mahnt und daran erinnert, dass diese Welt komplett aus den Fugen geraten ist, da werden die Tränen falsch, eben nur rührselig, ohne wirklich anzurühren, ohne dazu zu führen, dass man auch nur einen Finger rührt, um die Welt zu verändern. Für Jesus sind das nur „Krokodilstränen“, die nichts bewirken. Solche Tränen braucht‘s am Karfreitag wirklich nicht.</p><p><strong>Jesus und die Tränen der Mutter Jesu – Tränen des Mitleids</strong></p><p><em>Und ein anderes Schriftwort sagt: Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben. (Johannes 19,37)</em></p><p>So hieß es eben zum Schluss der Passionsgeschichte. „Auf den blicken, den sie durchbohrt haben“ – das gilt vor allem für Maria. Man kann sich die Szene bildlich vorstellen: das furchtbare Werk der Henker ist getan, der Leichnam abgenommen, alle anderen sind weg. Maria ist mit ihrem toten Sohn allein. Und erst jetzt bricht der ganze Schmerz auf und mit dem Schmerz fließen die Tränen, wird das ganze Elend überhaupt erst ermessen. Auf Golgotha wird die Gottesmutter zur „Schmerzensreichen Mutter“, zur „Königin der Märtyrer“, zur „Regina Martyrum“. Unter dem Kreuz geht so die Weissagung des greisen Simeon in Erfüllung (Lukas 2,35): „deine Seele wird ein Schwert durchdringen“. Keiner kann so mit Jesus mitfühlen wie seine Mutter. Maria steht dabei für alle Mütter dieser Welt, die über den Tod ihrer Kinder trauern, die das Schlimmste erleben, nämlich das eigene Kind zu Grabe tragen zu müssen. Wir sehen es täglich, aber wir erleben es auch leider allzu oft im eigenen Umfeld. Marias Tränen sind echte Tränen des Mitleids, denn mit dem Kind stirbt immer auch ein Teil des eigenen Lebens. Im Hymnus „Christi Mutter stand mit Schmerzen“ („Stabat Mater“) zum „Fest der Schmerzen Mariens“ heißt es in der vorletzten Strophe so eindrücklich:</p><p><em>„Drücke deines Sohnes Wunden, wie du selber sie empfunden, heilge Mutter in mein Herz.</em></p><p><em>Dass ich weiß was ich verschuldet, was dein Sohn für mich erduldet, gib mir teil an deinem Schmerz.“</em></p><p>Mit Maria geht es darum, kein mitleidiges, sondern ein mitleidendes Herz zu bekommen. Denn nur wer den Schmerz über den Tod des Sohnes Gottes fühlt, ermisst auch den Preis, den Gott gezahlt hat für uns – und kehrt um. Und genau darum geht es am heutigen Karfreitag!</p>



]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Kar- und Ostertage</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71614</guid><pubDate>Thu, 02 Apr 2026 20:30:00 +0200</pubDate><title>„Mache seine Tränen für uns zur Quelle des Heils“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/mache-seine-traenen-fuer-uns-zur-quelle-des-heils/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung am Gründonnerstag, 2. April 2026, im Würzburger Kiliansdom </description><content:encoded><![CDATA[<p class="MsoNoSpacing">Die Tränen sollen in diesem Jahr mein Leitfaden sein für die Betrachtung von Leiden, Tod und Auferstehung Jesu.</p><h3>Gründonnerstag und die Tränen Jesu</h3><p><em><strong>Tränen der Enttäuschung</strong></em><br /><strong>Jesus weint darüber, dass Jerusalem seine Stunde nicht erkannt hat</strong></p><p>„Als Jesus näherkam und die Stadt sah, weinte er über sie und sagte: Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was Frieden bringt. Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen.“ (Lukas 19,41-42)</p><p>So sagt Jesus nach dem Einzug in Jerusalem. Die Heilige Stadt ist nicht bereit, den Messias, den Heiligen, aufzunehmen, der ihr die ersehnte Rettung bringt, ganz im Gegenteil:</p><p>„Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind.“ (Lukas 13,31), klagt Jesus.</p><p>Die Tränen des Herrn über Jerusalem sind auch Tränen über die Kirche. Jahr für Jahr feiern wir die heiligen drei Tage. Aber sind wir auch innerlich dafür bereitet? Haben wir seine Stunde erkannt und uns auf unsere Stunde der Begegnung mit dem Messias vorbereitet? Hat uns dieser Messias was zu sagen? Erwarten wir noch etwas von ihm? Oder rührt uns das alles nicht weiter an?</p><p>Die Tränen Christi zu Beginn der heiligen drei Tage sind Tränen der Enttäuschung, dass es möglich ist, die ausgestreckte Hand Gottes einfach nicht zu sehen und sie nicht zu ergreifen. Der Hebräerbrief sagt in drastischen Worten, dass jeder, der den Glauben nicht ernst nimmt, den Herrn noch einmal kreuzigt und ihn neuerlich zum Gespött macht! (Hebräer 6,6) Jesu Tränen fordern uns auf, in heiligem Ernst in diese Tage einzutreten und das Geheimnis von Tod und Auferstehung so mitzuvollziehen, dass es unser Leben verändert.</p><p><em><strong>Die Tränen über den Unverstand der Jünger</strong></em><br /><strong>Die Jünger verstehen die Geste der Fußwaschung nicht</strong></p><p>Jesus liebt die Jünger „bis zur Vollendung“, so hieß es im Evangelium eindrücklich. Er will, dass sie vollendet wären als Jünger und damit ihrem Meister gleichkämen. Er will sie vollenden nicht nur durch Belehrung, sondern durch das gelebte Beispiel, weil Worte nur bewegen, aber das Beispiel wirklich zur Nachahmung einlädt, weil er als das „fleischgewordene Wort“ Worte zu Taten werden lässt. Deshalb wird der Meister zum Knecht und der Herr zum Diener. Denn groß ist nicht der, der über andere herrscht, sondern der, der anderen dient – das ist die Botschaft und das Beispiel Jesu. Aber die Jünger verstehen es nicht: Judas plant den Verrat, weil er mit einem solchen Messias nichts anfangen kann. Und Petrus will sich nicht waschen lassen, denn er ahnt, dass er dann auch zum Diener der anderen werden müsste, er, der „Felsenmann“ und Anführer der Jünger. Es ist zum Heulen. Jesus weint über den Unverstand der Jünger.</p><p>Es ist befremdend, wenn einen plötzlich keiner mehr versteht und wenn man wie gegen eine Mauer läuft. Kann das sein? Ist man sich tatsächlich so fremd geworden? Oder war man sich noch nie wirklich nah? Hat man sich so ineinander getäuscht? „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“, fragt Jesus. Die Jünger haben es offensichtlich nicht begriffen. Und wir?</p><p><em><strong>Tränen der Angst und des einsamen Ringens am Ölberg</strong></em><br /><strong>Jesus weint in der einsamen Nacht der Entscheidung</strong></p><p>Die Lebenshingabe im Zeichen der Fußwaschung hatte Jesus unterstrichen durch das Brechen des Brotes und den Segen über den Kelch. Durch beides gab er den Jüngern Anteil an seinem Leben. Was er zeichenhaft vorwegnahm, löst er ein beim Gebet am Ölberg. Die Jünger beten nicht mit, sie schlafen, verschlafen das Wichtigste: den betenden Meister zu sehen, der mit Gott, seinem Vater, ringt um diesen letzten Weg: „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst.“ (Markus 14,36) Tränen der Angst weint Jesus in dieser einsamsten aller Nächte, während die anderen teilnahmslos schlafen und ihn alleine lassen. Nächte, die auch wir wahrscheinlich alle kennen – eine letzte Einsamkeit, die einem niemand abnehmen kann, in der man eine Entscheidung fällen muss, die man nicht delegieren kann, in der man ringt um den eigenen Lebensweg und um die Treue zu sich und zu Gott, in der man einfach Angst hat vor dem, was kommt, und keiner ist da, der helfen könnte. Wenigstens ein Engel habe Christus in dieser Nacht getröstet, weiß zumindest der Evangelist Lukas zu berichten (Lukas 22,43). Die Tränen der einsamen Angst, sie münden für Jesus ein in die Haltung der Ergebenheit in Gott und des totalen Gottvertrauens. Finde ich mich in den Tränen der Angst und der Einsamkeit des Herrn wieder? Kann ich mit ihm fühlen? Weiß ich mich durch sein Gebet in jener Nacht getragen bei meinem eigenen Ringen, in meinen Ängsten und in meiner Einsamkeit?</p><p><em><strong>Sammle meine Tränen in einem Krug</strong></em><br /><strong>Die Tränen Christi als Quelle des Heils, die die Sünden abwäscht</strong></p><p>Tränen der Enttäuschung – Tränen des Unverstands – Tränen der einsamen Angst: Die Tränen Jesu zeigen uns den wahren Menschen Jesus. Er hat ein empfindsames Herz, das sich nicht unempfindlich macht und abhärtet. Er lässt den Schmerz zu, ohne sich zu betäuben. In ihm fühlt Gott selbst die Enttäuschung, den Unverstand und die Angst dieser Welt am eigenen Leib. So werden uns die Tränen Christi kostbar. „Sammle meine Tränen in einem Krug, zeichne sie auf in deinem Buch. Dann weichen die Feinde zurück an dem Tag, da ich rufe: Ich habe erkannt. Mir steht Gott zur Seite. Ich vertraue auf Gott, ich fürchte mich nicht.“ (Psalm 56,9-10) So betet der Psalmist in Psalm 56 – ein Wort, das die Väter der Kirche auf Christus selbst gedeutet haben. Er bittet Gott, seinen Vater, darum, dass seine Tränen nicht umsonst vergossen seien, er bittet darum, dass Gott seine Tränen aufbewahre, seines Leidens gedenke und all der Schmerzen, die er um unseretwillen erlitten hat. Denn diese Tränen haben die Kraft, die Sünde der Welt abzuwaschen und auch uns im Innersten rein zu machen. Ja, Herr, sammle die Tränen Christi in einem Krug, und mache seine Tränen für uns zur Quelle des Heils. Amen.</p>

]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Kar- und Ostertage</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71516</guid><pubDate>Mon, 30 Mar 2026 18:30:00 +0200</pubDate><title>„Der Herr gibt reichlich“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/der-herr-gibt-reichlich/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung bei der Chrisammesse am Montag, 30. März 2026, im Würzburger Kiliansdom </description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Amt,</p><p>liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><p><em><strong>Die Zerstörung der Heiligen Ampulle mit dem göttlichen Salböl 1793</strong></em></p><p>Man schrieb den 7. Oktober 1793. Es war auf dem Platz vor der Kathedrale von Reims, dem traditionellen Krönungsort der französischen Könige. Da zerbrach der Bürger Philippe Rühl als Vertreter des Elsass im französischen Nationalkonvent in einer öffentlichen Zeremonie die berühmte „Heilige Ampulle“.</p><p>Was aber war die „Heilige Ampulle“? Seit der Taufe und Krönung Chlodwigs zum ersten König der Franken wurde in der „Heiligen Ampulle“, der „sainte ampoule“, das Heilige Salböl aufbewahrt, das angeblich niemals versiegte und den Fortbestand des französischen Königtums auf ewig garantierte.</p><p><strong><em>Das symbolische Ende der verhassten Königsherrschaft</em></strong></p><p>Mit der Zerstörung der „Heiligen Ampulle“, des heiligen Ölgefäßes, sollte dem Königtum von Gottes Gnaden die Legitimationsgrundlage entzogen werden. Frenetischer Jubel begleitete diese Zeremonie, die das symbolische Ende der verhassten Königsherrschaft einläutete. Die Ampulle war zerbrochen. Das Öl verschüttet. Das Ende der Königssalbung war damit besiegelt.</p><p><em><strong>Die Fehlentwicklung der Königsherrschaft zum Absolutismus</strong></em></p><p>Fragt man sich, wie es so weit kommen konnte, so ist die Antwort nicht schwer: Es war die Fehlentwicklung des Königtums von Gottes Gnaden zur absolutistischen Herrschaft. Sakrales Amt wurde sakralisiertes Amt. Man fühlte sich unantastbar und unhinterfragbar. Die Herrschenden sahen sich niemanden mehr zur Rechenschaft verpflichtet und schalteten und walteten wie sie wollten. Durch den Missbrauch absoluter Macht hatte das Königtum den einstigen Nimbus eingebüßt, die Macht missbraucht und den Anspruch auf Herrschaft verwirkt.</p><p>Das Resultat sprach für sich: Das Land war durch endlose Kriege ausgeblutet, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Hungersnöte und grassierendes Elend waren die Folge. Vom mythischen „Königsheil“ keine Spur mehr.</p><p>Wenn schließlich ein einfacher Bürger die „Heilige Ampulle“ zerbrach, vollzog er mit dieser scheinbar sakrilegischen Handlung folgerichtig nur, was längst Wirklichkeit geworden war: Das Königtum hatte seine Würde verspielt, seinen Glanz verloren, das heilige Öl entehrt.</p><p><em><strong>Hierarchie meint nicht Absolutismus, sondern Rückbindung an Gott</strong></em></p><p>Aber wahre Hierarchie ist niemals Absolutismus. Wahre Hierarchie ist niemals losgelöst und menschlicher Willkür überlassen. Das Gegenteil ist der Fall: „Hier-Archie“ heißt „Heilige Herrschaft“, und diese liegt beim dreifaltigen Gott. Er sendet seinen Sohn in der Kraft des Heiligen Geistes in diese Welt: Nur so wird Jesus zum „Christus“, zum Messias, zum Gesalbten durch die Gnade Gottes, und er bleibt es ein Leben lang.</p><p>Der Evangelist Lukas zeigt uns immer neu den betenden Jesus, der vor jeder wichtigen Entscheidung seines Lebens betet und der damit immer neu in allem, was er tut, die Rückbindung zu Gott sucht. Er handelt nicht absolut, sondern lebt aus seiner Beziehung zum himmlischen Vater.</p><p>Deshalb sagt Jesus im Johannesevangelium so eindrücklich: „Amen, amen, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich aus tun, sondern nur, wenn er den Vater etwas tun sieht. Was nämlich der Vater tut, das tut in gleicher Weise der Sohn. Denn der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er tut, und noch größere Werke wird er ihm zeigen, sodass ihr staunen werdet“ (Joh 5,19-20).</p><p><em><strong>Weiheversprechen, sich täglich Christus enger zu verbinden</strong></em></p><p>Diese Rückbindung Christi an den Vater zeigt sich auch in unseren Weiheversprechen, die zu erneuern wir heute zusammengekommen sind.</p><p>Wir versprechen, uns täglich Christus, dem Herrn, enger zu verbinden, um so die eigene Sendung besser zu verstehen. Denn wir müssen bei all unserem Tun auf ihn schauen und uns an ihm orientieren.</p><p><em><strong>Weiheversprechen, das Gebet für die Kirche darzubringen</strong></em></p><p>Diese Rückbindung zeigt sich auch im Weiheversprechen, zu Männern des Gebets zu werden. Das Gebet zu Gott und das fürbittende Gebet für die Kirche und die Welt ist eine dreifache Rückbindung des Dienstes, der eben nie absolut gedacht ist, sondern immer nur in Verbindung mit Gott und mit einer konkreten Ortskirche und ihren Menschen, zu denen wir uns im Namen Gottes gesandt wissen.</p><p><em><strong>Weiheversprechen, den Armen und Notleidenden beizustehen</strong></em></p><p>Diese Rückbindung zeigt sich auch im Weiheversprechen, den Armen, Kranken, Heimatlosen und Notleidenden beizustehen. Denn unser Dienst muss Maß nehmen an Christus, der nicht gekommen ist, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen.</p><p><em><strong>Weiheversprechen, den Gehorsam zu erneuern</strong></em></p><p>Diese Rückbindung zeigt sich auch im Gehorsamsversprechen, das dem Bischof geleistet wird. Es soll dazu helfen, in der eigenen Sendung immer tiefer und reifer Christus nachzufolgen und nicht selbstherrlich zu handeln. Im Gehorsam geht es darum, frei zu werden und sich dorthin senden zu lassen, wo die Kirche unseren Dienst am dringendsten braucht und wo er gute Früchte erhoffen lässt.</p><p><em><strong>Weiheversprechen, die Mysterien in gläubiger Ehrfurcht zu feiern</strong></em></p><p>Diese Rückbindung zeigt sich im Versprechen, die Sakramente nicht absolut, also kraft eigener Vollmacht, zu feiern, nicht uns in den Vordergrund zu drängen, sondern immer nur „In Persona Christi“, um den Herrn selbst zu Wort kommen zu lassen und ihn wirksam werden zu lassen.</p><p>Wir feiern sie immer nur in der Kraft seines Heiligen Geistes, der unser menschliches Wirken salben muss, damit es uns mit Gott verbindet und zum wahrhaftigen Gottesdienst wird, der die Kraft zur Verwandlung in sich trägt.</p><p><em><strong>Weiheversprechen, den Dienst am Wort Gottes treu und gewissenhaft zu erfüllen</strong></em></p><p>Diese Rückbindung zeigt sich im Versprechen, das Wort Gottes zum Maßstab unseres Dienens zu machen. In der „Lectio Divina“, der geistlichen Schriftlesung, eröffne ich dem Herrn den Raum, um zu mir zu sprechen, damit sein Wort mir zu Herzen gehen kann und mich von innen her verwandelt.</p><p><em><strong>Der Heilige Geist muss immer neu erbeten werden</strong></em></p><p>Die Kirche hat keine „Heilige Ampulle“, die Menschen aufbewahren könnten und die ein sicherer und fester Besitz wäre – mit Bedacht! Nein, das heilige Öl bleibt ein unverfügbarer Schatz. Es muss uns immer neu geschenkt werden in der Ölweihe, in der wir um den Segen Gottes bitten für das Öl, das wir ihm heute darbringen.</p><p>Sicher, das heilige Öl geht dem Herrn nie aus. Aber wehe dem, der meint, es wäre sein fester Besitz und er müsste sich nicht immer neu dieses Öls als würdig erweisen.</p><p>Gott selbst hat in der Salbung für unseren Dienst sein gutes Werk in uns begonnen. Er vollende dieses gute Werk auch in uns, auf dass wir zum Wohlgeruch Christi werden kraft dieses wohlriechenden Öls. Ja, der Herr selbst gebe uns immer neu dieses Öl der Freude und begleite unser Wirken mit seinem reichen Segen. Das wünsche ich mir und Ihnen allen für unseren Dienst als Gesalbte und Geweihte.</p><p><em><strong>Der Dank für den Dienst</strong></em></p><p>Als Bischof danke ich Ihnen im eigenen Namen, aber auch im Namen unseres Weihbischofs und unseres Generalvikars von Herzen für Ihr Zeugnis und Ihren Dienst in unserem Bistum. Schön, dass wir heute so zahlreich zusammengekommen sind, um uns auf unseren heiligen Ursprung zu besinnen und den Segen für das heilige Öl herabzurufen. Diese Gemeinschaft stärkt uns und trägt uns, auch und gerade in diesen Tagen, in denen wir bisweilen den Eindruck haben, uns sei das Öl ausgegangen. Nein, der Herr gibt reichlich. An uns ist es, all unser Denken, Reden und Tun von ihm salben und heiligen zu lassen. Danke für alles Mittun, Mitringen und Mitdienen.</p><p>Erneuern wir nun unsere Gelübde „offen vor dem ganzen Volk“ (Ps 116,18).</p>]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71153</guid><pubDate>Fri, 13 Mar 2026 15:30:00 +0100</pubDate><title>„Danke, lieber Mitbruder Michael!“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/danke-lieber-mitbruder-michael/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung beim Requiem für Pfarrer Michael Erhart am Freitag, 13. März, in Zeil am Main</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Familie Erhart,</p><p>liebe Mitbrüder im diakonalen und priesterlichen Amt,</p><p>liebe Schwestern und Brüder im Herrn,</p><p><strong>Hingebungsvoller Dienst</strong></p><p>„Ich ermahne euch also, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst.“ (Röm 12,1) So schreibt der Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom. Vergessen wir nicht: Die Stadt Rom zählte zu den Lieblingsorten Pfarrer Michael Erharts. Über 70 Mal hat er sie besucht, weil sie für ihn wie ein innerer Kraftort war. Und was Paulus der römischen Gemeinde mitgibt, sich selbst als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen, das war ihm Auftrag. Er sah seine priesterliche Sendung darin, ganz bei den Menschen zu sein. Lasten und Bürden wollte er selbst tragen, anstatt sie anderen aufzuladen. Dabei ging er oft an die Grenzen dessen, was er tragen konnte. So manches Mal aber auch darüber hinaus. Die Ermahnung des Apostels Paulus jedoch, das Leben zum heiligen Gottesdienst für andere zu machen, war für ihn das Leitwort seines priesterlichen Wirkens.</p><p><strong>Wertschätzung und Förderung der Charismen</strong></p><p>Paulus fährt fort: „Wir haben unterschiedliche Gaben, je nach der uns verliehenen Gnade. Hat einer die Gabe prophetischer Rede, dann rede er in Übereinstimmung mit dem Glauben; hat einer die Gabe des Dienens, dann diene er. Wer zum Lehren berufen ist, der lehre; wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der tröste und ermahne. Wer gibt, gebe ohne Hintergedanken; wer Vorsteher ist, setze sich eifrig ein; wer Barmherzigkeit übt, der tue es freudig.“ (Röm 12,6)</p><p>Der Völkerapostel ermuntert dazu, die Fülle der Geistesgaben innerhalb der Gemeinde wahrzunehmen und zu fördern. Darin werden Sie Ihren Pfarrer sicher wiedererkennen. Es war Michael Erhart ein großes Anliegen, die Begabungen innerhalb der Gemeinde zu fördern. Er ermutigte die Menschen in seiner Pfarreiengemeinschaft, Verantwortung zu übernehmen und sich einzubringen. Gerne griff er ihre Ideen auf und förderte die Kreativität, indem er ihnen erlaubte, sich auszuprobieren und dadurch über sich hinauszuwachsen. So gelang es ihm, aus Begabungen wirkliche Charismen zu formen, die die Gemeinde und ihr Leben bereichern.</p><p><strong>Zusammenhalt im Team</strong></p><p>Und wenn der Apostel Paulus seiner Gemeinde zuruft: „Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, übertrefft euch in gegenseitiger Achtung!“ (Röm 12,10), dann werden die Mitglieder des Pastoralteams auch darin ihren Pfarrer Erhart wiedererkennen. Es war ihm wichtig, im Team alle gleichermaßen wahrzunehmen und wertzuschätzen, die Sekretariatskräfte genauso wie die pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Als „mein starkes Team“ hat er seine Mitarbeitenden bezeichnet. Ein schönes Lob, auch aus der Erfahrung heraus, dass dieses Team ihn seinerseits geschätzt hat. Und dass dieses Team ihn auch immer wieder aufgefangen hat, wenn er der Hilfe bedurfte.</p><p>Dafür möchte ich Ihnen heute meinen persönlichen Dank aussprechen, weil ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Schön, dass Sie, dass Ihr auf diese Weise bewiesen habt, dass die Beziehung belastbar und damit gut war. Denn das zeigt sich bekanntermaßen erst in der Krise. Und noch einen sehr bemerkenswerten Zug Eures Pfarrers habt Ihr herausgestellt: Er war nie neidisch. Er hat sich immer mitfreuen können, wenn jemand anderem etwas gelungen ist, ohne sich zurückgesetzt zu fühlen. Erfolge wurden miteinander gefeiert in der Wertschätzung des Reichtums der Gaben im Team. Einander zugetan sein in geschwisterlicher Liebe und sich in gegenseitiger Achtung zu übertreffen – Ihr habt es gelebt und erlebt. Das ist etwas sehr Kostbares.</p><p><strong>Teilen von Freud und Leid</strong></p><p>Seinen pastoralen Grundsatz fasst der Apostel Paulus in der Maxime zusammen: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden!“ (Röm 12,15)</p><p>Auch darin werden Sie Ihren Pfarrer Erhart wiedererkennen.</p><p><strong>Freut euch mit den Fröhlichen…</strong></p><p>Er konnte sich so richtig mit den Fröhlichen freuen. Ausdruck dessen waren die vielen Hochzeiten, oft bis zu 30 oder noch mehr im Jahr, die er mit Hingabe vor allem im Zeiler Käppele feierte. Seiner Mitfreude verlieh er dadurch Ausdruck, dass er in seinen Predigten versuchte, die Geschichte des Paares kreativ aufzugreifen. Er half den Liebenden mit einer bildhaften Sprache und mit einem Symbol, sich selbst und ihren Weg vor Gott besser zu verstehen und ihr Miteinander als Sakrament der Liebe Gottes zu begreifen. Nicht selten setzte er für die Hochzeiten sogar seine Urlaubspläne hintan, so wichtig war ihm dieser Dienst.</p><p>Sich freuen mit den Fröhlichen konnte er auch beim Theaterspielen mit seiner Laienspielgruppe in Sand. Michael Erhart war dabei beides: Regisseur und Schauspieler. Er verstand es, seine Schauspieltruppe für ein Stück zu begeistern und die Rollen so zuzuweisen, dass ein Ganzes daraus wurde. Ein weiterer Beweis seiner vielfältigen Begabungen.</p><p>Sich freuen mit den Fröhlichen konnte er aber auch beim Fasching. Er war eigentlich ein bekennender Faschingsmuffel. Aber er ließ es sich dennoch nicht nehmen, selbst in die Bütt zu steigen. Die Whistleblower im Team wussten gar zu berichten, dass er dafür beim großen Peter Kuhn in Schweinfurt einen Workshop besucht hatte. Wenn schon, denn schon. Dafür war er zu sehr Perfektionist. Aber der Erfolg sprach für sich. Den Tribut an den Fasching entrichtete er nicht zuletzt in seinen gereimten Faschingspredigten, die man noch heute im Netz gerne anschaut wegen ihres Gehalts und damit ihres Unterhaltungswertes.</p><p><strong>… und weint mit den Weinenden!</strong></p><p>Aber er konnte auch weinen mit den Weinenden. Davon zeugt sein Einsatz für die Notfallseelsorge. Er war sowohl im Dekanat Hammelburg wie bis zuletzt im Dekanat Haßberge Dekanatsbeauftragter für die Notfallseelsorge. Dieser Dienst war ihm persönlich sehr wichtig. Ja, es war ihm eine innere Grundhaltung, sich um Menschen in Notlagen zu kümmern und ihnen beizustehen. Die Einsätze ließ er sich oft zu Herzen gehen, wie Ihr berichtet habt. Auch wenn er nicht immer über das sprechen konnte, was er an Schwerem und Belastendem erlebt hatte, so ging er doch abends noch einmal in die Kirche, um eine Kerze anzuzünden. Was wir Menschen nicht tragen können, das dürfen wir dem Herrn anvertrauen und in seine Hände zurücklegen. So hat er es gesehen und so hat er es gelebt.</p><p><strong>Demütige Dienstbereitschaft</strong></p><p>„Seid untereinander eines Sinnes; strebt nicht hoch hinaus, sondern bleibt demütig!“ (Röm 12,16) So haben Sie Ihren Pfarrer erlebt. Er war am Gelingen des Ganzen interessiert. Dafür konnte er auch zurückstehen. Bei Festen half er selbstverständlich mit, die Bänke aufzuschlagen. Beim Pfarrfest war sein Platz an der Spülmaschine. Er war sich für nichts zu schade. Er musste nicht dauernd im Vordergrund stehen, sondern konnte auch die einfachen Tätigkeiten im Hintergrund verrichten, die es nun mal braucht, wenn Großes gelingen soll.</p><p><strong>Vertrautheit mit der Wirklichkeit des Todes</strong></p><p>Vom Tod hat Michael Erhart oft gesprochen. Er war mit der Wirklichkeit des Todes vertraut, wohl auch durch seine Einsätze in der Notfallseelsorge und nicht zuletzt durch die Erfahrung eigener Schwäche. Aber er war von seinem ganzen Wesen her ein österlicher Mensch. Das zeigte sich bei den Gottesdiensten im Zeiler Käppele, wenn er es genoss, am Abend durch die offene Tür ins lichte, weite Tal hinausschauen zu können. Das zeigte sich aber auch in seinem Wunsch, bei seinem Requiem möge die liturgische Farbe Weiß getragen werden als Zeichen der Auferstehungshoffnung, die er anderen so oft vermittelt hat.</p><p>Nun hat der Tod ihn ereilt. Viel zu früh und viel zu schnell, so dass wir es alle noch immer nicht so richtig begreifen können. Als Primizwort hatte er sich einen Vers aus Psalm 18 gewählt: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“.</p><p>Möge sein Namenspatron und der Patron dieser Kirche, der heilige Erzengel Michael, ihm helfen, die letzte Mauer, die Mauer des Todes zu überspringen hinein in die lichtvolle Gegenwart der Liebe Gottes, in die einzugehen wir alle gerufen sind seit Christi Tod und Auferstehung.</p><p>„Who wants to live forever“ – „Wer will ewig leben“, das war sein Lieblingslied der Band Queen. Er wünschte sich, dass dieses Lied einmal gespielt würde bei seiner Beisetzung. Diesen Wunsch wollen wir ihm heute erfüllen. Singt doch das Lied davon, dass ewiges Leben nicht unendlich langes Leben ist. Ewiges Leben ist vielmehr der erfüllte Augenblick. Nicht die Quantität zählt, sondern die Qualität. Das tröstet auch uns im Hinblick auf seinen viel zu frühen Tod. Wenn wir nun dieses Lied hören, wollen wir seiner gedenken und im Gedenken ihm danken für all das, was er für die Menschen im Bistum Würzburg getan hat. Danke, lieber Mitbruder Michael!</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-71108</guid><pubDate>Thu, 12 Mar 2026 13:30:00 +0100</pubDate><title>„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/die-kraft-des-guten-werks-ist-die-beharrlichkeit/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung am 12. März 2026 anlässlich des 450. Jubiläums der Grundsteinlegung des Juliusspitals in der Kirche Sankt Kilian des Würzburger Juliusspitals</description><content:encoded><![CDATA[<p>Sehr geehrte Herren des Oberpflegamtes,</p><p>sehr geehrter Herr Innenminister,</p><p>sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Juliusspitals,</p><p>oder einfach liebe „Spitäler“,</p><p>liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><p><strong>Der Wahlspruch Julius Echters</strong></p><p>„Virtus boni operis perseverantia est“ – „Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. So lautete der Überlieferung nach der bischöfliche Wahlspruch Julius Echters. Eine kraftvolle Devise, die Julius Echter bei all seinen Unternehmungen leitete – immerhin wirkte er 44 Jahre als Fürstbischof! Vieles, was er in die Hand nahm, hat bis heute Bestand: die Neugründung der Universität, die Verstärkung der Festung mit der Echter-Bastion und das Juliusspital, dessen Grundsteinlegung auf den Tag genau vor 450 Jahren wir heute feiern. Eine beeindruckende Bilanz, die nur wenige aufweisen können.</p><p>Hatte Echter sich einmal etwas in den Kopf gesetzt, dann verfolgte er sein selbstgestecktes Ziel mit der ihm eigenen Beharrlichkeit als einer Tugend, die den Katholiken in der Zeit der Gegenreformation besonders abverlangt wurde. Beeindruckend noch heute, wie Petrus Canisius als angehender Jesuit in großen Lettern in sein Schulheft schrieb: „PERSEVERA“ – „Halt durch!“</p><p>Ausdauer brauchte es und einen langen Atem, um nach den Wirren der Reformation als katholische Kirche wieder Tritt zu fassen und sich neu aufzustellen.</p><p><strong>Beharrlichkeit in der Verfolgung einer Vision</strong></p><p>„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Beharrlich verfolgte Julius Echter eine Verbesserung der städtischen Armenfürsorge. Sie litt seiner Ansicht nach unter drei Fehlentwicklungen, die zu korrigieren waren.</p><p>Erstens war die Gruppe der Begünstigten zu weiten. Gegen das Ansässigkeitsprinzip, wonach nur verdiente Bürger in den Genuss der Armenfürsorge kommen konnten, drängte der Oberhirte darauf, dass auch Fremde und Durchreisende versorgt werden müssten.</p><p>Zweitens bemängelte er, dass die bürgerlichen Armenspitäler sich im Laufe der Zeit zu Pfründneranstalten gewandelt hatten. Das bedeutete, dass man sich in die Spitäler einkaufen musste. Insofern wurden gerade nicht mehr die Armen versorgt, sondern die, die finanziell in der Lage waren, sich einen Platz zu sichern. Diesem Klientelwesen musste ein Riegel vorgeschoben werden.</p><p>Drittens fehlte es erwiesenermaßen in den städtischen Einrichtungen an einer qualifizierten medizinischen Versorgung, da man keine Notwendigkeit gesehen hatte, „ainen besundern medicum“ zu beschäftigen. Auch hier schwebte dem Fürstbischof als „obristen pfleger und versorger der armen“ vor, die medizinische Versorgung in die Hände von Fachleuten zu legen.</p><p>Und überhaupt: am besten wäre es, alle städtischen Einrichtungen unter bischöflicher Leitung mit der Errichtung eines Oberpflegamtes zusammenzuführen. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass die ebenso visionären wie weitreichenden Pläne des Landes- und Stadtherrn nicht gerade auf offene Ohren stießen. Auch wenn Julius Echter in einer jahrelangen Auseinandersetzung mit dem Rat der Stadt nicht alle seine Vorstellungen einer Armenfürsorge durchsetzen konnte, so schuf er doch mit dem Juliusspital eine Mustereinrichtung, die seinen Ansprüchen genügte und mit der er für Jahrhunderte Maßstäbe setzte. Sein außergewöhnlich großes Spital war eine Multifunktionsanstalt – oder im heutigen Pflegesprech eine „Komplexeinrichtung“ –, die Altenpflegeheim, Krankenhaus, Waisenhaus und Pilgerherberge unter einem Dach miteinander vereinte.</p><p>Die Diskussion der damaligen Zeit über die Frage, was gute Pflege ausmacht und wer sie sich leisten kann, hat nichts von ihrer Dringlichkeit verloren. Wer hier im Blick auf die momentane Entwicklung der Krankenhauslandschaft und in der Altenpflege nicht untergehen möchte, weiß, dass es auch heute der Echterschen Beharrlichkeit bedarf, um die nötigen Änderungen der Rahmenbedingungen anzumahnen und auf Dauer auch durchzusetzen.</p><p><strong>Beharrlichkeit in der Durchsetzungskraft gegen Widerstände</strong></p><p>„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Der Beharrlichkeit bedurfte es auch in der Auseinandersetzung mit dem Domkapitel. Der größte Widerstand kommt bekanntlich immer von innen und nie von außen. So auch in diesem Fall. Den hohen Herren des Domkapitels grauste es beim Gedanken an die hochfliegenden Pläne des Bischofs. Sie boten argumentativ alles auf, um das Unternehmen zu stoppen.</p><p>Als erstes schauten sie natürlich auf die Finanzen. Wer um Himmels willen sollte das bezahlen? Wer für die enormen Baukosten aufkommen? Sie ahnten schon Ungemach auf sich zukommen. Zweitens müsse der Fürstbischof doch bedenken, dass im Kriegs- oder Verteidigungsfalle der Feind sich des mächtigen Spitals bedienen könne als Bastion gegen die Stadt, war doch die Anlage des Spitals außerhalb der Stadtmauern geplant. Und drittens sei die halbe Stadt nicht groß genug, um alle „gemeinden Bettler“ aufzunehmen. Warum sich an einem solchen Projekt überheben?</p><p>Wer den guten Julius Echter kennt, weiß, dass alle Gegenargumente nicht verfingen. Das Spital kam. Und blechen musste das Domkapitel auch, da half alles nichts. Beharrlich trieb der Bischof seine Pläne voran. Immerhin war das Juliusspital zu seiner Zeit nicht nur eine Einrichtung der Wohlfahrtspflege, sondern vor dem Bau der Neumannschen Residenz zugleich der städtische Repräsentationsbau des Fürstbischofs. Davon zeugen bis heute der Fürstenbau und die Kilianskirche als Herzstück des Gebäudeensembles. Echter lehrt uns: Eine große Idee allein reicht eben nicht. Zur Vision muss die Tatkraft hinzutreten.</p><p>Beharrlichkeit braucht es auch hier, denn gute Gründe gegen die Armenfürsorge gab es zu allen Zeiten. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Echter aber war ein Mann der Tat.</p><p><strong>Beharrlichkeit in der materiellen Absicherung für die Zukunft</strong></p><p>„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Das gilt auch für die Errichtung und Ausstattung der zugehörigen Stiftung. Julius Echter stiftete einen großen Teil seines Privatvermögens für den Unterhalt des Spitals und machte dadurch deutlich, wie ernst es ihm war mit diesem Projekt und wie viel er sich das persönlich kosten ließ. Aber wie so oft zog er auch die Vermögensmasse aufgelassener Klöster zur Finanzierung heran.</p><p>Zu nennen sind hier die Güter des ehemaligen Zisterzienserinnenstiftes Heiligenthal und diejenigen des Augustinerchorherrenstiftes in Birklingen. Es verging kein Jahr ohne bischöfliche Zustiftungen. Bis heute erfüllen diese Dotationen ihren Zweck. Wie er auf das Vermögen ehemaliger Klöster zurückgriff, so griff er auch auf den Judenfriedhof als Bauplatz zurück, nachdem die jüdische Gemeinde im Jahre 1560 der Stadt verwiesen worden war. Denn der Bauplatz musste aufgrund der schieren Größe des Spitals außerhalb der Stadtmauern liegen. Gegen die Wahl des jüdischen Friedhofs halfen alle Proteste nichts, auch nicht der Hinweis auf die Totenruhe, die nicht gestört werden dürfe, zumal der Friedhof auf ewige Zeiten von der jüdischen Gemeinde erworben worden war.</p><p>Dankenswerterweise erinnert seit 2013 die Stiftung Juliusspital mit einem Historischen Gedenkpunkt im Innenhof an diesen jüdischen Friedhof. In der Wahl seiner Mittel war der energische Fürstbischof nicht eben zimperlich, was ihn so manche Sympathie gekostet hat.</p><p>Und dennoch: Beharrlichkeit hieß für Julius Echter immer auch, dafür zu sorgen, dass die gute Idee nachhaltig abgesichert wird. Denn nur durch eine auskömmliche finanzielle Ausstattung konnte Echters Vision von der Armen- und Krankenfürsorge im Juliusspital so aufgestellt werden, dass sie noch in unseren Tagen dem Gründungszweck ihres Stifters nachkommen kann. Dem Oberpflegamt ist es zu danken, dass das Stiftungskapital durch die Jahrhunderte hindurch erhalten wurde, auch und gerade in diesen bedrängenden und so wechselhaften Zeiten.</p><p><strong>Beharrlichkeit in der persönlichen Zukunftssicherung</strong></p><p>„Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Das gilt schließlich auch für das Seelenheil des großzügigen Stifters. Der ließ es sich nicht nehmen, in den ersten Jahren in seinem Spital am Gründonnerstag zwölf Armen die Füße zu waschen und nicht zwölf Domkapitularen, wie es sonst Brauch gewesen war. Dafür erwartete er, dass die Armen für ihn beteten, um für sein Seelenheil zu sorgen. Beharrlichkeit war gefragt. Denn auch in Sachen Gebet überließ der Stifter nichts dem Zufall. Vielmehr lebten die Bewohner des „großen spitals“ nach der Art eines abgeschiedenen klösterlichen Konvents. Drei Rosenkränze hatten sie täglich zu beten. Einen für das Heil der Christenheit, einen für den Stifter und einen für sich selbst. Um dem Gebetspensum nachzukommen, war eigens der Stiftsgeistliche angestellt worden. Nur auf diese Weise konnte die Dankesschuld abgetragen werden. Zugleich hatte der Stifter die Sicherheit, dass immer jemand für ihn bei Gott ein gutes Wort einlegte. Also eine echte Win-win-Situation. Schön, dass man bis heute diesem Stifteranliegen nachkommt und die Dankbarkeit gegenüber Gott und gegenüber denjenigen pflegt, die sich für das leibliche und seelische Wohlergehen einsetzen.</p><p><strong>Beharrlichkeit und der Auftrag: „Wer hernach kommt, thue auch das Best“</strong></p><p>Ich komme zum Schluss. „Die Kraft des guten Werks ist die Beharrlichkeit“. Im Tugendstammbaum zeigt sich die Beharrlichkeit als Tochter der Tapferkeit. Beharrlich dranbleiben heißt, tapfer durchhalten. Wenn Aristoteles bemerkt, dass jede echte Tugend zwischen zwei Extremen liegt, dann sind das im Blick auf die Beharrlichkeit die Weichlichkeit oder Nachgiebigkeit auf der einen Seite und die Hartnäckigkeit oder Verbohrtheit auf der anderen Seite.</p><p>Die Mitte zu halten zwischen diesen beiden Straßengräben, wünsche ich jedenfalls dem Oberpflegamt. Weder verbohrt noch nachgiebig, sondern eben beharrlich im Sinne der Tapferkeit gilt es Kurs zu halten. So wird es gelingen, jeweils flexibel auf die Herausforderungen der Zeit zu reagieren, ohne sich in eine fixe Idee zu verrennen oder vorzeitig klein beizugeben. Der Wahlspruch Echters sei Ihnen auch Leitwort für die kommenden Jahre. Ihnen allen eine glückliche Hand, die Liebe zu Armen, die den Stifter beseelte, und die Kraft der Entschiedenheit, die ihn auszeichnete.</p><p>Mein Dank gilt heute aber nicht nur der Leitung, sondern allen „Spitälern“, die in den vielfältigen Sparten des Juliusspitals ihren Dienst tun mit Stolz und Freude, angefangen vom Krankenhaus über die Altenhilfeeinrichtung, die Palliativakademie, das Hospiz sowie die Pflegeschule bis hin zum Forst-, Landwirtschafts- und Weinbaubetrieb. Die Juliusspitalstuben natürlich nicht zu vergessen!</p><p>Danken möchte ich heute aber auch unserem Innenminister, unter dessen Schutz und Fürsorge das Juliusspital steht. Bleiben Sie uns gewogen, Herr Innenminister. Wir werden es Ihnen unsererseits danken mit dem Einsatz und dem Streben nach Exzellenz, das Julius Echter bei all seinen Unternehmungen beflügelte.</p><p>Wie heißt es so schön auf der Inschrift des Spitals in den berühmten Knittelversen jener Zeit:</p><p>„Das Julier Spital genánnt</p><p>Zu Nutz gebaut im Fránkenland</p><p>Nimt auf die arme Búrgerschaft</p><p>Kinder, Kranke und wás schadhaft</p><p>Áuch sonst dürftig fremde Gäst</p><p>Wer hernach kommt, thue áuch das Best“</p><p>„Wer hernach kommt, thue áuch das Best“ – das wollen wir uns gesagt sein lassen als Erbe und Auftrag zugleich. In diesem Sinne rufe ich Ihnen allen heute zu: Ad multos annos! Auf noch viele gute Jahre unter Gottes reichem Segen!</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-70311</guid><pubDate>Sat, 31 Jan 2026 15:22:19 +0100</pubDate><title>„Es war ein schweres Stück Arbeit“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/es-war-ein-schweres-stueck-arbeit/</link><description>Einschätzung von Bischof Dr. Franz Jung zur sechsten Syndodalversammlung in Stuttgart</description><content:encoded><![CDATA[<p class="western">„Mit der heutigen sechsten Synodalversammlung ist der synodale Weg in Stuttgart insgesamt zu Ende gegangen. Bei dieser Synodalversammlung gab es ein neues Element, was wir vorher nicht hatten, in Anlehnung an die Weltsynode: die ,Conversatio in Spiritu'. Wir haben uns mehrfach Zeit genommen, die Sitzung zu unterbrechen für ein geistliches Gespräch in kleiner Runde, in der dann jeder mitteilen konnte, was ihn momentan beschäftigt. In einer zweiten Runde konnten die anderen Teilnehmer darauf reagieren und in einer dritten Runde wurde dann gefragt: Was steht jetzt eigentlich im Raum? Was ist weiter zu bearbeiten? Wie ich finde, ein sehr fruchtbares Format, das hilft, die Gemeinschaft unter den Synodalen zu stärken und wirklich jeden Einzelnen und jeder Einzelne zu Wort kommen zu lassen.</p><p>Insgesamt ging es jetzt bei der sechsten Synodalversammlung darum, Rückschau zu halten, in zweifacher Hinsicht: Einmal in der Evaluation zu fragen: Was sind Gelingensfaktoren guter Synodalität?Dort wurden noch einmal drei Punkte eigens beleuchtet. Zum einen die Frage: Wie ist die Dialogqualität einer solchen Versammlung? Kann jeder zu Wort kommen? Wie geht man miteinander um? Das Zweite: Was ist mit Frustrationen und Verletzungen, die entstehen? Wie kann das aufgefangen werden und konstruktiv bearbeitet werden? Und das Dritte: Was ist mit dem Thema Zeit und Zeitdruck? Oftmals war die Erfahrung bei der Synodalversammlung, dass unter hohem Zeitdruck Entscheidungen gefällt werden mussten. Das war oft nicht gut, weil man den Eindruck hatte, es besteht noch Diskussionsbedarf. Für gelingende Synodalität muss also auch der Faktor Zeit noch mal eigens bedacht werden. Wie viel Zeit zur Diskussion ist? Wann sind Dinge tatsächlich entscheidungsreif?</p><p><iframe src="https://bistumwuerzburg.podigee.io/279-wozu-will-ich-die-fastenzeit-nutzen/embed?context=external&amp;token=tASb7nszAauC-mwrHpUR4g" style="border: 0" border="0" height="380" width="100%"></iframe></p><p>Ein zweiter Punkt betraf nicht die Prozessqualität, sondern die Frage: Wie sind die Beschlüsse, die gefasst worden, umgesetzt worden? Dort hat unsere Kommission, die Kommission zwei, deren Vorsitzender ich war, zusammen mit Birgit Mock vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) noch einmal alle Bistümer abgefragt, die daran teilgenommen haben. Es waren immerhin 23 von 27&nbsp;Bistümern, die uns eine Rückmeldung gegeben haben. Diese haben wir zusammengestellt. Es wurde auch beschlossen, dass die Rückmeldung der einzelnen Bistümer mit den Diözesangremien noch einmal besprochen werden soll und eine weitere Umsetzung in dem Bistum vor Ort zu diskutieren ist.</p><p>Wir haben während der fünften und sechsten Synodalversammlung im Synodalausschuss die sogenannte Synodalkonferenz vorbereitet, das heißt, das Beratungsformat von Laien und Bischöfen soll auf Dauer gestellt werden. Die Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe muss diesem Satzungsentwurf, der in enger Abstimmung mit Rom vorbereitet ist, noch zustimmen. Und dann muss Rom noch mal abschließend diesen Satzungsentwurf rekognoszieren. Dann könnte ab November auch wieder in Stuttgart die erste Synodalkonferenz zusammentreten.</p><p>Es gab noch eine Abschlusserklärung zur Syndodalversammlung, in dem wir noch einmal versucht haben, das Anliegen zu bündeln. Jetzt bin ich gespannt, wie das im November gut weitergeht. Ich bin froh, dass der synodale Weg mit der sechsten Synodalversammlung seinen Abschluss gefunden hat. Es war ein schweres Stück Arbeit in den vergangenen Jahren. Aber jetzt schauen wir positiv in die Zukunft.“</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-70277</guid><pubDate>Thu, 29 Jan 2026 15:53:04 +0100</pubDate><title>„Friede beginnt im Herzen des Menschen“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/friede-beginnt-im-herzen-des-menschen/</link><description>Predigt von Weihbischof Dompropst Paul Reder beim Pontifikalamt zum Weltfriedenstag im Würzburger Kiliansdom am Donnerstag, 29. Januar 2026</description><content:encoded><![CDATA[<p><em>1 Petr 3,14-17 / Joh 14,23-29</em></p><p>Liebe Schwestern und Brüder,</p><p>liebe Soldatinnen und Soldaten,</p><p>liebe Zivilangestellte der Bundeswehrstandorte,</p><p>wenn wir heute den Weltfriedenstag feiern, hören wir in der biblischen Verkündigung Worte, die uns herausfordern und trösten zugleich. Im ersten Petrusbrief heißt es: <em>„Fürchtet euch nicht vor ihnen und lasst euch nicht beirren. Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“</em> (vgl. 1 Petr 3,14-17) Das sind Worte an Menschen, die sich damals in einer bedrängten Lage befinden, weil sie ihr Leben am christlichen Glauben orientieren und dafür missverstanden werden, ja – wie es heißt – „um der Gerechtigkeit willen leiden“. Diese Worte weisen auf die Herausforderung, wenn der Glaube zum Ernstfall wird. Diese Herausforderung begleitet Christen seit 2000 Jahren.</p><p>Wenn der Glaube zum Ernstfall wird, ist aber besonders dann zu spüren, wenn er Menschen wie Sie trifft. Menschen, die ihre Uniform gerade nicht als Verkleidung tragen, sondern als sichtbaren Ausdruck ihrer Zugehörigkeit zur Bundeswehr und damit als Zeichen ihres Gelöbnisses <em>„der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“</em>.</p><p>Wer als Christ Uniform trägt, steht in besonderer Weise in dieser Herausforderung des Glaubens: dem Frieden zu dienen und in Situationen zu handeln, die mit Bedrohung oder gar Gewaltanwendung zu tun haben. Recht und Freiheit zu verteidigen und dabei entschieden und treu denjenigen entgegenzutreten, die diese Werte missachten. Gegebenenfalls die eigenen vitalen Interessen und Bedürfnisse hinter die Interessen und Werte der Bundesrepublik und von Menschen zu stellen, deren Wert und Würde gefährdet sind. Dieser Dienst ist gerade in aktuellen Zeiten und mit Blick auf die Krisenherde und Kriegsschauplätze unserer Zeit eine große Herausforderung, die uns allen vor Augen führen, dass Kräfte entfesselt sind, die sich nicht zum Frieden, sondern zum Krieg bekennen, um ihre Macht, unabhängig von Völkerrecht und Grundsätzen der Humanität, durchzusetzen. Aber gerade deshalb ist Ihr Dienst so kostbar, wenn er im Geist Christi diesen Kräften widersteht.</p><p>Im Evangelium hören wir, wie Jesus seinen Jüngern vor dem Abschied sagt: <em>„Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.“</em> (Joh 14,27) Der Friede, den Christus gibt, ist kein Kompromiss zwischen Interessengruppen und keine bloße Waffenruhe. Es ist jener Friede, der aus Versöhnung kommt, aus Vertrauen, aus der inneren Entwaffnung des Herzens. Papst Leo XIV. formulierte diesen Gedanken provozierend in der Überschrift zu seiner Botschaft zum Weltfriedenstag mit den Worten: <em>„Der Friede sei mit euch allen: Hin zu einem unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“</em> – ein Friede, der im Herzen des Menschen beginnt und der ihm von Gott in Jesus Christus zugesagt wird. In Jesus Christus wird dieser Friede Person, die auf uns zugeht – immer wieder neu, weil sie um die Kräfte des Bösen weiß.</p><p><strong><em>Der Friede Christi und der Auftrag des Soldaten</em></strong></p><p>Der Katechismus der katholischen Kirche erinnert uns daran: „Friede ist nicht bloße Abwesenheit von Krieg, sondern das Werk der Gerechtigkeit und die Frucht der Liebe.“ (KKK 2304) Zugleich wird in der Lehre der Kirche anerkannt, dass staatliche Autoritäten verpflichtet sind, das Gemeinwohl, Recht und Werte zu schützen, auch durch den Dienst von Soldatinnen und Soldaten. Der Grundsatz „Wenn Friede möglich ist, ist Krieg Sünde“ zeigt, dass niemand von der Verantwortung ausgenommen ist, den Frieden unter allen Umständen zu suchen. Damit ist Ihr Einsatz gerade als Ernstfall des Glaubens nicht Verherrlichung des Krieges und seiner zerstörerischen Logik, sondern ein Dienst unter der schweren Verantwortung, Gewalt einzudämmen, Leben zu schützen sowie Recht und Gerechtigkeit immer und überall zu suchen und zu achten.</p><p>Christliche Soldatinnen und Soldaten stehen in diesem Ernstfall des Glaubens in einer ungeheuren Spannung: Stark und durchsetzungsfähig zu sein – aber nicht hart und gefühllos. Mutig – aber nicht vom Zorn geleitet. Wachsam und dem Frieden dienend – und doch zugleich vom Bewusstsein geleitet, dass auch der Feind, der Gewalt einsetzt, ein Mensch mit Würde und Wert ist. Ihr Auftrag ist es, inmitten aufwallender Emotionen eine Kraft der Besonnenheit zu sein, die selbst im Kriegsfall auf Frieden abzielt, weil sie von der Liebe Christi bewegt ist und darum eine Stimme der Menschlichkeit bleibt.</p><p><em><strong>Ein entwaffnender Friede</strong></em></p><p>„Hin zu einem unbewaffneten und entwaffnenden Frieden“ – das Wort des Papstes ist keine politische Parole. Dieses Wort und seine Botschaft beschreiben vielmehr einen geistlichen Weg. Diese Wegweisung des Papstes ruft uns alle zum kritischen Umgang mit dem eigenen Herzen auf: zur Umkehr und Entwaffnung, wo Misstrauen, Hass, Feindbilder den Blick dominieren. Jeder, der Frieden will, muss diesen Blick ins eigene Herz wagen, wo Umkehr beginnt – nämlich die eigene Angst, der Stolz und die Versuchung, sich über andere zu stellen.</p><p>Die katholische Soziallehre spricht in differenzierter Weise vom Frieden. Sie betont dabei den <strong>gerechten Frieden</strong>: einen Frieden, der nicht allein auf Abschreckung, sondern auf Vertrauen, Dialog und Solidarität gründet. Das verlangt die Bereitschaft, möglichen Konfliktlagen präventiv zu begegnen – durch Gerechtigkeit, Verlässlichkeit und den Schutz der Schwachen. Das verlangt von allen, die sich im politischen und im militärischen Feld bewegen, Krieg – selbst als letztes Mittel – als das zu sehen, was er ist: ein Scheitern, in dem kein Heil zu finden ist, da er humanitäre Verhältnisse zerstört. Wenn Soldaten in diesem Geist handeln, schützen sie einen Frieden als kostbares Gut oder versuchen ihn bestmöglich wiederherzustellen, wo er gefährdet ist oder gar verloren ging.</p><p><em><strong>Ermutigung und Segen</strong></em></p><p>Darum ist Ihr Dienst mehr als eine Berufstätigkeit: Er ist zuallererst eine Haltung, Verantwortung zu übernehmen und im Friedens- wie auch im Konfliktfall verantwortlich zu handeln. Für dieses Tun gilt diese Zusage Christi: „Der Friede sei mit euch!“ In dieser Zusage geht Christus mit Ihnen. Er schenkt seinen Frieden nicht, um Sie passiv zu machen, sondern aktiv und mutig aus christlichem Glauben zu handeln, damit der Friede Christi Wirklichkeit wird – ein Friede, der entwaffnen kann, weil er um die Kraft der Versöhnung weiß, ein Frieden, der schützt, weil er – auch im Ernstfall des Glaubens – liebt.</p><p>Darum feiern wir Weltfriedenstag als christliche Soldatinnen und Soldaten. Wir begehen heute und hier keinen Staatsakt, sondern einen Glaubensakt: Weil Jesus Christus unser Friede ist, sind wir in unserem Bemühen und unserer Suche nach Frieden nicht allein. Er kommt uns entgegen. Er stärkt alle, die mit oder ohne Uniform dem Frieden dienen, mit Mut, Weisheit und Mitgefühl als Werkzeuge seines Friedens. Amen.<br />&nbsp;</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-70129</guid><pubDate>Sun, 25 Jan 2026 12:00:36 +0100</pubDate><title>„Der Ort, an dem sich über uns der Himmel öffnet“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/der-ort-an-dem-sich-ueber-uns-der-himmel-oeffnet/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung aus Anlass von 100 Jahren Exerzitienhaus Himmelspforten am Sonntag, 25. Januar 2026, in der dortigen Hauskapelle</description><content:encoded><![CDATA[
<p>Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><h3>Der Traum Jakobs über das Tor des Himmels</h3><p>„Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Er ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“(Gen 28,17) So ruft der Patriarch Jakob aus voller Verwunderung. Im Traum hatte er gesehen, wie auf dem Ort, an dem er geschlafen hatte, die Himmelsleiter aufruhte. Über die Himmelsleiter schwebten die Engel Gottes auf und nieder. Tatsächlich, er hatte das Tor zum Himmel gesehen. „Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Er ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“</p><h3>Himmelspforten – ein Ort langer geistlicher Tradition</h3><p>„Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort!“ Dieses Wort des Patriarchen Jakob gilt auch für das Kloster und das Exerzitienhaus Himmelspforten. Ein Blick in die bewegte Geschichte zeigt, dass seit Jahrhunderten Menschen diesen Ort heiliggehalten haben, weil sie hier die Pforte zum Himmel erfahren hatten. Ich kann das nur in Stichworten rekapitulieren. Das Zisterzienserinnenkloster 1231 in Himmelstadt gegründet, dann 1248 nach Schönau verlegt, um von dort in der sogenannten „Schottenau“ 1251 endlich zur Ruhe zu kommen. Bis heute ist es das älteste bestehende Frauenkloster der Stadt, das viele Höhen und Tiefen erlebt hat. Die Nonnen haben in der Reformation treu den Glauben bewahrt und den Stürmen der Zeit, vor allem im verheerenden Dreißigjährigen Krieg, getrotzt. Dann wurde das Kloster im Rahmen der Säkularisation 1804 einfach über Nacht aufgelöst.</p><h3>Den Ort in Ehren halten und die Himmelspforte wiederherstellen</h3><p>Und dennoch. Viele gaben sich damit nicht zufrieden. Sie wussten: „Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort!“ Hier soll keine Militärlazarett einziehen und auch eine Tabak- oder Farbenfabrik hat hier nichts verloren. Der ehrfurchtgebietende Ort braucht Menschen, die Gott die Ehre geben und dadurch diesem besonderen Ort wieder seine einzigartige Würde schenken.</p><p>Bis heute fasziniert mich, dass es nicht der Bischof war, nicht das Domkapitel und auch keine Kleriker. Nein, es waren zwei Schwesternpaare aus Margetshöchheim und aus Dettelbach, die Geschwister Götz und Röll, die nicht eher ruhten, bis sie Karmelitinnen aus Gmunden am Traunsee in Österreich bewegen konnten, das altehrwürdige Kloster wiederzubeleben. Der Sinn für diesen einzigartigen Ort und die Sehnsucht danach, auch in Würzburg wieder eine Himmelspforte zu haben, haben ihr Herz erfüllt. Ihr Vermächtnis, dass sie sich im Übrigen etwas kosten ließen, lehrt uns bis heute, was frommer Sinn vermag. Und wie sehr es auf den Einzelnen ankommt, der nicht auf die Obrigkeit schaut, sondern selbst die Initiative ergreift.</p><p>Gott wollten sie die Ehre geben im Wissen darum, dass wir alle solche Orte dringend brauchen, heute vielleicht mehr denn je, in einer Zeit, die scheinbar alles gleichmacht und den Sinn für Transzendenz zu verlieren droht.</p><p>Weil die Räumlichkeiten für ein Karmelitinnenkloster zu groß waren, wurde ein Teil der Konventsgebäude 1925 dann dem Bistum überlassen, das vor nunmehr 100 Jahren hier ein gleichnamiges Exerzitien- und Bildungshaus eingerichtet hat. Ich bin sehr froh, dass die Klosterkirche seit 1969 wieder das alte Patrozinium „Mariä Himmelfahrt“ übernommen hat, nachdem von 1844 bis 1969 der heilige Nikolaus von Myra der Patron war. Durch die Rückkehr zum alten Patrozinium wurde deutlich, dass man sich wieder in die alte Zisterzienserinnentradition stellen wollte und an die reiche Geschichte dieses ehrfurchtgebietenden Ortes anknüpfen wollte. Das Patrozinium „Himmelspforten“ ist ein Programm. Das möchte ich am heutigen Tag unter dreifacher Rücksicht mit Ihnen bedenken.</p><h3>Maria als die Porta Caeli</h3><p>Die Zisterzienser haben ihre Klosterkirche alle unter das Patrozinium „Mariä Himmelfahrt“ gestellt. Das ist kein Zufall. Denn Maria ist als Person die Pforte des Himmels schlechthin. Durch sie ist der Erlöser in diese Welt eingetreten. Als Ersterlöste ist sie uns auch in den Himmel vorausgegangen. Dort erwartet sie die Gläubigen und weist ihnen den Weg durch diese Welt zum Himmel. Wie Maria zur „Himmelspforte“ wurde, sollen auch wir zu Himmelspforten werden. Christus will auch durch uns in diese Welt kommen. Zugleich sollen wir nicht müde werden, anderen den Weg zum Himmel zu weisen. Das ist ein großer Anspruch.</p><p>Für mich war es vor diesem Hintergrund immer bedeutsam, dass Exerzitien- und Bildungshaus und Kloster nebeneinander lagen. Wie oft bin ich als Generalvikar in der Mittagspause in die Klosterkirche gegangen, um dort einen Moment zur Ruhe zu kommen und zu beten. Die Schwestern erinnern durch ihre stille Präsenz an das, was wirklich zählt: wie Maria in der Gegenwart des Herrn zu verweilen und ihn nie aus den Augen zu verlieren. Denn nur so können wir für andere zu Himmelspforten werden. Das ist unsere Berufung und unser Auftrag – im Kloster genauso wie im Exerzitien- und Bildungshaus.</p><p>Planen Sie auch als Dienstgemeinschaft solche Momente der Sammlung ein, die der Selbstvergewisserung über den eigenen Auftrag und der Stärkung der eigenen Sendung dienen. Die neue Grundordnung lädt genau dazu ein, als Dienstgeber die Mitarbeitenden immer wieder daran zu erinnern, wo sie arbeiten, aus welcher Haltung heraus wir unseren Dienst tun und was unser Anspruch als Kirche ist.</p><h3>Himmelspforten aus Ausdruck gelebter Gemeinschaft</h3><p>Wenn die Zisterzienser für ihre Klöster den Namen „Himmelspforte“ wählten, dann war das natürlich auch ein Hinweis auf das monastische Zusammenleben.</p><p>In dieser Gemeinschaft, so die Verheißung, kannst du erleben, wie man in den Himmel eingeht. Das ist der Anspruch, der bis heute auch für das Exerzitien- und Bildungshaus gilt.</p><p>Nun ist Himmelspforten bekannt für seine Gastfreundschaft und für den hervorragenden Service. Das kann ich aus den Rückmeldungen der Generalvikare und der Bischöfe ohne Übertreibung sagen. Beides sind urbenediktinische Tugenden. In jedem Fremden Christus sehen, ihn aufnehmen und ihm dienen. Der Geist eines Hauses zeigt sich im Umgang miteinander und nicht zuletzt in einem gedeckten Tisch, an dem man verweilt bei gutem Essen, dem köstlichen Frankenwein und in Gesprächen, die in die Tiefe gehen, weil man gerne miteinander Zeit verbringt. Dass das Haus nach außen hin abgeschlossen ist durch die Mauer, verleiht dem Ort auch etwas Heimeliges. Der „Hortus Conclusus“, der „abgeschlossene Garten“ des Klosters bietet auch dem Exerzitien- und Bildungshaus Schutz und die nötige Stille, um in gesammelte Atmosphäre die oft schwierigen Themen diskutieren, bedenken und entscheiden zu können. Der gute Service und die monastische Prägung des Ortes sind ein echter Standortvorteil. Pflegen Sie beides, denn diese Faktoren sind es, die die Anziehungskraft dieses Ortes ausmachen und das Ehrfurchtgebietende ausstrahlen.</p><h3>Himmelspforten als Anspruch an unsere Exerziten-, Bildungs- und Konferenzarbeit</h3><p>Ein Letztes. Der Name Himmelspforten ist auch ein Anspruch an unsere inhaltliche Arbeit. Wir müssen als Kirche den Himmel offenhalten. Nichts ist heute wichtiger als dieser Auftrag. Das Dokument „Unsere Hoffnung“ der Würzburger Synode, dessen Verabschiedung vor 50 Jahren wir letztes Jahr gefeiert haben, formuliert es so:</p><p><em>„Die Krise des kirchlichen Lebens beruht letztlich nicht auf Anpassungsschwierigkeiten gegenüber unserem modernen Leben und Lebensgefühl, sondern auf Anpassungsschwierigkeiten gegenüber dem, in dem unsere Hoffnung wurzelt und aus dessen Sein sie ihre Höhe und Tiefe, ihren Weg und ihre Zukunft empfängt: Jesus Christus.“</em> (UH II.3)</p><p>Deshalb empfiehlt das Synodendokument:</p><p><em>„So gilt als Gesetz unserer kirchlichen Erneuerung, daß wir vor allem die Angleichungsschwierigkeit gegenüber dem, auf den wir uns berufen und aus dem wir leben, überwinden und daß wir konsequenter in seine Nachfolge eintreten, um den Abstand zwischen ihm und uns zu verringern und unsere Schicksalsgemeinschaft mit ihm zu verlebendigen. Dann ist ein Weg und eine Zukunft. Dann gibt es eine Chance, heutig, ganz gegenwärtig zu sein - die Probleme, Fragen und Leiden allenthalben zu teilen, ohne sich ihrer geheimen Hoffnungslosigkeit zu unterwerfe</em>n.“ (UH II.3)</p><p>In aufrüttelnden Worten wird hier dargelegt, was es heißt, den Himmel offenzuhalten. Ich wünsche mir und uns, dass wir immer die nötigen Formate finden in der Exerzitien- und Bildungsarbeit, um Menschen eine Pforte zum Himmel zu eröffnen.</p><p>Ich wünsche aber auch uns als Bischöfen und anderen kirchlichen Verantwortungsträgern, dass wir bei unseren endlosen Konferenzen und Tagungen nie vergessen, auf Christus zu schauen, der von sich gesagt hat, dass er die Tür zum Himmel ist. Diese Tür aufzuhalten und sie nicht zu verstellen oder zufallen zu lassen ist unsere Mission. Wenn uns das gelingt, dann machen wir dem Namen „Himmelspforten“ alle Ehre, dann können die Menschen mit dem Patriarchen Jakob sagen: „Wie Ehrfurcht gebietend ist doch dieser Ort! Er ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels.“</p><h3>Danksagung</h3><p>Am heutigen Tag danke ich dem Team vom Exerzitienhaus Himmelspforten unter der Leitung von Frau Dittmann-Nath für sein Engagement und den sehr guten Service.</p><p>Ich danke den Programmverantwortlichen für das Bemühen, hier anspruchsvolle Angebote zu machen, die helfen, den Himmel neu zu entdecken.</p><p>Danken möchte ich auch den Geistlichen, die diesem Ort durch ihr Wirken ihren Stempel aufgedrückt haben. Ebenso danke ich den Ritaschwestern, die durch ihren Dienst dem Haus ein geistliches Gepräge gegeben haben.</p><p>Nicht zuletzt geht mein Dank an meine Vorgänger im Amte. Bischof Hermann von Lobdeburg hat vor 800&nbsp;Jahren das Zisterzienserinnenkloster gegründet. Bischof Matthias Ehrenfried hat das Bildungshaus fast auf den Tag genau vor 100 Jahren eingeweiht. Unter Bischof Josef Stangl konnte das erneuerte Haus 1967 wieder seinen Betrieb aufnehmen. Bischof Friedhelm Hofmann war es schließlich vorbehalten, 2005&nbsp;das Haus nach umfassender Erneuerung seiner Bestimmung zu übergeben. Ihnen allen schulde ich, schulden wir unseren Dank. Diesen Dank wollen wir nun in der Feier der Eucharistie dem Herrn darbringen. Denn sie ist der Ort, an dem sich über uns der Himmel öffnet. Amen.</p>

]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Würzburg</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-70101</guid><pubDate>Fri, 23 Jan 2026 09:53:16 +0100</pubDate><title>„Von der Gehorsamspflicht zum Widerstandsrecht“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/von-der-gehorsamspflicht-zum-widerstandsrecht/</link><description>Vortrag von Professor Dr. Kyrill-Alexander Schwarz beim Diözesanempfang am Montag, 19. Januar 2026</description><content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size:11pt"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><b>I. Einleitung </b></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">1. Im Sommer vor 85 Jahren prangerte der damalige Münsteraner Bischof und spätere Kardinal Clemens August Graf von Galen<sup>1</sup> in drei Predigten in dunkler Zeit öffentlich die Euthanisiemorde der Nationalsozialisten an; er stellte sich damit in der Stunde höchster Gefahr – und selbst um das Risiko der eigenen Verfolgung wissend – vor die Schwächsten der Gesellschaft, vor die von der Vernichtung als „lebensunwert“ bedrohten Behinderten und Versehrten, und erhob als „Löwe von Münster“ – wie er später genannt wurde – eine weit vernehmbare Stimme, er machte das Gerücht zur grauenvollen Wahrheit. Der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels forderte umgehend, dass man – allerdings zur Vermeidung der Schaffung eines Märtyrers erst nach dem Endsieg – den Bischof von Münster exekutieren sollte, um mit dem politisierenden Klerus abzurechnen.<sup>2</sup> Dieses mutige Eintreten des Bischofs für das Leben und für Recht und Gerechtigkeit steht am Ende einer Entwicklung von einem regimeloyalen, obrigkeitsgläubigen und treuen Staatsbürger, für den Herrschaft gottgegeben und nicht hinterfragbar war, für den aber zugleich das „Recht ein unentbehrlicher Teil jeder sittlichen Gemeinschaftsordnung“ war, zu einem Mann des Widerstands, der den Mut hatte, sich gegen das Unrecht zu stellen; sein Wahlspruch, der auch seine Grabplatte schmückt, war „Weder durch Lob noch durch Furcht will ich mich von meinem Wege abbringen lassen“. </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">2. Im Dezember 2025 erleben Schulstreiks eine – allerdings im Vergleich zu früheren Protesten deutlich schwächer ausfallende – Renaissance, dieses Mal nicht gegen die drohende Klimakatastrophe, dieses Mal gegen die durch den Bundestag beschlossene Musterungspflicht<sup>3</sup> (nicht etwa – wie bar jeglicher Kenntnis des Inhalts des Gesetzes behauptet wird – gegen eine nicht beschlossene Wehrpflicht); was „Fridays for Future“ vorbereitet hatte und durch die „Letzte Generation“ dann kultiviert wurde, war mehr als das legitime Anliegen, auf den Klimawandel aufmerksam zu machen und die Klimapolitik des Bundes als unzureichend zu&nbsp;</span></span></span><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">kritisieren; es war auch mehr als eine verfassungsrechtlich geschützte Massendemonstration<sup>4</sup> spontaner Natur,<sup>5</sup> es war ein kollektiv begangener organisierter Rechtsbruch und nicht nur – wie gelegentlich behauptet – ein Zeichen des Widerstands. Die Schulpflicht ist allerdings, wenngleich unbeliebt, so doch kein Produkt eines autoritären Unrechtsstaates; sie ist demokratisch legitimiert<sup>6</sup> und steht nicht zur Disposition des Einzelnen, der für sich ein vermeintlich höheres Ziel in Anspruch zu nehmen glaubt. Großen Mutes bedarf es hier nicht, um aufzubegehren, die Sanktion wird in Teilen der Gesellschaft durch Sympathie und offenen Beifall ersetzt. </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">3. Besteht zwischen beiden hier geschilderten Vorgängen eine Gemeinsamkeit? Können sich die Querdenker und Gegner der Coronapolitik ebenso wie Klimaaktivisten ernsthaft auf Martin Luther King oder die Geschwister Scholl berufen? Haben beide Episoden etwas mit dem Spannungsverhältnis von Gehorsamspflicht und Widerstandsrecht zu tun? Oder suggeriert die Fragestellung schon eine – in Wahrheit nicht vorhandene – Gleichsetzung von totalitärem Unrechtsstaat und demokratischem Verfassungsstaat? Wann darf der Einzelne, dessen Gewissensentscheidung durch das Grundgesetz in Artikel 4 Grundgesetz garantiert wird, den Gehorsam gegenüber dem für alle geltenden Gesetz aufkündigen? Oder noch schärfer formuliert: Gibt es ein Recht auf Rechtsbruch im demokratischen Verfassungsstaat? Diese Frage ist eine ganz alte Frage, zielt sie doch zum einen auf den Geltungsanspruch von Recht und zum anderen auf die Gehorsamspflicht gegenüber der Herrschaft des Rechts. Zudem geht es um die nicht minder bedeutsame Frage, ob die Sehnsucht nach dem Rechtsbruch aus vermeintlich guten Motiven nicht in Wahrheit der sichere Weg in die Beliebigkeit der Argumentation ist, weil sie jedem das Recht in die Hand gibt, die jeweils für richtig angesehenen Ziele durchzusetzen, selbst wenn die Mehrheit diese Ziele nicht teilt oder ihre Berechtigung nicht anzuerkennen bereit ist? Gilt dann nicht mehr die Herrschaft des Rechts, sondern das Recht des Stärkeren oder desjenigen, der bereit ist, für seine Ziele rote Linien zu überschreiten? </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><b>II. Der Widerstand gegen Unrecht als Akt des Ungehorsams </b></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">1. Moralisch gerechtfertigtes Aufbegehren gegen die staatliche Ordnung bei Strafe des eigenen Untergangs – das ist keine Novität, sondern ein bekanntes Muster. Schon in der Antigone des Sophokles findet sich der Konflikt zwischen der Gehorsamspflicht (dafür die Worte Kreons: „Heg ich bei dem eigenen Stamm den Ungehorsam, wie bezähm ich Fremde dann?“ und als weiteres Zitat: „Immer bleibt es unerlaubt, zu trotzen seinem Oberhaupt.“) und einem ethisch gegründeten Überschreiten gesetzlicher weltlicher Grenzen, wenn Antigone Kreon erwidert, dass seine Worte nicht so mächtig seien, dass sie die ewigen, ungeschriebenen und göttlichen Gesetze übertreffen könnten. Antigone ist sich der Konsequenzen ihres Handelns bewusst; ist es dann Sturheit, ist es Trotz, sich einem übermächtigen Gegner zu widersetzen?&nbsp;</span></span></span><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Kann der Akt des Ungehorsams zugleich tugendhaft sein, weil Rückgrat, Standfestigkeit und Mut bewiesen werden? Ein Beispiel für unbedingten Gehorsam gegenüber den von der Gemeinschaft beschlossenen Gesetzen bietet dagegen Sokrates mit seiner Weigerung, sich in Ansehung des durch ihn selbst mit dem Schierlingsbecher zu vollziehenden Todesurteils zur Flucht helfen zu lassen: Wer das Gesetz nicht beachte, trage zur Zerrüttung des Staates bei; ein schlechtes Gesetz dürfe nicht übertreten, könne aber geändert werden. </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">2. Und man mag auch den preußischen General Friedrich August von der Marwitz<sup>7</sup> aus dem idyllischen Friedersdorf im Oderbruch bemühen, der sich einem Plünderungsbefehl Friedrichs des Großen widersetzte und auf dessen – zu DDR-Zeiten hinter einer Mauer verborgenem – Grabstein der berühmte Leitspruch steht: „Wählte Ungnade, wo Gehorsam keine Ehre brachte“. Ein Satz, den Theodor Heuss später mit Blick auf die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 in Erinnerung rief. </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">3. Aber auch hier lockt der Vergleich mit der Gegenwart. Sind die Aktionen der „Letzten Generation“ Ausdruck vergleichbarer Erwägungen, wenn der Gesetzesbruch für den naturrechtlich begründeten Vorrang des intakten Klimas hingenommen wird? Rechtfertigt das dystopische Bild, das „Extinction Rebellion“ im Jahr 2019 zeichnete („Wir steuern unaufhaltsam auf die Katastrophe zu, wenn wir nicht sofort und entschieden handeln.“), die „Störung des Alltags“ durch entsprechende Handlungen, die schwerfällige demokratische Entscheidungsprozesse beschleunigen oder – besser noch – ersetzen sollen? Die Reichweite dieser Gedanken wird noch deutlicher in den Worten eines der Mitbegründer von „Extinction Rebellion“, Roger Hallam, wenn er formuliert: „Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant.“<sup>8</sup> Aber man kann auch – und das soll uns noch näher an die Problematik heranführen – ein weiteres Zitat anführen: „Wir erachten es als unsere Pflicht, alles Gewaltfreie zu tun, was in unserer Macht steht, um dieses Unrecht zu beseitigen. (…) Sollten wir (…) keine Antwort erhalten, (…) sehen wir keine andere Möglichkeit, als gegen Ihren aktuellen Kurs Widerstand zu leisten. Wir werden in diesem Fall (…) erneut für eine maximale Störung der öffentlichen Ruhe sorgen.“ („Letzte Generation“). Was sind das für Forderungen? Was lehren sie uns alle über die Akzeptanz und die Befriedigungswirkung von Recht? Warum meint eine Minderheit, Entscheidungen einer Mehrheit, die in dem dafür von der Rechtsordnung vorgesehenen Verfahren getroffen wurden, in Frage stellen zu dürfen? Die eingangs genannten Beispiele sind ein Paradebeispiel für die Kapitulation des Rechtsstaats vor der Macht der Straße, oder etwas schärfer formuliert für ein Versagen der Befriedungsbedeutung des Rechts-staats gegenüber einer inszenierungsmächtigen Minderheit, weniger ein Versagen der Politik oder Justiz, sondern ein eklatantes Versagen der Durchsetzungskraft und -macht des Rechtsstaats und seiner Entscheidungen.<sup>9</sup>&nbsp;</span></span></span><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Hier erodiert der Rechtsstaat, wenn geltendes Recht aus Gründen falsch verstandener politischer Opportunität nicht durchgesetzt wird. Ist dann Partizipation,<sup>10</sup> so sehr sie auch demokratietheoretisch gewollt ist, nicht als bloße Verhinderungsstrategie zu verstehen, die nicht nach sachlichen Argumenten fragt, sondern – moralisch überhöht – die Richtigkeit der eigenen Argumentation a priori für sich in Anspruch nimmt? Es handelt sich um eine erschreckende Verbindung intellektueller Schlichtheit und moralischer Überheblichkeit. Daher darf und muss man daran erinnern, dass das Grundgesetz in Artikel 8 GG nur die Versammlung schützt, die „friedlich und ohne Waffen“ ist.<sup>11</sup> Eines jedenfalls wird damit schon deutlich: Die Verfassung schützt – völlig unstreitig und völlig zu Recht – Versammlungen und damit auch die kollektive Meinungskundgabe des Protests; und das ist ein wahrhaft demokratisches Urrecht, weswegen autoritäre Systeme gerade die Meinungs- und die Versammlungsfreiheit als erstes beschränken, weil sie keine öffentliche Kritik vertragen können. </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">4. Ist dann nicht vielleicht auch Michael Kohlhaas ein zunächst unerschrockener, später rücksichtsloser Streiter für das Recht, jemand, der an die Herrschaft des Rechts glaubt, sich im Recht wähnt und der am Ende alles auf dem Altar einer falsch verstandenen Gerechtigkeit opfert.<sup>12</sup> Die Maßlosigkeit in der Durchsetzung seiner Interessen befleckt doch die Opferrolle deutlich und zwingt zur differenzierenden Betrachtung. </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">5. Hat dann nicht zuletzt vielleicht auch Donald Trump nach seiner Niederlage gegen Joe Biden bei der Präsidentschaftswahl 2020 in Ansehung der von ihm behaupteten Unregelmäßigkeiten (nämlich dem angeblich durch die Demokraten gestohlenen Wahlsieg) mit seinem alle demokratischen Spielregeln verachtenden Verhalten im Vorfeld des Sturms auf das Kapitol am 6. Januar 2021 nur für sich reklamiert, für eine gerechte Sache zu kämpfen, oder handelte es sich vielmehr um einen versuchten Staatsstreich, der unter keinem Gesichtspunkt mehr als gerechtfertigt angesehen werden kann, weil es nicht mehr um die Suche nach Lösungen, sondern lediglich um die Durchsetzung eines Totalitätsanspruchs auf der Grundlage von offenkundigen Lügen (euphemistisch als „alternative facts“ bezeichnet) geht.<sup>13</sup></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">6. „Ziviler Ungehorsam“ und Widerstand gegen die Obrigkeit also allerorten und zu jeder Zeit; jeder ruft zum Widerstand auf; Entscheidungen werden nicht mehr akzeptiert – aus dem Wutbürger der Verhinderungsdemokratie wird der Widerstandskämpfer.&nbsp;</span></span></span><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Die Bilder der Proteste der Klimabewegung „Last Generation“ – wirkungsmächtige Straßenblockaden oder die Beschädigung historischer Kunstwerke von überragendem Wert – dürften noch in präsenter Erinnerung sein, zeigten sie doch die machtvolle Entfaltung einer Protestbewegung, die letzten Endes keine Rücksicht auf gerichtliche Entscheidungen zu nehmen bereit ist, die auch Ausdruck einer Negation des Rechtsstaats zur Durchsetzung partikularer Interessen unter dem Mantel vorgeblich grundrechtlich geschützter Freiheit ist. Ob dann Kooperationsangebote der betroffenen Museen Ausdruck einer bewussten Deeskalationsstrategie oder aber Unterwerfung unter die Macht der Klimaschützer sind, das mag jeder Einzelne für sich entscheiden. Diese – vielleicht zugespitzte und provozierende – Aussage soll nicht etwa als Ablehnung eines der zentralsten Grundrechte im politischen Kontext, der durch Artikel 8 Grundgesetz geschützten Versammlungsfreiheit,<sup>14</sup> verstanden werden. Aber es ist bemerkenswert, wie schnell politische Partizipation als legitime Widerstandshandlung interpretiert wird und damit politische Entscheidungen, die in einem förmlichen Verfahren (und zwar sowohl im parlamentarischen Raum als auch in sich regelmäßig anschließenden gerichtlichen Verfahren) ihre demokratische Legitimation erfahren haben, durch eine Minderheit in Frage gestellt werden. Die Beispiele (genannt seien Stuttgart 21 oder der Hambacher Forst) sind alle bekannt und brauchen hier nicht weiter und wieder referiert zu werden. Bemerkenswert ist allerdings, dass auch Kirchen im rheinischen Braunkohlenrevier (mit der Initiative „Die Kirche im Dorf lassen“) unter Hinweis auf das angebliche Auseinanderfallen von Recht und Gesetz der Bindungswirkung von Urteilen den Gehorsam versagt haben.</span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">7. Nun kann man diese Situationen aus einer Sicht mit dem Satz legitimieren wollen: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht, Gehorsam aber zu Verbrechen.“ Der Satz, fälschlicherweise Bertolt Brecht zugeschrieben, in Wahrheit aber von Papst Leo XIII. (1878-1903) stammend, ist eines der zentralen Zitate der 1983 in den Bundestag eingezogenen Grünen, deren damalige Fraktionsvorsitzende Petra Kelly genau diesen Satz in der Debatte über die NATO-Nachrüstung als Rechtfertigung des Widerstands gegen die Stationierung amerikanischer Marschflugkörper und Mittelstreckenraketen benutzte.<sup>15</sup> Ganz ähnlich argumentierte auch der Tübinger Gelehrte Walter Jens, wenn er die Straflosigkeit seiner Sitzblockaden vor amerikanischen Kasernen 1983 vor dem Amtsgericht Schwäbisch Gmünd mit den Worten begründete, ehrenwertes Handeln könne nicht verwerflich sein, und für die Ehrenhaftigkeit Albert Schweitzer und Martin Luther King als Zeugen benennt und seine drohende Verurteilung zugleich als Verletzung seiner durch Artikel 1 des Grundgesetzes geschützten Menschenwürde ansieht; es handele sich um den späten und bösen Triumph des Ungeists einer totalitären Rechtsprechung.<sup>16&nbsp;</sup></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><b>III. Ziviler Ungehorsam – die kleine Schwester des Widerstandsrechts? </b></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Schon die vorstehenden Ausführungen dürften gezeigt haben, dass es mehr als fragwürdig erscheint, zivilen Ungehorsam als „fortgeschrittene Form der Demonstration“<sup>17</sup> oder als „Element einer reifen politischen Kultur“<sup>18</sup> zu bezeichnen. Vielmehr dürfte es sachgerecht sein, die gewollte (und nicht etwa nur als unvermeidbare Nebenfolge in Kauf genommene) Gesetzwidrigkeit der jeweiligen Aktion, verharmlosend in aller Regel auch noch als Regelverstoß bezeichnet, als das bestimmende Merkmal des zivilen Ungehorsams zu sehen. Davon zu unterscheiden ist neben dieser angeblich ethisch-moralisch zu rechtfertigenden Verhaltensweise die prinzipielle Aufkündigung des Rechtsgehorsams überhaupt. Entscheidend muss aber zum einen die Akzeptanz staatlicher Entscheidungen<sup>19</sup> sein (und dazu gehört, dass abschließende Entscheidungen in ihrer Verbindlichkeit akzeptiert und nicht etwas immer wieder in Frage gestellt werden); der Staat muss – das ist im Übrigen auch Ausdruck des staatlichen Gewaltmonopols<sup>20</sup> – Entscheidungen auch durchsetzen, gegebenenfalls auch gegen den Willen einer Minderheit, der als Opposition kein Verhinderungsrecht im Sinne eines absoluten Vetos zukommt; und zuletzt und zum anderen: Zur Akzeptanz gehört der Faktor Zeit: je geringer der Abstand zwischen Entscheidung und Umsetzung, desto höher die Akzeptanz; wer zögert, vergeht sich an einer zentralen Voraussetzung eines demokratischen Rechtsstaates: Recht verlangt seine Durchsetzung, um glaubhaft zu bleiben und so die Voraussetzungen für ein Gemeinwesen zu gewährleisten.<sup>21</sup></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><b>IV. Rechtsgehorsam als Gelingensbedingung des demokratischen Rechtsstaates </b></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">1. Entscheidend ist aber die rechtsstaatliche Frage nach dem Rechtsgehorsam. Auch dieser ist ein Postulat des Rechtsstaats, zeigt doch die klassische Staatsrechtslehre, dass gerade die Unterwerfung unter die Herrschaft des Rechts – angefangen bei John Locke – ein zentraler Grund für die Ausbildung moderner Verfassungsstaatlichkeit ist. Gesetzesgehorsam ist Voraussetzung von Gesetzlichkeit. Der Verzicht auf die Ausübung von Gewalt und die gesellschaftsvertragliche – und damit Rousseau vorwegnehmende – Begründung eines staatlichen Gewaltmonopols zur Einhegung individueller Machtausübung ist nichts anderes als die Verpflichtung zum Rechtsgehorsam, wenn das Recht in den dafür vorhergesehenen Kategorien herausgebildet wird. Ist Recht rechtsförmlich entstanden, so ist es zu befolgen; mag man dies hinterfragen, so stehen einem jeden Rechtsunterworfenen die entsprechenden verwaltungs- und verfassungsgerichtlichen Rechtsbehelfe zur Verfügung.&nbsp;</span></span></span><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Aber entscheidend für die Akzeptanz des Rechts ist am Ende, dass es nach Abschluss eines entsprechenden Verfahrens befolgt und nicht mehr unter Hinweis auf para- oder metarechtliche Parameter in Frage gestellt wird. Dies bedeutet dann aber auch, dass ziviler Ungehorsam nicht zur eigenhändigen Durchsetzung bestimmter Ziele mit außergesetzlichen Mitteln instrumentalisiert werden kann, wenn mit gesetzlichen Mitteln der gewünschte Erfolg nicht erreicht werden kann. </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">2. Widerstand und ziviler Ungehorsam sind damit Rechtsbruch im Namen einer höheren Legitimität, um einem vermeintlich schlimmeren Rechtsbruch vorzubeugen – es ist die Verlagerung der dem Staat obliegenden Aufgabe des Schutzes vor Rechtsbruch auf den Einzelnen, der zur Wahrung einer überlegalen Legitimität aus der Rechtsordnung auszubrechen meint. Das Widerstandsrecht zielt auf die Bewahrung der Verfassungsordnung, nicht aber auf deren Veränderung oder Verbesserung; Widerstand ist nicht Revolution.<sup>22</sup> Das Widerstandsrecht berechtigt auch nicht zur Verweigerung des Rechtsgehorsams aus Gewissensgründen<sup>23</sup> oder einer Art von allgemeinem zivilen Ungehorsam<sup>24</sup> – einem in Wahrheit in aller Regel schlichtem Rechtsbruch – gegenüber vorgeblich unmoralischen oder gefährlichen Emanationen der Staatsgewalt. </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">3. Unzulässig und mit elementaren Grundprinzipien der Rechtsordnung als Friedensordnung unvereinbar dürfte es auch sein, unter Hinweis auf das Widerstandsrecht Eingriffe in Rechte unbeteiligter Dritter rechtfertigen zu wollen. Hier stellt die Anerkennung eines solchen Rechts auf Rechtsverletzung als Mittel der politischen Auseinandersetzung die Unverbrüchlichkeit der Rechtsordnung in Frage. Die über die im staatsrechtlichen Ausnahmezustand hinausgehende allgemeine Öffnung für individuellen Ungehorsam erweist sich damit als rechtskultureller Rückschritt. Der selektive Rechtsgehorsam eines zivilen Ungehorsams unter dem Mantel eines vorgeblich moralisch gebotenen Widerstandes ist ohne juristische Rechtfertigung. Die Verfassung normiert mit dem Widerstandsrecht als Mittel der Herrschaftskontrolle im außerverfassungsrechtlichen Zustand ein konstitutionelles Paradoxon.<sup>25</sup> Solange und soweit die grundgesetzliche Ordnung funktioniert, bedarf es keines Widerstandsrechts; das Widerstandsrecht ist ein Recht, das nur in Zeiten der Unwirksamkeit beziehungsweise einer Beseitigung der verfassungsmäßigen Ordnung auf eigenes Risiko und mit der Gefahr des Scheiterns in Anspruch genommen werden kann.<sup>26</sup></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">4. Ziviler Ungehorsam darf sich nur gegen schwerwiegendes Unrecht richten. Er bedient sich dazu bewusst eines Ungehorsamsaktes, verstößt also gezielt gegen eine geltende Rechtsnorm.<sup>27</sup> Damit geht es in Wahrheit gerade nicht um die Beseitigung etwaiger Mängel, sondern es geht um die undemokratische, weil nicht im Parlament beschlossene, Durchsetzung individueller und partikularer Vorstellungen. Dies macht aber eines deutlich: Die Protagonisten des zivilen Ungehorsams behalten sich selbst die Entscheidung, wann offensichtliches Unrecht vorliegt, selbst vor. Damit entsprechen sie 48 Prozent der Bundesbürger, die auch der Meinung sind, besser zu wissen, was recht ist, als das Bundesverfassungsgericht.<sup>28</sup> Sie treten im Ergebnis mit dem Anspruch auf, selbst entscheiden zu können, wann der demokratische Verfassungsstaat versagt, nämlich immer dann, wenn der Prozess der politischen Willensbildung in staatlichen Organen zu Ergebnissen führt, die keine Billigung durch die in diesem Prozess unterlegene Minderheit findet. Das aber ist dann Selbstgerechtigkeit und moralische Überhöhung, die weder unter moralischen noch unter rechtlichen Gesichtspunkten diskutabel erscheint. Es gilt der Satz: Wer Gesetze unter Berufung auf eine höhere Legitimität brechen will, mag das tun, er muss aber auch die Konsequenzen seines eigenen Handelns tragen. </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">5. Die oft vernommene Behauptung, Akte zivilen Ungehorsams seien zu rechtfertigen, verkennt die zentrale Bedeutung von Rechtsfrieden und Rechtsgehorsam im demokratischen Rechtsstaat. Der Rechtsfrieden ist – mit Jürgen Habermas zu sprechen – eine der „höchsten und verletzbarsten kulturellen Eigenschaften“.<sup>29</sup> Der Rechtsfrieden gewährleistet unter den Bedingungen einer funktionierenden Rechtsstaatlichkeit und demokratischen Verfassungsordnung dem Einzelnen Würde, Freiheit und Gleichheit, Orientierungsgewissheit und Rechtssicherheit und die gleiche Chance zur Durchsetzung seiner Meinung in einem freiheitlichen Diskurs. Wenn der Staat zur Beachtung und Durchsetzung des Rechts verpflichtet ist, so entspricht dieser Pflicht auch ein Anspruch des Staates auf Rechts- und Gesetzesgehorsam seiner Bürger. Die Aufkündigung des Gesetzesgehorsams – sei sie punktuell, sei sie generell – trifft jeden Staat, aber vor allem und in Sonderheit die rechtsstaatliche Demokratie in seinem Kern. Sie stellt demokratisch legitimierte Entscheidungen in Frage und verwandelt – im Einzelfall auch berechtigt erscheinende – Kritik an staatlichen Entscheidungen in Ungehorsam gegenüber der Herrschaft des Rechts. Zweifel an der Rechtmäßigkeit staatlicher Entscheidungen sind aber durch die dafür ausschließlich zuständigen Gerichte zu beheben; dies ist keine Frage individueller oder kollektiver Beliebigkeit. Solange also die Behebung von Verletzungen der Legalität auf legalem und rechtsförmlichem Wege möglich ist, ist für eine Durchbrechung der Legalität unter Hinweis auf einen zivilen Ungehorsam kein Raum.&nbsp;</span></span></span><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Die gegenteilige Ansicht führt zu einer Diktatur der Werte, nicht des Rechts, und ist nichts anderes als die Inanspruchnahme eines Privilegs durch diejenigen, die es besser zu wissen vorgeben als die Mehrheit. Die Annahme, der Rechtsungehorsam könne im Alltag des demokratischen Verfassungsstaates ein Mittel der politischen Auseinandersetzung sein, ist ein Widerspruch in sich: Ziviler Ungehorsam ist die Negation des demokratischen Rechtsstaates und beraubt ihn seiner Existenzgrundlage. Diesen Befund hat der frühere Bundespräsident Karl Carstens in die mahnenden Worte gekleidet, dass derjenige, der in einer freiheitlichen Demokratie die verfassungsmäßig beschlossenen Gesetze bricht, weil er ihrem Inhalt nicht zustimmt, die Axt an die Wurzeln des ganzen Systems legt, mögen seine Motive noch so lauter sein.<sup>30</sup></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">6. Gesetzestreue im demokratischen Rechtsstaat ist im Übrigen nicht nur Ausdruck staatsbürgerlicher Loyalität oder obrigkeitsstaatlich geprägten Untertanengeistes, sondern auch im christlichen Glauben manifest. „Im Reich dieses Königs hat man das Recht lieb“ (Psalm&nbsp;99,4). Das bedeutet aber auch, dass dem Einzelnen nicht das Recht zur Gehorsamsverweigerung auf der Grundlage einer höchst subjektiven Normgeltungskontrolle zukommen kann. Die Gehorsamspflicht entspricht vielmehr der Anerkennung des Umstandes, dass im demokratischen Verfassungsstaat der denkbare Widerspruch zwischen der staatlichen Rechtsordnung und ihrer demokratischen Legitimität einerseits und der ethischen Legitimität aufgelöst erscheint. Im Übrigen ist der freiheitliche Verfassungsstaat nicht nur durch Rechte, sondern auch durch Pflichten geprägt.<sup>31</sup> Rechtsgehorsam kann – schon aus Verhältnismäßigkeitsgründen – nicht überall mit Zwangsmitteln eingefordert werden; der freiheitliche Staat ist vielmehr darauf angewiesen, dass der Bürger die Spielregeln der demokratischen Allgemeinheit des Gesetzes akzeptiert. Insoweit erweist sich Rechtsgehorsam auch als republikanische Bürgertugend.<sup>32</sup></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><b>V. Drei Anwendungsfälle für vermeintlich gerechtfertigtes Verhalten </b></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><b>1. Der streitbare Jesuitenpater</b><br />Eine der bekanntesten und umstrittensten Personen, die sich für die Rechtfertigung ihres Handelns auf zivilen Ungehorsam berufen, ist der Jesuitenpater Jörg Alt, dessen erster, aber nicht einziger Kontakt mit der Rechtsordnung in einem Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts eines Diebstahls in einem besonders schweren Fall bestand. Aus – in der Sache durchaus berechtigtem – Protest gegen die Konsum- und Wegwerfgesellschaft entnahm er aus verschlossenen Abfallcontainern eines Supermarktes, die er zuvor mit einem geeigneten Werkzeug geöffnet hatte, noch verwertbare Lebensmittel, um diese an Bedürftige zu verteilen.&nbsp;</span></span></span><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Was an das Matthäusevangelium (Mt. 25, 35) erinnert („ich war hungrig und ihr gabt mir zu essen“), ist strafrechtlich ein Diebstahl. Man mag diese Wertung des Gesetzgebers für falsch halten, man mag die Eigentumsordnung und die aus ihr folgenden ausschließlichen Nutzungsrechte des Eigentümers unter dem Aspekt der Sozialbindung des Eigentums kritisieren – allein, es ist die Aufgabe des Gesetzgebers, den Bereich strafbaren Handelns zu definieren,<sup>33</sup> und es ist die Aufgabe der Rechtsprechung, die an das Gesetz gebunden, dieses Recht anzuwenden. Solange der Gesetzgeber diese Rahmenbedingungen nicht ändert, ist es Aufgabe der Rechtsprechung, auf eine Strafe zu erkennen, die in einem gerechten Verhältnis zur Schwere der Tat und zum Verschulden des Täters steht. Insoweit ist auch die an der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts geäußerte Kritik verfehlt, da das Gericht nur die Vereinbarkeit eines Gesetzes mit Grundrechten prüft, nicht aber eine Stellungnahme zu der Frage abzugeben hat, ob vielleicht ein anderes Gesetz besser wäre. Das ist allein Aufgabe des demokratisch legitimierten Gesetzgebers, dem es unbenommen bleibt, das sozialnützliche Inverkehrbringen von Lebensmitteln minderer Qualität zu privilegieren, sei es durch das Steuerrecht oder auch das Haftungsrecht. Jörg Alt hat hier auf einen Missstand aufmerksam gemacht, das ist ein ehrenwertes Motiv – von der grundsätzlichen Strafbarkeit befreit es ihn nicht. </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><b>2. Das Kirchenasyl </b><br />Schwierigkeiten mit Blick auf die Ausübung des Widerstandsrechts oder als Akt zivilen Ungehorsams bereitet bisweilen auch das sogenannte Kirchenasyl, also die vorübergehende Aufnahme einer Schutz suchenden Person in die Räumlichkeiten einer Kirchengemeinde mit dem Ziel, eine drohende Abschiebung zu verhindern. Man mag dies für eine grundrechtsgeleitete Geste der Humanität und praktizierter Nächstenliebe halten,<sup>34</sup> die darauf abzielt, staatliche Stellen in erneute Überprüfung des bereits entschiedenen Falles eintreten zu lassen.<sup>35</sup> Das ist zunächst keine moralische Überheblichkeit, sondern der Versuch, dem Recht zur Geltung zu verhelfen.<sup>36</sup> Insoweit mag es von der grundrechtlichen Freiheit einer Glaubensgemeinschaft umfasst sein, ihren Mitgliedern oder Anhängern im Rahmen asylrechtlicher Verfahren unterstützend beizustehen. Es handelt sich dabei um verfassungsrechtlich geschützte karitative Tätigkeiten. Allerdings wird die Grenze des Zulässigen überschritten, wenn ausreisepflichtigen Personen in einer Weise Zuflucht gewährt wird, sodass sie vor dem Zugriff der Behörden abgeschirmt werden. Zutreffend ist darauf hingewiesen worden, dass eine Glaubensgemeinschaft beziehungsweise die für sie handelnden Personen nicht unter Berufung auf eine höhere Gerechtigkeit ihre Entscheidung an die Stelle der zuständigen staatlichen Institutionen setzen dürfen.<sup>37&nbsp;</sup></span></span></span><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Kirchenasyl ist aber – trotz der gemeinsamen antiken religiösen Wurzeln – kein Asyl im Rechtssinne,<sup>38</sup> da die Voraussetzungen der Schutzgewährung im Bundesgebiet allein vom staatlichen Recht festgelegt werden. Es handelt sich beim Kirchenasyl vielmehr um eine unzulässige Widerstandshandlung gegen einen ordnungsgemäßen Vollzug des Aufenthaltsrechts, die gegebenfalls strafbar sein kann.<sup>39</sup> Es ist der Versuch, private Rechtsexklaven dem für alle geltenden demokratischen Gesetz, auf das gerade eine pluralistische und kulturell vielfältige Gesellschaft als Grundlage des Miteinanders elementar angewiesen ist, zu entziehen und unter Aufkündigung des demokratischen Gleichheitsversprechens individuelle Überzeugungen über demokratisches Recht zu stellen. Die individuelle Gewissens- beziehungsweise Religionsfreiheit aus Artikel 4 Grundgesetz kann von vornherein nicht Dritten ein Aufenthaltsrecht verschaffen. Sie rechtfertigt aber auch keine Widerstandshandlungen, weil das individuelle Interesse an einem mit den eigenen Überzeugungen konformen Leben in einer demokratischen Gesellschaft, die das Miteinander im Konfliktfall durch allgemeine Gesetze regelt, kein hinreichendes Gewicht hat, die hochrangigen öffentlichen Interessen an einem geordneten Vollzug des Aufenthaltsrechts, an der notwendigen Rechtssicherheit und an einem institutionellen Funktionieren von Asylverfahren (nicht zuletzt auch im Interesse der wirklich Schutzbedürftigen) zu überwinden. Eine bestehende Ausreisepflicht kann daher jederzeit gegebenenfalls unter Anwendung von Zwangsmitteln vollzogen werden.<sup>40</sup></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Die Schutzgewährung in einer Kirche führt lediglich zu einer Politisierung des Vollzugs und erhöht die Hemmschwellen, Zwangsmaßnahmen einzusetzen. Damit wird letztlich – bisweilen erfolgreich – ein emotionales Nötigungsmittel eingesetzt, um anderweitige Bleibeperspektiven zu erzwingen oder jedenfalls „auszusitzen“. Der Staat sollte schon aufgrund der Vorbildwirkung für andere rechtsfreie Parallelgesellschaften, die zur Nachahmung anregt, mit Blick auf Gesetzesbindung und die Gleichheit im Vollzug Widerstand im Rahmen der Verhältnismäßigkeit brechen, dafür aber adäquate Härtefallregimes unter staatlichem Recht pragmatisch nutzen.<sup>41</sup></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><b>3. Die Theorie des zivilen Ungehorsams („Recht brechen“) nach Samira Akbarian </b></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Einen durchaus wirkungsmächtigen Versuch der Legitimierung zivilen Ungehorsams hat in jüngerer Zeit Samira Akbarian in ihrer vielbeachteten Monographie „Recht brechen“ unternommen. Ihre zentrale These lautet, dass gelingende Formen des zivilen Ungehorsams als neue Form der „Verfassungsinterpretation“ – und damit den klassischen Kanon der Auslegungsmethoden erweiternd – verstanden werden sollten.<sup>42&nbsp;</sup></span></span></span><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">In ihrem Buch erläutert sie diese überraschende These und erklärt, wie ziviler Ungehorsam eine direkte demokratische Einflussnahme ermöglichen kann, um bestehende Ungleichgewichte in politischen Verfahren ausgleichen zu können. Widmet man sich den Thesen etwas genauer, dann zeugen sie indes von einer selektiven und interessengerichteten Argumentation, deren Schlichtheit sich erst auf den zweiten Blick erschließt. Wer fordert, dass Protest auch wahrgenommen werden müsste und daher auch stören dürfe, damit er wirksam sei, verlangt in Wahrheit ein Recht auf Gehörtwerden bei der Meinungsäußerungsfreiheit aus Artikel 5 Absatz 1 Grundgesetz und ihrer kollektiv ausgeübten Schwester, der Versammlungsfreiheit in Artikel 8 Grundgesetz.<sup>43</sup> Das aber ist eine Übergewichtung individueller Freiheit zu Lasten derer, denen das – nicht minder schützenswerte – Recht zusteht, von Meinungen und Demonstrationen verschont zu bleiben.<sup>44</sup> Der hier dargestellte Ansatz übersieht schlichtweg, dass die kommunikativen Grundrechte zwar die Teilhabe an der Meinungsbildung, nicht aber die zwangsweise oder sonst wie selbsthilfeähnliche Durchsetzung eigener Forderungen schützen.<sup>45</sup> Fordert der Einzelne die Aufmerksamkeit Dritter gar noch mit Gewalt ein, etwa weil er sie am Weggehen hindert und so das Zuhören, jedenfalls aber deren Aufmerksamkeit erzwingt, kann er sich nicht mehr auf grundrechtlich gewährte Positionen berufen. Verfassungsrechtliche Freiheit wird unter dem Mantel des zivilen Ungehorsams in Wahrheit zu freiheitsfeindlichem Zwang. </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><b>VI. Rechtsbruch als Ausnahme vom Recht zur Wahrung der Humanität </b></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">1. Bisweilen wird der Versuch unternommen, den zivilen Ungehorsam als Bestandteil einer reifen politischen Kultur (so Habermas)<sup>46</sup> auch mit dem Argument zu rechtfertigen, dieser dürfe sich nur gegen schwerwiegendes Unrecht richten und müsse verhältnismäßig sein; Maßstab für die Schwere des Unrechts sei dann die Verfassungswidrigkeit des staatlichen Handelns, gegen das aufbegehrt werden soll. Dies erscheint allerdings in Ansehung der vielfältigen Stimmen in der „offenen Gesellschaft der Verfassungsinterpreten“ (Häberle)<sup>47</sup> doch ein schwankender Boden der Rechtfertigung, mag doch vieles einem Teil als verfassungswidrig gelten, was anderen geradezu als rechtlich geboten erscheint. Wer entscheidet hier? Das Ordnungsamt, dem Demonstrationen anzuzeigen sind, oder aus einer Ex-post-Perspektive die Gerichte, die dann über die Dignität politisch-moralischer Motive zu befinden haben? Sind dann – aus vermeintlicher oder tatsächlicher Überfremdungsangst gespeiste – Blockaden vor Asylbewerberheimen rechtswidrig, weil sie die Humanität des Asylrechts in Frage stellen?<sup>48&nbsp;</sup></span></span></span><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Sind Proteste vor Abtreibungskliniken rechtswidrig,<sup>49</sup> weil sie ein – nur vermeintlich bestehendes – Recht auf Schwangerschaftsabbruch in Frage stellen, oder sind Proteste gegen die Strafbarkeit des Schwangerschaftsabbruchs legitim, weil es „ein Gesetz gibt, das höher steht als alle Paragraphen, nämlich das Gesetz der Menschenwürde“<sup>50</sup> und der Selbstbestimmung der Frau? Oder ist generell der politisch orientierte Freiheitsgebrauch eher legitim als politisch unkorrekter Protest? Besteht beim kalkulierten Rechtsbruch nicht stets die Gefahr, dass sich hier diejenigen durchsetzen, die sich über Rechtsbindungen hinwegsetzen und dies zu Lasten derer, die das geltende Recht beachten? </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">2. Versteht man den Rechtsbruch als verfassungsrechtlich legitimierte Gewissensentscheidung, dann setzt dies allerdings die Einsicht voraus, dass man nicht nur seinem Gewissen verantwortlich ist, sondern auch für sein Gewissen Verantwortung übernimmt. Dieser Schritt setzt aber Wissen über die das Gewissen prägenden Werte voraus, Conscientia beruht auf Scientia.<sup>51</sup> Nur dann ist gewährleistet, dass nicht jede politische Gesinnung zugleich als Gewissensentscheidung zur Leitlinie des eigenen Handelns gemacht wird.<sup>52</sup> Wer ohne Not dramatische Situationen annimmt und inflationär Gewissensentscheidungen, die keine Alternative gestatten, vorgibt, der wertet Gewissensentscheidungen ab und verweigert sich zudem jedem demokratischen Diskurs durch die Absolutheit der eigenen Position. Ein Diskurs, der auf der Prämisse beruht, nur die eigene Ansicht sei gewissenskonform, während alle anderen gewissenlos handeln, verdient nicht mehr die Bezeichnung Diskurs; er ist Diktatur der moralisch überhöhten Subjektivität.</span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">3. Um dies zu verhindern, wird man den Rechtsbruch – sei es als Widerstand, sei es als ziviler Ungehorsam – nur dann akzeptieren können, wenn der Schutz der Menschenwürde bedroht ist, wenn also die zentrale Botschaft des Grundgesetzes als Antwort auf die Verbrechen des Nationalsozialismus in Frage gestellt wird. Gehorsam endet, wenn er zur Gleichgültigkeit gegenüber elementaren Menschenrechtsverletzungen führt. Genau dies hatte Thomas Mann im Sinn, als er zu Weihnachten 1940 aus dem Exil an die deutschen Hörer formulierte: „Euer Gehorsam ist grenzenlos, und er wird, dass ich es Euch nun sage, von Tag zu Tag unverzeihlicher.“<sup>53</sup> Dies entspricht auch der Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, wenn dort die Notwendigkeit beschrieben wird, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechts zu schützen, damit der Mensch nicht gezwungen wird, als letztes Mittel zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung zu greifen. Insoweit ist auch das Widerstandsrecht des Grundgesetzes in Artikel 20 Absatz 4 Grundgesetz ein Mittel des Verfassungsschutzes, weil es sich gegen Bedrohungen der grundgesetzlich konstituierten&nbsp;</span></span></span><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Freiheitlichkeit wendet, nie aber ein Freibrief für Unmenschlichkeit und Terror sein kann; das Widerstandsrecht setzt die Gefährdung der Legalordnung unter der Bedingung voraus, dass andere Abhilfe nicht möglich ist, und endet mit der Wiederherstellung eben dieser Ordnung. Wenn aber die rechtsstaatlichen Institutionen funktionieren, fehlt es an den Voraussetzungen – private Rechtsdurchsetzung unter Hinweis auf ein angebliches Staatsversagen, das sich aber in Wahrheit nur als abweichende und damit nicht mehr tolerable politische Wertung erweist, führt mit Sicherheit zu einem Staatsinfarkt. Die rechtswidrigen, aber in Ansehung des offenen Extremismus wohlgemeinten Verhinderungsdemonstrationen gegen die Gründung der AfD-Jugendorganisation in Gießen dürften einen Vorgeschmack auf Kommendes geben, wenn die Herrschaft des Rechts zur vernachlässigbaren Größe verkommt. </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><b>VII. Zusammenfassung und Ausblick </b></span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Widerstand gegen Unrecht im Rechtsstaat – dieses Dilemma stellt sich im Rechtsstaat nicht, weil das Verfassungsrecht selbst mit seiner Bindungskraft der Garant dafür ist, dass die Mittel von Widerstand und zivilem Ungehorsam in der Asservatenkammer des Rechts ruhen können. Zum Ende sei noch ein Zitat erlaubt, das die traurige Ironie des Widerstandsrechts am stärksten zum Ausdruck bringt, wenngleich auch erst bei einer Analyse der Hintergründe des folgenden Textes: „Staatsautorität als Selbstzweck kann es nicht geben, da in diesem Fall jede Tyrannei auf dieser Erde unangreifbar und geheiligt wäre. Wenn durch die Hilfsmittel der Regierungsgewalt ein Volkstum dem Untergang entgegengeführt wird, dann ist die Rebellion eines jeden Angehörigen eines solchen Volkes nicht nur Recht, sondern Pflicht. (…) Menschenrecht bricht Staatsrecht.“<sup>54</sup> Der Autor dieser Zeilen (Adolf Hitler) ist der Grund dafür, dass das Grundgesetz ein legalisiertes Widerstandsrecht normiert hat, das aber vor Missbrauch und Missverständnissen nicht gefeit ist. Wer heute wohlmeinend mit Alleinvertretungsanspruch für die angebliche Richtigkeit seiner Auffassung den offenen Rechtsbruch fordert, anderen seinen Willen aufzwingt und damit den demokratischen Grundkonsens aufkündigt, der steht nicht auf und zeigt keinen Mut. In Abwandlung des Mottos des 104. Katholikentages in Würzburg hat vielmehr derjenige Mut, der bei Verletzungen der Menschenwürde aufsteht und durch sein Verhalten, durch sein staatsbürgerliches Engagement mit legalen Mitteln dafür sorgt, dass die gegenwärtig zu beobachtenden, schleichenden Aushöhlungen und Unterwanderungen des demokratischen Verfassungsstaates unterbleiben. </span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.</span></span></span></p><p><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif">_________________________________________</span></span></span></p><p><span style="font-size:9.0pt"><span style="font-family:&quot;Arial&quot;,sans-serif">* Der Verfasser ist Inhaber einer Professur für Öffentliches Recht an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="font-family:&quot;Arial&quot;,sans-serif">1</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="font-family:&quot;Arial&quot;,sans-serif"> Dazu Rüthers, Verräter, Zufallshelden oder Gewissen der Nation? Facetten des Widerstandes in Deutschland, 2008, S. 150 ff.; Wolf, Clemens August Graf von Galen. Gehorsam und Gewissen, 2006, passim.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="font-family:&quot;Arial&quot;,sans-serif">2</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="font-family:&quot;Arial&quot;,sans-serif"> Tagebucheintrag vom 14.8.1941, Zeile 130 ff., zitiert nach der Online-Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte, <a href="https://open-ifz-muenchen.de" target="_blank" rel="noreferrer">open-ifz-muenchen.de</a>.</span></span><br /><sup><span style="font-size:8.0pt"><span style="font-family:&quot;Arial&quot;,sans-serif">3</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="font-family:&quot;Arial&quot;,sans-serif"> Siehe dazu nur den Gesetzentwurf der Bundesregierung für ein Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes vom 29.9.2025, BT-Drs. 21/1853.</span></span><br /><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">4</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Zum Grundrechtsschutz von Großdemonstrationen siehe nur Kniesel/Poscher, Versammlungsrecht, in: Lisken/Denninger, Handbuch des Polizeirechts, 7. Aufl., 2021, J Rn. 243 ff.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">5</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Zur Spontanversammlung siehe nur aus der Rechtsprechung BVerfGE 69, 315 (350); 85, 69 (75).</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">6</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Vgl. nur Thiel, in: Sachs, GG, 10. Aufl., 2024, Art. 7 Rn. 11; grundlegend schon BVerfGE 1, 141 (143).</span></span></span></span></span><br /><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">7</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Ausführlich dazu Schwarz, AöR 128 (2003), 143 ff.; ferner Frie, Friedrich August Ludwig von der Marwitz 1777-1837. Biographien eines Preußen, 2001.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">8</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Interview im Spiegel vom 13.9.2019, abrufbar unter <a href="https://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/extinc-tion-rebellion-gruender-roger-hallam-wenn-eine-gesellschaft-so-unmoralisch-handelt-wird-eine-demo-kratie-irrelevant-a-1286561.html" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/extinc-tion-rebellion-gruender-roger-hallam-wenn-eine-gesellschaft-so-unmoralisch-handelt-wird-eine-demo-kratie-irrelevant-a-1286561.html</a>.</span></span></span></span></span><br /><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">9</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> So auch in der Bewertung Schwarz, NJW 2023, 275 (276).</span></span></span></span></span><br /><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">10</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Ausführlich zu den damit verbundenen Problemen auch Schwarz, Partizipation und das Grundgesetz. Ein Plädoyer für die Beibehaltung des Status Quo, in: Lorenz/Hoffmann/Hitschfeld, Partizipation für alle und alles?, 2020, S. 161 ff.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">11</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Siehe zum Friedlichkeitsvorbehalt auch ausführlich Depenheuer, in: Dürig/Herzog/Scholz, GG, 93. Ergl., 2020, Art.&nbsp;8 Rn. 63 ff. („kein Grundrecht auf Schädigung Dritter“); ferner auch Schaks, in: Stern/Sodan/Möstl, Das Staatsrecht der Bundesrepublik Deutschland, 2. Aufl., 2022, § 115 Rn. 41 ff.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">12</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Ausführlich zur Figur des Michael Kohlhaas an dieser Stelle nur Strigl, Zum Trotz: Erkundung einer zwiespältigen Eigenschaft, 2025, S. 39 ff.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">13</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Eine erste, bis heute aber gültige Analyse der Vorgänge am 6.1.2021 bietet Siemann, Gebt mir ein Blutbad!, FAZ-online vom 8.1.2021, abrufbar unter <a href="http://www.faz.net" target="_blank" rel="noreferrer">www.faz.net</a></span></span></span></span></span><br /><sup style="font-family: Arial, sans-serif;"><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">14</span></span></sup><span style="font-family: Arial, sans-serif; font-size: 9pt;"><span style="line-height:115%"> Zur Bedeutung der Versammlungsfreiheit siehe nur BVerfG, NVwZ 2022, 1197; dazu auch Fischer, NVwZ 2022, 353 ff.</span></span><br /><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">15</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Siehe insoweit nur Kelly, Deutscher Bundestag, Stenographischer Bericht, 10. WP, Protokoll vom 15.6.1983, S.&nbsp;768.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">16</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Dazu Jens, Rede vor dem Amtsgericht Schwäbisch Gmünd, abrufbar unter: <a href="https://www.humanistische-union.de" target="_blank" rel="noreferrer">https://www.humanistische-union.de</a>.</span></span></span></span></span><br /><sup style="font-family: Arial, sans-serif;"><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">17</span></span></sup><span style="font-family: Arial, sans-serif; font-size: 9pt;"><span style="line-height:115%"> So der gleichnamige Titel des Beitrags von Leinen, in: Glotz, Ziviler Ungehorsam im Rechtsstaat, 1983.</span></span><br /><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">18</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Vgl. nur Habermas, Ziviler Ungehorsam – Testfall für den demokratischen Rechtsstaat. Wider den autoritären Legalismus in der Bundesrepublik, in: Glotz, Ziviler Ungehorsam im Rechtsstaat, 1983, S. 32.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">19</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Zur Akzeptanzsteigerung durch Recht siehe nur BVerfG, NVwZ 2022, 861 ff.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">20</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Zum Gewaltmonopol des Staates vgl. Merten, Rechtsstaat und Gewaltmonopol, 1975, S. 38 ff.; siehe ferner auch Herdegen, in: Dürig/Herzog/Scholz, GG, 72. Ergl., 2014, Art. 79 Rn. 180; Ullrich, Eingriffsrecht, in: Heusch/ders./Posser, Handbuch Verfassungsrecht in der Praxis, 2024, § 7 Rn. 7.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">21</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Vgl. nur zur rechtsstaatlichen Problematik struktureller Vollzugshindernisse BVerfGE 110, 94 (114).</span></span></span></span></span><br /><sup style="font-family: Arial, sans-serif;"><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">22</span></span></sup><span style="font-family: Arial, sans-serif; font-size: 9pt;"><span style="line-height:115%"> Höfling, in: Merten/Papier, HbGR, 2013, § 121 Rn. 32; Schwarz, in: Stern/Sodan/Möstl, Das Staatsrecht der Bundesrepublik Deutschland, 2. Aufl., 2022, § 24 Rn. 37.</span></span><br /><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">23</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Dazu nur BVerfGE 67, 26 (37); BVerfG, NJW 1993, 455 (456).</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">24</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Vgl. nur Enders, Der Staat 25 (1986), 351 ff.; Frankenberg, JZ 1984, 266 ff.; Isensee, DÖV 1983, 565 ff.; Karpen, JZ 1984, 249 ff.; Klein, Ziviler Ungehorsam im demokratischen Verfassungsstaat, in: Kaufmann/Schwarz (Hg.), Das Parlament im Verfassungsstaat, 2006, S. 37 ff.; Schwarz, NJW 2023, 275 (277).</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">25</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Vgl. nur Wassermann, Zum Recht auf Widerstand nach dem Grundgesetz, in: Randelzhofer/Süß (Hg.), Konsens und Konflikt. 35 Jahre Grundgesetz, 1986, S. 348 (359), wonach „…mit der Etablierung des Widerstandsrechts das im Rechtsstaat Unmögliche versucht wurde.“.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">26</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Allgemeine Ansicht, vgl. nur Schwarz, NJW 2023, 275 (279); früher schon Lübbe-Wolf ZParl 1980, 110 (120, Fn.&nbsp;36).</span></span></span></span></span><br /><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">27</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Dazu auch Schmahl, AöR 55 (2007), 99 (119 f.); Schwarz, Widerstandsrecht, in: Isensee/Kirchhof, HStR XII,<br />3. Aufl., 2014, § 282 Rn. 5.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">28</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Siehe dazu nur die aktuelle Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach, abrufbar unter: <a href="https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/allensbach-umfrage-weniger-deutsche-vertrauen-dem-bun-desverfassungsgericht-110800824.html" target="_blank" rel="noreferrer">www.faz.net/aktuell/politik/inland/allensbach-umfrage-weniger-deutsche-vertrauen-dem-bun-desverfassungsgericht-110800824.html</a>.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">29</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Habermas, Ziviler Ungehorsam – Testfall für den demokratischen Rechtsstaat. Wider den autoritären Legalismus in der Bundesrepublik, in: Glotz, Ziviler Ungehorsam im Rechtsstaat, 1983, S. 29 (35 f.).</span></span></span></span></span><br /><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">30</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Siehe insoweit auch Carstens, Vortrag anlässlich des 40. Jahrestages der Gründung des Bundes Katholischer Unternehmen am 14.4.1989 in der IHK Köln, in: BKU, Ausgewählte Vorträge Nr. 5, S. 3.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">31</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Zur Pflichtenprägung auch Depenheuer, Solidarität und Freiheit, in: Isensee/Kirchhof, HStR XI, 3. Aufl., 2011, §&nbsp;194 Rn. 32 ff.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">32</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Zu den unterschiedlichen Deutungen republikanischer Tugenden nur Isensee, JZ 1981, 1 (8); aus jüngerer Zeit auch Freudenberg, ZRP 2025, 24 ff.</span></span></span></span></span><br /><sup style="font-family: Arial, sans-serif;"><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">33</span></span></sup><span style="font-family: Arial, sans-serif; font-size: 9pt;"><span style="line-height:115%"> BVerfG, NJW 2020, 2953 (2954); zur Problematik siehe auch in der Literatur: Dorneck/Griesar, KlimR 2024, 290&nbsp;ff.; Kelch, LMuR 2024, 83 ff.; Rasquin/Möller-Klapperich, NJ 2023, 205 ff.</span></span><br /><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">34</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Geis, JZ 1997, 60 (62); Just, ZAR 1999, 74 (75).</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">35</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> So aber das Gemeinsame Wort der Kirchen zu den Herausforderungen durch Migration und Flucht, hrsg. durch die Evangelische Kirche in Deutschland und das Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, 1997, S. 98 f.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">36</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Dazu auch Ahrens/Plaul, FAZ v. 18.9.2025, S. 7; unter Hinweis auf den Öffentlichkeitsauftrag der Kirchen auch früher schon Baldus, NVwZ 1999, 716 (718).</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">37</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Wie hier auch Di Fabio, in: Dürig/Herzog/Scholz, GG, 92. Ergl. 2020, Art. 4 Rn. 98.</span></span></span></span></span><br /><sup style="font-family: Arial, sans-serif;"><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">38</span></span></sup><span style="font-family: Arial, sans-serif; font-size: 9pt;"><span style="line-height:115%"> Eichenhofer, in: Dreier, GG, 4. Aufl., 2023, Art. 16a RN. 91.</span></span><br /><span style="font-size:11pt"><span style="line-height:115%"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">39</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Vgl. dazu nur BayObLG, NStZ 2022, 486 f.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">40</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Zur Ausreisepflicht als Ergebnis eines rechtsstaatlichen Verfahrens auch Herler, Kirchliches Asylrecht und Kirchenasyl im demokratischen Rechtsstaat, 2004, S. 118.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">41</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Zum Vorstehenden auch Gärditz, in: Dürig/Herzog/Scholz, GG, 83. Ergl., 2018, Art. 16a Rn. 180.</span></span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%">42</span></span></sup><span style="font-size:9.0pt"><span style="line-height:115%"> Akbarian, Recht brechen. Eine Theorie des zivilen Ungehorsams, 2024, S. 49.</span></span></span></span></span><br /><span style="font-size:11pt"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><sup><span style="font-size:9.0pt">43</span></sup><span style="font-size:9.0pt"> Zum Verhältnis von Art. 8 Abs. 1 GG zu Art. 5 Abs. 1 GG siehe nur BVerfGE 104, 92 (104).</span><br /><sup><span style="font-size:8.0pt">44</span></sup><span style="font-size:9.0pt"> Zu den - überaus problematischen – Entwicklungen im Bereich der Meinungsfreiheit siehe nur Kirchhof, NJW 2023, 1922 (1926 f.). Zum fehlenden Anspruch, mit seiner Meinung auch gehört zu werden, siehe nur Grabenwarter, in: Dürig/Herzog/Scholz, GG, 85. Ergl., 2018, Art. 5 Rn. 81; Jarass, in: Jarass/Pieroth, GG, 18. Aufl., 2024, Art. 5 Rn. 9.</span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt">45</span></sup><span style="font-size:9.0pt"> So auch BVerfGE 104, 92 (109).</span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt">46</span></sup><span style="font-size:9.0pt"> Vgl. nur Habermas, Ziviler Ungehorsam – Testfall für den demokratischen Rechtsstaat. Wider den autoritären Legalismus in der Bundesrepublik, in: Glotz, Ziviler Ungehorsam im Rechtsstaat, 1983, S. 32.</span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt">47</span></sup><span style="font-size:9.0pt"> So der gleichnamige Beitrag von Häberle, JZ 1975, 297 ff.</span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt">48</span></sup><span style="font-size:9.0pt"> Vgl. zu einer entsprechenden Fallgestaltung nur OVG NRW, Beschl. v. 8.11.2013 – 5 B 1335/13, BeckRS 2013, 58224.</span></span></span><br /><span style="font-size:11pt"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><sup><span style="font-size:9.0pt">49</span></sup><span style="font-size:9.0pt"> Siehe insoweit auch Graf/Vasovic, NVwZ 2022, 1679 ff.; siehe ferner auch aus der Rechtsprechung VGH Kassel, NVwZ 2022, 1742; LG München, NJW 2006, 3791; zuletzt auch BVerwG, NVwZ 2023, 1427 ff.</span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt">50</span></sup><span style="font-size:9.0pt"> Kienle, Die Weltbühne 27 (1931), Heft 15, S. 535 (539).</span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt">51</span></sup><span style="font-size:9.0pt"> So auch Maier, Der Staat und seine Bürger, in: Gründel, Leben aus christlicher Verantwortung, Bd. 2, 1992, S. 118 (130).</span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt">52</span></sup><span style="font-size:9.0pt"> Dazu und zum Vorstehenden auch Püttmann, Christlicher ziviler Ungehorsam im demokratischen Rechtsstaat des Grundgesetzes?, in: Brodthage/Krimphove, Zugänge zu Recht und Religionen, 2024, S. 207 (229).</span><br /><sup><span style="font-size:9.0pt">53</span></sup><span style="font-size:9.0pt"> Mann, Deutsche Hörer! Radiosendungen nach Deutschland, Neuausgabe, hrsg. v. Kiyak, 2025, S. 39.</span></span></span><br /><span style="font-size:11pt"><span style="font-family:Arial,sans-serif"><sup><span style="font-size:9.0pt">54</span></sup><span style="font-size:9.0pt"> Hitler, Mein Kampf, München, 1936, S. 104 f.</span></span></span></p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-69862</guid><pubDate>Mon, 12 Jan 2026 15:12:29 +0100</pubDate><title>„Gottvertrauen hebt den Blick über die Tragik der Weltsituation hinaus“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/gottvertrauen-hebt-den-blick-ueber-die-tragik-der-weltsituation-hinaus/</link><description>Predigt von Weihbischof Paul Reder beim Friedensgebet der Gemeinschaft Sant’Egidio am 9. Januar 2026 in der Marienkapelle in Würzburg</description><content:encoded><![CDATA[<p><em>Aus dem Buch des Propheten Jesaja (26,1-6)</em></p><p><em>1 An jenem Tag wird dieses Lied im Land Juda gesungen: Wir haben eine starke Stadt. / Zum Heil setzt er Mauern und Wall. / 2 Öffnet die Tore, / damit eine gerechte Nation einzieht, / die Treue bewahrt. 3 Festem Sinn gewährst du Frieden, ja Frieden, / denn auf dich verlässt er sich. 4 Verlasst euch stets auf den HERRN; / denn GOTT, der Herr, ist ein ewiger Fels. 5 Denn die Bewohner der Höhe hat er niedergebeugt, / die hoch aufragende Stadt erniedrigt; er hat sie erniedrigt bis zur Erde, / sie bis in den Staub gestoßen. 6 Füße zertreten sie, die Füße der Armen, / die Tritte der Schwachen.</em></p><p>Liebe Schwestern und Brüder,</p><p>im Blick auf die derzeitige Weltlage kann uns der Atem stocken. Die christliche Botschaft vom Frieden und auch unser Gebet um Frieden hier und heute erscheinen in zunehmendem Maße wie eine lächerliche Utopie, die der harten Wirklichkeit von Krieg und Konflikten, von Gewalt und Grausamkeit nicht standhält. Fast könnte der Eindruck entstehen, dass unser Glaube an Gott und die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben nur in guten Zeiten gelingt – nicht aber wenn die Kräfte von Hass und Unmenschlichkeit entfesselt sind.</p><p>Papst Leo XIV. setzt diesem Eindruck mit seiner Friedensbotschaft einen herausfordernden Akzent entgegen. Die Überschrift seiner Botschaft zum Weltfriedenstag am Neujahresanfang des Jahres 2026 lautet fast provozierend: „Der Friede sei mit euch allen: hin zu einem ,unbewaffneten und entwaffnenden‘ Frieden.“ Zunächst mag das so klingen, als würde der Papst lediglich einem frommen Idealismus das Wort reden. Aber er betont, dass dieser Friedensgruß nicht als Höflichkeitsfloskel eines menschlichen Bemühens dient, sondern der Gruß des auferstandenen Herrn ist, den er uns auch heute zuspricht: „Der Friede sei mit euch!“ Es geht damit nicht um einen idealistischen Frieden, der als Utopie scheitern müsste. Vielmehr – so drückt es Papst Leo aus – ist dieser „Friede des auferstandenen Christus, ein unbewaffneter und entwaffnender Friede, demütig und beständig. Er kommt von Gott.“</p><p>Das ist ein Aspekt, den wir nicht übersehen dürfen. Reden wir vom Frieden im christlichen Sinn, meinen wir keinen menschlichen Appell, sondern in Jesus Christus eine Wirklichkeit, die uns Frieden bringt, wenn wir uns ihrer Botschaft öffnen. Reden wir im christlichen Sinn von Frieden, dann geht es darum, dieser Wirklichkeit in Person Zugänge zu unserer Welt zu öffnen, zur Welt in uns, aber auch zur Welt um uns herum. Darum ist es sinnvoll, zu beten, das heißt unsere Herzen, unser Leben, ja auch unsere kriegerische Welt, in das Licht dieser Wirklichkeit zu stellen. Denn dieser Friede, so könnten wir sagen, ist – über alle menschlichen Ideale und Anstrengungen hinaus – ein Projekt Gottes selbst.</p><p>Hierfür sind die Worte des Propheten Jesaja, die wir in der biblischen Lesung gehört haben, ein sprechendes Zeugnis. Dieser biblische Text ist in eine Zeit hineingesprochen, die alles andere als eine Wohlfühloase war. Vielmehr geben die Worte einen Widerhall von den zerstörerischen Mächten, denen sich das Volk Israel ausgesetzt sieht. Und ausgerechnet in diesem Konflikt wird eine Hoffnung von einem Lied wachgehalten, das zur rettenden Tat Gottes erklingt: „Wir haben eine starke Stadt. / Zum Heil setzt er (Gott) Mauern und Wall. Öffnet die Tore, / damit eine gerechte Nation einzieht, / die Treue bewahrt.“ Das Volk selbst wendet sich an Gott, weil dieser um das Sicherheitsbedürfnis seines Volkes weiß. Doch trotz der Mauern und Wälle braucht es auch offene Tore. Sonst wird das Bedürfnis nach Schutz und Sicherheit zum abgeschlossenen Gefängnis.</p><p>Hierin kommt eine Versuchung zum Ausdruck, die bis heute Konfliktgeschichte prägt. Das Streben nach maximaler Sicherheit durch Verteidigung und Hochrüstung schottet auch maximal ab, nicht nur vom Gegner, sondern von allem, was wir als lebenswert lieben. Angstgesteuert sind wir dann in den Gewalt-Kreisläufen gefangen, die eskalieren. Und auf diese Eskalation der Gewalt ist bei aller Angst und Unsicherheit Verlass.</p><p>Darum betont das Prophetenwort, dass von Gott her auch auf anderes Verlass ist: „Festem Sinn gewährst du (Gott) Frieden, ja Frieden, / denn auf dich verlässt er sich.“</p><p>Ich halte es für eine zentrale Frage für jeden Menschen, worauf Verlass ist, worauf wir unser Vertrauen setzen können. Darum hat Jesus seine Jünger ermutigt und darin geschult, im Vertrauen auf Gott nicht nachzulassen. Das legt keinen Bypass um die Tragik der Welt herum. Das Kreuz steht gerade dafür. Aber dieses Gottvertrauen hebt unseren Blick über die Tragik der Weltsituation hinaus und gibt eine Perspektive, wo Verzweiflung die Kräfte zur Hoffnung und zum Guten lähmt.</p><p>Der Ort, wo wir heute beten, die Marienkapelle am Markt im Zentrum der Stadt Würzburg, ist für dieses Gottvertrauen und den dadurch möglichen erhobenen Blick selbst ein Wahrzeichen. Nach dem verheerenden Bombenangriff am 16. März 1945 erhob sich inmitten einer zerstörten Altstadt aus den Trümmern der umliegenden Brandruinen – nach menschlichem Ermessen unfassbar – der fragile gotische Turm der Marienkapelle und auf ihm die golden glänzende Figur Mariens, die den Turm bis heute ziert.</p><p>Für nicht wenige der ausgebombten Menschen war dieser standhafte Marienturm inmitten der Ruinen ein sichtbares Zeichen, wie zerstörerisch sich der Bruch von Völkerrecht, die Dominanz von Waffengewalt und menschenverachtende Ideologie auswirken. Der fragile Marienturm war für viele aber auch ein Hoffnungszeichen, dass es neue Anfänge dort gibt, wo aus menschlicher Sicht jede Zivilisation zerbrochen und am Ende ist.</p><p>Im Magnificat Mariens wird beschrieben, dass Gott Mächtige vom Thron stürzt und Niedrige erhöht. Hier wird beschrieben, dass Gott nicht gewalttätig schützt, sondern durch seine rettende Gerechtigkeit. So spannt sich ein großer Bogen über die biblische Weisheit, dass kein Heil im Krieg zu finden ist, für niemanden, und dass es in keinem Moment zu spät ist, den Frieden zu suchen. Oder wie Papst Leo in seinem Friedensschreiben mit den Worten seines Ordensvaters Augustinus in Erinnerung ruft: „Wenn ihr andere zum Frieden führen wollt, mögt ihr ihn erst selbst in euch haben und in ihm gefestigt sein. Um andere zu entflammen muss sein Licht in euch brennen.“ (Sermo 357,3)</p><p>Darum wollen wir beten – nicht nur für uns, nicht nur hier, nicht nur heute. Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-69566</guid><pubDate>Thu, 25 Dec 2025 11:00:00 +0100</pubDate><title>„Wo immer Christus geboren wird, ist Betlehem“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/wo-immer-christus-geboren-wird-ist-betlehem/</link><description>Weihnachtspredigt von Bischof Dr. Franz Jung am Hochfest der Geburt des Herrn, Donnerstag, 25. Dezember 2025, im Würzburger Kiliansdom </description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><p><strong>„Lasst uns nach Betlehem gehen“</strong></p><p>„Lasst uns nach Betlehem gehen“, so sagen die Hirten zueinander, nachdem der Engel ihnen die freudige Nachricht von der Geburt des Messias verkündet hatte.</p><p>In dieser Aufforderung steckt die gesamte Weihnachtsbotschaft.</p><p>Das will ich im Folgenden mit Ihnen bedenken.</p><p><strong>Betlehem als der Ort, an dem der Gottessohn geboren wurde</strong></p><p>„Lasst uns nach Betlehem gehen“ – das bedeutet zunächst: Es gibt einen Ort, den man eindeutig benennen kann und der ein für alle Mal mit der Menschwerdung Gottes verbunden ist. Das ist deshalb wichtig, weil Weihnachten von einer historischen Tatsache erzählt. Weihnachten ist kein Mythos, keine fromme Legende und auch kein Lebensgefühl, das in einer bestimmten Jahreszeit über die Menschen kommt, sondern Weihnachten sagt: Gott kommt in diese Welt. Wenn Gott Mensch wird, tritt er ein in unsere Geschichte. Dann gibt es einen Ort und eine Zeit, die man genau bestimmen kann. Genau das und nur das verbürgt das Heil. Denn Gott heiligt unsere Erde und unsere Zeit, indem er hier als Mensch geboren wird.</p><p>Bis zum heutigen Tag gehört daher die Geburtskirche in Betlehem zu den heiligsten Orten der Christenheit. Hier wird die Geburtsgrotte gezeigt, in der Maria den Retter der Welt geboren hat und ihn in Windeln gewickelt hat, genau wie es der Engel den Hirten angekündigt hatte. Bis zum heutigen Tag sagen deshalb viele Pilgerinnen und Pilger weltweit mit den Hirten: „Auf, lasst uns nach Betlehem gehen!“</p><p><strong>Wo immer Christus geboren wird, ist Betlehem </strong></p><p>„Lasst uns nach Betlehem gehen“ – das kann aber auch in einem geistlichen Sinn verstanden werden. Betlehem ist der Ort, an dem Christus geboren wurde. So haben wir eben gehört. Aber umgekehrt gilt auch: Wo immer Christus geboren wird, ist Betlehem. Betlehem wird damit zum Symbol für eine geistliche Wirklichkeit. Und das macht es spannend. Nach Betlehem aufzubrechen, heißt dann, nach den Orten zu suchen, an denen Christus mitten unter uns geboren wird.</p><p>Wo aber liegt dann Betlehem?</p><p><strong>Betlehem ist da, wo die Nacht zum Tag wird</strong></p><p>Christus wird in der dunkelsten Nacht des Jahres geboren. Durch seine Geburt vertreibt Gott die Finsternis. Betlehem ist also immer da, wo mitten in der Dunkelheit unseres Lebens das Licht Christi erstrahlt. Heute sind wir eingeladen, unsere persönlichen dunklen Stunden des vergangenen Jahres in seinem Licht zu betrachten. Nicht dass das Bedrückende und Schwere einfach weggeblasen wäre. Aber weil Gott in das Dunkel kommt, möchte er mit uns aus dem Dunkel in sein Licht gehen. Wenn wir nach Betlehem gehen, wird aus der Nacht unseres Lebens seine Heilige Nacht.</p><p><strong>Betlehem ist da, wo die Würde der Menschen gewahrt wird</strong></p><p>Weil an Weihnachten Gott unsere menschliche Natur angenommen hat, hat er damit auch unsere Würde erneuert. Betlehem ist also immer da, wo die Würde von Menschen nicht mit Füßen getreten wird, sondern geachtet wird. Das ist immer da, wo Menschen nicht reduziert werden auf eine Eigenschaft, sondern als Personen geachtet werden, z.B. in den Justizvollzugsanstalten, weil niemand auf seine Schuld festgelegt werden darf, sondern immer mehr ist als nur jemand, der sich verfehlt hat. Oder in den Unterkünften für Geflüchtete, weil Menschen auf der Flucht nicht nur Bittsteller sind, sondern auch Rechte haben, die gewahrt und geschützt werden müssen. Nach Betlehem gehen heißt dann auch, an die Menschenwürde aller zu erinnern und Verletzungen der Menschenwürde als solche zu benennen.</p><p><strong>Betlehem ist da, wo der Friede Gottes anbrechen kann</strong></p><p>In der Heiligen Nacht haben die Engel über den Feldern von Betlehem den Menschen den Frieden verkündet. Christus wird immer da geboren, wo wir an diesen Frieden glauben, der uns von Gott her zugesagt wird. Weil Gott sich mit der Welt versöhnt hat, sollen wir seinen Frieden weitertragen. Eine herausfordernde Aufgabe, gerade in diesen Zeiten, in denen offenbar die Kriegstreiber die Oberhand haben. Nach Betlehem zu gehen, bedeutet dann, nach dem zu suchen, was dem Frieden dient. Nicht die Gegensätze bis zur Unversöhnlichkeit zuzuspitzen, nicht die Eskalation immer weiter voranzutreiben, nicht die Unterschiede zu betonen, sondern nach dem Verbindenden Ausschau zu halten und der Versöhnung den Weg bereiten – auch und gerade im Heiligen Land. Der Weg nach Betlehem verlangt Ausdauer und den unverbrüchlichen Glauben an den Frieden der Heiligen Nacht. So gilt gerade in diesen Tagen: Lasst uns nach Betlehem gehen auf dem Weg des Friedens.</p><p><strong>Betlehem ist da, wo Menschen in ihrer Verletzlichkeit geschützt werden</strong></p><p>An Weihnachten hat Gott sich als kleines Kind verletzlich gemacht. Betlehem ist immer da, wo wir die Verletzlichsten schützen. Das gilt für das Ungeborene Leben, für das es keinen abgestuften Lebensschutz gibt, sondern das von Beginn an schützenswert ist. Das gilt aber auch für die sterbenden Menschen angesichts der Diskussion um den assistierten Suizid. Statt durch die Hand von Menschen zu sterben machen wir uns dafür stark, an der Hand von Menschen zu sterben. Weil Gott selbst unsere Verletzlichkeit geheiligt hat, heißt nach Betlehem gehen, sich für die Schwächsten stark zu machen.</p><p><strong>Betlehem und der Krippenbau in unseren Häusern</strong></p><p>Vergessen wir nicht: Unsere Häuser und Wohnungen wollen Betlehem sein. Deshalb bauen wir an Weihnachten unsere Krippen auf. Sie sind nicht nur Folklore oder ein frommer Brauch. Der Tiefe Ernst der Krippen liegt darin begründet, dass sie uns daran erinnern, dass Christus auch bei uns geboren werden möchte. Auch unser Zuhause soll Betlehem sein. Auch wir sollen heilige Familien sein. Familien, in denen Menschen um Christi willen einander annehmen. Familien, die durch die Liebe zu Christus zusammengehalten werden.</p><p>Familien, die sich freuen, dass Gott in ihrer Mitte ist und mit ihnen den Weg durchs Leben geht mit allen Höhen und Tiefen. Ja, lasst uns nach Betlehem gehen, um an unseren Krippen betend zu verweilen. Lasst uns so immer mehr Betlehem werden.</p><p><strong>Betlehem als Inbegriff für die Eucharistie</strong></p><p>Der hebräische Ortsname „Bethlehem“ heißt übersetzt „Haus des Brotes“. Schon seit den frühesten Zeiten wurde deshalb Betlehem zum Symbol für die Kirche. Denn die Kirche ist das „Haus des Brotes“. In der Mitte der Kirche feiern wir im Sakrament der Eucharistie immer neu die Vergegenwärtigung unserer Erlösung. Wie in Betlehem zum ersten Mal der „Leib Christi“ gesehen wurde, so sehen wir den „Leib Christi“ in der Feier der Eucharistie. Christus wird mit „Leib“ und „Blut“ unter uns gegenwärtig. In der Kommunion haben wir Gemeinschaft mit ihm. Wir werden „durch ihn und mit ihm und in ihm“ zu Schwestern und Brüder im Glauben.</p><p>„Lasst uns nach Betlehem gehen“ heißt also immer auch, lasst uns miteinander Eucharistie feiern. Denn an Weihnachten will Christus in uns geboren werden. Mit ihm sollen wir zu neuen Menschen werden, die „von oben geboren sind“, wie es der Evangelist Johannes sagt. Denn nur neue Menschen können die Welt im weihnachtlichen Sinne verwandeln.</p><p><strong>Hören wir also niemals auf, nach Betlehem zu gehen!</strong></p><p>Hören wir also niemals auf, nach Betlehem zu gehen. Muntern wir uns mit den Hirten immer neu gegenseitig auf, nach Betlehem aufzubrechen. Denn Weihnachten wird erst dann vollendet sein, wenn die ganze Welt sich an seiner Krippe einfindet, um ihn anzubeten. Amen.</p>

]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Advent und Weihnachten</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-69565</guid><pubDate>Wed, 24 Dec 2025 23:30:00 +0100</pubDate><title>„Schau auf das kleine Kind“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/schau-auf-das-kleine-kind/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung in der Christmette an Heiligabend, 24. Dezember 2025, im Würzburger Kiliansdom</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><p><strong>Enge Pforte der Geburtskirche in Betlehem</strong></p><p>Im nun zu Ende gehenden Heiligen Jahr war die Heilige Pforte im Petersdom in Rom das Ziel aller Pilgerinnen und Pilger. Auch an Weihnachten geht es um eine Heilige Pforte. Allerdings nicht in Rom, sondern in Betlehem. Ich meine mit dieser heiligen Pforte den Eingang zur Geburtskirche in Betlehem – Sie sehen sie auf ihrem Liedblatt abgedruckt. Wer schon einmal da war, wird sich gewiss an sie erinnern. Warum?</p><p>Ganz einfach. Weil die Geburtskirche im Gegensatz zu unseren Kathedralen und Domen kein prächtiges Portal aufweist. Ganz im Gegenteil. Wer die Geburtskirche betreten möchte, muss sich bücken. Er muss aufpassen, dass er sich nicht den Kopf anstößt, so eng und klein ist die Tür.</p><p><strong>Die kleine Pforte als „Tür der Demut“</strong></p><p>Dass die Tür so klein ist, hat zunächst ganz praktische Gründe. Wer genau hinschaut, sieht nämlich, dass die einst größere Tür zugemauert wurde. Man wollte verhindern, dass Unbefugte sich Zutritt verschaffen zu diesem heiligen Ort.</p><p>Überdies sagt die Überlieferung, dass auch die Könige gewohnt waren, hoch zu Ross in die Kirche einzureiten. Dem wollte man ein für alle Mal einen Riegel vorschieben. Wer die Geburtskirche betreten will, muss runter vom hohen Ross – im wahrsten Sinne des Wortes. Er muss sich üben in Demut. Deshalb heißt die kleine Tür zur Geburtskirche auch die „Tür der Demut“.</p><p><strong>Die enge Pforte des Mutterschoßes zur Menschwerdung Gottes</strong></p><p>Die Bezeichnung „Tür der Demut“ bezieht sich aber nicht nur auf die Besucher der Kirche. Die Tür der Demut passt nämlich ausgezeichnet zur Geburtskirche. Denn sie wird zum Symbol für die Menschwerdung Gottes. Denn an Weihnachten feiern wir, dass Gott sich klein gemacht hat. Der Schöpfer und Herr der Welt wählt die enge Pforte des Mutterschoßes, um als kleines Kind in diese Welt zu kommen.</p><p>„Entäußert sich all seiner Gewalt, wird niedrig und gering“, so singt die Kirche an Weihnachten im Lied „Lobt Gott ihr Christen alle gleich“ (GL 247). Der unfassbare Gott macht sich fassbar. Dazu muss er all seine Herrlichkeit und Größe ablegen, um den Menschen als Mensch zu begegnen in der Form eines hilflosen Kindes.</p><p>Gott sieht nicht länger vom hohen Thron auf die Menschen herab, sondern steigt selbst ab vom hohen Thron, um unser Leben mit uns zu teilen. Er kommt nicht als Herrscher, sondern als Diener und Knecht. Das ist die umstürzende und zugleich froh machende Botschaft von Weihnachten.</p><p><strong>Das Betreten der Geburtskirche als Eintreten in das Geheimnis der Menschwerdung</strong></p><p>So wird das Betreten der Geburtskirche zu einem „mystagogischen Ereignis“, wie man so schön sagt. Das heißt beim Eintreten muss man sich klein machen. Und in diesem Sich-Klein-Machen lernt man, was es heißt, dass Gott Mensch geworden ist.</p><p>Im Durchschreiten der „Tür der Demut“ übt man die Demut selbst ein. Man tritt gewissermaßen ein in das Geheimnis von Weihnachten. So wird Weihnachten ganz praktisch erfahrbar.</p><p><strong>Als Christen müssen wir diesen Eintritt ins Weihnachtsgeheimnis immer neu üben</strong></p><p>Diese praktische Lehrstunde in Sachen Weihnachten ist dringend notwendig. Denn es ist im Leben oft gar nicht so einfach, durch die „Tür der Demut“ zu gehen.</p><ul><li>Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn Du deine eigene Schwäche erkennen und annehmen musst in Krankheit und Alter, weil es nicht mehr geht wie früher und eine radikale Umkehr im Leben ansteht – dann schau auf das kleine Kind, in dem Gott unsere menschliche Schwachheit angenommen hat, um sie mit seiner Gottheit zu verbinden</li><li>Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn Du unversöhnt bist und nachtragend – dann schau auf das Kind, in dem Gott die Sünde der Welt hinwegnimmt und uns die Versöhnung mit sich und untereinander anbietet</li><li>Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn du über deinen Schatten springen und deine Bequemlichkeit ablegen musst – dann schau auf das Kind, in dem Gott die Mühen unseres Lebens mit uns teilt, damit Neues werden kann und nicht einfach alles beim Alten bleibt</li><li>Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn du angefragt bist mit den Bedürftigen zu teilen – dann schau auf das Kind, in dem Gott arm wird, um uns durch seine Armut reich zu machen und uns Anteil zu geben an seiner Liebe</li><li>Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn du deine Vorurteile über andere ablegen musst – dann schau auf das kleine Kind, in dem wir den Sohn Gottes erkennen dürfen wie der Engel sagt, durch den wir alle „eine neue Schöpfung sind“ (2Kor 5,17), von Gott her neu, weil von Gott geliebt</li><li>Die Tür der Demut ist zu durchschreiten, wenn du deine Angst überwinden musst – dann schau auf das Kind, in dem uns das Licht in der dunkelsten Nacht aufgestrahlt ist, das uns leuchtet auch in der Finsternis (Joh 1,5)</li></ul><p><strong>Die engen Pforten können zu Heiligen Pforten werden</strong></p><p>Es gibt viele enge Pforten im Leben. An Weihnachten sind wir eingeladen, mit dem Kind diese Pforten zu durchschreiten. Nicht umsonst wird Jesus später im Evangelium sagen: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen!“ (Lk 13,24) Wer das wagt, für den wird so manche enge Pforte tatsächlich zur Heiligen Pforte, weil er im Glauben über sich hinausgewachsen ist und gemerkt hat, dass das enge Tor notwendig war auf dem eigenen Lebensweg, um neu zu werden.</p><p><strong>Die Tür der Demut ist die Tür der Kinder Gottes</strong></p><p>Die „Tür der Demut“ ist gerade mal 1,20 m hoch. Das Idealmaß für Kinder. Auch das wird an Weihnachten zum hochsymbolischen Maß. Mit dem Sohn Gottes können nur die Kinder Gottes durch diese Tür ein und ausgehen. Es sind die, von denen es im Johannesevangelium heißt, dass sie „nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1,13). Es sind die, die in dem Kind zu neuen Menschen geworden sind. Sie haben keine Angst vor der engen Tür, sondern an der Hand des Kindes gehen sie durch diese enge Tür ins Leben.</p><p><strong>Das Ende des Prologs der Benedikt-Regel</strong></p><p>Im Vorwort zur Regel des Heiligen Benedikt heißt es am Ende:</p><p>„Sollte es (…) aus wohlüberlegtem Grund etwas strenger zugehen, um Fehler zu bessern und die Liebe zu bewahren, dann lass dich nicht sofort von Angst verwirren und fliehe nicht vom Weg des Heils; er kann am Anfang nicht anders sein als eng.</p><p>Wer aber (…) im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit, und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes.“</p><p>Wie schön! Und ermutigend! Wie immer kann der Weg des Heils und der Heilung am Anfang nicht anders als eng sein. Denn aller Anfang ist schwer. Wer aber im Blick auf Weihnachten an der Hand dieses Kindes im Glauben voranschreitet, dem wird das Herz weit und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes. Genau das wünsche ich Ihnen am heutigen Weihnachtsfest: Dass ihr Herz weit wird. Dass sie mit dem Kind das unsagbare Glück der Liebe erfahren.</p><p>Denn wenn das Herz weit wird und die Liebe zu ihrem Recht kommt, dann können wir einstimmen in den Lobgesang der Engel:</p><p><em>„Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden den Menschen seiner Gnade.“ </em></p><p>Ihnen allen von Herzen frohe und gesegnete Weihnachtstage. Amen.</p><p></p>]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Advent und Weihnachten</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-69437</guid><pubDate>Thu, 18 Dec 2025 15:00:00 +0100</pubDate><title>„Die Welt braucht unseren Zuspruch der Hoffnung und des Trostes mehr denn je“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/die-welt-braucht-unseren-zuspruch-der-hoffnung-und-des-trostes-mehr-denn-je/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung beim adventlichen Pontifikalgottesdienst für die Mitarbeitenden von Bischöflichem Ordinariat und Caritas am Donnerstag, 18. Dezember, im Würzburger Kiliansdom</description><content:encoded><![CDATA[<h2 style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Josef, der Träumer</h2><p>Was für ein Evangelium! Wenn Träume platzen… Josef muss zur Kenntnis nehmen, dass ihm offenbar ein anderer zuvorgekommen ist. Der Traum von der eigenen Familie – ausgeträumt! Er macht nicht groß Aufhebens von dieser persönlichen Katastrophe. Er bemüht sich vielmehr um Schadensbegrenzung und will sich im Stillen verabschieden. Er hat hier keinen Platz mehr. Seine Stelle ist weg.</p><p>Da wird er von Gott - wohlgemerkt im Traum! - zum Bleiben bewogen. Denn er erfährt jetzt, dass der geheimnisvolle Andere niemand anderes als Gott selbst ist. Gott braucht diesen Josef dringender denn je, denn er soll dem Kind den Namen geben und Mutter wie Kind behüten.</p><p>Auf diese Weise erhält Josef eine Bleibe-Perspektive. Er lässt sich auf das neue Abenteuer ein und tritt die Stelle als Vaterersatz für die heilige Familie an. Er träumt Gottes Traum mit von der Erlösung der Welt durch die Menschwerdung seines Sohnes.</p><h2>Was lernen wir daraus?</h2><p>Erstens: Das Beispiel des Josef zeigt uns: Veränderung von Stellenprofilen und Aufgabenzuschnitten gibt es schon seit Beginn der Heilsgeschichte - und wird es auch weiterhin geben.</p><p>Unser Bemühen geht jedoch dahin, Veränderungen im Stellenprofil mit den Betroffenen rechtzeitig und offen zu besprechen. Wir wollen es gerade nicht der Phantasie der Mitarbeitenden überlassen, zu raten, was sich gerade verändert. Denn diese Phantasie treibt erfahrungsgemäß unschöne Blüten. Sie steigert die Verunsicherung und führt zu Zukunftsängsten. Die Folgen lassen sich an Josef ablesen. Sie sind die innere Kündigung bzw. der Wechsel des Arbeitgebers. Das beeinträchtigt auch das Betriebsklima.</p><p>Bei euch aber soll es anders sein! Von daher danke ich allen, die bei den anstehenden Veränderungen seit Jahren bemüht sind, alle, die es betrifft, mitzunehmen und gemeinsam eine gute Perspektive zu erarbeiten. Das stärkt das Vertrauen und hilft, sich als lernende Organisation weiterzuentwickeln.</p><p>Zweitens: Im Blick auf Josef könnte man darauf hoffen, dass die Mitarbeitenden einen gesunden Schlaf haben und dass Engel auch heute noch fliegen.</p><p>Zielführender ist es allerdings, die Mitarbeitenden rechtzeitig über die künftigen Unternehmensziele aufzuklären. Das verlangt übrigens auch die erneuerte Grundordnung vom Dienstgeber. Im nun zu Ende gehenden Jahr haben wir vieles unternommen, um unseren Mitarbeitenden die Unternehmensziele nahezubringen und sie mitzunehmen auf diesem Weg.</p><p>Dieses „Mitnehmen“ gilt im wahrsten Sinne des Wortes für die drei Wallfahrten zum Heiligen Jahr nach Rom. Dabei haben wir als „Pilgerinnen und Pilger der Hoffnung“ nicht nur die vier heiligen Pforten durchschritten, sondern auch so manch andere Tür zu einem guten und vertrauensvollen Miteinander aufgetan. Das war eine sehr schöne Erfahrung von Dienstgemeinschaft!</p><p>Das bietet mir die willkommene Gelegenheit, unserer MAV zu danken, mit der wir gemeinsam die Idee der Romwallfahrten für die Mitarbeitenden geboren haben. So zeigte sich wieder einmal das konstruktive Miteinander von Dienstgeber und Dienstnehmenden, für das ich als Bischof sehr dankbar bin!</p><p>Drittens: Für Josef gab es zum Glück kein böses Erwachen. Ihm wurden – das ist der humoristische Zug unserer Geschichte! - im Schlaf die Augen geöffnet. Im Schlaf wurde er eingeweiht in das große Projekt der Welterlösung. Er durfte erkennen, dass Bleiben jetzt „Erste Bürgerpflicht“ ist und er sich nicht heimlich davonzuschleichen braucht. Vor allem aber, dass alles viel größer und bedeutsamer ist, als er sich je selbst hätte träumen lassen.</p><p>Ich wünsche uns, dass auch wir uns an Weihnachten freuen, dass Gott der „Immanuel“ ist, der „Gott-Mit-Uns“. Und dass wir als kirchliche Mitarbeitende froh und stolz sind, auch heute unseren Beitrag leisten zu dürfen zu dieser großartigen Mission. Denn sie hat nichts von ihrer Dringlichkeit eingebüßt, aber auch nichts von ihrer Schönheit.</p><p>Darüber muss man übrigens nicht schweigen wie der gute Josef, sondern darf ab und an auch mal ein Wort, hoffentlich ein gutes Wort, verlieren. Denn die Welt braucht unseren Zuspruch der Hoffnung und des Trostes mehr denn je in diesen aufgewühlten und unsicheren Zeiten!</p><h2>Dank</h2><p>In diesem Sinne danke ich allen für die Arbeit im vergangenen Jahr und spreche ihnen gerne meine Anerkennung aus für das Geleistete und für alles gemeinsame Ringen um eine gute Weiterentwicklung unseres Bistums und damit der Ortskirche von Würzburg. Ich tue das ausdrücklich auch im Namen unseres Weihbischofs, meines Generalvikars und im Namen Clemens Biebers.</p><p>Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien von Herzen frohe und besinnliche Weihnachtstage und die nötige Erholung für den Neustart in das Jahr 2026, in dem für Josef wie für uns alle gilt: „Hab Mut, steh auf!“, denn es gibt noch viel zu tun!</p>]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-68974</guid><pubDate>Thu, 27 Nov 2025 21:00:00 +0100</pubDate><title>„Es fehlt das Herz“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/es-fehlt-das-herz/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung am Donnerstag, 27. November, in der Pfarrkirche Sankt Justinus in Alzenau im Rahmen der Predigtreihe „„Dilexit Nos. Das Vermächtnis Papst Franziskus‘“</description><content:encoded><![CDATA[<p class="Dachzeile1"></p><h1>Liebe Schwestern und Brüder!</h1><h3>„Es fehlt das Herz.“ (DN 9)</h3><p>Mit seiner Enzyklika „Dilexit nos“ hat uns Papst Franziskus sein geistliches Testament hinterlassen. Diese Enzyklika – veröffentlicht zum Abschluss der Weltsynode – handelt überraschenderweise nicht von Synodalität, nicht von Verfahrensfragen, Strukturen oder Ämtern. Mit seiner letzten Enzyklika kommt der Papst auf das Eigentliche zu sprechen, das in all diesen Diskussionen unter den Tisch fällt. Er handelt von der Verehrung des Herzens Jesu als der Herzmitte unseres Glaubens. Seine Enzyklika hebt an mit einer Verlustanzeige: „Es fehlt das Herz.“ (DN 9). Eine Feststellung, die unmittelbar zu Herzen geht und die prägnant zusammenzufassen scheint, was derzeit irgendwie jeder und jede fühlt. Es fehlt das Herz. Es ist uns abhandengekommen in einer Welt, in der alles nur darauf getrimmt wird, möglichst reibungslos zu funktionieren. So möchte ich heute von der Notwendigkeit der Herzensbildung sprechen als Aufgabe der Kirche. Was heißt das: Herzensbildung?</p><h3>Herzensbildung heißt, sich selbst zu fühlen</h3><p>Herzensbildung heißt zuerst, sich selbst zu fühlen. Das Neue Testament erzählt uns immer wieder von der Begegnung Jesu mit Menschen, die den Kontakt zu sich und zu ihrem Herzen verloren haben. Ich denke dabei an den Besessenen von Gerasa, der in den Höhlen außerhalb der Stadt lebt. Er ist isoliert. Verletzt sich dauernd selbst und kann von niemandem gebändigt werden. Ein Beispiel für einen schwer traumatisierten Menschen, der sich nicht mehr fühlen kann (Mk 5,1-20).</p><p>Oder denken wir an die Samariterin am Jakobsbrunnen. Diese Frau hatte fünf Männer und der sechste ist nicht ihr Mann, wie Jesus ihr auf den Kopf zusagt (Joh 4,18). Weil ihre Sehnsucht nach Liebe nicht erfüllt wird, stürzt sie sich von einer Liebschaft in die nächste. Den Kontakt zum eigenen Herzen hat sie längst verloren. Sie lebt nur noch im Außen, nicht mehr im Innen.</p><p>Jesus gelingt es, beiden Menschen zu helfen, sich wieder zu spüren. Im Fall des Besessenen vertreibt er die Dämonen, um ihn von der inneren Fremdherrschaft zu befreien in der Kraft des Heiligen Geistes. Im Fall der Samariterin weckt er ihre Sehnsucht nach dem lebendigen Wasser der Liebe Gottes, das in ihm als wahrer Quelle entspringt. Herzensbildung bedeutet zuerst, das eigene Herz wieder zu spüren und die Sehnsucht nach innerer Heilung wiederzuentdecken. Ein langer Weg. Nur Jesus, der Herzenskenner, kann uns hier im Letzten weiterhelfen.</p><h3>Herzensbildung heißt, die Herzlosigkeit der Menschen zu fühlen</h3><p>Herzensbildung zeigt sich zweitens aber auch darin, die Herzlosigkeit anderer zu fühlen. Als Jesus am Sabbat in der Synagoge den Mann mit der verdorrten Hand heilen möchte, fragt er zuerst die Pharisäer nach ihrer Meinung: „Was ist am Sabbat erlaubt - Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? Sie aber schwiegen. Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz“ (Mk 3,4).</p><p>Man kann sich die Szene bildlich vorstellen und Jesu Erschrecken über die Hartherzigkeit der Menschen, die zu keinerlei Mitleid fähig sind angesichts des Elends dieses Mannes. Auch wenn er sich ihren Hass zuzieht, heilt Jesus diesen Menschen.</p><p>Immer wieder erzählt die Schrift, wie Jesus Mitleid gehabt habe und wie er die Barmherzigen seliggepriesen habe, die sich ihr Mitgefühl erhalten hatten.</p><p>Herzlosigkeit führt zur Gleichgültigkeit. Von der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ als Krankheit unseres Zeitalters hat Papst Franziskus immer wieder gesprochen. Mitfühlen und Empathie empfinden zu können sind wichtige Schritte auf dem Weg der Herzensbildung.</p><h3>Herzensbildung heißt, am Herzen des Meisters zu ruhen</h3><p>Herzensbildung heißt drittens, am Herzen des Meisters zu ruhen. Inbegriff dessen ist der Lieblingsjünger Johannes im gleichnamigen Evangelium. Johannes ruht am Herzen Jesu. Auch im Abendmahlssaal ist er der Einzige, der die Nähe Jesu sucht und dessen Nähe Jesus duldet (Joh 13,23). Weil er am Herzen des Meisters ruht, erkennt er am Ostertag vor allen anderen den Herrn (Joh 20,8 / 21,7). Er kennt Jesus und ist von ihm erkannt.</p><p>Das Gegenbild zum Lieblingsjünger Johannes ist im Johannesevangelium der Apostel Petrus. Auch wenn er beteuert, seinem Herrn und Meister nachzufolgen bis in den Tod (Lk 22,33), verleugnet er bei der erstbesten Gelegenheit gleich dreimal Jesus.</p><p>Erst als Jesus nach dem Verrat Petrus in die Augen schaut und der seinem Blick nicht ausweicht, spürt er sein Herz (Lk 22,62). Der Blick des geschundenen Herrn rührt ihn zu Tränen der Reue. Erst jetzt wird ihm bewusst, was er angerichtet hat. Ein Moment der Gnade und der Umkehr. Von Jesus erkannt, beginnt er sein Herz zu fühlen. Von Jesus erkannt, bildet sich sein Herz. Als geläuterter und von Christus im Herzen erkannter kann er dann zum Felsenmann der Kirche werden.</p><p>Ruhen am Herzen des Herrn, mit den Augen Jesu schauen, mit den Ohren Jesu hören, mit den Händen Jesu zärtlich berühren und mit diesem Jesus fühlen, das ist die wahre Schule der Herzensbildung. Sie durchlaufen wir in der Betrachtung der Heiligen Schrift, besonders in der Form der Lectio Divina oder der Geistlichen Schriftlesung, wie ich sie im Heiligen Jahr unseren Gemeinden empfohlen habe. Denn in der Geistlichen Schriftlesung geht es darum, sich die Worte der Heiligen Schrift zu Herzen gehen zu lassen und sie sich zu Herzen zu nehmen.</p><p>Aber die Schule der Herzensbildung ist auch die geschenkte Zeit der Anbetung. Sich dem Herrn auszusetzen, sich von ihm anschauen lassen und ihn anzuschauen, das hilft, dass unsere Herzen verwandelt werden.</p><h3>Herzensbildung als Aufgabe der ganzen Kirche</h3><p>Herzensbildung ist Aufgabe der ganzen Kirche. Denn wo das Herz fehlt, wird der Glaube blutleer. Ein Glaube aber, der sich nur als Glaubenswissen versteht, verbleibt im Kopf, ist allenfalls eine intellektuelle Anstrengung, die aber das Herz nicht erreicht und deshalb den Menschen auch nicht verwandelt.</p><p>Wo das Herz fehlt, wird das Handeln aus dem Glauben nur als angestrengtes Ableisten frommer Werke verstanden. Moralische Strenge hilft aber nicht, das eigene Tun als Herzensangelegenheit zu verstehen, für die man aus innerster Überzeugung brennt. Wo das Herz im Glauben fehlt, arbeiten wir uns nur an innerkirchlichen Strukturfragen ab, ohne zur Tiefe dessen vorzudringen, für die es die Kirche und ihre Strukturen überhaupt braucht. Reformbemühungen ohne die Ergriffenheit des Herzens werden langfristig wohl keine Früchte tragen, weil sie nicht aus der lebendigen Glaubensmitte hervorgehen.</p><p>Glauben ist eben mehr als nur Glaubenswissen, mehr als nur fromme Werke, mehr als nur rigider Moralismus, mehr als nur kirchliche Strukturen.</p><p>Glauben heißt, Jesus aus innerstem Herzen verbunden sein, heißt Jesus zu lieben, heißt eine persönliche Christusbeziehung zu haben - genau darum geht es.</p><p>Die Folge davon, dass das Herz fehlt „ist oft ein Christentum, das die Zartheit des Glaubens, die Freude hingebungsvollen Dienstes, den Eifer für die Mission von Mensch zu Mensch, das Überwältigt-Sein von der Schönheit Christi, die emotionale Dankbarkeit für die Freundschaft, die er anbietet, und den letzten Sinn, den er dem persönlichen Leben gibt, vergessen hat,“ (DN 88) wie der Papst so eindringlich schreibt. Genau das gilt es wiederzugewinnen als Aufgabe der Kirche insgesamt. Ein höchst anspruchsvolles, aber zugleich auch höchst erstrebenswertes Ziel.</p><h3>Herztausch als Vollendung der Herzensbildung</h3><p>Weil die Herzensbildung ein so anspruchsvolles Geschäft ist, können wir sie nicht allein bewerkstelligen. Zur Herzensbildung braucht es die lebendige Sehnsucht nach dem Herrn. Zur Herzensbildung muss man selbst im eigenen Herzen von der Liebe zum Herrn entbrannt, von seiner Liebe verwundet sein. Die Heilige Katharina von Siena war ein solcher Mensch. Mit Feuereifer sehnte sie sich danach, ihr Herz nach dem geöffneten Herzen Jesu zu bilden. Da erschien ihr eines Tages der Herr selbst in einer mystischen Vision, wie ihr Biograph Ramund von Capua erzählt. Der Herr zeigte sich ihr mit einem menschlichen Herzen in der Hand. Er öffnete ihre Brust, legte es dort hinein und sagte: „Meine vielgeliebte Tochter, wie ich dir neulich dein Herz genommen habe, so übergebe ich dir jetzt mein Herz, mit dem du fortan leben sollst.“ (Raimund v. Capua, Vita II.6.180)</p><p>Im Herztausch erfüllte sich das Wort des Apostels Paulus „nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20). Und mit dem Propheten Ezechiel ging die Verheißung in Erfüllung, da er sagte: „Ich nehme das Herz aus Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz aus Fleisch.“ (Ez 36,26) Nicht ein, sondern DAS Herz aus Fleisch, nämlich das Herz des menschgewordenen Gottes, das Herz Jesu Christi, in dem die göttliche Liebe vollendet ist. Der Herztausch bleibt das Ziel der innigen Vereinigung mit dem Herrn. Beten wir mit dem Psalmisten „Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist!“ (Ps 51,12). So möge auch der Herr selbst unser Herz nach seinem Herzen formen. Denn darin vollendet sich alle Herzensbildung. Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Aschaffenburg</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-68853</guid><pubDate>Mon, 24 Nov 2025 09:00:00 +0100</pubDate><title>„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/jesus-denk-an-mich-wenn-du-in-dein-reich-kommst/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung bei der Altarweihe der Kirche Sankt Maria Magdalena in Münnerstadt am Christkönigssonntag, 23. November 2025
</description><content:encoded><![CDATA[<p class="Dachzeile1">Lieber Pater Markus, liebe Mitbrüder,<br />liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;"><br />Das Evangelium von Christkönig als Provokation</h3><p class="Dachzeile1"><br />Das Evangelium des heutigen Christkönigssonntags ist eine Provokation. Denn es zeigt uns Jesus alles andere denn als König. Zwischen zwei Schwerverbrechern hängt der Herr am Kreuz. Der Aufforderung, vom Kreuz herabzusteigen und so vor aller Welt seine Macht als König zu demonstrieren, kommt er nicht nach. Der Ruf „Rette dich selbst“, der dreimal hintereinander erschallt, verhallt ungehört auf Golgotha. Nein, Jesus ist kein irdischer König. Alle die Zeichen fordern, die Erweise seiner irdischen Macht sehen wollen, müssen enttäuscht werden. Sein Reich ist nicht von dieser Welt.&nbsp;</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Sein Reich ist nicht von dieser Welt</h3><p class="Dachzeile1">Erst wer verstanden hat, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist, kann noch einmal neu auf den gekreuzigten Herrn schauen. Dann wird er allerdings mit Überraschung feststellen, dass dieser Jesus doch ein König ist. Seine Herrschaft beginnt jedoch da, wo die Herrschaft der Könige dieser Welt endet. Denn dieser König ist nicht einfach ein „Herrscher von Gottes Gnaden“. Dieser König ist „wahrer Gott und wahrer Mensch“ zugleich, wie es das Konzil von Nizäa vor 1.700 Jahren gesagt hat.</p><p>Deshalb reicht seine Herrschaft über den Tod hinaus. Entgegen der Praxis der Machthaber dieser Welt, die ihre Untergebenen in den sicheren Tod schicken, geht dieser König selbst in den Tod. Er nimmt das Los des schmachvollen Kreuzestodes auf sich, um in diesem letzten Kampf die Macht des Todes zu brechen. Durch Kreuz und Leid geht er uns voraus ins ewige Leben.</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Der Sinn der Altarweihe</h3><p class="Dachzeile1">Der Altar ist der Ort in unseren Kirchen, an dem wir den Sieg des Lebens über den Tod feiern. Denn in jeder Eucharistiefeier gedenken wir am Altar des Opfers Christi, der uns durch seinen Tod erlöst hat. In der fünften Osterpräfation heißt es deshalb von Christus so wunderbar, er sei selbst „der Priester, der Altar und das Opferlamm“. Der Altarstein ist somit das Symbol für Christus in unseren Kirchen schlechthin.</p><p>Die herausgehobene Bedeutung des Altares unterstreicht die heutige Altarweihe. Durch die Weihe wird dieser Altar der profanen Nutzung entzogen. Er wird ganz Gott übereignet. Als Ort, der Gott und dem Gottesdienst vorbehalten ist, genießt er besondere Verehrung. Im Altarkuss des Priesters und durch die Inzens mit Weihrauch gewinnt diese Verehrung sichtbaren Ausdruck.</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Der Heilsdialog im Evangelium und die Dimensionen der Erlösung</h3><p class="Dachzeile1">„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ – „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Die letzte Zwiesprache am Kreuz zwischen Jesus und dem rechten Schächer ist die Schlüsselszene des heutigen Evangeliums.</p><p>Der Bittruf des rechten Schächers, seiner zu gedenken, ist der Bittruf der Kirche durch alle Jahrhunderte. Und die Zusage Jesu, noch heute mit ihm im Paradies zu sein, ist die Verheißung, die in jeder Eucharistiefeier aufs Neue bekräftigt wird.</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Das Wissen um die eigene Schuld und die Zusage der Vergebung</h3><p class="Dachzeile1">„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ So rufen wir mit dem rechten Schächer, wenn wir wie er unsere Schuld erkennen und bekennen. Der rechte Schächer wusste genau, dass Jesus unschuldig war. Aber er ahnte, dass allein der Unschuldige in der Lage ist, die Schuldigen frei zu sprechen. Keiner soll gedankenlos zur Eucharistie hinzutreten, um sich nicht das Gericht zu essen, wie der Apostel Paulus sagt (1Kor 11,29). Aber jedem, der vor Gott seine Schuld bekennt, gilt die Verheißung, „noch heute wirst du mit mir im Paradies sein“. In der Feier der Eucharistie wird uns die Vergebung Gottes zugesagt, die Christus uns am Altar des Kreuzes erwirkt hat.</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Die Bitte um Frieden auf der Welt</h3><p class="Dachzeile1">„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ So rufen wir angesichts von Krieg und Gewalt. Welcher Herrscher könnte uns Frieden bringen? Die irdischen Machthaber jedenfalls nicht, auch wenn sie sich großspurig als Friedensbringer feiern lassen. Gewalt kann niemals der Spirale der Gewalt ein Ende setzen. Hier hilft nur der Christkönig, der auf einem Esel reitet und nicht auf einem Schlachtross. Als „Lamm Gottes“ nimmt er hinweg die Sünde der Welt. Er schenkt uns einen Frieden, den die Welt nicht geben kann. Jeder, der mit ihm Eucharistie feiert, bekommt Anteil an diesem Frieden vom Altar. Und er hört den Ruf des Herrn: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Die Bitte um Einheit</h3><p class="Dachzeile1">„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ So rufen wir in unserer Not aufgrund der vielen Streitereien, auch in der Kirche. Rechte gegen Linke, Konservative gegen Progressive, Reformverweigerer gegen Reformbefürworter. Die Zerrissenheit kann nur überwunden werden in der gemeinsamen Umkehr aller zum Herrn. Der Altar ist die wahre Mitte der Kirche. Hier schauen wir auf den Preis, den Gott entrichtet hat, um uns freizukaufen aus unserer Verstrickung in Rechthaberei, Polarisierung und Spaltung. Wann immer wir uns zu ihm bekehren, ohne einander das Kirche-Sein abzusprechen, hören wir seinen Zuspruch: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Die Bitte um die Gnade des Gotteslobs</h3><p class="Dachzeile1">„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ So rufen wir, wenn wir überwältigt werden von der Traurigkeit dieser Zeit. Wenn uns elend zu Mute ist, weil scheinbar alles im Niedergang begriffen ist. Wenn sich scheinbar so gar keine Perspektive auftut. Wenn wir uns kraftlos und niedergeschlagen fühlen. Der Herr selbst aber hat uns am Kreuz den Himmel geöffnet. Mitten im Dunkel des Karfreitags bricht das österliche Licht der Vergebung und der Freude in diese Welt.</p><p>Weil er uns bei der Feier der Eucharistie den Himmel öffnet, spricht er zu uns: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Voller Freude singen wir deshalb das Sanctus mit den himmlischen Heerscharen, das vor Gottes Thron niemals endet. Niemand kann uns diese Freude nehmen, weil sie uns vom Himmel her geschenkt wird und auf dem Altar ihren irdischen Haftpunkt hat.</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Sterbegebet in der Todesstunde</h3><p class="Dachzeile1">„Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ So rufen wir mit dem Schächer in unserer Sterbestunde. Ein ergreifendes letztes Stoßgebet. Für Jesus ist es nie zu spät. Wer umkehrt, und sei es in der letzten Stunde, dem wendet er sich barmherzig zu. „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein“ darf der reumütige Schächer hören. Durch die Vergebung des Herrn wird der Tod zum Tor ins Leben. Mit Christus gehen wir aus Leid und Tod in die Herrlichkeit des Vaters. „Wegzehrung“ und „Viaticum“ ist uns dabei der Leib Christi, der uns vom Altar her gereicht wird.</p><h3 class="Dachzeile1" style="margin-top: 8px; margin-bottom: 8px;">Das Kommuniongebet der Chrysostomos-Liturgie</h3><p class="Dachzeile1">Ich will meine Betrachtung des Altars und seiner Heilsgaben beschließen mit dem wunderbaren Kommuniongebet unserer orthodoxen Schwestern und Brüder. Es ist der Chrysostomos-Liturgie entnommen und lautet:</p><p class="Dachzeile1"><em>„Lass mich heute teilnehmen, o Sohn Gottes, an Deinem mystischen Gastmahl; </em></p><p><em>ich will Deine Mysterien nicht den Feinden verraten, </em></p><p><em>Dir auch keinen Kuss geben wie Judas,</em></p><p><em>sondern wie der Schächer bekenne ich vor Dir:</em></p><p><em>Gedenke meiner, o Herr, wenn Du in Dein Reich kommst.</em></p><p><em>Gedenke meiner, o Gebieter, wenn Du in Dein Reich kommst.</em></p><p><em>Gedenke meiner, o Heiliger, wenn Du in Dein Reich kommst.“</em></p><p class="Dachzeile1">Ehrfurcht und tiefe innere Ergriffenheit sprechen aus diesem Gebet. Angesichts der Vereinigung mit dem Herrn in der Kommunion bittet die ganze Gemeinde darum, würdig zum Altar hintreten zu dürfen. Im Gegensatz zum Apostel Judas, der zum Verbrecher wurde und den Herrn verraten hat, orientiert sich die Gemeinde am rechten Schächer. Aus dem Verbrecher wurde in der letzten Minute ein Heiliger. Mit ihm fleht die ganze Gemeinde: Gedenke meiner, o Herr, wenn Du in Dein Reich kommst.</p><p>In diesem Geist der Ehrfurcht wollen wir nun die Heiligen um ihren Beistand anrufen und diesen neuen Altar weihen. Er sei der Ort unserer Zuflucht, unserer Gebete und unserer Danksagung. Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category><category>Bad Kissingen</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-68528</guid><pubDate>Thu, 06 Nov 2025 13:52:35 +0100</pubDate><title>„Gottes Wille ist immer Wille zum Heil“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/gottes-wille-ist-immer-wille-zum-heil/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung zum Diözesanen Priestertag am Montag, 3. November 2025, im Würzburger Neumünster</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst,</p><p>liebe Schwestern und Brüder im Herrn,</p><p>etwas vom Schönsten, was ich persönlich seit meiner Münchner Studienzeit mit der Person Pater Rupert Mayers verbinde, ist das Gebet, das in der Bürgersaalkirche in München immer auslag und noch ausliegt. Ich möchte dieses Gebet am heutigen Priestertag mit Ihnen gemeinsam meditieren. Es lautet:</p><p><em>Herr, wie Du willst, soll mir gescheh’n,</em></p><p><em>und wie Du willst, so will ich geh’n,</em></p><p><em>hilf Deinen Willen nur versteh’n.</em></p><p><em>Herr, wann Du willst, dann ist es Zeit,</em></p><p><em>und wann Du willst, bin ich bereit,</em></p><p><em>heut und in alle Ewigkeit.</em></p><p><em>Herr, was Du willst, das nehm‘ ich hin,</em></p><p><em>und was Du willst, ist mir Gewinn,</em></p><p><em>genug, dass ich Dein eigen bin.</em></p><p><em>Herr, weil Du’s willst, drum ist es gut,</em></p><p><em>und weil Du’s willst, drum hab‘ ich Mut,</em></p><p><em>Mein Herz in Deinen Händen ruht!</em></p><p>Eingängig ist das Gebet durch die Reimform, in der alle vier Strophen gehalten sind. Die gereimten Strophen lassen sich gut memorieren. Schön ist das Gebet durch die formale Gleichgestaltung der vier Strophen. Jede Strophe hebt an mit der Anrufung Gottes als Herr des Lebens. Der Beter unterstreicht damit die Souveränität Gottes, dessen Wille ihm Befehl ist, dem er bedingungslos entsprechen möchte.</p><p>Biblisch klingt in dem Gebet die Ölbergszene an: Wir könnten uns Jesus als Betenden vorstellen, der in der Agonie darum ringt, sich den Willen des Vaters zu eigen zu machen. „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“, betet Jesus (Mt 26,39), genauso wie er es zuvor seine Jünger in der Übergabe des „Vater-Unser“ gelehrt hatte (Mt 6,10).</p><p>Auf den ersten Blick mutet das Gebet fatalistisch an. Es klingt nach totaler Schicksalsergebenheit. Aber der erste Eindruck täuscht. Bei genauerem Hinsehen merkt man, dass der Beter sich nicht einfach passiv in sein Los schickt. Über alle Schicksalsergebenheit dominiert sein Gottvertrauen. Er weiß sich in den Händen des himmlischen Vaters geborgen. Er weiß im Innersten, dass der Vater im Himmel es gut mit ihm meint.</p><p>Dieses Gottvertrauen bildet die Grundlage für seine Bereitschaft, aus den Händen des himmlischen Vaters das entgegenzunehmen, was für ihn bestimmt ist. Aus diesem Gottvertrauen gewinnt der Beter die Zuversicht, die Herausforderungen, die das Leben für ihn bereithält, auch meistern zu können. Schauen wir uns die vier Gebetsstrophen kurz an. Ich möchte sie im Folgenden im Blick auf die Grundhaltungen des geistlichen „Empowerments“ auslegen, wie sie der Pastoralpsychologe Christoph Jacobs wiederholt dargelegt hat.</p><p><em>Herr, wie Du willst, soll mir gescheh’n,</em></p><p><em>und wie Du willst, so will ich geh’n,</em></p><p><em>hilf Deinen Willen nur versteh’n.</em></p><p>Mein Leben verläuft gerade anders als von mir geplant. Der Beter lehnt sich aber nicht dagegen auf. In Anlehnung an die Worte der Gottesmutter nach der Verkündigung Gabriels sagt er: „Mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Das Neue ist eine Zäsur, vielleicht auch das abrupte Ende des bisherigen Lebensabschnitts. Für den Beter wird aber dieses Ende zum Neubeginn. Ich habe es mir nicht ausgesucht, aber ich will diesen Weg nun gehen, der sich vor mir unerwartet aufgetan hat. Das Einzige, was er erbittet, ist ein vertieftes Verständnis dessen, was da jetzt auf ihn zukommt. Entsprechend der Bitte des heiligen Augustinus, „Gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst“ („Da quod iubes et iube quod vis“ Conf. X.29).</p><p>„Ambiguitätstoleranz“ heißt das Zauberwort in der aktuellen Debatte der Pastoralpsychologie. Ambiguitätstoleranz braucht es in neuartigen Situationen, die nicht nur kompliziert sind, sondern komplex. Das heißt, es gibt keine einfachen oder eindimensionalen Lösungen, sondern hier passiert etwas ganz Neues, das uns eine Reaktion auf unterschiedlichen Ebenen abverlangt. Das gilt auch und vor allem für Situationen, die teilweise oder ganz unlösbar erscheinen. Es geht nicht darum, sich auftuende Schwierigkeiten kleinzureden oder dem Einzelnen die komplette Verantwortung für eine Lösung aufzubürden. Als innere Haltung aber hilft die Ambiguitätstoleranz, nicht sofort einen Rückzieher zu machen und aufzugeben, bevor noch der erste Schuss gefallen ist. Maria kann hier Vorbild sein als erste Glaubende in einer scheinbaren Situation totaler Überforderung. Ihr Ja trägt auch uns bis heute.</p><p><em>Herr, wann Du willst, dann ist es Zeit,</em></p><p><em>und wann Du willst, bin ich bereit,</em></p><p><em>heut und in alle Ewigkeit.</em></p><p>Der Ruf Gottes trifft Menschen oft unvorbereitet. Sie haben sich den Zeitpunkt nicht ausgesucht. Die Zeitpläne von Menschen werden gehörig durcheinandergebracht. Mose, Jesaja und Jeremia begehren auf gegen den Ruf. Sie führen an, sie wären noch nicht so weit. Aber Gott lässt nicht locker. Umgekehrt erstaunt es immer wieder, wenn wir lesen, dass die ersten Jünger und Levi am Zoll keine Sekunde gezögert hätten, dem Ruf in die Nachfolge zu gehorchen.</p><p>Der Beter versichert jedenfalls, er sei bereit, sich unterbrechen zu lassen. Er macht nicht einfach seinen Stiefel weiter wie bisher, sondern signalisiert, neu aufbrechen zu wollen. Er spürt, dass „die Zeit erfüllt ist“ (Mk 1,15), dass etwas Neues ansteht, das sein Recht einfordert.</p><p>Gerade im aktuellen Umbruch stehen wir immer wieder vor der bedrängenden Frage: Wann ist es Zeit, einen Einschnitt zu setzen? Wann geben wir dem Neuen eine Chance? In unserem persönlichen Leben, aber auch im Leben der Gemeinden? Wann ist der gute Zeitpunkt gekommen, an dem es allen passt? Aus Erfahrung wissen wir: Diesen guten Zeitpunkt wird es so nie geben. Klar, manchmal passt es besser. Oft aber sind wir gefordert, einen Cut zu machen. Die „Unsicherheitstoleranz“ bewahrt uns davor, uns lähmen zu lassen vor einem Neustart, auch wenn niemand uns genau sagen kann, was uns erwartet. Sie glaubt an die Gnade des Rufes, auch wenn er uns scheinbar zur Unzeit erreicht.</p><p><em>Herr, was Du willst, das nehm‘ ich hin,</em></p><p><em>und was Du willst, ist mir Gewinn,</em></p><p><em>genug, dass ich Dein eigen bin.</em></p><p>Nehmen, wie es kommt. Nehmen, was kommt. Das gehört zur geistlichen Lebenskunst. „Gell, Herr Kaplan, wir nehmen’s wie’s kommt“, so hat immer eine alte Dame zu mir gesagt an meiner ersten Kaplansstelle. Ein weises Wort. Man kann natürlich auch die Annahme verweigern, wenn es einem nicht in den Kram passt. Man kann ignorieren, was da kommt. Man kann die Augen verschließen vor dem, was da ansteht. Man kann versuchen, es wegzuschieben. Aber man wird es trotzdem nicht los. Da ist es am Ende doch besser, es anzunehmen. Auch wenn ich noch nicht weiß, was ich damit anfangen soll.</p><p>Die „Selbstwirksamkeitserwartung“ bestärkt einen in dem Glauben, dass das, was kommt, kein Verlustgeschäft ist. „Was du willst, ist mir Gewinn“, sagt der Beter. Vielleicht nicht auf den ersten Blick. Aber ich traue mir zu, das Beste daraus zu machen. Ihm genügt zu wissen, bei Gott geborgen zu sein. Die multiplen Krisen der vergangenen Jahre haben in mir so manches Mal Zweifel aufkommen lassen, ob das alles wirklich Gewinn ist, womit man sich als Bischof herumschlagen muss. Aber die Erfahrung lehrt immer neu, dass man an den Herausforderungen auch wachsen kann. Den Gewinn kann man nicht immer gleich verbuchen. Aber allein der Herausforderung nicht ausgewichen zu sein, steigert die Selbstwirksamkeitserwartung und rüstet für neue Aufgaben.</p><p><em>Herr, weil Du’s willst, drum ist es gut,</em></p><p><em>und weil Du’s willst, drum hab‘ ich Mut,</em></p><p><em>Mein Herz in Deinen Händen ruht!</em></p><p>Am Ende des Gebets geht es nicht mehr um das Wie, das Wann oder das Was. Am Ende wendet sich der Blick zurück auf Gott selbst. Weil er es will, darum ist es gut. Darum muss es gut sein. Kein blindes Schicksal waltet hier. Keine Willkürgottheit schickt sich an, den menschlichen Willen zu brechen. Nein, der Vater im Himmel ist am Werk. Er kann nur das Beste wollen. Sein Wille ist immer Wille zum Heil.</p><p>Diese innere Einstellung korrespondiert mit dem sogenannten „Kohärenzgefühl“. Mit Kohärenzgefühl beschreibt man die Zuversicht, dass das, was auf mich zukommt, nicht willkürlich über mich kommt, sondern grundsätzlich verstehbar ist. Weil ich es einordnen kann, traue ich mir auch zu, es anzupacken. Mich trägt die Überzeugung, dass es im Letzten Sinn hat, auch wenn sich dieser nicht unmittelbar erschließen mag. Neues und Unerwartetes wird uns in der derzeitigen kirchlichen Situation oft abverlangt. Dass dieses Neue uns kohärent erscheint, uns stimmig anmutet, trotz aller Unwägbarkeiten, ist immer auch Gegenstand unseres Betens, so wie es uns Pater Rupert Mayer hier vormacht.</p><p>Ich erinnere mich gut, wie ich dieses Gebet in der Bürgersaalkirche gefunden habe. Mich hat es damals sofort angesprochen. Seitdem ist es mein Begleiter, auch und gerade in schwierigen Situationen. Auch am Kranken- und Sterbebett habe ich es oft gebetet und gespürt, wie diese Worte die Menschen tief berühren. Sicher, Probleme müssen gelöst werden, und als Bischof bemühe ich mich um Lösungen. Neben den Bemühungen um Lösungen gehört aber auch eine geistliche Haltung dazu, gut mit den Unsicherheiten und Unwägbarkeiten unserer Zeit umzugehen. Das Gebet Pater Rupert Mayers (SJ) kann dazu eine Hilfe sein. Das wünsche ich Ihnen von Herzen.</p><p>Zugleich danke ich allen für Ihren Dienst und Ihre Treue in diesen bewegten Zeiten. Ich freue mich, dass wir heute in so großer Zahl uns zusammengefunden haben, uns in unserem Dienst bestärken zu lassen. Das ist ein ermutigendes Zeichen des Miteinander. Denn die Gemeinschaft stärkt uns auf unserem Weg. Danke!</p><p><em>Herr, wie Du willst, soll mir gescheh’n,</em></p><p><em>und wie Du willst, so will ich geh’n,</em></p><p><em>hilf Deinen Willen nur versteh’n.</em></p><p><em>Herr, wann Du willst, dann ist es Zeit,</em></p><p><em>und wann Du willst, bin ich bereit,</em></p><p><em>heut und in alle Ewigkeit.</em></p><p><em>Herr, was Du willst, das nehm‘ ich hin,</em></p><p><em>und was Du willst, ist mir Gewinn,</em></p><p><em>genug, dass ich Dein eigen bin.</em></p><p><em>Herr, weil Du’s willst, drum ist es gut,</em></p><p><em>und weil Du’s willst, drum hab‘ ich Mut,</em></p><p><em>Mein Herz in Deinen Händen ruht!</em></p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-68477</guid><pubDate>Mon, 03 Nov 2025 15:59:36 +0100</pubDate><title>„Die Liebe Gottes ist mächtiger als der Tod“</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/die-liebe-gottes-ist-maechtiger-als-der-tod/</link><description>Predigt von Weihbischof Paul Reder bei der Pontifikalmesse an Allerseelen, 2. November 2025, im Würzburger Kiliansdom</description><content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Schwestern und Brüder Christi,</p><p>spielen Sie ein Instrument oder singen Sie gerne? Vielleicht hören Sie auch gerne Musik, ohne selbst ein Instrument zu spielen. Wie auch immer, stellt sich die Frage: Was kommt, nachdem der letzte Ton gespielt ist oder gesungen wurde? Was kommt nach dem letzten Klang, den wir hören? – Stille.</p><p>Und wie ist das mit unserem Leben? Was kommt danach, wenn das letzte Wort gesprochen und der letzte Atemzug getan ist? Was kommt danach? Es gibt wohl kaum einen Menschen, der sich diese Frage nicht stellt. Was kommt nach dem Tod? Diese Frage mag sich im Laufe der Lebensjahre mit unterschiedlicher Dringlichkeit stellen. Doch auch Kinder sind gegenüber dieser Frage nicht gleichgültig. Sie fragen nach, wenn sie mit dem Tod konfrontiert sind. „Was ist denn jetzt mit der Oma oder dem Opa, den wir begraben haben?” Und wer von uns ist nicht mit dem Tod konfrontiert – früher oder später wir doch alle. Darum kommen auch Religionen und Sinnsysteme, die den Menschen eine Lebensorientierung geben wollen, nicht um diese Frage herum. Was kommt danach?</p><p>Als sich das Christentum formte und in der Jüngerschaftsbewegung Gestalt annahm, war es auch ein „Kind seiner Zeit“. Als der Schritt aus dem ersten Bezugsrahmen des Judentums in die heidnische Welt unternommen wurde, sahen sich viele Gemeinden mit unterschiedlichen Mysterienkulten, dem römischen Kaiserkult als damals praktizierter Form von Religiosität sowie mit philosophischen Strömungen und dem, was wir heute als „antiken Götterhimmel“ bezeichnen, konfrontiert. Wir können uns heute kaum mehr vorstellen, welche Kontrastgesellschaft die christliche Glaubensgemeinschaft in all ihrer Vielfalt im Hinblick auf diesen heidnischen Bezugsrahmen darstellte.</p><p>Mit dem ersten Brief an die Gemeinde in Thessalonich liegt uns die wohl älteste zusammenhängende Schrift des Neuen Testaments vor. In der zweiten Lesung haben wir einen kleinen Abschnitt daraus gehört. Paulus wendet sich darin an die Gemeinde und skizziert ein Urbekenntnis, das nicht nur der Auferstehung Jesu als erhöhtem Herrn gilt, sondern auch aufzeigt, wie sich die christliche Verkündigung seines Todes und seiner Auferstehung auf unser Leben auswirkt: „Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott die Entschlafenen durch Jesus in die Gemeinschaft mit ihm führen.“ Ein Urbekenntnis und eine Urorientierung für alle, die seitdem den christlichen Weg gehen und sich die Frage stellen: „Was kommt danach?” In diesen kurzen Worten erhält die Frage eine erste, eine neue, eine christliche Antwort. Es geht nach dem Tod nicht irgendwie weiter, etwa im Sinne einer befreiten Seelenwanderung, weil der lästige Leib keine Rolle mehr spielt – das ist ohnehin kein christliches Gedankengut. Wir werden vielmehr durch Jesus in Gemeinschaft mit Gott, das heißt in Begegnung mit ihm, geführt. Das ist die christliche Antwort, an die wir bis heute glauben.</p><p>Die Wurzeln dieser Glaubenshaltung wurden bereits in der frühjüdischen Apokalyptik gelegt. Diese Zeit (etwa in den letzten drei Jahrhunderten vor Christus) war geprägt von dramatischen Auseinandersetzungen und grausamer Fremdherrschaft der umliegenden Großreiche gegenüber dem Judentum. Gerade die Verfolgung hat bei den Gläubigen für viele Opfer gesorgt. Für ihren Glauben, für das Bekenntnis zu dem einen Gott Israels, ließen diese in Treue ihr Leben. Das war offenkundig. Aber kann denn für diese Treuen das Ende ihres Lebens wirklich nichts als das Ende sein? Was kommt für sie danach? Anhand dieser Frage bildet sich die Überzeugung heraus, dass die Verfolgungen für die vielen Opfer, die um ihres Glaubens willen ihr Leben ließen, gerade nicht das Ende bedeuten können. Das Buch Daniel, aus dem wir in der ersten Lesung gehört haben, gibt uns einen kurzen Reflex auf diese Frage. Die Ermutigung, in Zeiten der Bedrängnis und des Leids standzuhalten, wird nicht nur mit der Hoffnung verbunden, die Zeit der Unterdrückung irgendwie zu überstehen. Dafür gab es bereits zu viele Opfer. Vielmehr wird die Ermutigung mit der Überzeugung verbunden, dass ein endzeitliches Gericht bevorsteht, in dem Gott den Opfern und Tätern Gerechtigkeit widerfahren lässt. Die einen, so heißt es, werden „erwachen zum Leben“, die anderen „zur Schmach, zu ewigem Abscheu“. Nun liegt es gar nicht an uns, den Richterstuhl einzunehmen, denn dieser wird ausdrücklich Gott vorbehalten. Dass es jedoch ein Gericht gibt, das sich auf unser Tun und Lassen zu Lebzeiten bezieht, ist zum festen Bestandteil geworden, an dem die christliche Glaubensüberzeugung anknüpft.</p><p>Jesus selbst spricht davon – nicht nur im Evangelium, das wir heute gehört haben. Das Johannesevangelium hat es zu einem seiner großen Verkündigungsziele gemacht, die Verbindung von Glauben und einem neuen Leben in Jesus zu beleuchten. Auch in unserem heutigen Evangelium sind diese Grundworte genannt. Glauben wird zu einer inneren neuen Wirklichkeit, zu einem neuen Leben, wenn wir auf das Wort des Herrn hören – und noch mehr: Wenn wir es geschehen lassen, es in die Tat umsetzen, verwirklichen, ihm gehorchen. Dieser innere Zusammenhang liegt in den Worten: „Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod in das Leben hinübergegangen.“</p><p>Diese Verbindung von Glauben und Leben betrifft übrigens nicht nur das Ende unseres physischen Lebens. Der Johannesevangelist will uns nahebringen, dass wir durch den Glauben an Jesus jetzt schon in ein neues Leben eintreten und neu geboren werden. Diese erlösenden Worte spricht Jesus nicht nur den Lebenden zu. Sie gelten auch für die Verstorbenen, was zeigt, dass er eine neue Vollmacht über Leben und Tod beansprucht. Wer auf sein Wort hört, hat das Leben und kommt nicht ins Gericht.</p><p>Zur Wahrheit des Evangeliums gehört jedoch auch, dass wir – zumindest die allermeisten von uns – schwerhörig sind und so seinem Wort zu wenig Vertrauen schenken, es nicht verwirklichen und nicht geschehen lassen. Darum ist unser Leben, wie es ist, und unsere Welt auch. Wir leiden unter Hörstörungen, individuellen ebenso wie globalen. Wir hören nicht gut genug auf das lebensspendende Wort des Herrn.</p><p>„Störungen haben Vorrang.“ Dieser pädagogische Ratschlag von Ruth Cohn ist für uns heute wichtig. Wenn wir den Allerseelentag feiern und dabei auch das mitbedenken, was traditionell als „Fegefeuer“ oder „Purgatorium“ bezeichnet wird, dann können wir das mit einem Orchester und einem Chor vergleichen.</p><p>Jeder, der gerne Musik macht, in einem Chor singt oder ein Instrument spielt, weiß, dass es dazu Übung braucht. Der gute Wille allein genügt eben nicht, um gut gemeinsam Musik zu machen. Das Einüben in einen größeren Gesamtklang hat immer auch damit zu tun, dass es nicht ohne Fehler abläuft. Das weiß im Hinblick auf das Musikerleben jede und jeder, der andere in Musik unterrichtet. Das weiß im Hinblick auf unser Leben auch der barmherzige Gott. Wir kommen nicht fehlerlos durchs Leben. Vielmehr sollten wir uns darin einüben und lernen, immer besser zu hören, was er durch sein Wort für uns und unser Leben zu sagen hat.</p><p>Wenn wir nicht als Heilige aus dem Leben scheiden, das heißt, in einem Zustand der Gnade gut auf Gott und seinen Ruf hörend, dann werden wir nur unzureichend eingestimmt in den Himmel, also in die Gemeinschaft mit Gott, gelangen. Diese Hörstörung zu beheben hat Vorrang. Sie muss beseitigt werden, sonst können wir uns nicht in den symphonischen Gesamtklang der himmlischen Gemeinschaft einfügen. Wenn wir zu Gott kommen und in dieser großartigen Gemeinschaft mitspielen und mitsingen wollen, dann wird das Leben vieler von uns im Tod eher wie ein ramponiertes Instrument aussehen: schwergängig, mit fehlenden Saiten, hängenden Registern oder, wie bei Choristen mit angeschlagenen Stimmbändern, nur eingeschränkt singfähig. Manch einer wird erstaunt feststellen, dass es zu Lebzeiten gar nicht darum ging, als Solist gegen andere aufzutrumpfen, sondern in einer großen Gemeinschaft unterwegs zu sein. All das wird uns mit der Erkenntnis einholen, dass sich der volle Klang in unserer Lebenspraxis durch unseren Eigensinn, unseren Stolz, unsere Angst oder Mittelmäßigkeit gar nicht recht entfaltet hat.</p><p>In diesem Prozess der Einstimmung in den Gesamtklang, den wir als Purgatorium oder „Fegefeuer“ bezeichnen, wird uns durch Gott dabei geholfen, diese geistlichen Hörstörungen, also die Defizite unserer Sünden, zu überwinden. So können wir uns voller Hoffnung in diesen großen Gesamtklang einstimmen und gottgemeinschaftsfähig werden. Alles, was dem Ruf seiner liebenden Stimme und der Symphonie des Himmels entgegensteht, soll bereinigt werden. Die Wahrheit des gemeinsamen Musizierens als Verstehenshilfe für himmlische Herrlichkeit umfasst auch die Tatsache, dass Musik nicht nur uns selbst erfreut, sondern auch ein Geschenk für andere ist, die sie einbezieht und für die sie erklingt. In diesem Sinne halten wir auch fest an der Gemeinschaft des Glaubens und der Heiligen.</p><p>Unsere Glaubensgemeinschaft ist auch eine Gebetsgemeinschaft, die über den Tod hinaus besteht. Sie kommt nicht nur am heutigen Allerseelentag zum Ausdruck. Wir glauben, dass unsere Gebete den Verstorbenen dabei helfen, ihre Schwerhörigkeit gegenüber Gott zu überwinden und sich vollkommen auf die himmlische Herrlichkeit und den Frieden einzustimmen, die sie erwarten. Darum beten wir für sie, dass sie der Gnade Gottes und seinem Heilswillen entsprechend ihr Ziel erreichen: seinen Frieden. Umgekehrt glauben wir, dass diejenigen, die uns im Tod vorausgegangen sind und den Prozess der Gemeinschaftsfähigkeit mit Gott durchlaufen, auch für uns bei Gott eintreten, damit auch wir unsere geistliche Schwerhörigkeit im Glauben immer mehr überwinden können.</p><p>Allerseelen erinnert uns daran, dass die Liebe Gottes mächtiger ist als der Tod und unsere geistliche Schwerhörigkeit. Das gemeinsame Begehen dieses Tages in der Eucharistie, im persönlichen Gebet für die Verstorbenen oder durch den Friedhofsbesuch zeigt uns, dass unsere Glaubensgemeinschaft über den Tod hinausreicht. Der Reinigungsprozess im Fegefeuer ist dann keine zu fürchtende Strafe eines quälenden Gottes, sondern eine heilsame und tröstliche Verheißung, dass Gott uns barmherzige Wege eröffnet, die uns helfen, voll Hoffnung und Sehnsucht auf die volle und letztgültige Begegnung mit dem Herrn in der Gemeinschaft aller Heiligen einzustimmen, zu der wir gerufen sind. Dafür lohnt es sich zu leben, und daraufhin lohnt es sich zu sterben. Um diesen symphonischen Frieden beten wir am heutigen Allerseelentag für unsere Verstorbenen.</p>]]></content:encoded><category>Dom und Neumünster</category><category>Dokumentationen</category><category>Weihbischof Paul Reder</category></item><item><guid isPermaLink="false">news-67758</guid><pubDate>Mon, 29 Sep 2025 10:37:39 +0200</pubDate><title>Die drei Dimensionen der einen Eucharistie</title><link>https://pow.bistum-wuerzburg.de/aktuelle-meldungen/detailansicht/ansicht/die-drei-dimensionen-der-einen-eucharistie/</link><description>Predigt von Bischof Dr. Franz Jung beim Gottesdienst zum Dreihostienfest in Kloster Andechs am Sonntag, 28. September 2025</description><content:encoded><![CDATA[<p class="Dachzeile1">Lieber Abt Johannes,<br />liebe Schwestern und Brüder im Herrn!</p><h3>Die Sendung der – und nicht „mit der“ – Maus</h3><p>Eine Maus war es, die der Überlieferung nach die Erinnerung an das Heiltum in Andechs wiederbelebte. Denn die Maus habe ein Verzeichnis mit den Reliquien ans Tageslicht befördert. Daraufhin erst habe man in Andechs begonnen, nach dem vergessenen Heiltum zu suchen und habe es dann im Jahre 1388 glücklicherweise wiedergefunden. Es war also die Sendung der Maus und nicht „die Sendung mit der Maus“. Denn manchmal bedient sich Gott auch der unvernünftigen Kreatur, um den Menschen wieder zur Vernunft zu rufen.</p><h3>Traditionsvergessenheit als Gefahr</h3><p>Warum ist mir diese Episode so wichtig? Weil wir immer wieder achtlos mit unseren religiösen Schätzen und kirchlichen Traditionen umgehen. Weil es vorkommt, dass vieles, was früheren Generationen hoch und heilig war, in späteren Zeiten einfach in Vergessenheit gerät und abhandenkommt. Das gilt in unserer schnelllebigen Zeit umso mehr, die - nicht nur in der Kirche – radikale Traditionsabbrüche verzeichnet. Der derzeit grassierende Vandalismus an und in Kirchen ist erschreckend und zeugt von der Respektlosigkeit und Traditionsvergessenheit unserer Tage. Umso schöner ist es, dass Sie alle als Wallfahrerinnen und Wallfahrer die Verehrung des Heiltums in Andechs hochhalten und die Wallfahrt durch ihr Mitwallen und Mitbeten beleben. Dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen!</p><h3>Die Wallfahrt im Heiligen Jahr und der Jubiläumsablass</h3><p>Ich tue das besonders gerne in diesem Heiligen Jahr! Denn auch die erste große Wallfahrt zum Andechser Heiltum fand in einem Heiligen Jahr statt. Herzog Stephan III. hatte sich nämlich von Papst Bonifaz IX. das Privileg erwirkt, auch in München 1392 ein Heiliges Jahr abhalten zu dürfen. So mussten die Gläubigen nicht nach Rom pilgern, sondern konnten vor Ort ihren Glauben erneuern. Durch die Gewährung des Jubiläumsablasses wurden sie dazu ermutigt, ihr Leben neu an Christus auszurichten und von ganzem Herzen umzukehren.</p><p>Gleiches gilt in diesem Heiligen Jahr, für das Papst Franziskus den Jubiläumsablass gewährt hat. Neben der Wallfahrt erwirbt ihn jeder, der beichtet, der an der Heiligen Messe teilnimmt, und der in der Meinung des Heiligen Vaters betet. So dient auch dieses Heilige Jahr dazu, den Glauben grundlegend zu erneuern.</p><p>Die Andechser Kirchenmaus freut sich jedenfalls, wenn ihre Mission nicht vergebens war…</p><h3>Die Verehrung der drei Hostien</h3><p>Doch jetzt zur Verehrung der drei Hostien. Herzstück der Heiltumswallfahrt ist die Monstranz mit den drei kostbaren Hostien. Als Abt Johannes mich vor einiger Zeit einlud, nach Andechs zum Dreihostienfest zu kommen, da dachte ich bei mir:</p><p>Oh, was ist das? Drei Hostien?</p><p>Normalerweise wird an Fronleichnam doch nur eine Hostie verehrt! Wieso drei?</p><p>Und warum? Wieso drei, ist schnell gesagt. Weil zwei Hostien von Papst Gregor dem Großen als kostbare Schätze überliefert wurden und eine Hostie aus der Zeit von Papst Leo IX. stammt. Und warum verehrt man diese drei Hostien?</p><p>Weil die drei Hostien die drei Dimensionen der einen Eucharistie versinnbilden. Das möchte ich mit Ihnen meditieren.</p><h3>Die erste Hostie steht für die Lebenshingabe Jesu Christi</h3><p>Die erste Hostie, so könnte man sagen, steht in unserer Betrachtung des heutigen Festgeheimnisses für das Lebensopfer Jesu Christi. <em>„Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist“</em>, hatte Jesus gesagt (Joh 6,51). Jesus ist nicht nur ein Mensch. Er ist der Sohn Gottes. Er ist „wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich“. Daran erinnern wir uns besonders in diesem Jahr, in dem wir des Konzils von Nizäa gedenken, das diese Wahrheit vor 1700 Jahren formuliert hat.</p><p>Als er daher am Abend vor seinem Tod seinen Jüngern das Brot bricht und den Kelch teilt, nimmt er zeichenhaft vorweg, was am nächsten Tag auf Golgotha passiert. Der Gottmensch stirbt am Kreuz. Mit dem Gottmenschen Jesus Christus steigt Gott selbst mit uns Menschen in die tiefste Gottverlassenheit des Todes hinab. Nur dadurch kann er die Macht des Todes ein für alle Mal brechen und den Tod in neues Leben bei Gott verwandeln.</p><p>Was sich auf Golgotha ereignet und am Ostermorgen in der Auferstehung vollendet, ist nicht nur ein historisches Ereignis. Tod und Auferstehung Jesu Christi sprengen den Rahmen von Raum und Zeit. Das Heil, das uns Jesus Christus als wahrer Gott und wahrer Mensch erworben hat, wird von Gott allen Menschen zu allen Zeiten angeboten. Den auferstandenen Herrn erkennen die Jünger daran, dass er ihnen das Brot bricht. So ist Christus in den eucharistischen Gaben bei uns bis ans Ende der Zeit (Mt 28,20). In ihnen ist uns das Heil verbürgt.</p><h3>Die zweite Hostie steht für die Feier der Eucharistie</h3><p>Die zweite Hostie steht für die Feier der Eucharistie. „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ So hatte Jesus bei der Einsetzung der Eucharistie seinen Jüngern aufgetragen (1Kor 11,24). Die Kirche hält diesen Auftrag heilig. In jeder Feier der Eucharistie wird das Lebensopfer Jesu vergegenwärtigt. Die Feier der heiligen Messe fügt dem einen Opfer des Herrn nichts hinzu. Sie heiligt vielmehr alle Zeiten. Wir feiern sie bis zur Wiederkunft des Herrn.</p><p>Nicht umsonst singen wir nach dem Einsetzungsbericht:</p><p><em>„Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir und deine Auferstehung preisen wir, bis du wiederkommst in Herrlichkeit.“</em></p><p>Durch die Feier der Eucharistie hält der Herr in seiner Kirche das Gedenken an die Erlösungstat Jesu Christi wach. Wenn beim heutigen Fest die drei Hostien wie Reliquien verehrt werden, dann sind das nicht irgendwelche Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen. Wie alle Reliquien wollen sie nicht nur an Vergangenes erinnern. Sie wollen den Kontakt zu den Heiligen oder hier den Kontakt zu Jesus Christus als dem Heiligen in der Gegenwart sicherstellen. Insofern sind die drei Hostien nicht nur irgendwelche Erinnerungsstücke. Sie zeigen uns vielmehr, dass Christus in der Eucharistie „wahrhaft, wirklich und substanzhaft“ in unserer Mitte gegenwärtig ist, wie es das Konzil von Trient gesagt hat (KKK 1374). Deshalb verehren wir diese drei so besonderen Reliquien.</p><p><em>„Denkmal, das uns mahnet an des Herren Tod!<br />Du gibst uns das Leben, o lebendig Brot.<br />Werde gnädig Nahrung meinem Geiste du,<br />dass er deine Wonnen koste immerzu.“</em></p><p>So hat Thomas von Aquin in seinem Hymnus „Gottheit tief verborgen“ gedichtet. Die Eucharistie ist lebendiges Denkmal, ist lebendige Reliquie des lebendigen Herrn. Ihm wollen wir uns immer tiefer verbinden in der Anbetung und im Lobpreis. Er soll uns Nahrung werden für Leib und Seele.</p><h3>Die dritte Hostie steht für die Lebenshingabe der Gläubigen</h3><p>Die dritte Hostie steht für die Lebenshingabe der Gläubigen, so könnte man sagen. „<em>Ich ermahne euch also, Brüder und Schwestern, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen - als euren geistigen Gottesdienst.“</em> So schreibt Paulus an die Gemeinde in Rom (Röm 12,1).</p><p>In der Aufforderung, selbst lebendige Opfergabe in Christus zu werden, kommt das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen zum Ausdruck. Wir alle, die wir teilhaben an dem einen Opfer des Herrn, sollen in Christus unser Leben an die Schwestern und Brüder verschenken. Als Gewandelte sollen wir mitwirken an der großen Verwandlung der Welt.</p><p>Wie nötig das ist, erfahren wir in unseren Tagen. Angesichts zunehmender Polarisierung sollen wir auf Ausgleich bedacht sein und nicht noch mehr spalten. Denn Christus ruft uns zur Einheit. Angesichts von zunehmender Gewalt sollen wir auf Frieden hinwirken und nicht die Gewalt vermehren. Denn Christus schenkt uns einen Frieden, den die Welt nicht geben kann. Angesichts von Ausgrenzung sollen wir daran erinnern, dass wir in Christus alle Schwestern und Brüder sind. Denn <em>„Was ihr den Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“</em>, mahnt uns der Herr (Mt 25,40). In unserem Opfer kommt das Opfer Christi zu Vollendung. Denn so macht uns der Herr zu lebendigen Gliedern an seinem Leib.</p><h3>Drei Hostien, aber nur ein einziges Opfer</h3><p>Drei Hostien werden verehrt, aber dennoch ist es nur der eine Leib Christi.</p><p>Drei Hostien werden gezeigt, aber dennoch ist es nur das eine Opfer.</p><p>Drei Hostien sind es, aber dennoch ist es nur das eine Brot. Dieses eine Brot, von dem die Chrysostomos-Liturgie so wunderbar bekennt: Dieses eine Brot,</p><p><em>„das immerdar gebrochen, aber niemals zerteilt wird,<br />das immerdar gegessen und doch nie aufgezehrt wird.“</em></p><p>Die drei Hostien bezeichnen also nicht drei verschiedene Brote. Sondern sie zeigen nur die drei verschiedenen Seiten des einen Opfers Jesu Christi. Deshalb werden sie auch nicht in drei Monstranzen gezeigt, sondern in einer einzigen Monstranz.</p><p>Das macht für mich die Bedeutsamkeit und Schönheit des Dreihostienfestes aus.</p><p>Möge der Blick auf die drei Hostien unseren Glauben mehren an Christi Erlösungstat, unsere Hoffnung auf die endgültige Verwandlung der Welt wachhalten und unsere Liebe zu unseren Schwestern und Brüdern entzünden. Das wünsche ich mir und uns allen in diesem Heiligen Jahr. Amen.</p>]]></content:encoded><category>Dokumentationen</category><category>Bischof Franz Jung</category></item></channel></rss>